Dichters Wort an Dichters Ort
Thema

Ulf Annel – So fern so nah

Mein liebs­ter Thü­rin­ger Ort ist der Bal­kon im ers­ten Stock der Strand­straße 54 in Graal-Müritz. Wie, das liegt direkt an der Ost­see, und die Ost­see­wel­len lecken nie nicht und nim­mer an den Ufern des Bun­des­lan­des Thü­rin­gen? Wo ist das Pro­blem? Hei­mat – vor allem die dich­te­ri­sche – ist da, wo man gerade ist, und sich wohlfühlt.

Antje Babendererde – Im Wolferwartungsland

Som­mer 2011. Nach zwan­zig Jah­ren will ich schrei­bend aus den wil­den Wei­ten Ame­ri­kas zurück­keh­ren in meine Hei­mat, will erkun­den, wie viel Wild­nis ich in Thü­rin­gen vor mei­ner Haus­tür finde. Ein Buch über die Rück­kehr der Wölfe nach Deutsch­land soll es wer­den, in die­sem Fall – damals noch fik­tiv- über den Ein­zug einer Wöl­fin in den Thü­rin­ger Wald.

Matthias Biskupek – Der schönste Platz ist an der Theke oder Die einsame Geselligkeit

Zu Lite­ra­ten-Stamm­häu­sern wer­den Restau­ra­ti­ons­be­triebe mit ihrem ita­lie­nisch-indisch-gut­bür­ger­li­chen Tapas-Ange­bot wohl nie. Doch wer mit sei­nem Ort eini­ger­ma­ßen im Rei­nen ist, fin­det seine Stamm­kneipe. Zu mei­ner muss ich nur über die Straße, das »Kie­dorf« in der Rudol­städ­ter Schil­ler­straße ist ein Vier­tel­jahr­hun­dert alt. 

Roland Bärwinkel – Zeppelinplatz, luftige Gegend

Der Zep­pe­lin­platz. In Wei­mars Nord­vor­stadt öff­net sich vom Kreu­zungs­punkt Röhrstraße/Döllstedter wie ein gebau­ter Fächer. Die­ser Platz hilft mir wach und neu­gie­rig zu blei­ben, von hier aus schenkt er mir Erkun­dun­gen ohne Gepäck. Ich schreibe anders, bin ich nicht vor Ort. 

Daniela Danz – Kranichfeld

Der Ahorn steht am Rand einer Wiese und unter­halb eines Kie­fern­wal­des, dort, wo man auf Sted­ten hin­ab­blickt. Das ist eine Beschrei­bung für Fremde. Die ihn gese­hen haben, sagen nur: der Ahorn. Wir waren neu hier, wir kamen zu ihm und sag­ten: der Ahorn. Die Kin­der ver­brach­ten die lan­gen Feri­en­tage und, bis weit in den Herbst hin­ein, die Wochen­en­den dort. 

Jörg Dietrich – Hottelstedter Geheimratsecke oder Die Reise zum Mittelpunkt meiner Welt

Ja, ich bin Thü­rin­ger. Ich esse mit höl­zer­nem Löf­fel aus einer Ver­tie­fung in der Mitte des Küchen­ti­sches. Mein Vater ist Holz­fäl­ler und meine Mut­ter näht in Heim­ar­beit Knopf­au­gen an Ted­dy­bä­ren für Sonni Son­ne­berg, mein Bru­der ist Weih­nachts­baum­glas­ku­gel­blä­ser und meine Schwes­ter hütet Schafe, die uns den Roh­stoff für unsere sack­ar­ti­gen Gewän­der liefern. 

Jens-Fietje Dwars – Herzkammer. Verwaist.

Es gab einen Ort der Zuflucht. Wenn das Fließ­band der Auto­mo­bile an einem die­ser Som­mer­tage das Wech­seln von einer Seite der Schil­ler­straße auf die andere zum Wag­nis machte, wenn sich der Lärm und die Abgase zur Dunst­glo­cke meng­ten, die den Atem sto­cken ließ, dann gab es diese Mög­lich­keit, inmit­ten der Stadt ihr selbst zu ent­kom­men. Durch einen unschein­ba­ren Tor­bo­gen, bewehrt von schmie­dei­ser­nem Git­ter, das nur sonn­tags ver­schlos­sen war, gelangte und gelangt man noch immer in einen Hof hin­ein. In den Kol­le­gi­en­hof, benannt nach dem Col­le­gium Jenense, der Keim­zelle der Jenaer Universität.

Ralf Eggers – Von Rockau nach Tautenburg und zurück

Als Kind habe ich viele Som­mer­tage in Rockau ver­bracht, in der Bäcke­rei, wo es nach Mehl und Sauer­teig oder nach den Äpfeln im Kel­ler roch, auf dem Dach­bo­den, wo ich die Kin­der­bü­cher mei­nes Vaters fand, im Gar­ten unter alten Obst­bäu­men. Von dort kenne ich Details des Land­le­bens: Fau­len­des Fall­obst auf der Wiese als Nah­rung für Wes­pen und Schafe, das Geräusch und den Geruch beim Grasmähen. 

Anne Gallinat – Gesprächstermin in der Puppenstube

Die Pup­pen­stube besteht aus drei Räu­men: einem gro­ßen Raum mit vie­len Rega­len, auf denen Schach­teln mit Mario­net­ten ste­hen, die mit dem Foto der ent­spre­chen­den Puppe ver­se­hen sind. In der Mitte die­ses Raums steht ein gro­ßer Tisch. Neben die­sem Raum befin­det sich ein klei­ne­rer Raum, in dem wei­tere Pup­pen­schach­teln und unsere Requi­si­ten stehen. 

Moritz Gause – Neu-Kappadokien

Andert­halb Jahre lang hatte ich am äußers­ten Rande Jenas gewohnt und kannte Win­zerla nur vom Blick durch die ver­schmier­ten Schei­ben der Tram; vom Weg in die Stadt und zurück. Aus die­ser Per­spek­tive sah Win­zerla nicht aus, als ob ich jemals dort würde woh­nen wol­len. Wenn ich Win­zerla schreibe, dann meine ich nicht das alte Dorf mit dem Fle­der­maus­turm vor der greis geduck­ten Kir­che, son­dern „Neu-Win­zerla“, das Plattenbauviertel. 

Kathrin Groß-Striffler – Der Hausberg

Als wür­den die ima­gi­nier­ten fes­ten Tücher, in die ich mich den gan­zen Mor­gen über durch die Arbeits­dis­zi­plin auf beru­hi­gende Weise ein­ge­wi­ckelt gefühlt habe, zur Mit­tags­zeit plötz­lich gelo­ckert, und ein ver­wirr­tes Mensch­lein käme dar­un­ter zum Vor­schein: unbe­haust, ver­letz­lich, nackt, das einen gro­ßen Schritt hin­aus in die Welt machen muss und will.

Peter Ludwig Gülke – Auf Weimarer Parkwegen

Meine Wahl der erbe­te­nen Orts­be­schrei­bung drängt sich so sehr auf, daß ich sie recht­fer­ti­gen muß; auf Wei­ma­rer Park­we­gen liegt, in den Bäu­men hängt viel eigene Bio­gra­phie. In den Kriegs­jah­ren bin ich dort mit mei­ner Groß­mutter her­um­ge­lau­fen. Sie war fast blind und taub, wohnte ober­halb des Gar­ten­hau­ses und hat mir oft Briefe dik­tiert. Und sie konnte viel erzäh­len, u.a. von zwei trau­ri­gen Onkeln, den Goe­the-Enkeln, die sie als Groß­nichte von Chris­tiane Vul­pius oft erlebt hat. 

Wolfgang Haak – Wandern nach Dornburg

Die Saa­le­platte unter einem leer­ge­feg­ten Him­mel schwankt unter mei­nen Schrit­ten. Nie weg­ge­gan­gen, nie ange­kom­men. Nur eine Baum­zeile am Hori­zont setzt den Maß­stab für Ort und Zeit. Aber die Schlös­ser und Gär­ten säu­men noch den Abgrund. Kein Ver­wei­len. Ich suche Scher­ben in der Schrunde, wo sich ein Rinn­sal gedul­dig in den Fel­sen gräbt. Lau­ben­gang, Taxus und Lor­beer, Spi­ra­len aus bun­ten Kel­chen, so schlän­geln sich Wege, die kein Schick­sal berühren. 

Christine Hansmann – Erlebte Landschaft. Streifzüge im Eisenacher Land

Bis zum Rast­hof Hör­sel­gau folgt das Auge unbe­irrt dem besonn­ten, weiß über­hauch­ten Insels­berg. Von Osten her hält in der kla­ren Luft ein Heiß­luft­bal­lon auf ihn zu. Der Berg bleibt lin­ker­hand zurück, wäh­rend auf der rech­ten Seite der Hör­sel­zug erscheint. Unver­mit­telt öff­net sich die Sicht­achse zur Wartburg.

Rainer Hohberg – Schloss. Träume. Hummelshain.

Besu­cher, die noch immer zahl­reich ins Resi­denz­dorf Hum­mels­hain pil­gern, füh­len sich beim Anblick des Neu­ern Jagd­schlos­ses ein wenig an Neu­schwan­stein erin­nert oder an Harry Pot­ters Zau­ber­in­ter­nat Hog­warts. Aller­dings haben Jahre des Ver­falls deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen und das Früh­werk des Lieb­lings­ar­chi­tek­ten Kai­ser Wil­helm II. inzwi­schen zu einem Anzie­hungs­punkt für Lost-Pla­ces-Foto­gra­fen gemacht. 

Nancy Hünger – Eine kleine Zimmerei oder eine Liebeserklärung an meinen Moritz

Mein Ort ist ein Wech­sel­bäum­chen. Mein Ort ist eine Frage des Stand­punkts, des Alters, der Betrach­tungs­wei­sen, eine Frage des Blick­win­kels. Er ist nicht immer der selbe Ort am sel­ben Ort. Seine Umkrei­sung dau­ert heute nie­man­den mehr 42 Tage, nur mich mein gan­zes Leben, mein Ort ist schnell erfasst, ein­fäl­tig und unbe­dacht zählt man 2015, wenn man zäh­len will,

Jürgen K. Hultenreich – Einsam im Tal der waldigen Berge

Der echte Rei­sende ist einer, der nur unge­fähr weiß, wohin sein Fuß ihn mor­gen füh­ren wird. Von sol­chem Glück ahnen ver­mit­telte Urlaubs-Rei­sende nichts. Ich werde immer mein Grin­sen nicht los, wenn mir ein Autor erzählt, er müsse wegen neuer Inspi­ra­tion ins Aus­land rei­sen. Nichts gegen Aus­lands­rei­sen, aber bie­tet ein nor­mal gedeck­ter Tisch, auf dem ein Mes­ser schräg liegt und eine Gabel fehlt, nicht genug Inspiration?

Annerose Kirchner – Nach-Sitzen bei Brendel’s

Wo füh­len sich Stadt­men­schen wohl? Im Park, im Café, im Kauf­haus oder beim Fri­sör? Eine 2015 durch­ge­führte Umfrage im Auf­trag von »Vor­sicht Buch!«, der Kam­pa­gne der deut­schen Buch­bran­che, unter 5.000 Deut­schen ab 14 Jah­ren, ergab ein über­ra­schen­des Ergeb­nis. 74,3 Pro­zent der Befrag­ten gaben die Buch­hand­lung als ihren Wohl­fühlort an, wobei die Frauen den Ton anga­ben mit 77,0 Pro­zent und die Män­ner mit 71,4 Prozent. 

Wulf Kirsten – Nur eine Halbwüstung

Mir bot Voll­rad­is­roda mehr­fach ideale Bedin­gun­gen für Schreib­klau­su­ren, in denen sich inten­siv (tele­fo­nisch nicht erreich­bar) arbei­ten ließ. Nicht, daß mich die nie wie­der rich­tig Dorf gewor­dene Halb­wüs­tung beson­ders gereizt hätte, wohl aber die ins Detail gehen­den land­schaft­li­chen Erkun­dun­gen nach allen vier Him­mels­rich­tun­gen. Gerade der Wech­sel erwies sich als produktiv. 

Bärbel Klässner – kurs und distanz

Sergej Lochthofen – Clara

Ich starrte seit einer hal­ben Stunde auf den Bild­schirm und konnte mich nicht ent­schlie­ßen, auch nur einen Buch­sta­ben zu set­zen. Auf ein wei­ßes Blatt Papier hätte man wenigs­tens etwas krit­zeln kön­nen. Das ging hier nicht. Ein Com­pu­ter hat ganz offen­sicht­lich auch seine schwa­chen Sei­ten, sehr schwache.

Marie-Elisabeth Lüdde – Nabel der Welt

Leu­ten­thal hat nur eine Zufahrts­straße, von Süden, und das ist ein Glück, denn von hier aus prä­sen­tiert sich das Dorf von sei­ner ansehn­li­chen Seite. So kam auch ich auf die­ser ein­zi­gen Straße nach Leu­ten­thal, es war Früh­ling, und auf den Wie­sen an der Scher­konde blüh­ten die Kirsch­bäume und die Himmelschlüsselchen.

Volker Müller – Das Haus in der Rosa-Luxemburg-Straße 58

Es war ein beson­de­res Haus, in dem wir aus- und ein­gin­gen. Es nahm mich, wenn ich zurück­denke, wenigs­tens so gefan­gen wie unsere beweg­ten Debat­ten. Als Schü­ler, noch als Stu­dent war ich alles andere als ein Tat­sa­chen­mensch. Ich pro­ji­zierte vie­les von dem, was ich gerade las oder ander­wei­tig auf­nahm, beden­ken­los in die stock­nüch­terne Wirk­lich­keit, die mich umgab. 

Peter Neumann – Räumung

Aus­la­den: die Woh­nung konnte sich über­all befin­den, am Rande der Stadt, im Zen­trum, an einer Umge­hungs­straße, in einem Vil­len­vier­tel, das Zim­mer, in dem ich saß, hatte etwas Zeit­lo­ses an sich, und gerade weil es so ohne Zeit war, ohne Zeit aus­kam, hatte die Woh­nung etwas von einem Ort, der sich mit jedem Tag wei­ter, unmerk­lich von sei­ner Umge­bung ablöste. 

Romina Nikolić – Aus dem Unterholz

Groß­va­ter schälte die Äpfel in einem Zug. / Groß­mutter kochte Mus. / Schön­brunn ist eine warme Küche. Jeder Weg endet an einem Tisch. / Auf der Holz­kiste in der Ecke sitzt Berta und stopft wol­lene Socken. / Els­beth jam­mert, mei‘ Herz, mei‘ Arm. / Die Gäß mit ihren Jun­gen wärmt sich vor dem Ofen. / Nach dem Koh­l­en­tra­gen / die erste Capri Sonne, Groß­mutter / schnei­det pel­zig-graue Inseln aus der Rinde eines Bro­tes, / auf den Fens­ter­bän­ken Ruß, / in den Nasen­mu­scheln hält er sich tagelang.

Siegfried Nucke – Pfeifenmacherei Kallenberg

Die klei­nen Lam­pen rücken die Mes­ser und Eisen auf den Arbeits­ti­schen ins Licht, wie man es aus alten Erzäh­lun­gen kennt. Im Halb­dun­kel über­all Kis­ten und Käs­ten, gefüllt mit fan­tas­tisch geform­tem Wur­zel­holz, mit Holz­klöt­zen und Klötz­chen, hier Pfei­fen­köpfe grob in Form gebracht, dort Mund­stü­cke, noch ohne Glanz und Schmuck. Im Fens­ter blü­hen die Pelar­go­nien des letz­ten Jah­res. Der Wind pfeift durch die Fens­ter. Alte Drech­sel­bänke, seit hun­dert Jah­ren im Betrieb, drun­ter fri­sche Säge­späne. Es duf­tet nach Holz. Hier wird heute noch mit der Hand gearbeitet.

Stefan Petermann – Mit Capote und Kunze in Wernshausen

Die glück­li­chen Tage sind so viel sel­te­ner als die mit­tel­mä­ßi­gen. Des­halb müs­sen Orte, an denen einem über­durch­schnitt­lich viele glück­li­che Tage gesche­hen, von beson­de­rem Wert sein. Werns­hau­sen ist ein solch wert­vol­ler Ort.

Dirk von Petersdorff – Windknollen, Jena

Der Hügel heißt Wind­knol­len, ist nicht ein­mal 400 Meter hoch, die Sicht täuscht, denn man fühlt sich ent­ho­ben, getrennt von der Stadt, obwohl man nur eine halbe Stunde gegan­gen ist. Fast immer weht es hier (daher der Name), die Luft fri­scher und rauer als im Tal, wo es meist still ist. 

Bernd Ritter – »Begegnungen im Friedensteiner Park«

Hin­ter der früh­ba­ro­cken Vier­sei­ten­an­lage, im Süden, an der Park­al­lee, erstrahlt das Her­zog­li­che Museum von 1879 in neuem Glanz und hin­ter die­sem Pracht­bau im Stil der Neo­re­nais­sance erstreckt sich das wun­der­li­che Land des eng­li­sche Gar­tens, mit einem Tem­pel und einem gro­ßen Teich und einer Begräb­nis­in­sel darin, auf der eine Sphinx die Grä­ber Her­zog Ernst II., sei­ner Frau und sei­ner 4 Söhne bewacht. Hier ist mein Ort: die Park­bank am gegen­über­lie­gen­den Ufer, im Rücken der Sphinx, die­ser Hüte­rin der Ver­gan­gen­heit. Hier sitze ich, wenn es die Zeit zwi­schen zwei Ter­mi­nen erlaubt.

Jan Volker Röhnert – Max-Klinger-Saal

Am Anfang war das Licht in die­sen Räu­men, / plas­ti­scher Ent­wurf von etwas, das noch wer­den will, / Fas­sa­den, die Wel­ten wie Gehirne in sich ber­gen, / Saal­fluch­ten, die in Jahr­hun­derte hin­ein sich deh­nen, / die uns sonst nur in Traum­ge­stal­ten nahe sind, / das Stau­nen ein gerahm­tes Vier­eck an der Wand –

Dirk Rose – Über Land

Der Ort ist ein Weg, und seine Gegen­wart immer dage­we­sen. Hin­ter dem Hei­mat­dorf, jen­seits des Bahn­damms, durch die Unter­füh­rung und ein­mal links ein­mal rechts herum, steigt er schnur­ge­rade hügelan, Obst­bäume an der Seite, aus der meist der Wind weht. Wer um die letzte Ecke biegt und diese Linie plötz­lich vor sich sieht, könnte mei­nen, sie ver­län­gere sich direkt in den nörd­li­chen Him­mel hinein. 

Christian Rosenau – Grenzen

Beim Öff­nen des Tank­de­ckels zischte es. Ich tas­tete nach dem klei­nen Hebel für die Zapf­au­to­ma­tik und trat ein paar Schritte zur Seite um dem bei­ßen­den Ben­zin­ge­ruch zu ent­ge­hen. Den Wach­turm hatte ich, bei der Ein­fahrt in die Tank­stelle, durch den Blick auf die Preis­ta­fel, tat­säch­lich über­se­hen. Ich betrat den Ver­kaufs­raum. An einem der Steh­ti­sche lehnte müde ein Fah­rer, auf den Ellen­bo­gen gestützt.

Hubert Schirneck – Der hindernisreiche Weg ins Café Rose

Einer mei­ner bevor­zug­ten Orte in Wei­mar ist das Café Rose am Her­der­platz. Oft gehe ich dort­hin, um mich mit jeman­dem zu tref­fen, mit Freun­den, Kol­le­gen, Buch­il­lus­tra­to­rin­nen und Ver­le­gern, die in Wei­mar zu Besuch sind. Manch­mal schreibe ich dort auch. Man sitzt sehr gut, hat die Tür im Blick und somit den stän­di­gen Strom der Brot- und Kuchenkäufer.

Kathrin Schmidt – Aufsteigendes Abfallen

Mein liebs­ter Platz in Thü­rin­gen ist der Wal­ters­häu­ser Burg­berg, gekrönt vom Schloss Ten­ne­berg. Als Kind fand ich an sei­nen Hän­gen Ammo­ni­ten. Nicht sol­che der über­gro­ßen Sorte, nur kleine, unschein­bare. Mit mei­nem Schul­freund Sieg­fried Wag­ner ging ich auf Tro­phä­en­jagd, die uns schließ­lich dazu brachte, regel­rechte Aus­gra­bun­gen zu unter­neh­men, die aller­dings dort, wo das mög­lich war, im über dem Muschel­kalk auf­ge­la­ger­ten Erd­reich, meist nur bunte Glas­scher­ben oder ver­ros­tete Metall­stü­cke hervorbrachten.

Ursula Schütt – »Daheim«

Ich weiß nicht, was meine Phan­ta­sie am meis­ten geprägt hat. Waren es das dörf­li­che Leben, der Wald, der Fluss mit dem Wehr an der Mühle, die Kir­chen­burg mit ihrer Wehr­mauer und dem Fried­hof dahin­ter oder doch die weni­gen Bücher, die sich im Haus fan­den? Grimms Mär­chen mit far­bi­gen Illus­tra­tio­nen von Schwindt (was ich damals nicht wusste) auf ein­ge­kleb­ten Ziga­ret­ten­bil­dern und ein Bal­la­den­buch mit Holz­schnitt-Illus­tra­tio­nen, die mich ganz gefan­gen nah­men, von denen ich aber nicht sagen kann, wer sie ange­fer­tigt hat.

Ingeborg Stein – Leere Fülle

Etwa zehn Tage, bevor die Eröff­nung des Hau­ses zum 400. Geburts­tag von Hein­rich Schütz mit gro­ßem Auf­wand staat­li­cher Dele­ga­tio­nen statt­fin­den soll, erreicht mich die Nach­richt: Kurt Hager ist unter­wegs, er will das Schütz­haus besich­ti­gen, gleich wird er da sein… Der Chef­ideo­loge der SED, der in Kös­tritz ein Gäs­te­haus unter­hält, will sehen, wie weit wir sind mit unse­ren Vor­be­rei­tun­gen für das große Ereig­nis, in sei­nem Wahl­be­zirk!! Da hilft nur eines: Ner­ven behalten!

Annette Seemann – Conundrum in W.

Mein Ort ist nicht geer­det, denn Erde ist nicht mein Ele­ment, er ist auch nicht feu­rig. Luf­tig aller­dings auch, jeden­falls som­mers. Mei­nen Ort teile ich oft mit ande­ren, und ich nehme es als con­di­tio sine qua non hin, dass in sei­ner Win­ter-Ver­sion Beschal­lung als unver­meid­li­che Drein­gabe auf­ge­fah­ren wird. So wie die all­ge­meine Beschal­lung auch in Kauf­häu­sern, lee­ren Kir­chen und in Tele­fon­war­te­schlei­fen u.ä. üblich gewor­den ist. 

Thomas Spaniel – Grenzstraße

Meine Urgroß­el­tern waren Tabak­spin­ner. Nach­dem ihr Lebens­traum, ein Fach­werk­haus, 1896 errich­tet war, muß­ten sie sofort die meis­ten Zim­mer ver­mie­ten, um die ent­stan­dene finan­zi­elle Last tra­gen zu kön­nen. Sie selbst bewohn­ten nur drei kleine Räume zusam­men mit ihren zwei Töch­tern. Auf einer alten Foto­gra­fie sieht man eine für die Größe des Hau­ses erstaun­li­che Anzahl von Men­schen vor dem Haus ste­hen oder aus den Fens­tern schauen. 

Gerhard Tänzer – Ach, Kyffhäuser

Vom Küchen­fens­ter der win­zi­gen Man­sarde am obe­ren Nord­häu­ser Stadt­rand, in der wir nach der Zer­stö­rung der Stadt im April 1945 Obdach gefun­den hat­ten, konn­ten wir, mein Bru­der, meine Mut­ter und ich, den Höhen­zug des Kyff­häu­ser sehen und bei kla­rer Sicht auch die Sil­hou­ette des Kyff­häu­ser­turms und die Rothen­burg rot in der Sonne. 

Holger Uske – Ankommen

Mein Thü­rin­gen ist frän­kisch. Davon wusste ich wenig, als ich in diese Land­schaft kam. Mein Thü­rin­gen waren Berge und Wald, und Vater wies immer wie­der auf die gute Luft hier hin. War die Weg­ga­be­lung halb am Berg mein ers­ter poe­ti­scher Ort, das Stück Hei­de­land, das den Namen »Him­mel­reich« trug? 

Beate Weston-Weidemann – »Brief an M.«

Nach Erfin­dung der Foto­gra­fie ist Chris­tian Gott­fried Bre­ga­zzi ein Künst­ler. So hat er sich selbst beschrie­ben, so hat er sich selbst defi­niert. Das steht auf der Rück­seite einer Foto­gra­fie und Fer­di­nand ist der Sohn der natur­ge­treuen Geschichte.

Franziska Wilhelm – Lila Bänke, lila Zehen. Erfurt. Johannesplatz.

Die Kauf­halle ist jetzt Kampf­sport­club. Aber das ist okay. Sie hat sich noch am längs­ten gehal­ten. Nach den Acht­zi­gern waren die Läden hier nie von Dauer. In den Neun­zi­gern haben sie noch ein­mal Hand ange­legt, an den Platz, haben einen gan­zen Schwung lila Bänke auf­ge­stellt und Vul­kan­stein­bro­cken einbetoniert. 

Ron Winkler – Dohlenstein

Einen Berg gibt es, der beginnt hin­ter einem Fluss. Beginnt mit sei­nem Makel: Es ist ein Scha­dens­berg, ein Sturz­berg. Ein Rest­berg, der sei­nen Kern ent­blößt, das Herz aus Stein. Mehr­fach ent­glitt ihm die fluss­sei­tige Flanke. Berg­sturz nennt man den Vor­gang, und dar­über hin­aus (und hin­weg) nennt man ihn vor Ort noch Dohlenstein.

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