Themen
Wanderlust oder Die Sehnsucht nach dem Paradies
Fragen an Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller
Buchhändlerinnen und Buchhändler im Gespräch
Thüringen im literarischen Spiegel
»Literaturland Thüringen im Radio«
»Literaturland Thüringen aktuell«
Literaturland Thüringen unterwegs
Dichter und Literaturvermittler im Porträt
Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Schriftsteller der Frühen Neuzeit
Literarisches Thüringen um 1800
Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution
Thüringen im Nationalsozialismus
Zum Thema
Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben über ihren Ort in Thüringen.
Mein liebster Thüringer Ort ist der Balkon im ersten Stock der Strandstraße 54 in Graal-Müritz. Wie, das liegt direkt an der Ostsee, und die Ostseewellen lecken nie nicht und nimmer an den Ufern des Bundeslandes Thüringen? Wo ist das Problem? Heimat – vor allem die dichterische – ist da, wo man gerade ist, und sich wohlfühlt.
Sommer 2011. Nach zwanzig Jahren will ich schreibend aus den wilden Weiten Amerikas zurückkehren in meine Heimat, will erkunden, wie viel Wildnis ich in Thüringen vor meiner Haustür finde. Ein Buch über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland soll es werden, in diesem Fall – damals noch fiktiv- über den Einzug einer Wölfin in den Thüringer Wald.
Zu Literaten-Stammhäusern werden Restaurationsbetriebe mit ihrem italienisch-indisch-gutbürgerlichen Tapas-Angebot wohl nie. Doch wer mit seinem Ort einigermaßen im Reinen ist, findet seine Stammkneipe. Zu meiner muss ich nur über die Straße, das »Kiedorf« in der Rudolstädter Schillerstraße ist ein Vierteljahrhundert alt.
Der Zeppelinplatz. In Weimars Nordvorstadt öffnet sich vom Kreuzungspunkt Röhrstraße/Döllstedter wie ein gebauter Fächer. Dieser Platz hilft mir wach und neugierig zu bleiben, von hier aus schenkt er mir Erkundungen ohne Gepäck. Ich schreibe anders, bin ich nicht vor Ort.
Der Ahorn steht am Rand einer Wiese und unterhalb eines Kiefernwaldes, dort, wo man auf Stedten hinabblickt. Das ist eine Beschreibung für Fremde. Die ihn gesehen haben, sagen nur: der Ahorn. Wir waren neu hier, wir kamen zu ihm und sagten: der Ahorn. Die Kinder verbrachten die langen Ferientage und, bis weit in den Herbst hinein, die Wochenenden dort.
Ja, ich bin Thüringer. Ich esse mit hölzernem Löffel aus einer Vertiefung in der Mitte des Küchentisches. Mein Vater ist Holzfäller und meine Mutter näht in Heimarbeit Knopfaugen an Teddybären für Sonni Sonneberg, mein Bruder ist Weihnachtsbaumglaskugelbläser und meine Schwester hütet Schafe, die uns den Rohstoff für unsere sackartigen Gewänder liefern.
Es gab einen Ort der Zuflucht. Wenn das Fließband der Automobile an einem dieser Sommertage das Wechseln von einer Seite der Schillerstraße auf die andere zum Wagnis machte, wenn sich der Lärm und die Abgase zur Dunstglocke mengten, die den Atem stocken ließ, dann gab es diese Möglichkeit, inmitten der Stadt ihr selbst zu entkommen. Durch einen unscheinbaren Torbogen, bewehrt von schmiedeisernem Gitter, das nur sonntags verschlossen war, gelangte und gelangt man noch immer in einen Hof hinein. In den Kollegienhof, benannt nach dem Collegium Jenense, der Keimzelle der Jenaer Universität.
Als Kind habe ich viele Sommertage in Rockau verbracht, in der Bäckerei, wo es nach Mehl und Sauerteig oder nach den Äpfeln im Keller roch, auf dem Dachboden, wo ich die Kinderbücher meines Vaters fand, im Garten unter alten Obstbäumen. Von dort kenne ich Details des Landlebens: Faulendes Fallobst auf der Wiese als Nahrung für Wespen und Schafe, das Geräusch und den Geruch beim Grasmähen.
Die Puppenstube besteht aus drei Räumen: einem großen Raum mit vielen Regalen, auf denen Schachteln mit Marionetten stehen, die mit dem Foto der entsprechenden Puppe versehen sind. In der Mitte dieses Raums steht ein großer Tisch. Neben diesem Raum befindet sich ein kleinerer Raum, in dem weitere Puppenschachteln und unsere Requisiten stehen.
Anderthalb Jahre lang hatte ich am äußersten Rande Jenas gewohnt und kannte Winzerla nur vom Blick durch die verschmierten Scheiben der Tram; vom Weg in die Stadt und zurück. Aus dieser Perspektive sah Winzerla nicht aus, als ob ich jemals dort würde wohnen wollen. Wenn ich Winzerla schreibe, dann meine ich nicht das alte Dorf mit dem Fledermausturm vor der greis geduckten Kirche, sondern „Neu-Winzerla“, das Plattenbauviertel.
Als würden die imaginierten festen Tücher, in die ich mich den ganzen Morgen über durch die Arbeitsdisziplin auf beruhigende Weise eingewickelt gefühlt habe, zur Mittagszeit plötzlich gelockert, und ein verwirrtes Menschlein käme darunter zum Vorschein: unbehaust, verletzlich, nackt, das einen großen Schritt hinaus in die Welt machen muss und will.
Meine Wahl der erbetenen Ortsbeschreibung drängt sich so sehr auf, daß ich sie rechtfertigen muß; auf Weimarer Parkwegen liegt, in den Bäumen hängt viel eigene Biographie. In den Kriegsjahren bin ich dort mit meiner Großmutter herumgelaufen. Sie war fast blind und taub, wohnte oberhalb des Gartenhauses und hat mir oft Briefe diktiert. Und sie konnte viel erzählen, u.a. von zwei traurigen Onkeln, den Goethe-Enkeln, die sie als Großnichte von Christiane Vulpius oft erlebt hat.
Die Saaleplatte unter einem leergefegten Himmel schwankt unter meinen Schritten. Nie weggegangen, nie angekommen. Nur eine Baumzeile am Horizont setzt den Maßstab für Ort und Zeit. Aber die Schlösser und Gärten säumen noch den Abgrund. Kein Verweilen. Ich suche Scherben in der Schrunde, wo sich ein Rinnsal geduldig in den Felsen gräbt. Laubengang, Taxus und Lorbeer, Spiralen aus bunten Kelchen, so schlängeln sich Wege, die kein Schicksal berühren.
Bis zum Rasthof Hörselgau folgt das Auge unbeirrt dem besonnten, weiß überhauchten Inselsberg. Von Osten her hält in der klaren Luft ein Heißluftballon auf ihn zu. Der Berg bleibt linkerhand zurück, während auf der rechten Seite der Hörselzug erscheint. Unvermittelt öffnet sich die Sichtachse zur Wartburg.
Besucher, die noch immer zahlreich ins Residenzdorf Hummelshain pilgern, fühlen sich beim Anblick des Neuern Jagdschlosses ein wenig an Neuschwanstein erinnert oder an Harry Potters Zauberinternat Hogwarts. Allerdings haben Jahre des Verfalls deutliche Spuren hinterlassen und das Frühwerk des Lieblingsarchitekten Kaiser Wilhelm II. inzwischen zu einem Anziehungspunkt für Lost-Places-Fotografen gemacht.
Mein Ort ist ein Wechselbäumchen. Mein Ort ist eine Frage des Standpunkts, des Alters, der Betrachtungsweisen, eine Frage des Blickwinkels. Er ist nicht immer der selbe Ort am selben Ort. Seine Umkreisung dauert heute niemanden mehr 42 Tage, nur mich mein ganzes Leben, mein Ort ist schnell erfasst, einfältig und unbedacht zählt man 2015, wenn man zählen will,
Der echte Reisende ist einer, der nur ungefähr weiß, wohin sein Fuß ihn morgen führen wird. Von solchem Glück ahnen vermittelte Urlaubs-Reisende nichts. Ich werde immer mein Grinsen nicht los, wenn mir ein Autor erzählt, er müsse wegen neuer Inspiration ins Ausland reisen. Nichts gegen Auslandsreisen, aber bietet ein normal gedeckter Tisch, auf dem ein Messer schräg liegt und eine Gabel fehlt, nicht genug Inspiration?
Wo fühlen sich Stadtmenschen wohl? Im Park, im Café, im Kaufhaus oder beim Frisör? Eine 2015 durchgeführte Umfrage im Auftrag von »Vorsicht Buch!«, der Kampagne der deutschen Buchbranche, unter 5.000 Deutschen ab 14 Jahren, ergab ein überraschendes Ergebnis. 74,3 Prozent der Befragten gaben die Buchhandlung als ihren Wohlfühlort an, wobei die Frauen den Ton angaben mit 77,0 Prozent und die Männer mit 71,4 Prozent.
Mir bot Vollradisroda mehrfach ideale Bedingungen für Schreibklausuren, in denen sich intensiv (telefonisch nicht erreichbar) arbeiten ließ. Nicht, daß mich die nie wieder richtig Dorf gewordene Halbwüstung besonders gereizt hätte, wohl aber die ins Detail gehenden landschaftlichen Erkundungen nach allen vier Himmelsrichtungen. Gerade der Wechsel erwies sich als produktiv.
Ich starrte seit einer halben Stunde auf den Bildschirm und konnte mich nicht entschließen, auch nur einen Buchstaben zu setzen. Auf ein weißes Blatt Papier hätte man wenigstens etwas kritzeln können. Das ging hier nicht. Ein Computer hat ganz offensichtlich auch seine schwachen Seiten, sehr schwache.
Leutenthal hat nur eine Zufahrtsstraße, von Süden, und das ist ein Glück, denn von hier aus präsentiert sich das Dorf von seiner ansehnlichen Seite. So kam auch ich auf dieser einzigen Straße nach Leutenthal, es war Frühling, und auf den Wiesen an der Scherkonde blühten die Kirschbäume und die Himmelschlüsselchen.
Es war ein besonderes Haus, in dem wir aus- und eingingen. Es nahm mich, wenn ich zurückdenke, wenigstens so gefangen wie unsere bewegten Debatten. Als Schüler, noch als Student war ich alles andere als ein Tatsachenmensch. Ich projizierte vieles von dem, was ich gerade las oder anderweitig aufnahm, bedenkenlos in die stocknüchterne Wirklichkeit, die mich umgab.
Ausladen: die Wohnung konnte sich überall befinden, am Rande der Stadt, im Zentrum, an einer Umgehungsstraße, in einem Villenviertel, das Zimmer, in dem ich saß, hatte etwas Zeitloses an sich, und gerade weil es so ohne Zeit war, ohne Zeit auskam, hatte die Wohnung etwas von einem Ort, der sich mit jedem Tag weiter, unmerklich von seiner Umgebung ablöste.
Großvater schälte die Äpfel in einem Zug. / Großmutter kochte Mus. / Schönbrunn ist eine warme Küche. Jeder Weg endet an einem Tisch. / Auf der Holzkiste in der Ecke sitzt Berta und stopft wollene Socken. / Elsbeth jammert, mei‘ Herz, mei‘ Arm. / Die Gäß mit ihren Jungen wärmt sich vor dem Ofen. / Nach dem Kohlentragen / die erste Capri Sonne, Großmutter / schneidet pelzig-graue Inseln aus der Rinde eines Brotes, / auf den Fensterbänken Ruß, / in den Nasenmuscheln hält er sich tagelang.
Die kleinen Lampen rücken die Messer und Eisen auf den Arbeitstischen ins Licht, wie man es aus alten Erzählungen kennt. Im Halbdunkel überall Kisten und Kästen, gefüllt mit fantastisch geformtem Wurzelholz, mit Holzklötzen und Klötzchen, hier Pfeifenköpfe grob in Form gebracht, dort Mundstücke, noch ohne Glanz und Schmuck. Im Fenster blühen die Pelargonien des letzten Jahres. Der Wind pfeift durch die Fenster. Alte Drechselbänke, seit hundert Jahren im Betrieb, drunter frische Sägespäne. Es duftet nach Holz. Hier wird heute noch mit der Hand gearbeitet.
Die glücklichen Tage sind so viel seltener als die mittelmäßigen. Deshalb müssen Orte, an denen einem überdurchschnittlich viele glückliche Tage geschehen, von besonderem Wert sein. Wernshausen ist ein solch wertvoller Ort.
Der Hügel heißt Windknollen, ist nicht einmal 400 Meter hoch, die Sicht täuscht, denn man fühlt sich enthoben, getrennt von der Stadt, obwohl man nur eine halbe Stunde gegangen ist. Fast immer weht es hier (daher der Name), die Luft frischer und rauer als im Tal, wo es meist still ist.
Hinter der frühbarocken Vierseitenanlage, im Süden, an der Parkallee, erstrahlt das Herzogliche Museum von 1879 in neuem Glanz und hinter diesem Prachtbau im Stil der Neorenaissance erstreckt sich das wunderliche Land des englische Gartens, mit einem Tempel und einem großen Teich und einer Begräbnisinsel darin, auf der eine Sphinx die Gräber Herzog Ernst II., seiner Frau und seiner 4 Söhne bewacht. Hier ist mein Ort: die Parkbank am gegenüberliegenden Ufer, im Rücken der Sphinx, dieser Hüterin der Vergangenheit. Hier sitze ich, wenn es die Zeit zwischen zwei Terminen erlaubt.
Am Anfang war das Licht in diesen Räumen, / plastischer Entwurf von etwas, das noch werden will, / Fassaden, die Welten wie Gehirne in sich bergen, / Saalfluchten, die in Jahrhunderte hinein sich dehnen, / die uns sonst nur in Traumgestalten nahe sind, / das Staunen ein gerahmtes Viereck an der Wand –
Der Ort ist ein Weg, und seine Gegenwart immer dagewesen. Hinter dem Heimatdorf, jenseits des Bahndamms, durch die Unterführung und einmal links einmal rechts herum, steigt er schnurgerade hügelan, Obstbäume an der Seite, aus der meist der Wind weht. Wer um die letzte Ecke biegt und diese Linie plötzlich vor sich sieht, könnte meinen, sie verlängere sich direkt in den nördlichen Himmel hinein.
Beim Öffnen des Tankdeckels zischte es. Ich tastete nach dem kleinen Hebel für die Zapfautomatik und trat ein paar Schritte zur Seite um dem beißenden Benzingeruch zu entgehen. Den Wachturm hatte ich, bei der Einfahrt in die Tankstelle, durch den Blick auf die Preistafel, tatsächlich übersehen. Ich betrat den Verkaufsraum. An einem der Stehtische lehnte müde ein Fahrer, auf den Ellenbogen gestützt.
Einer meiner bevorzugten Orte in Weimar ist das Café Rose am Herderplatz. Oft gehe ich dorthin, um mich mit jemandem zu treffen, mit Freunden, Kollegen, Buchillustratorinnen und Verlegern, die in Weimar zu Besuch sind. Manchmal schreibe ich dort auch. Man sitzt sehr gut, hat die Tür im Blick und somit den ständigen Strom der Brot- und Kuchenkäufer.
Mein liebster Platz in Thüringen ist der Waltershäuser Burgberg, gekrönt vom Schloss Tenneberg. Als Kind fand ich an seinen Hängen Ammoniten. Nicht solche der übergroßen Sorte, nur kleine, unscheinbare. Mit meinem Schulfreund Siegfried Wagner ging ich auf Trophäenjagd, die uns schließlich dazu brachte, regelrechte Ausgrabungen zu unternehmen, die allerdings dort, wo das möglich war, im über dem Muschelkalk aufgelagerten Erdreich, meist nur bunte Glasscherben oder verrostete Metallstücke hervorbrachten.
Ich weiß nicht, was meine Phantasie am meisten geprägt hat. Waren es das dörfliche Leben, der Wald, der Fluss mit dem Wehr an der Mühle, die Kirchenburg mit ihrer Wehrmauer und dem Friedhof dahinter oder doch die wenigen Bücher, die sich im Haus fanden? Grimms Märchen mit farbigen Illustrationen von Schwindt (was ich damals nicht wusste) auf eingeklebten Zigarettenbildern und ein Balladenbuch mit Holzschnitt-Illustrationen, die mich ganz gefangen nahmen, von denen ich aber nicht sagen kann, wer sie angefertigt hat.
Etwa zehn Tage, bevor die Eröffnung des Hauses zum 400. Geburtstag von Heinrich Schütz mit großem Aufwand staatlicher Delegationen stattfinden soll, erreicht mich die Nachricht: Kurt Hager ist unterwegs, er will das Schützhaus besichtigen, gleich wird er da sein… Der Chefideologe der SED, der in Köstritz ein Gästehaus unterhält, will sehen, wie weit wir sind mit unseren Vorbereitungen für das große Ereignis, in seinem Wahlbezirk!! Da hilft nur eines: Nerven behalten!
Mein Ort ist nicht geerdet, denn Erde ist nicht mein Element, er ist auch nicht feurig. Luftig allerdings auch, jedenfalls sommers. Meinen Ort teile ich oft mit anderen, und ich nehme es als conditio sine qua non hin, dass in seiner Winter-Version Beschallung als unvermeidliche Dreingabe aufgefahren wird. So wie die allgemeine Beschallung auch in Kaufhäusern, leeren Kirchen und in Telefonwarteschleifen u.ä. üblich geworden ist.
Meine Urgroßeltern waren Tabakspinner. Nachdem ihr Lebenstraum, ein Fachwerkhaus, 1896 errichtet war, mußten sie sofort die meisten Zimmer vermieten, um die entstandene finanzielle Last tragen zu können. Sie selbst bewohnten nur drei kleine Räume zusammen mit ihren zwei Töchtern. Auf einer alten Fotografie sieht man eine für die Größe des Hauses erstaunliche Anzahl von Menschen vor dem Haus stehen oder aus den Fenstern schauen.
Vom Küchenfenster der winzigen Mansarde am oberen Nordhäuser Stadtrand, in der wir nach der Zerstörung der Stadt im April 1945 Obdach gefunden hatten, konnten wir, mein Bruder, meine Mutter und ich, den Höhenzug des Kyffhäuser sehen und bei klarer Sicht auch die Silhouette des Kyffhäuserturms und die Rothenburg rot in der Sonne.
Mein Thüringen ist fränkisch. Davon wusste ich wenig, als ich in diese Landschaft kam. Mein Thüringen waren Berge und Wald, und Vater wies immer wieder auf die gute Luft hier hin. War die Weggabelung halb am Berg mein erster poetischer Ort, das Stück Heideland, das den Namen »Himmelreich« trug?
Nach Erfindung der Fotografie ist Christian Gottfried Bregazzi ein Künstler. So hat er sich selbst beschrieben, so hat er sich selbst definiert. Das steht auf der Rückseite einer Fotografie und Ferdinand ist der Sohn der naturgetreuen Geschichte.
Die Kaufhalle ist jetzt Kampfsportclub. Aber das ist okay. Sie hat sich noch am längsten gehalten. Nach den Achtzigern waren die Läden hier nie von Dauer. In den Neunzigern haben sie noch einmal Hand angelegt, an den Platz, haben einen ganzen Schwung lila Bänke aufgestellt und Vulkansteinbrocken einbetoniert.
Einen Berg gibt es, der beginnt hinter einem Fluss. Beginnt mit seinem Makel: Es ist ein Schadensberg, ein Sturzberg. Ein Restberg, der seinen Kern entblößt, das Herz aus Stein. Mehrfach entglitt ihm die flussseitige Flanke. Bergsturz nennt man den Vorgang, und darüber hinaus (und hinweg) nennt man ihn vor Ort noch Dohlenstein.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/ron-winkler-dohlenstein/]