Themen
Fragen an Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller
Buchhändlerinnen und Buchhändler im Gespräch
Thüringen im literarischen Spiegel
»Literaturland Thüringen im Radio«
»Literaturland Thüringen aktuell«
Literaturland Thüringen unterwegs
Dichter und Literaturvermittler im Porträt
Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Schriftsteller der Frühen Neuzeit
Literarisches Thüringen um 1800
Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution
Thüringen im Nationalsozialismus
Zum Thema
»Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft« heißt eine Textreihe des Thüringer Literaturrates, für die er 18 Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten hat, einen Beitrag zu schreiben.
Dr. med. Martin Kornitzky. Facharzt für Allgemeinmedizin. Das elegante, goldfarbene Namensschild leuchtet noch immer am Eingangstor mit den Löwenköpfen. Dahinter erhebt sich die weiß geschieferte, mit einem Türmchen versehene Gründerzeitvilla des Doktors. Kein übertriebener Bau, aber ein auffälliges Stück Bürgertum in diesem kleinen Dorf, das wie die meisten in dieser Gegend vor allem von Landwirtschaft geprägt wurde.
Seit dem 1. April 2021 ist Andreas Schultze wieder ausschließlich für die Kinder- und Jugendarbeit in Bad Tabarz zuständig. Er organisiert Ferienlager, Spiel- und Kurzfreizeiten, entwickelt Projekte zur Jugendbildung und Kultur, ist beteiligt an einer Schüler AG, motiviert Partner für kompetente Informationen zum Jugendschutz, zur Polizeiarbeit und zur Drogenprävention, sucht den Schulterschluss mit den Eltern, dem Jugendamt, der Schule, der Gemeindeverwaltung und dem Bürgermeister.
Die Ulmen sind der Beweis, dass der alte Götter- und Weltenbote Hermes die Stadt noch nicht ganz verlassen hat, dass der Ulmwald in ihr, wenn auch verschattet, verschwiegen, überwintert, in ihr, die alles tut, ihn zu vergessen, wartet die Ulme auf den Moment des Erkennens zwischen uns.
„Deine Mama ist doch Lehrerin, wieso hast du Germanistik nicht auf Lehramt studiert?“ Diese Frage wird mir häufig gestellt. Meine Antwort lautet immer: Eben drum. Meine Mama ist Lehrerin. Das reichte als Einblick über viele Jahre hinweg, um zu wissen, dass der Lehrerberuf trotz augenscheinlicher Vorzüge – festes Gehalt, lange Ferienzeiten, Verbeamtung – nie eine Option für mich war.
Im Umbruch von 1989/90 gründete sich die »Autonome Brennessel«. Verein und Frauenzentrum »Brennessel«, die daraus hervorgingen, sind ein Wendeprojekt, das nicht nur bis heute existiert, sondern zu einer festen Größe geworden ist. Die Arbeit hat sich professionalisiert, mehrmals ist das Projekt umgezogen, finanziert wird es inzwischen hauptsächlich durch die Stadt. Ihrem wichtigsten Inhalt bleibt die Brennessel treu und nennt ihn im Namen: »Zentrum gegen Gewalt an Frauen«.
Marten kommt ins Stocken. Hält inne. Ringt um Fassung. Seine Nüstern weiten sich bei jedem Atemzug. Sein Blick treibt langsam ins Leere, auf einen Punkt irgendwo in der Mitte des Platzes, als fände er dort einen Anker in der Stille. Geräusche treten wieder hervor. Der plätschernde Bordun der Quelle, unentwegt. Feiner Niesel nagt mit tausend winzigen Zähnchen an den Blättern über uns. Wir sitzen geschützt. Marten trinkt einen Schluck. »Was ist dann passiert?«, will ich wissen.
Herr B. lebt schon lange im Heim. An der Wand hängen Fotos seiner Enkelkinder. Aber die Familie ist überfordert mit der Demenz des Großvaters. Herr B. spricht nicht mehr. Er sitzt vor seinem Kuchenteller und weiß nicht, wie man isst. Leise wird ein Volkslied angestimmt. »Kommt ein Vogel geflogen«. Seine Miene hellt sich auf, die Lippen bewegen sich. Einige Zeilen singt er ohne zu stocken, mit zarter, brüchiger Stimme.
Das Info-Mobil parkt am Domplatz direkt vorm Lebensmittelladen: eine große silberne Blechkiste auf zwei luftbereiften Speichenrädern mit ausklappbarem Tisch und großem grünen Sonnenschirm. »Mach mit uns Erfurt klimaneutral! Deine Stimme zählt!« Es ist Samstag, und die Leute bummeln entspannt über den Wochenendmarkt. Doch kaum jemand verweilt am Klima-Stand. Dabei war es noch nie so heiß in der Stadt.
Wie zahlreiche andere Autorinnen und Autoren ringe ich um Erklärungen für Stimmungslagen und suche neue Perspektiven auf »den Osten«. Zunehmend überlege ich, ob die Beschäftigung mit anderen Themen erfüllender wäre. In diese Gedanken flattert die Blauflügelige Ödlandschrecke hinein und verdrängt die Ostdeutschen mit ihren Debatten um blühende Landschaften und die schrecklich blauen ostdeutschen Wahlkreiskarten von meinem Schreibtisch.
Wie nähert man sich einem Ort, der nicht inmitten des Landes liegt und erst recht nicht in den Zentren der Kunstdebatten. Doch gibt es die denn überhaupt noch: Kunstdebatten?
Bis zum Alter von 64 Jahren arbeitete er bei einer Reinigungsfirma; inzwischen hatten sich die beiden Söhne gut integriert und konnten schließlich für ihn aufkommen. Und nun, im Rentenalter, engagiert sich Mohammad als Flüchtlingshelfer. Er weiß, was ankommende Geflüchtete brauchen, und er tut, was er kann, um ihnen zu helfen. Diese aufreibende Tätigkeit verfolge ihn bis in seine Träume.
Mitten im Leben. Was ist das, wo wir doch nicht einmal wissen, was Leben wirklich ist? Mitten in Thüringen. Wer bemisst das? Mit welchem Zirkelschlag von welchem Ort aus, der Hauptstadt, wie meist?
Die Villa Lustig ist ein Kinderhaus nahe des Weimarer Hauptbahnhofs. Die Einrichtung folgt dem Montessori-Konzept. Scheren liegen aus, auf dem Balkon kann an einer Werkbank unter Aufsicht gesägt, gebohrt und gehämmert werden. Weil: Irgendwann schlagen wir alle unseren ersten Nagel in Holz. Irgendwann entzünden wir alle unser erstes Feuer. Wann ist der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen?
Ein Jahr später wird die Lesung nachgeholt und ich lerne Matthias Zieboll kennen. Überrascht von seinem Erscheinungsbild: drahtig, langer Rauschebart, Iro-Haarschnitt und eine Tätowierung, die aus dem kurzen Ärmel seines T‑Shirts lugt, korrigiere ich meine altbackene Vorstellung, wie ein Pastor auszusehen hat.
Ich will wissen, was das wirklich ist, der »Großelterndienst«, wer sind die Menschen, die diesen Dienst nutzen? Wie läuft das Prozedere ab? Was sagt sein Vorhandensein über unsere Zeit aus? Vor allem aber: Können durch ihn tatsächlich nachhaltige, zwischenmenschliche Beziehungen entstehen?
Im Gespräch schaut Jakob Gatz seinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern blickt nach oben. Er kennt sich aus mit Geologie, mit Solarenergie, mit Umweltfragen, und verliert sich manchmal in Details. Jakob Gatz, geboren 2002 in einer Kleinstadt in Thüringen, Wirtschaftsfachwirt in Ausbildung, Mitglied der Grünen Jugend und der Grünen Partei, lebt mit dem Asperger-Syndrom.
Die Verkäuferin behält immer freundlich die Ruhe. Sie hört zu, wirft eine Bemerkung ein, fragt nach, packt das Gewünschte ein, nennt den Betrag, nimmt Geld entgegen, schiebt das Rückgeld über die Theke. Plötzlich Stille. Ich bin an der Reihe, die sich mittlerweile aufgelöst hat.
Ich bleibe stehen. Die Namen ergeben keinen Sinn, erschließen sich mir nicht. Ich könnte in einem fremden Land unterwegs sein und würde ebenso viel, ebenso wenig verstehen. Ich spreche die Sprache der Stadt nicht, fährt es mir durch den Kopf. Ich lese die Worte, ich höre ihren Klang, aber ich verstehe die Sprache nicht.
2025 bat der Thüringer Literaturrat 18 Autorinnen und Autoren, für die Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft« über Personen oder Situationen zu schreiben, die mitten in unserer Gesellschaft stehen und doch nicht immer im Mittelpunkt.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/mittendrin-literarische-perspektiven-auf-unsere-gesellschaft/]