Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Thema

Mario Osterland – »Was hast du auf dem Herzen? Der Landarzt Dr. Kornitzky«

Dr. med. Mar­tin Kor­nitzky. Fach­arzt für All­ge­mein­me­di­zin. Das ele­gante, gold­far­bene Namens­schild leuch­tet noch immer am Ein­gangs­tor mit den Löwen­köp­fen. Dahin­ter erhebt sich die weiß geschie­ferte, mit einem Türm­chen ver­se­hene Grün­der­zeit­villa des Dok­tors. Kein über­trie­be­ner Bau, aber ein auf­fäl­li­ges Stück Bür­ger­tum in die­sem klei­nen Dorf, das wie die meis­ten in die­ser Gegend vor allem von Land­wirt­schaft geprägt wurde. 

Bernd Ritter – Die Eltern vertrauen uns das Wertvollste an: ihre Kinder

Seit dem 1. April 2021 ist Andreas Schultze wie­der aus­schließ­lich für die Kin­der- und Jugend­ar­beit in Bad Tab­arz zustän­dig. Er orga­ni­siert Feri­en­la­ger, Spiel- und Kurz­frei­zei­ten, ent­wi­ckelt Pro­jekte zur Jugend­bil­dung und Kul­tur, ist betei­ligt an einer Schü­ler AG, moti­viert Part­ner für kom­pe­tente Infor­ma­tio­nen zum Jugend­schutz, zur Poli­zei­ar­beit und zur Dro­gen­prä­ven­tion, sucht den Schul­ter­schluss mit den Eltern, dem Jugend­amt, der Schule, der Gemein­de­ver­wal­tung und dem Bürgermeister.

Jan Röhnert – »Die Ulmen mittendrin«

Die Ulmen sind der Beweis, dass der alte Göt­ter- und Wel­ten­bote Her­mes die Stadt noch nicht ganz ver­las­sen hat, dass der Ulm­wald in ihr, wenn auch ver­schat­tet, ver­schwie­gen, über­win­tert, in ihr, die alles tut, ihn zu ver­ges­sen, war­tet die Ulme auf den Moment des Erken­nens zwi­schen uns.

Romina Nikolić – »Das Lehrerzimmer – Brennglas der Bildungskrise«

Deine Mama ist doch Leh­re­rin, wieso hast du Ger­ma­nis­tik nicht auf Lehr­amt stu­diert?“ Diese Frage wird mir häu­fig gestellt. Meine Ant­wort lau­tet immer: Eben drum. Meine Mama ist Leh­re­rin. Das reichte als Ein­blick über viele Jahre hin­weg, um zu wis­sen, dass der Leh­rer­be­ruf trotz augen­schein­li­cher Vor­züge – fes­tes Gehalt, lange Feri­en­zei­ten, Ver­be­am­tung – nie eine Option für mich war.

Ulrike Gramann – Die Praktikerinnen

Im Umbruch von 1989/90 grün­dete sich die »Auto­nome Bren­nes­sel«. Ver­ein und Frau­en­zen­trum »Bren­nes­sel«, die dar­aus her­vor­gin­gen, sind ein Wen­de­pro­jekt, das nicht nur bis heute exis­tiert, son­dern zu einer fes­ten Größe gewor­den ist. Die Arbeit hat sich pro­fes­sio­na­li­siert, mehr­mals ist das Pro­jekt umge­zo­gen, finan­ziert wird es inzwi­schen haupt­säch­lich durch die Stadt. Ihrem wich­tigs­ten Inhalt bleibt die Bren­nes­sel treu und nennt ihn im Namen: »Zen­trum gegen Gewalt an Frauen«.

Christian Rosenau – Ströme

Mar­ten kommt ins Sto­cken. Hält inne. Ringt um Fas­sung. Seine Nüs­tern wei­ten sich bei jedem Atem­zug. Sein Blick treibt lang­sam ins Leere, auf einen Punkt irgendwo in der Mitte des Plat­zes, als fände er dort einen Anker in der Stille. Geräu­sche tre­ten wie­der her­vor. Der plät­schernde Bor­dun der Quelle, unent­wegt. Fei­ner Nie­sel nagt mit tau­send win­zi­gen Zähn­chen an den Blät­tern über uns. Wir sit­zen geschützt. Mar­ten trinkt einen Schluck. »Was ist dann pas­siert?«, will ich wissen.

Christine Hansmann – In der Achselhöhle Gottes

Herr B. lebt schon lange im Heim. An der Wand hän­gen Fotos sei­ner Enkel­kin­der. Aber die Fami­lie ist über­for­dert mit der Demenz des Groß­va­ters. Herr B. spricht nicht mehr. Er sitzt vor sei­nem Kuchen­tel­ler und weiß nicht, wie man isst. Leise wird ein Volks­lied ange­stimmt. »Kommt ein Vogel geflo­gen«. Seine Miene hellt sich auf, die Lip­pen bewe­gen sich. Einige Zei­len singt er ohne zu sto­cken, mit zar­ter, brü­chi­ger Stimme.

Frank Quilitzsch – Sammler sind Optimisten

Das Info-Mobil parkt am Dom­platz direkt vorm Lebens­mit­tel­la­den: eine große sil­berne Blech­kiste auf zwei luft­be­reif­ten Spei­chen­rä­dern mit aus­klapp­ba­rem Tisch und gro­ßem grü­nen Son­nen­schirm. »Mach mit uns Erfurt kli­ma­neu­tral! Deine Stimme zählt!« Es ist Sams­tag, und die Leute bum­meln ent­spannt über den Wochen­end­markt. Doch kaum jemand ver­weilt am Klima-Stand. Dabei war es noch nie so heiß in der Stadt.

Juliane Stückrad – Sonnenkinder

Wie zahl­rei­che andere Autorin­nen und Autoren ringe ich um Erklä­run­gen für Stim­mungs­la­gen und suche neue Per­spek­ti­ven auf »den Osten«. Zuneh­mend über­lege ich, ob die Beschäf­ti­gung mit ande­ren The­men erfül­len­der wäre. In diese Gedan­ken flat­tert die Blau­flü­ge­lige Ödland­schre­cke hin­ein und ver­drängt die Ost­deut­schen mit ihren Debat­ten um blü­hende Land­schaf­ten und die schreck­lich blauen ost­deut­schen Wahl­kreis­kar­ten von mei­nem Schreibtisch.

Jens‑F. Dwars – Mit Senefelders Segen. Die Müllers vom Kunsthaus Wurzbach

Wie nähert man sich einem Ort, der nicht inmit­ten des Lan­des liegt und erst recht nicht in den Zen­tren der Kunst­de­bat­ten. Doch gibt es die denn über­haupt noch: Kunstdebatten?

Kathrin Groß-Striffler – Mohammad träumt

Bis zum Alter von 64 Jah­ren arbei­tete er bei einer Rei­ni­gungs­firma; inzwi­schen hat­ten sich die bei­den Söhne gut inte­griert und konn­ten schließ­lich für ihn auf­kom­men. Und nun, im Ren­ten­al­ter, enga­giert sich Moham­mad als Flücht­lings­hel­fer. Er weiß, was ankom­mende Geflüch­tete brau­chen, und er tut, was er kann, um ihnen zu hel­fen. Diese auf­rei­bende Tätig­keit ver­folge ihn bis in seine Träume.

Holger Uske – Mittendrin am Rande Thüringens

Mit­ten im Leben. Was ist das, wo wir doch nicht ein­mal wis­sen, was Leben wirk­lich ist? Mit­ten in Thü­rin­gen. Wer bemisst das? Mit wel­chem Zir­kel­schlag von wel­chem Ort aus, der Haupt­stadt, wie meist?

Stefan Petermann – Wenn der Funke überspringt

Die Villa Lus­tig ist ein Kin­der­haus nahe des Wei­ma­rer Haupt­bahn­hofs. Die Ein­rich­tung folgt dem Montessori-Kon­zept. Sche­ren lie­gen aus, auf dem Bal­kon kann an einer Werk­bank unter Auf­sicht gesägt, gebohrt und gehäm­mert wer­den. Weil: Irgend­wann schla­gen wir alle unse­ren ers­ten Nagel in Holz. Irgend­wann ent­zün­den wir alle unser ers­tes Feuer. Wann ist der rich­tige Zeit­punkt, damit zu beginnen?

Antje Babendererde – Ein ungewöhnlicher Pastor

Ein Jahr spä­ter wird die Lesung nach­ge­holt und ich lerne Mat­thias Zie­boll ken­nen. Über­rascht von sei­nem Erschei­nungs­bild: drah­tig, lan­ger Rau­sche­bart, Iro-Haar­schnitt und eine Täto­wie­rung, die aus dem kur­zen Ärmel sei­nes T‑Shirts lugt, kor­ri­giere ich meine alt­ba­ckene Vor­stel­lung, wie ein Pas­tor aus­zu­se­hen hat.

René Müller-Ferchland – Von Füßchen im Wasser bis zu Fragen über Gott

Ich will wis­sen, was das wirk­lich ist, der »Groß­el­tern­dienst«, wer sind die Men­schen, die die­sen Dienst nut­zen? Wie läuft das Pro­ze­dere ab? Was sagt sein Vor­han­den­sein über unsere Zeit aus? Vor allem aber: Kön­nen durch ihn tat­säch­lich nach­hal­tige, zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen entstehen?

Anke Engelmann – Jenseits der Zwischentöne

Im Gespräch schaut Jakob Gatz sei­nem Gegen­über nicht in die Augen, son­dern blickt nach oben. Er kennt sich aus mit Geo­lo­gie, mit Solar­ener­gie, mit Umwelt­fra­gen, und ver­liert sich manch­mal in Details. Jakob Gatz, gebo­ren 2002 in einer Klein­stadt in Thü­rin­gen, Wirt­schafts­fach­wirt in Aus­bil­dung, Mit­glied der Grü­nen Jugend und der Grü­nen Par­tei, lebt mit dem Asperger-Syndrom.

Wolfgang Haak – Unser tägliches Brot

Die Ver­käu­fe­rin behält immer freund­lich die Ruhe. Sie hört zu, wirft eine Bemer­kung ein, fragt nach, packt das Gewünschte ein, nennt den Betrag, nimmt Geld ent­ge­gen, schiebt das Rück­geld über die Theke. Plötz­lich Stille. Ich bin an der Reihe, die sich mitt­ler­weile auf­ge­löst hat.

Sandra Blume – linguistic landscapes – vom Versuch, Stadt-Land-Differenzen in Worte zu fassen

Ich bleibe ste­hen. Die Namen erge­ben kei­nen Sinn, erschlie­ßen sich mir nicht. Ich könnte in einem frem­den Land unter­wegs sein und würde ebenso viel, ebenso wenig ver­ste­hen. Ich spre­che die Spra­che der Stadt nicht, fährt es mir durch den Kopf. Ich lese die Worte, ich höre ihren Klang, aber ich ver­stehe die Spra­che nicht.

Über die Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft«

2025 bat der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat 18 Autorin­nen und Autoren, für die Reihe »Mit­ten­drin – lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ven auf unsere Gesell­schaft« über Per­so­nen oder Situa­tio­nen zu schrei­ben, die mit­ten in unse­rer Gesell­schaft ste­hen und doch nicht immer im Mittelpunkt.

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