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Literarisches Thüringen um 1800
Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution
Thüringen im Nationalsozialismus
Zum Thema
»Von Heimat zu Heimat – eine literarische Spurensuche«. 25 Autorinnen und Autoren aus Thüringen setzen sich mit dem Thema Heimat auseinander.
Wann immer die Gespräche auf die Wiedervereinigung, den unausgesetzten Wahlerfolg der Neuen Rechten im Osten des Landes, auf deutsche Einheit und deutsch-deutsche Teilung kommen, liegt die Rede von den Ostdeutschen und den Westdeutschen nah. Der bestimmte Artikel erfreut sich großer Beliebtheit, auch wenn im Ernstfall niemand so recht angeben will und kann, wo nun exakt die Grenze zwischen den beiden verläuft.
Thüringen ist nicht meine Heimat. Mit dieser traurigen Gewissheit müssen wir uns abfinden. Ich könnte die Botschaft erträglicher machen, indem ich behauptete, weil ich seit vierzehn Jahren hier lebe, immerhin ein knappes Viertel meines Lebens, sei es meine Wahlheimat, aber der Begriff ist ein fauler Kompromiss. Heimat kann man nicht wählen. Man hat sie und basta.
Als ich meinen Kopf an die Wand des Wartehäuschen lehne, erinnere ich mich an den Ekel, den ich früher auf Reisen verspürt habe, sobald ich die erste Nacht auf einem fremden Kissen schlief. Selbst wenn die Laken frisch gewaschen rochen, musste ich immer nur daran denken, wer wohl schon alles auf diesem Kissen, in diesem Bett übernachtet hatte und meine Kopfhaut begann zu jucken.
Denke ich an Heimat, spült die Erinnerung Vertrautheiten herbei. Momente, in die sich einer zurückfühlen will. Andere verblassen im nicht nur Angenehmen, im Diffusen. Sätze, Bilder, Ereignis-Szenen, Gerüche, der Geschmack kann Heimat sein. Oder später zu einer werden, wenn etwas an etwas erinnert: zum Beispiel an das Ur-Essen aus der Kindheit.
Halbanarchistisches Verreisen gegen das Nato-Wettrüsten und den abfuckenden DDR-Sozialismus standen im Sommer 1983 ganz oben auf meiner Agenda. Einmal von Weimar bis nach Nessebar trampen! Kerouacs »Unterwegs«, »Fassbinders Katzelmacher« und Friedrich Nietzsches »Zarathustra« hatten mein Hirn zu Brei gefeudelt. Ich musste dringend das Schwarze Meer riechen, in Budapest brillieren und in die Donau spucken.
Der Januar war bitterkalt, aber unsere Mutter hat uns immer warmgehalten. Da waren viele Kinder im Zug, die oft krank waren oder zu schwach. Es gab ja nicht immer was zu essen. Die Erfrorenen haben sie an den Bahnhöfen weggeben. Manche Mütter stiegen mit aus, andere blieben sitzen und fuhren weiter. Als wir hier am Bahnhof standen, fragte uns der Schaffner, wohin wir eigentlich wollen.
Heimat ist Identität. Wir definieren uns über eine Landschaft, einen Dialekt, einen Geruch, ein Lied und dem, was wir in der Kindheit erlebt haben. In der Erinnerung verbinden sich die Eindrücke zu einer Melange, deren Aroma für jeden einzigartig schmeckt. Heimat gerinnt zum Kitsch, wenn man diese Suppe nicht von Zeit zu Zeit umrührt und mit neuen Zutaten anreichert.
Mitte der 1990er Jahre begriff ich, dass ich mich für meine Heimat schämen sollte. Es muss Harald Schmidt gewesen sein, er imitierte in seinem Stand-Up das, was er als sächsischen Dialekt vermutete und die Leute lachten, die Pointe hatte nichts mit Sachsen zu tun, es ging irgendwie um das, was Schmidt später als Unterschicht bezeichnen sollte, ein bisschen Assi, ein bisschen zurückgeblieben, auf ordinäre Weise unterbelichtet, das war die Pointe, deshalb lachten die Leute und um dieses Lachen zu erzeugen, brauchte es nur das Sprechen meiner Heimat.
Ich verstehe mich als Reisende, weil ich mich, neugierig, selbstbestimmt und mit Hang zum Größenwahn, immer in der »großen, weiten Welt« wahrnehme. Quatsch: Meistens fühle ich mich Teil des gesamten, mir bekannten Universums. Wahrscheinlich hatte ich Glück damit, dass das System, das mich als Kind geformt und gehätschelt hatte, genau zu dem Zeitpunkt abstürzte, als ich erwachsen wurde und flügge war, auch gerade dann, als es mich einzuengen begann.
Eines frühen Dezembermorgens ein Stapel Bücher vor der Tür. Der gesamte Hölderlin vor meinem Studio in Rom in herbstlich flusstalklammer Luft. Feucht wie an der Saale, feucht wie nah dem Neckar, feucht wie Tiber. Die Bücher hatten eine Farbe, die sie noch immer haben. Eine Farbe nicht mehr ganz dicht an der Ursprungsfarbe. Aber eindeutig die Farbe auch der Tür, des Tibers, der Winterflora wie des Tals, von dem ich meine, dass es meine erste Heimat war.
Winter. 2021. Flughafen Erfurt. Am Abend. Ein Flugzeug aus der Türkei ist gelandet. Unter den Passagieren ist A. Schwarzgraue Haare. Dunkle Augen. Hellbrauner Teint. Um die 40 Jahre alt. Er trägt einen dunkelblauen Rucksack und zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. Er wirkt hilflos. Unsicher. Ja, desorientiert. Den nächsten Flughafenoffizier fragt er auf Englisch: »Wo bin ich?« Der Beamte lacht. »Sie sind in Deutschland.«
»Der Vorhof zur Hölle«, sagen die Afrikaner. Selbst unter den dichten Blätterdächern der vereinzelt stehenden jahrhundertealten Affenbrotbäume steigt das Thermometer dort bis auf 70 Grad. In dieser Gegend gibt es die ergiebigsten Kohlevorkommen des Landes. Von der Erdoberfläche können die mineros, die Bergleute, aus schrägen niedrigen stollenähnlichen Gängen die Steinkohle im »Tagebau« fördern.
Das Gedächtnis tritt als Zeuge auf. Zeugen schwanken: Was erinnern sie? Wann? Wie? Heimat verändert sich bis zur Unkenntlichkeit – sie kommt uns abhanden. Die Mutter ist 93 Jahre alt. Ihre Ehemänner sind längst gegangen, ein jeder auf seine Weise. Brüder und Schwestern sind gestorben, Freunde und Bekannte ebenso. Deren Kinder und Kindeskinder sind eingezogen in die Häuser ringsum.
Wir winken vom Festland den Narrenschiffen. Sie stechen noch immer in See. Wir schauen zu und zerbrechen uns derweil unsere hübschen Köpfe an Begriffen, viel lieber noch, als an der Wirklichkeit, an der alle Begriffe längst zerbrochen sind. Das ist ein Schiffbruch mit Zuschauern.
Noch einmal könnte ich diese Beziehung, Verbundenheit mit der Landschaft nicht herstellen. Da schiebt sich zuviel Fremde, Veränderung dazwischen. Ein Berg von Toten. Es bleibt Befremdung, Abstand, also Entfremdung. Ich selbst ein Fremder. Am sinnfälligsten verfallene Bauernhöfe, Abbrüche, das Ruinöse, das die neuen uniformen Einfamilienhäuser und DDR-Wohnblocks auratisch tief in den Schatten stellen. Kaum noch ein Weg. Nur noch Schnellstraßen, auf denen ein Fußgänger nichts mehr zu suchen hat. Das macht die Verlorenheit kraß bewußt.
Wollen wir Heimat als eine thermodynamische Zustandsgröße des Herzens verstehen, wo jede emotionale Zuwendung, die durch Zufuhr von äußerer Wärme in Stofflichkeit sich entropisch verhält, weil innerhalb eines geschlossenen Systems die ablaufenden Prozesse zum Erliegen kommen, wenn empfangene Wärme (Liebe) nicht wieder nach außen abgegeben werden kann.
In Kleinmachnow aufzuwachsen war ein Glück. Und vor allem der Frieden war ein Glück, auch wenn in ihn die Ruinen von Berlin hineinragten und viele Spuren des Vergangenen als Zeichen an den Lebenden abzulesen waren. Wie Schatten, wie unsichtbare Geister gingen neben ihnen ihre Toten einher. Von Großmutters und Mutters Toten war viel die Rede.
Wo wollen wir sein? Und wer? Woher kommen, wohin gehen wir? Wandeln durch unsere Zeit. Verharren. Stellen uns dem, das auf uns zukommt. Eilen davon. Nehmen Wege, schlagen sie aus, atemlos alle Tage. Rauschen vorüber: das Leben selbst ein Rausch. Wer hält uns auf? Stellt wann die Fragen, die all das in Frage stellen? Orte zeitlebens. Das Atemholen viel zu selten. Wo mir der Atem leicht wird, vielleicht ist dort meine Heimat.
Es gibt die Welt, in der wir jetzt leben, und es gibt die andere Welt, in der wir einst gelebt haben und die wir in unseren Herzen tragen. Wir geben uns Mühe. Ich meine damit, wir passen auf, dass der Riss, der durch uns geht, nicht sichtbar in unseren Augen ist, und wir sagen niemandem, dass die Sonne hier anders scheint und dass der Himmel uns nicht beschützt.
Fruchtbare Thüringer Lössböden sind es, an die ich denke, wenn ich an Heimat denke. Dabei weiß ich nicht einmal genau, was das ist, ein Lössboden, wie er aussieht, wenn die Sonne auf ihn scheint, wie er sich anfühlt, wenn man ihn in die Hand nimmt, oder wie er riecht, nachdem der Regen ihn durchnässt hat. Allenfalls weiß ich noch, wie es klang, wenn meine Grundschullehrerin das Wort ›Lössboden‹ aussprach, und es mag wohl zur selben Zeit gewesen sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben von ›Heimat‹ hörte.
Ich bin gerade mal sechs Jahre alt. Mein Bruder wird bald zwei, er sitzt in einem für DDR-Verhältnisse ungewöhnlichen Sportwagen: Schickes Alugestell, grüner Stoff. Eigentlich sieht der Wagen aus wie ein kleiner, fahrbarer Liegestuhl. Ich kann nicht einordnen, nur feststellen, dass niemand sonst so einen Kinderwagen hat. Leicht fällt es mir nicht gerade, ihn die Schillerstraße in Waltershausen, am Fuße des Thüringer Waldes, hinaufzuschieben, in die Schnepfenthaler, die neben dem Bergkamm herläuft und darum nur eine kaum merkliche Steigung hat.
Ich bin ein Kind der Sandsteinbrüche, die sich, östlich von Hermsdorf den Lauf des Erlbachs zur Weißen Elster bei Gera begleitend, im Rücken der Dörfer auftun. Der Sandstein hat sich hier nirgendwo, wie andernorts an der Elbe, zu hohen Bergen aufgetürmt, und wenn er es einmal getan haben mag, sind diese Berge hier durch die Gletscher der letzten Eiszeit zu unscheinbaren Bodenwellen abgeschliffen, über die heute die Pflüge der Landwirtschaft ihre Ackerfurchen ziehn.
Einmal, für kurze Zeit, lebte ich auch am Bodensee. Seit dem Jungneolithikum siedeln Menschen im Dunstkreis des Sees, eines riesigen Wärmespeichers, bestehend aus achtundvierzig Milliarden Kubikmetern Wasser. Seit fünftausend Jahren kultivieren sie Äpfel. Als die Römer die von Kelten bewohnte Region eroberten, brachten sie den Wein mit.
Seit mehr als sechsundzwanzig Jahren lebe ich in der Schweiz und immer an der Grenze. In Basel waren es noch ein paar hundert Meter nach Frankreich und Deutschland, aber seit sechzehn Jahren trennt mich allein der am Haus vorüberziehende Fluss von Italien. Die Brücke darüber ist ein Grenzposten.
Der Begriff Heimat ist eng mit nationaler und regionaler Identität verknüpft. In von Begriffen wie »wokeness« und »political correctness« geprägten Diskursen hat er einen denkbar schlechten Ruf. Er steht für Heimattümelei, Rückschrittlichkeit oder Weltabgewandtheit. Der Tenor im Feuilleton, ob in der »Zeit“, der »taz“ oder dem »nd«, will die Rede von »Heimat« getrost den Ewiggestrigen überlassen – »links ist da, wo keine Heimat ist«.
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