Von Heimat zu Heimat
Thema

Peter Neumann – »Das Klima der Anderen«

Wann immer die Gesprä­che auf die Wie­der­ver­ei­ni­gung, den unaus­ge­setz­ten Wahl­er­folg der Neuen Rech­ten im Osten des Lan­des, auf deut­sche Ein­heit und deutsch-deut­sche Tei­lung kom­men, liegt die Rede von den Ost­deut­schen und den West­deut­schen nah. Der bestimmte Arti­kel erfreut sich gro­ßer Beliebt­heit, auch wenn im Ernst­fall nie­mand so recht ange­ben will und kann, wo nun exakt die Grenze zwi­schen den bei­den verläuft. 

Steffen Mensching – »VaterLandMutterSprache«

Thü­rin­gen ist nicht meine Hei­mat. Mit die­ser trau­ri­gen Gewiss­heit müs­sen wir uns abfin­den. Ich könnte die Bot­schaft erträg­li­cher machen, indem ich behaup­tete, weil ich seit vier­zehn Jah­ren hier lebe, immer­hin ein knap­pes Vier­tel mei­nes Lebens, sei es meine Wahl­hei­mat, aber der Begriff ist ein fau­ler Kom­pro­miss. Hei­mat kann man nicht wäh­len. Man hat sie und basta. 

Franziska Wilhelm – »Dreisam«

Als ich mei­nen Kopf an die Wand des War­te­häus­chen lehne, erin­nere ich mich an den Ekel, den ich frü­her auf Rei­sen ver­spürt habe, sobald ich die erste Nacht auf einem frem­den Kis­sen schlief. Selbst wenn die Laken frisch gewa­schen rochen, musste ich immer nur daran den­ken, wer wohl schon alles auf die­sem Kis­sen, in die­sem Bett über­nach­tet hatte und meine Kopf­haut begann zu jucken. 

Lutz Rathenow – »Die Türen im Identitätskalender: Heimat entdecken«

Denke ich an Hei­mat, spült die Erin­ne­rung Ver­traut­hei­ten her­bei. Momente, in die sich einer zurück­füh­len will. Andere ver­blas­sen im nicht nur Ange­neh­men, im Dif­fu­sen. Sätze, Bil­der, Ereig­nis-Sze­nen, Gerü­che, der Geschmack kann Hei­mat sein. Oder spä­ter zu einer wer­den, wenn etwas an etwas erin­nert: zum Bei­spiel an das Ur-Essen aus der Kindheit. 

Bärbel Klässner – »Ein denkcontainer von erheblicher größe«

Frank Willmann – »Der ewige Trampsommer der Anarchie – Einmal durch den Osten, 1983«

Halbanar­chis­ti­sches Ver­rei­sen gegen das Nato-Wett­rüs­ten und den abfu­cken­den DDR-Sozia­lis­mus stan­den im Som­mer 1983 ganz oben auf mei­ner Agenda. Ein­mal von Wei­mar bis nach Nes­se­bar tram­pen! Kerou­acs »Unter­wegs«, »Fass­bin­ders Kat­zel­ma­cher« und Fried­rich Nietz­sches »Zara­thus­tra« hat­ten mein Hirn zu Brei gefeu­delt. Ich musste drin­gend das Schwarze Meer rie­chen, in Buda­pest bril­lie­ren und in die Donau spucken.

Mario Osterland – »Die Übergabe. Erinnerungen in Polaroid. Fragmente. Vorbereitungen«

Der Januar war bit­ter­kalt, aber unsere Mut­ter hat uns immer warm­ge­hal­ten. Da waren viele Kin­der im Zug, die oft krank waren oder zu schwach. Es gab ja nicht immer was zu essen. Die Erfro­re­nen haben sie an den Bahn­hö­fen weg­ge­ben. Man­che Müt­ter stie­gen mit aus, andere blie­ben sit­zen und fuh­ren wei­ter. Als wir hier am Bahn­hof stan­den, fragte uns der Schaff­ner, wohin wir eigent­lich wollen. 

Anke Engelmann – »Das verlorene Buchenwald-Schiff oder Geschichten aus dem alten Schulhaus«

Hei­mat ist Iden­ti­tät. Wir defi­nie­ren uns über eine Land­schaft, einen Dia­lekt, einen Geruch, ein Lied und dem, was wir in der Kind­heit erlebt haben. In der Erin­ne­rung ver­bin­den sich die Ein­drü­cke zu einer Melange, deren Aroma für jeden ein­zig­ar­tig schmeckt. Hei­mat gerinnt zum Kitsch, wenn man diese Suppe nicht von Zeit zu Zeit umrührt und mit neuen Zuta­ten anreichert. 

Stefan Petermann – »Mische«

Mitte der 1990er Jahre begriff ich, dass ich mich für meine Hei­mat schä­men sollte. Es muss Harald Schmidt gewe­sen sein, er imi­tierte in sei­nem Stand-Up das, was er als säch­si­schen Dia­lekt ver­mu­tete und die Leute lach­ten, die Pointe hatte nichts mit Sach­sen zu tun, es ging irgend­wie um das, was Schmidt spä­ter als Unter­schicht bezeich­nen sollte, ein biss­chen Assi, ein biss­chen zurück­ge­blie­ben, auf ordi­näre Weise unter­be­lich­tet, das war die Pointe, des­halb lach­ten die Leute und um die­ses Lachen zu erzeu­gen, brauchte es nur das Spre­chen mei­ner Heimat.

Emma Braslavsky – »Wollen wir heimaten?«

Ich ver­stehe mich als Rei­sende, weil ich mich, neu­gie­rig, selbst­be­stimmt und mit Hang zum Grö­ßen­wahn, immer in der »gro­ßen, wei­ten Welt« wahr­nehme. Quatsch: Meis­tens fühle ich mich Teil des gesam­ten, mir bekann­ten Uni­ver­sums. Wahr­schein­lich hatte ich Glück damit, dass das Sys­tem, das mich als Kind geformt und gehät­schelt hatte, genau zu dem Zeit­punkt abstürzte, als ich erwach­sen wurde und flügge war, auch gerade dann, als es mich ein­zu­en­gen begann. 

Ron Winkler – »Begleitvermutung, hölderlinear«

Eines frü­hen Dezem­ber­mor­gens ein Sta­pel Bücher vor der Tür. Der gesamte Höl­der­lin vor mei­nem Stu­dio in Rom in herbst­lich fluss­tal­klam­mer Luft. Feucht wie an der Saale, feucht wie nah dem Neckar, feucht wie Tiber. Die Bücher hat­ten eine Farbe, die sie noch immer haben. Eine Farbe nicht mehr ganz dicht an der Ursprungs­farbe. Aber ein­deu­tig die Farbe auch der Tür, des Tibers, der Win­ter­flora wie des Tals, von dem ich meine, dass es meine erste Hei­mat war. 

Anne Gallinat – »A. – Ein Vogel im Käfig baut sich kein Nest«

Win­ter. 2021. Flug­ha­fen Erfurt. Am Abend. Ein Flug­zeug aus der Tür­kei ist gelan­det. Unter den Pas­sa­gie­ren ist A. Schwarz­graue Haare. Dunkle Augen. Hell­brau­ner Teint. Um die 40 Jahre alt. Er trägt einen dun­kel­blauen Ruck­sack und zieht einen klei­nen Kof­fer hin­ter sich her. Er wirkt hilf­los. Unsi­cher. Ja, des­ori­en­tiert. Den nächs­ten Flug­ha­fen­of­fi­zier fragt er auf Eng­lisch: »Wo bin ich?« Der Beamte lacht. »Sie sind in Deutschland.«

Landolf Scherzer – »Orte oder Heimat in der Fremde«

»Der Vor­hof zur Hölle«, sagen die Afri­ka­ner. Selbst unter den dich­ten Blät­ter­dä­chern der ver­ein­zelt ste­hen­den jahr­hun­der­te­al­ten Affen­brot­bäume steigt das Ther­mo­me­ter dort bis auf 70 Grad. In die­ser Gegend gibt es die ergie­bigs­ten Koh­le­vor­kom­men des Lan­des. Von der Erd­ober­flä­che kön­nen die min­e­ros, die Berg­leute, aus schrä­gen nied­ri­gen stol­len­ähn­li­chen Gän­gen die Stein­kohle im »Tage­bau« fördern. 

Bernd Ritter – »Heimaten«

Das Gedächt­nis tritt als Zeuge auf. Zeu­gen schwan­ken: Was erin­nern sie? Wann? Wie? Hei­mat ver­än­dert sich bis zur Unkennt­lich­keit – sie kommt uns abhan­den. Die Mut­ter ist 93 Jahre alt. Ihre Ehe­män­ner sind längst gegan­gen, ein jeder auf seine Weise. Brü­der und Schwes­tern sind gestor­ben, Freunde und Bekannte ebenso. Deren Kin­der und Kin­des­kin­der sind ein­ge­zo­gen in die Häu­ser ringsum.

Nancy Hünger – »Versuche über die Müdigkeit«

Wir win­ken vom Fest­land den Nar­ren­schif­fen. Sie ste­chen noch immer in See. Wir schauen zu und zer­bre­chen uns der­weil unsere hüb­schen Köpfe an Begrif­fen, viel lie­ber noch, als an der Wirk­lich­keit, an der alle Begriffe längst zer­bro­chen sind. Das ist ein Schiff­bruch mit Zuschauern.

Wulf Kirsten – »Exkursion nach Weitzschen«

Noch ein­mal könnte ich diese Bezie­hung, Ver­bun­den­heit mit der Land­schaft nicht her­stel­len. Da schiebt sich zuviel Fremde, Ver­än­de­rung dazwi­schen. Ein Berg von Toten. Es bleibt Befrem­dung, Abstand, also Ent­frem­dung. Ich selbst ein Frem­der. Am sinn­fäl­ligs­ten ver­fal­lene Bau­ern­höfe, Abbrü­che, das Rui­nöse, das die neuen uni­for­men Ein­fa­mi­li­en­häu­ser und DDR-Wohn­blocks aura­tisch tief in den Schat­ten stel­len. Kaum noch ein Weg. Nur noch Schnell­stra­ßen, auf denen ein Fuß­gän­ger nichts mehr zu suchen hat. Das macht die Ver­lo­ren­heit kraß bewußt.

Eberhard Häfner – »Ein erratischer Block, oft nicht dort, wo er erwartet«

Wol­len wir Hei­mat als eine ther­mo­dy­na­mi­sche Zustands­größe des Her­zens ver­ste­hen, wo jede emo­tio­nale Zuwen­dung, die durch Zufuhr von äuße­rer Wärme in Stoff­lich­keit sich entro­pisch ver­hält, weil inner­halb eines geschlos­se­nen Sys­tems die ablau­fen­den Pro­zesse zum Erlie­gen kom­men, wenn emp­fan­gene Wärme (Liebe) nicht wie­der nach außen abge­ge­ben wer­den kann.

Katrin Lemke – »Ortswechsel«

In Klein­mach­now auf­zu­wach­sen war ein Glück. Und vor allem der Frie­den war ein Glück, auch wenn in ihn die Rui­nen von Ber­lin hin­ein­rag­ten und viele Spu­ren des Ver­gan­ge­nen als Zei­chen an den Leben­den abzu­le­sen waren. Wie Schat­ten, wie unsicht­bare Geis­ter gin­gen neben ihnen ihre Toten ein­her. Von Groß­mutters und Mut­ters Toten war viel die Rede. 

Holger Uske – »Heimat. Eine Annäherung«

Wo wol­len wir sein? Und wer? Woher kom­men, wohin gehen wir? Wan­deln durch unsere Zeit. Ver­har­ren. Stel­len uns dem, das auf uns zukommt. Eilen davon. Neh­men Wege, schla­gen sie aus, atem­los alle Tage. Rau­schen vor­über: das Leben selbst ein Rausch. Wer hält uns auf? Stellt wann die Fra­gen, die all das in Frage stel­len? Orte zeit­le­bens. Das Atem­ho­len viel zu sel­ten. Wo mir der Atem leicht wird, viel­leicht ist dort meine Heimat.

Kathrin Groß-Striffler – »Das verlorene Paradies«

Es gibt die Welt, in der wir jetzt leben, und es gibt die andere Welt, in der wir einst gelebt haben und die wir in unse­ren Her­zen tra­gen. Wir geben uns Mühe. Ich meine damit, wir pas­sen auf, dass der Riss, der durch uns geht, nicht sicht­bar in unse­ren Augen ist, und wir sagen nie­man­dem, dass die Sonne hier anders scheint und dass der Him­mel uns nicht beschützt. 

Anselm Oelze – »Überall, nicht nirgends«

Frucht­bare Thü­rin­ger Löss­bö­den sind es, an die ich denke, wenn ich an Hei­mat denke. Dabei weiß ich nicht ein­mal genau, was das ist, ein Löss­bo­den, wie er aus­sieht, wenn die Sonne auf ihn scheint, wie er sich anfühlt, wenn man ihn in die Hand nimmt, oder wie er riecht, nach­dem der Regen ihn durch­nässt hat. Allen­falls weiß ich noch, wie es klang, wenn meine Grund­schul­leh­re­rin das Wort ›Löss­bo­den‹ aus­sprach, und es mag wohl zur sel­ben Zeit gewe­sen sein, dass ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben von ›Hei­mat‹ hörte. 

Kathrin Schmidt – »Heimat, Heumahd, Heiermahd …«

Ich bin gerade mal sechs Jahre alt. Mein Bru­der wird bald zwei, er sitzt in einem für DDR-Ver­hält­nisse unge­wöhn­li­chen Sport­wa­gen: Schi­ckes Alu­ge­stell, grü­ner Stoff. Eigent­lich sieht der Wagen aus wie ein klei­ner, fahr­ba­rer Lie­ge­stuhl. Ich kann nicht ein­ord­nen, nur fest­stel­len, dass nie­mand sonst so einen Kin­der­wa­gen hat. Leicht fällt es mir nicht gerade, ihn die Schil­ler­straße in Wal­ters­hau­sen, am Fuße des Thü­rin­ger Wal­des, hin­auf­zu­schie­ben, in die Schnep­f­entha­ler, die neben dem Berg­kamm her­läuft und darum nur eine kaum merk­li­che Stei­gung hat.

Jan Volker Röhnert – »Mein erster Olymp«

Ich bin ein Kind der Sand­stein­brü­che, die sich, öst­lich von Herms­dorf den Lauf des Erl­bachs zur Wei­ßen Els­ter bei Gera beglei­tend, im Rücken der Dör­fer auf­tun. Der Sand­stein hat sich hier nir­gendwo, wie andern­orts an der Elbe, zu hohen Ber­gen auf­ge­türmt, und wenn er es ein­mal getan haben mag, sind diese Berge hier durch die Glet­scher der letz­ten Eis­zeit zu unschein­ba­ren Boden­wel­len abge­schlif­fen, über die heute die Pflüge der Land­wirt­schaft ihre Acker­fur­chen ziehn.

Ulrike Gramann – »Herkunft und Aufenthalt«

Ein­mal, für kurze Zeit, lebte ich auch am Boden­see. Seit dem Jung­neo­li­thi­kum sie­deln Men­schen im Dunst­kreis des Sees, eines rie­si­gen Wär­me­spei­chers, bestehend aus acht­und­vier­zig Mil­li­ar­den Kubik­me­tern Was­ser. Seit fünf­tau­send Jah­ren kul­ti­vie­ren sie Äpfel. Als die Römer die von Kel­ten bewohnte Region erober­ten, brach­ten sie den Wein mit. 

Michael Schindhelm – »Keinheimisch«

Seit mehr als sechs­und­zwan­zig Jah­ren lebe ich in der Schweiz und immer an der Grenze. In Basel waren es noch ein paar hun­dert Meter nach Frank­reich und Deutsch­land, aber seit sech­zehn Jah­ren trennt mich allein der am Haus vor­über­zie­hende Fluss von Ita­lien. Die Brü­cke dar­über ist ein Grenzposten.

Über die Reihe »Von Heimat zu Heimat – eine literarische Spurensuche«

Der Begriff Hei­mat ist eng mit natio­na­ler und regio­na­ler Iden­ti­tät ver­knüpft. In von Begrif­fen wie »wokeness« und »poli­ti­cal cor­rect­ness« gepräg­ten Dis­kur­sen hat er einen denk­bar schlech­ten Ruf. Er steht für Hei­mat­tü­me­lei, Rück­schritt­lich­keit oder Welt­ab­ge­wandt­heit. Der Tenor im Feuil­le­ton, ob in der »Zeit“, der »taz“ oder dem »nd«, will die Rede von »Hei­mat« getrost den Ewig­gest­ri­gen über­las­sen – »links ist da, wo keine Hei­mat ist«.

›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/ueber-die-reihe-von-heimat-zu-heimat-eine-literarische-spurensuche/]