Stefan Petermann – »Mische«

Person

Stefan Petermann

Ort

Weimar

Thema

Von Heimat zu Heimat

Autor

Stefan Petermann

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

I. Sach­sen­scham

Mitte der 1990er Jahre begriff ich, dass ich mich für meine Hei­mat schä­men sollte. Es muss Harald Schmidt gewe­sen sein, er imi­tierte in sei­nem Stand-Up das, was er als säch­si­schen Dia­lekt ver­mu­tete und die Leute lach­ten, die Pointe hatte nichts mit Sach­sen zu tun, es ging irgend­wie um das, was Schmidt spä­ter als Unter­schicht bezeich­nen sollte, ein biss­chen Assi, ein biss­chen zurück­ge­blie­ben, auf ordi­näre Weise unter­be­lich­tet, das war die Pointe, des­halb lach­ten die Leute und um die­ses Lachen zu erzeu­gen, brauchte es nur das Spre­chen mei­ner Heimat.

Ich hatte mir zuvor nie wirk­lich Gedan­ken dar­über gemacht. Fami­lie im Erz­ge­birge, Fami­lie im Vogt­land, Freunde bei Leip­zig und Dres­den, ich lebte in Westsach­sen – das eine Säch­sisch gab es nicht, und ich stellte fest, dass es das doch gab, in der Vor­stel­lung ande­rer gab es das und die­ses Säch­sisch hatte einen Ruf, übel war der, und damit war nicht das »übelst« gemeint, das meine Freunde immer dem vor­an­stell­ten, was sie beson­ders fanden.

Als ich weg­ging aus mei­ner Hei­mat, dort, wo ich nun war, sprach ich Hoch­deutsch, oder zumin­dest das, was dafür hin­ge­nom­men wurde, auch wenn sich bei bestimm­ten Wör­tern ver­rä­te­ri­sche Laute ein­schli­chen. Wer sich bemühte, konnte in mei­nem Spre­chen noch immer meine Her­kunft hören, aber Harald Schmidt hätte mein Spre­chen nicht mehr so ohne Wei­te­res zum Zen­trum sei­ner Punch­li­nes machen können.

Mit dem Abstand zum Spre­chen kam der Abstand zum Land oder auch umge­dreht, und viel­leicht hätte sich das mit der Scham irgend­wann erle­digt und wäre zur übli­chen Melan­cho­lie, viel­leicht Sehn­sucht gewor­den, mit der man spä­ter die Hei­mat sei­ner Kind­heit und Jugend betrach­tet, hät­ten sich nicht ereig­net: Zwi­ckau, Frei­tal, Hei­denau, Baut­zen, Zit­tau, Schnee­berg, Chem­nitz, Dres­den, immer wie­der Dres­den, Pegida, NSU, Freie Sach­sen, AfD 30%, SSS, usw. Sach­sen wurde deutsch­land­weit akzep­tier­tes Syn­onym für Dun­kel­deutsch­land, nicht in Wor­ten nur, auch in Taten, gerade in Taten, pau­schal zu erken­nen, zu tei­len, zu beurteilen.

So war es und anderswo fand es auch statt, bestimmte Anhän­ger von Borus­sia Dort­mund unter­schie­den sich kein biss­chen von denen von Dynamo und HoGeSa mar­schier­ten in Köln und am 17. August wird im frän­ki­schen Wun­sie­del mar­schiert und Schnell­roda liegt in Sach­sen-Anhalt und Nord­kreuz in Meck-Pom und Thü­rin­gen ist sowieso voll­ge­pflas­tert mit Gol­de­nen Löwen.

Aber irgend­wie war es so, dass eine Tat in Sach­sen sinn­bild­haft stand für ein gan­zes Bun­des­land, Cha­rak­ter­be­weis war für vier Mil­lio­nen, säch­sisch als dun­keldumpfe Men­ta­li­tät und viel­leicht gab und gibt es die­ses Sys­te­mi­sche, natür­lich muss das so sein, eine Viel­zahl von Grün­den und His­to­rien und Struk­tu­ren in Poli­tik, Poli­zei, damals König Kurt, das Ein­igeln in den Berg­land­schaf­ten. Jeden­falls ist säch­sisch auch sym­bo­lisch, egal, wie kom­plex und dif­fe­ren­ziert ich dar­über nach­den­ken möchte.

Wie ver­hält man sich einem Sym­bol gegen­über? Wie ver­hält man sich, wenn man aus die­sem Sym­bol stammt, dort Jahr­zehnte ver­bracht hat, so viele der Geschich­ten kennt, die das Sym­bol wider­le­gen und jene, die es bestätigen?

Viel­leicht ist es so: Wenn ich in Sach­sen war, fragte ich nach letz­te­ren. Ansons­ten erzählte ich von den ande­ren Geschich­ten, berich­tete von denen, die im Gegen­satz zu mir geblie­ben waren, man­che auch dage­gen­stel­len. Und nun klaube ich für einen Text über Hei­mat, die­ses voll­ge­stopfte und damit ent­leerte Wort Hei­mat, über meine Hei­mat, die nun mal Sach­sen ist, Texte und Gedan­ken­fet­zen aus fünf­zehn Jah­ren zusam­men, bereite eine Mische zu, die nichts beant­wor­ten kann, son­dern Samm­lung ist, nur Samm­lung, unvoll­stän­dig, sub­jek­tive Aus­schnitte, die gerade so an der Ober­flä­che von Erin­ne­run­gen krat­zen, um irgend­wie anfan­gen zu können.

 

II. Stadt der Antiquitätenläden

Der Wer­dauer Bahn­hof ist ein auf gute Weise ver­schwen­de­ri­scher Bau, errich­tet vor fast 180 Jah­ren, mit stuck­ver­zier­tem Spei­se­saal, eigen, beson­ders. Heute riecht es hier nach Urin, Schei­ben sind ein­ge­schla­gen, an die Wände haben Jugend­li­che »Ich hasse Jen­ni­fer« oder »Sex« gekrit­zelt. Buch­la­den, Imbiss, Fahr­kar­ten­schal­ter – alles schloss irgendwann.

Vom Bahn­hof führt eine Straße hinab ins Zen­trum. Eine Zeit lang stan­den dort haupt­säch­lich Anti­qui­tä­ten­lä­den. Sie hie­ßen An- und Ver­kauf, Trend­ar­ti­kel, Second­Hand­Shop oder Ram­sch­kiste. In ihren Schau­fens­tern lagen Kom­mo­den, Lam­pen­schirme, Baby­pup­pen, Post­kar­ten, Rad­kap­pen, Nägel oder Schall­plat­ten von Boney M. Damals dachte ich, dass neben den 1‑Euro-Läden die Anti­qui­tä­ten­ge­schäfte noch die ein­zi­gen Händ­ler mei­ner Hei­mat­stadt wären. Ich dachte: Viel­leicht ver­kau­fen sie sich ihre Anti­qui­tä­ten gegen­sei­tig. Auf den Heck­fens­tern der lee­ren Busse klebte ein Spruch des Gewer­be­ver­bunds: »Fahr nicht fort / Kauf im Ort«.

Diese Stadt, meine Geburts­stadt, ist nicht klein. Aber sie war ein­mal grö­ßer. Fabri­ken gab es hier, Gast­stät­ten, alle im Plu­ral. Spä­ter waren Schau­fens­ter mit Sperr­holz­plat­ten geschützt, Häu­ser ein­ge­zäunt, der Geh­weg davor gesperrt, die Ein­sturz­ge­fahr hoch. Würde man jedes leer­ste­hende Haus der Haupt­straße abrei­ßen, würde sie an die Zahn­reihe eines müden, viel zu oft geschla­ge­nen Boxers erinnern.

Ich sehe die Stra­ßen­kreu­zung, auf der ein LKW in ein Auto raste und ein Mäd­chen auf dem Weg zur Schule tötete. Ich sehe den Hügel, wo die Braue­rei stand, und wie viele kenne ich die Mut­ma­ßun­gen dar­über, wer sie in Brand gesteckt haben soll. Ich sehe den Mann mit dem Feu­er­mal im Gesicht, dem die Kin­der nach­la­chen. Vor vie­len Jah­ren ist er auch schon durch die Stra­ßen gehum­pelt und damals haben wir mit den Fin­gern auf ihn gezeigt. Ich weiß, was wir über den Mann sag­ten, der in sei­ner hin­te­ren Hosen­ta­sche immer einen Kamm trug. Ich habe mich nie­mals mit ihm unter­hal­ten. Ich höre die alten Leute erzäh­len, dass dort, wo heute der Super­markt steht, 1941 ein Flei­scher war. Ich könnte den Erst­bes­ten anspre­chen und obwohl wir uns nicht ken­nen wür­den, könn­ten wir zwei Stun­den über mei­nen Hei­mat­ort reden.

Es sind andere Augen, mit denen ich heute auf das Graf­fiti an den Wän­den schaue, über das die Lokal­zei­tung so oft wütende Arti­kel geschrie­ben hatte. Auch das Graf­fiti schaut mich anders an. Es weiß nicht so genau, wo es mich ein­zu­ord­nen hat. In die­sen Ort? Bin ich nicht viel zu lange schon weg? Lebe ich nicht schon län­ger woan­ders, als ich je hier gelebt habe? Habe ich über­haupt noch das Recht, über diese Stadt zu schrei­ben? Ist sie wirk­lich noch Hei­mat­stadt oder längst Erin­ne­rung und alles, was ich heute sehe, beziehe ich auf ein Ges­tern? Ist die­ser Blick nicht unfair gegen­über der Gegen­wart, den Men­schen heute? Gibt es wirk­lich noch Sperr­holz­plat­ten vor den Geschäf­ten und wenn ja, warum schreibe ich am Anfang die­ses Text­teils aus­ge­rech­net dar­über? Was schreibe ich über die­ses Wer­dau, das vor drei­ßig Jah­ren exis­tierte und heute immer noch?

Es ist keine Sinn­su­che, der Weg vor­bei an die­sen Plät­zen, die getränkt sind mit ver­gan­ge­nen Gerü­chen und Ängs­ten und Sehn­süch­ten. Zuhause ist ein Ort mit ver­schie­de­nen Zei­ten. Es ist immer ges­tern und auch des­halb kommt man zurück. Mit jedem Wie­der­kom­men wächst der Ort, unsicht­bar, nur für mich selbst, aber er wächst unaufhörlich.

 

III. Mit Fen­gari in der Mitropa zu Weihnachten

Es gab keine Pla­kate, keine Flyer, kei­nen Post auf Face­book. Nur Text­nach­rich­ten, Tele­fo­nate, von Mund zu Mund haben wir die Kunde von die­sem Abend ver­brei­tet; die Weg­ge­zo­ge­nen kom­men über Weih­nach­ten zurück in die alte Stadt, tref­fen sich in der lange schon geschlos­se­nen Mitropa im Bahn­hof. Fen­gari soll spie­len, ihre Mixe fünf­zehn Jahre alt.

Es ist nur halb erlaubt, hier zu sein und das macht auch den Reiz aus. Die Schlös­ser an den Ket­ten zu kna­cken, die schwe­ren Türen so zu öff­nen, dass sich die Leute vom Amt spä­ter wun­dern, dass sie sich über­haupt öff­nen lie­ßen. Ein biss­chen wild sein, ein biss­chen wie ges­tern sein, einen Ort für eine Nacht zu einem eige­nen zu machen. Wir wol­len nichts zer­stö­ren, nicht »Sex« an die Wände der Bahn­hofs­halle schrei­ben oder Schei­ben ein­wer­fen. Wir wol­len der Stadt nichts Böses. Wir wol­len fei­ern, dass die Stadt und wir unfrei­wil­lig ein Bünd­nis ein­ge­gan­gen waren und wir alle das Beste dar­aus machen mussten.

Jetzt spielt es keine Rolle, wie die Stadt über uns denkt. Wie wir über sie dach­ten. Gerade gibt es die, die tan­zen. Die Beats sind klar und schnell, viele Höhen, viele Drops, das, was man damals als Drop ver­stand. Mehr noch reden mit­ein­an­der. So viel Leben ist pas­siert seit damals. Jeder von uns ist etwas gewor­den. Heute, hier und jetzt hat es den Anschein, als passte das meiste, was gesche­hen ist, zu dem, dem es gesche­hen ist.

In der Mitropa bei Fen­gari befin­det sich eine Zeit­ma­schine in die Ver­gan­gen­heit. Vor dem Bahn­hof ist die Gegen­wart. Vor dem Bahn­hofs­ge­bäude, bei den Bus­hal­te­stel­len steht eine Gruppe von Teen­agern. Sie sehen, wie wir in diese Zeit­ma­schine ein­stei­gen. Die Teen­ager fin­den selt­sam, was pas­siert, fin­den uns bizarr; diese Alten, diese Musik, diese Umar­mun­gen, die­ses Erin­nern, die­ses pein­li­che Dro­gen­neh­men, diese weni­ge­ren Haare, diese selige Nost­al­gie. Die Teen­ager sind erstaunt, dass an die­sem toten Ort etwas statt­fin­det und sind eupho­ri­siert davon, alles bes­ser als diese Stadt, selbst Fen­gari in der Mitropa, und sie geben sich alle Mühe, sich diese ver­wir­rende Viel­zahl an Gefüh­len nicht anmer­ken zu las­sen, sie schreien, sie sto­ßen sich, küs­sen, trin­ken und ren­nen irgend­wann weg, die Stra­ßen hinunter.

In fünf­zig, in sieb­zig Jah­ren wer­den wir gestor­ben sein. Eine von uns wird die letzte sein. Nie­mand sonst wird dann mehr in die­sen Stun­den in die­ser Nacht hier im Bahn­hof gewe­sen sein. Nie­mand sonst wird davon berich­ten kön­nen. Nie­mand wird ver­ste­hen kön­nen, wie es war, mit Fen­gari in der Mitropa zu Weihnachten.

 

IV. Ver­such kei­ner Verletzung

Wie kann ich von dir erzäh­len, ohne mich und dich zu ver­let­zen, so viele Momente bis­her mit dir, bist die Haupt­straße, die benannt ist nach einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­füh­rer, bist die Tat­too­stu­dios und Pier­cing­bu­den zu ihrer Rech­ten, bist das neu­ge­machte Ver­kehrs­krei­sel, bist die Steu­er­mit­tel aus dem Soli­da­ri­täts­zu­schlag, die in all die gepflas­ter­ten Geh­wege geflos­sen sind, bist die ehe­ma­li­gen ABM-Kräfte, bist die Arbeits­lo­sen, die sich vor dem Penny tref­fen, bist die Pilze, Pil­len, Bongs, bist die Amstaff-Trai­nings­an­züge, die Life-is-Pain-Cargo­ho­sen und die Kampf­hunde, bist das Capri und all die Dates, bist der Athe­is­mus, den wir mit der Mut­ter­milch auf­ge­so­gen haben, bist das unver­blümte Ableh­nen, bist das Weh­kla­gen, das Weg­du­cken, das Immer-etwas-klei­ner-machen-als-man-ist, bist das Nicht­hoch­deut­sche in jedem dei­ner Wör­ter, bist die wun­der­schö­nen Wör­ter, die dabei ent­ste­hen und dass woan­ders diese Schön­heit ver­lacht wird, bist du Vogel, ich poch dir vorn Hals, bist das Ein­wand­frei als höchs­tes dei­ner Lobes­worte, bist die Rou­lade mit Speck zu Weih­nach­ten, bist das Gril­len und dass du für jeden eine Ros­ter bereit­hältst, eigent­lich für jeden zwei und für die Nichte sogar in Alu­fo­lie gewi­ckel­tes Gemüse, bist die Orte, zu denen man als Lin­ker nicht hin­ge­gan­gen ist, bist die Plat­ten­bau­sied­lung, deren Fas­sa­den mit bun­ten Far­ben ange­stri­chen sind, bist die andere Plat­ten­bau­sied­lung, deren Fas­sa­den mit Bil­dern blu­men­kranz­tra­gen­der Frauen bemalt sind, bist die Sub­woo­fer der Sko­das abends an den Tank­stel­len, bist die Power­chords der Onkelz aus her­un­ter­ge­fah­re­nen Auto­fens­tern, bist, dass nie­mand Berühm­tes hier gebo­ren wurde und nie­mand wirk­lich Berühm­tes hier gewe­sen ist außer Die­ter Boh­len vor vier­zig Jah­ren im Stadt­park, bist, dass hier nur sel­ten der Bür­ger­meis­ter ein zwei­tes Mal gewählt wird, bist das Zau­dern, bist die Wachs­schür­zen der Groß­müt­ter, die Werk­zeug­kel­ler der Groß­vä­ter, bist der still­ge­legte Spring­brun­nen im Park, bist die ver­las­sene Voliere, weil jemand die Vögel darin ver­gif­tet hat, bist die bun­ten Wägel­chen, in denen Kin­der­gärt­ne­rin­nen die Ein­jäh­ri­gen vor­mit­tags am exqui­si­ten Fisch­la­den vor­bei­zie­hen, bist die Gara­gen, die sich die Jugend­li­chen gemie­tet haben, um darin für sich zu sein, bist die Abend­gar­de­robe der Rat­haus­kon­zerte, bist der ein­ge­übte Disco-Fox auf dem Abi­ball, bist die Raps­fel­der, die dich im Mai umschlie­ßen, bist die Zeit der Vil­la­be­sit­zer, seit der über hun­dert Jahre ver­gan­gen ist, bist die Geschichte mei­ner Fami­lie, mei­ner Freunde und guten Nach­barn, jeder Augen­blick von Wich­tig­keit, bist die Nor­ma­li­tät, das, was du für nor­mal hältst, bist, dass ich jedem von außer­halb erklä­ren muss, woher ich stamme, oder ich sage: »bei Zwi­ckau«, bist die Geschäfte, die Pakete anneh­men, weil du keine Post mehr hast, bist die Umlei­tun­gen, die ein Jahr lang umlei­ten, bist die Sport­plätze bei den Eisen­bahn­schie­nen, bist das Hal­len­bad, das auf dem Gelände des zuge­schüt­te­ten Frei­bads steht, bist die gran­dio­sen Rodel­hü­gel, bist Fried­hof mei­ner Vor­fah­ren, bist Geschichte und ringst darum, wei­ter eine zu haben, bist eine Pop-Up-Kunst­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Aero­ci­t­werk, bist Blei­ben und Weg­gang, bist Amts­blatt und Bier­fass­an­stich, bist die Whats­App-Gruppe, mit der Müll­weg­räum­ak­tio­nen orga­ni­siert wer­den, bist die bun­ten Plas­ti­kos­ter­eier, die an den Brun­nen am Markt gehan­gen wer­den und wenn Van­da­len sie abrei­ßen, hängst du sie trot­zig ein zwei­tes Mal auf, bist der Pilz­pfan­nen­ver­käu­fer auf dem Stra­ßen­fest, bist der eine Sport­ver­ein, der für ein paar Jahre in einer zwei­ten Liga gewe­sen ist, bist, dass du mich kennst wie kein ande­rer Ort, du die Luft bist, die ich ein­at­mete, den Geruch von gebra­te­nen Nudeln an der Annon­cen­uhr, den Moder, der mir durch die ein­ge­schla­ge­nen Fens­ter der alten Fabri­ken ent­ge­gen­schlug, bist die Eisen­bahn­brü­cke, unter der zwei Kreuze ste­hen, immer noch ste­hen, bist der kleine Fluss und die Gefälle, die ich mit dem Fahr­rad hin­un­ter­gesaust bin, bist die Auf­kle­ber der Nazis an den Stra­ßen­la­ter­nen, bist die kleine Half­pipe neben der Tank­stelle, bist Hin­ter­grund der Fotos, die mir etwas bedeu­ten, bist keine Post­karte, die ich aus dir schreibe, bist ab 18.00 Uhr geschlos­sen, wie könnte es anders sein, bist so gut wie jeder Moment, so schlecht wie jeder Moment, ich kann die Zeit nicht wäh­len, in der ich lebe, aber über den Ort ent­schei­den, an dem ich das tue, wie soll ich von dir erzäh­len, als wärst du eine Sache, erzäh­len, als hätte ich dich mich ver­stan­den, wie soll ich von dir erzäh­len, ohne mich und dich zu ver­klä­ren, ver­ges­sen, erin­nern, ver­let­zen, wie soll ich?

 

V. Spot on

In der Woche, in der die Queen stirbt, fahre ich zu einem Som­mer­fest der säch­si­schen Ver­tre­tung nach Prag. Das Fest ist eine jähr­lich statt­fin­dende Ver­an­stal­tung, auf der die säch­si­sche Regie­rung ver­schie­dene Aspekte Sach­sens in Tsche­chien vor­stel­len lässt, eine kleine Messe mit Emp­fang und Musik im Gebäude mit der größ­ten Samm­lung sor­a­bis­ti­scher Lite­ra­tur außer­halb der Lau­sitz, ein Vize­mi­nis­ter begrüßt, ein Staats­se­kre­tär spricht, die Räume mit grün-gel­ben Bän­dern deko­riert, die Aus­stel­len­den wer­den Maker genannt, das Büfett mit Fin­ger­food und him­beer­far­be­nen Knö­deln, der Emp­fang in der Alt­stadt, die Karls­brü­cke zwei Minu­ten ent­fernt. In die­sem Jahr lau­tet das Motto: »Spot On Crea­tive Sax­ony«. Gleich in der ers­ten Rede wird selbst­iro­nisch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es säch­sisch aus­ge­spro­chen leicht zu Miss­ver­ständ­nis­sen kom­men und das Spot wie Spott klin­gen könne. Als über die zukünf­tige Kul­tur­haupt­stadt Chem­nitz gespro­chen wird, fällt der Satz: Von Marx zu Maker. Auch Wer­dau ist auf die­sem Som­mer­fest ver­tre­ten, einer der Maker stellt Fotos aus, dar­auf Bil­der aus dem vier­ten Textteil.

Die­sen Text­teil schreibe ich auf einem Notiz­block, auf dem steht: »Gemein­sam gestal­ten wir ein krea­ti­ves Sach­sen«. Der Blei­stift ist ein Wer­be­mit­tel für »Chem­nitz Kul­tur­haupt­stadt 2025«. In den Wer­be­mit­teln, die in Tsche­chien für Sach­sen wer­ben sol­len, ste­hen Sachen wie: Mut machen. Impulse geben. Sicht­bar­keit. Wert­schät­zung. Krea­tive Räume wei­ter­ent­wi­ckeln. Koope­ra­tion. Work­shops. Inno­va­tiv. Poten­zi­al­räume. Leben­dige Inno­va­tio­nen fin­den. Gemein­sam gestal­ten. » Navš­tivte Sach­sen«, Besu­chen Sie Sach­sen, steht auf den Pla­ka­ten an den Wän­den, dazu Fotos von Ber­gen, Flüs­sen, Wäl­dern, Schlös­sern, alle säch­sisch, alle idyllisch.

Wer­dau in Prag, zwei Tage Sach­sen pur, alle sind über­aus freund­lich, inter­es­siert zuge­wandt, Gesprä­che ent­ste­hen, Gemein­sam­kei­ten wer­den fest­ge­stellt, man ver­netzt sich, auch ich tue dies, und obwohl ich nie­man­den kenne außer einem Maker, mei­nem engs­ten, längs­ten Freund, fällt es sehr leicht zu spre­chen, weil ich mit allen spre­chen kann über: Sachsen.

Ich ver­su­che, das irgend­wie zusam­men­zu­brin­gen; Som­mer­fest & Mitropa, Staats­se­kre­tär & Zahn­lü­cke in Haupt­straße, mein Bild von Hei­mat, das Bild, das andere von mei­ner Hei­mat haben, Bil­der, die andere von mei­ner Hei­mat erzeu­gen wol­len mit Blö­cken, Blei­stif­ten, Agen­tur­sprech und Flos­kel­wol­ken, mit Musik und Stän­den und Reden und Bro­schü­ren und Kul­tur­haupt­städ­ten, höre die Geschich­ten, die gegen andere Geschich­ten gesetzt wer­den, das Fin­ger­food gegen die Ros­ter mei­ner Jugend. Zwei Tage in Prag, die beharr­lich gegen den ers­ten Text­teil arbei­ten, die ver­su­chen, ein Sach­sen zu erschaf­fen in ande­ren Bil­dern mit ande­ren Men­schen und ande­ren Absich­ten und es ist nicht mal falsch, weil diese Bil­der ja auch etwas Tat­säch­li­ches zei­gen und ich mit die­sen Men­schen ja tat­säch­lich spre­che und ich sehe an ihren Stän­den ja, was sie tun, sie rei­ßen keine Bahn­höfe ab, sie ent­wi­ckeln krea­tive Räume in mei­ner Hei­mat, sie tun es seit Jahren.

 

VI. Abriss

Drei Monate vor Prag lese ich in Wer­dau. Das Bahn­hofs­ge­bäude wird in weni­gen Mona­ten abge­ris­sen wer­den, zukünf­tig soll ein funk­tio­na­ler Hal­te­punkt das opu­lente Gebäude erset­zen. Ein letz­tes Mal wird gefei­ert. Dies­mal soll es – anders als bei Fen­gari in der Mitropa zu Weih­nach­ten – nicht heim­lich sein. Eine Gruppe von Freun­den hat sich dafür zusam­men­ge­tan, orga­ni­siert, alles pri­vat, auch die Finan­zie­rung, über Crowd­fun­ding kamen fünf­tau­send Euro zusam­men. Davor stan­den zahl­rei­che Bege­hun­gen, Sicher­heits­kon­zepte, jede Menge For­mu­lare, War­ten dar­auf, dass Leute in Ämtern not­wen­dige Stem­pel setzen.

Dann sitze ich an einem Sams­tag in der alten Mitropa, die für die­sen Anlass noch ein­mal her­ge­rich­tet ist. Da, wo die alte Bahn­hofs­uhr mal war, hängt jetzt eine Dis­ko­ku­gel. Zwölft­kläss­ler ver­kau­fen Kuchen zur Finan­zie­rung ihrer Abschluss­fahrt. Die Toch­ter viet­na­me­si­scher Gast­ar­bei­te­rin­nen, die in der Sorge leb­ten, einem Plat­ten­bau, zeigt einen Doku­men­tar­film über das Ankom­men ihrer Eltern in den 1980er Jah­ren in Wer­dau. Ich lese Teil 2, 3 & 4 die­ser Hei­mat­su­che vor. Vor mir sit­zen lang­jäh­rige Freunde, deren Kin­der, sit­zen ehe­ma­lige Deutsch­leh­re­rin­nen, sitzt auch der Bür­ger­meis­ter, hören zu, fra­gen spä­ter nach dem Text.

Auch spä­ter: ste­hen wir zusam­men. Wir erzäh­len vom Vor­tag. Am Abend kamen Druf­fis, die mit den Pil­len und dem Schnaps. Sie sam­mel­ten sich vor dem Gebäude, hock­ten da, brü­te­ten Aggres­si­vi­tät aus, die eska­lierte. Es hatte Mische gege­ben, hieß es. Mische hat hier meh­rere Bedeu­tun­gen. Mische steht für eine Kom­bi­na­tion aus Soft­ge­trän­ken mit har­tem Alko­hol. Steht für Mari­huana. Und steht für eine Schlä­ge­rei. Letz­tere geschah. Die Poli­zei kam mit meh­re­ren Ein­satz­wa­gen, kon­trol­lierte, sprach Platz­ver­weise aus. Heute, an die­sem Tag, patrouil­liert die Poli­zei schon frü­her, prä­ven­ti­ves Abdrän­gen, Dees­ka­lie­ren durch Anwe­sen­heit, erklärt die Polizei.

Die Beschrei­bung des gest­ri­gen Zustands klingt dra­ma­tisch. Jetzt sind da, wo ges­tern die Mische war, Fami­lien, die ihre klei­nen Mäd­chen bei einem Show­tanz beklat­schen. Sind Rent­ne­rin­nen, die sich die Foto­aus­stel­lung anschauen und sich erin­nern, an damals, als die Leute in Wer­dau anka­men und nicht nur weg­fuh­ren. Jetzt sind da die Bekann­ten, Schul­freunde, Typen, die man frü­her kannte und des­halb immer noch kennt. Eini­gen sage ich, was für ein wider­sprüch­li­ches Gefühl es für mich ist, hier zu sein. Einer sagt: Sobald ich hier bin, kom­men die Kom­plexe zurück, die ich mit vier­zehn hatte. Einige über­le­gen, warum es nicht gelun­gen ist, den Bahn­hof zu bele­ben, so, wie es in ande­ren säch­si­schen Städ­ten gelang, in eigent­lich fast allen Städ­ten Sach­sens. Eine spricht davon, wie viele weg­ge­gan­gen sind. Davon, dass man hier eher sagt, was nicht geht. Jemand spricht von der Men­ta­li­tät die­ses Ortes, unse­rer Hei­mat, in der wir fast alle nicht mehr leben.

Am Abend, es wird schon Nacht, sitze ich im Zug, der mich weg­bringt von Bahn­hof, Spra­che, der Mische. Ich höre Musik, die ich vor über zwan­zig Jah­ren gehört habe, fahre dahin zurück, wo man die Geschich­ten mei­ner Hei­mat nicht kennt, die Bil­der nicht, dahin, wo meine Hei­mat Sym­bol ist.

 

***

»Von Hei­mat zu Hei­mat – eine lite­ra­ri­sche Spu­ren­su­che« ist eine Reihe des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes e.V. mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Kul­tur­stif­tung des Frei­staats Thüringen.

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