Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit

»Das Vater­land ist ein phy­si­ka­li­sches Rät­sel. Man sieht sein Inne­res bes­ser von außen.«

Die­ser Satz des Schrift­stel­lers Franz Carl End­res hat wohl zu allen Zei­ten seine Gül­tig­keit. Über­tra­gen auf Wei­mar zeigt er, daß, gemes­sen an der Zahl der Ver­fas­ser, weit mehr lesens­werte Texte über Wei­mar von Besu­chern der Stadt als von sei­nen Bewoh­nern geschrie­ben wur­den.

Hein­rich Heine ver­ball­hornte in sei­ner unwi­der­steh­li­chen Art den Begriff von Wei­mar als Musen­sitz zu »Musen­wit­wen­sitz«. Der Schrift­stel­ler Fritz Daum machte dar­aus die »Musen­phi­lis­ter­stadt«. Köst­lich glos­siert der das deut­sche »Pen­si­o­no­po­lis«, in dem sich »zwölf erwach­sene Töch­ter drei Sei­del Bier« tei­len. Schorn­stein­fe­ger­meis­ter­wit­wen und höhere Pen­si­ons­töch­ter. Zu letz­te­ren gehörte etli­che Jahre spä­ter auch Mar­lene Diet­rich, deren Mut­ter alle vier­zehn Tage nach Wei­mar eilte, um dem Töch­ter­lein den Kopf, nein, die Locken zu waschen.

Angela Böck­lins Memoi­ren über das Leben mit Arnold Böck­lin, mit dem sie 1860 bis 1862 in der Stadt lebte, lei­ten eine Reihe ein­drucks­vol­ler und leben­di­ger Schil­de­run­gen aus der Sicht bil­den­der Künst­ler ein, die an der Kunst­aka­de­mie und spä­ter am Bau­haus lehr­ten und arbei­te­ten. Zu den weni­ger bekann­ten unter ihnen gehört Her­mann Schlitt­gen, des­sen Wei­mar­auf­ent­halt vor allem von Erin­ne­run­gen an Hun­ger und Kälte geprägt wurde.

Fried­rich Nietz­sche bezeich­nete Goe­the 1888 in sei­nen »Streif­zü­gen eines Unzeit­ge­mä­ßen« als »groß­ar­ti­gen Ver­such, das acht­zehnte Jahr­hun­dert zu über­win­den«. Wenige Jahre spä­ter schil­derte Edwin Reds­lob den Über­gang vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert, das in Wei­mar mit dem Tod des Groß­her­zogs Carl Alex­an­der begann.

Rudolf Stei­ner trat 1890 als Mit­ar­bei­ter ins Goe­the- und Schil­ler-Archiv ein und arbei­tete im Kreis der ers­ten Goe­the-Phi­lo­lo­gen, die Her­mann Bahr 1923 als »neue Men­schen­art« apo­stro­phierte; die wei­he­volle Atmo­sphäre der Ein­wei­hung des Archivs schil­dert Felix Pop­pen­berg 1896 in sei­nem Auf­satz »Unser Wei­mar«, der ganz im Tenor zahl­rei­cher Bei­träge über die spä­te­ren Tagun­gen der Shake­speare-Gesell­schaft, Goe­the-Gesell­schaft und der Schil­ler­stif­tung geschrie­ben wurde. Nicht nur Deutsch­land, die Welt traf sich allent­hal­ben zur Goe­the­ver­eh­rung. Weit weni­ger Abglanz blieb dabei für Schil­ler.

Im Lesen und Gegen­le­sen der zahl­rei­chen Wei­mar-Texte wird über­deut­lich, daß die Autorin­nen und Autoren trotz und bei aller Hel­den­ver­eh­rung (nach Goe­the) die­sen in Wei­mar lang­an­hal­ten­den Zustand nur durch Iro­ni­sie­rung und die Beschrei­bung des Mensch­li­chen, meist All­zu­mensch­li­chen, zu ertra­gen ver­moch­ten. Wie etwa Lily Braun, die sich von der höfi­schen Gesell­schaft gleich­sam erdrückt fühlte oder Gabriele Reu­ter, die mit ihrem Bei­trag »Ibsen in Wei­mar« ein lite­ra­ri­sches Glanz­stück vor­legte.

Wer sich in die Texte ein­liest, die der Stadt eins­tige, nicht sel­ten wie­der­holte Besu­cher schrie­ben, fin­det sich als­bald in ein inner­städ­ti­sches Gespräch ver­wi­ckelt, wel­ches über die Jahr­hun­derte fort­zu­ge­hen scheint. Die­bi­sche Freude mag man­chen Leser beschlei­chen ange­sichts Otto von Tau­bes Goe­the­läs­te­rung, der als Hilfs­ar­chi­var des Goe­the-Insti­tuts mit der Inven­ta­ri­sie­rung einer Dose Steck­na­deln der Frau Geheim­rat betraut, einige davon aus dem Fens­ter zu wer­fen ver­sucht ist. Ganz andere Töne klin­gen in Franz Kaf­kas Rei­se­ta­ge­buch von 1912 an, das gleich­sam zum Dreh­buch wird, so leben­dig ist seine Stadt­schil­de­rung.

In der »Villa Sil­ber­blick« tra­fen sich vor allem nach Nietz­sches Tod Ver­eh­rer und Kri­ti­ker, die Nietz­sche zu Ehren sei­ner Schwes­ter die Refe­renz erwie­sen. Ihre lite­ra­ri­schen Zeug­nisse allein füll­ten einen unter­halt­sa­men und nach­denk­li­chen Band. Richard Voß, Salomo Fried­län­der, nicht zuletzt Ursula Sigis­mund mit ihrem Roman »Zara­thu­stras Sipp­schaft« geben in ihren Schrif­ten kri­ti­sches Zeug­nis von ihrer Begeg­nung mit Nietz­sche und des­sen Schwes­ter.

Die Novem­ber­re­vo­lu­tion 1918 brachte schließ­lich die ent­schei­dende Zäsur im Jahr­hun­derte wäh­ren­den Thea­ter­stück »Leben in der Resi­denz«.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Fritz Daum – »Aus der Musenphilisterstadt«
  2. Angela Böcklin – »Böcklin bei Hofe«
  3. Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«
  4. Konrad Guenther – »Gerhard Rohlfs in der Villa Meinheim«
  5. Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«
  6. Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«
  7. Richard Voß – »Schwankende Gestalten«
  8. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  9. Harry Graf Kessler – »Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes«
  10. Edwin Redslob – »Ein neues Weimar«
  11. Rainer Maria Rilke – »Brief an Helene von Nostitz«
  12. Otto von Taube – »Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut«
  13. Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«
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