H. W. Katz in Gera
1 : Eine ostjüdische Familie in Thüringen – Ankunft in Gera 1914

Person

H. W. Katz

Orte

Gera

Arndtstraße 3

Altenburger Straße 7

Themen

Weimarer Republik

Thüringen im Nationalsozialismus

Autor

Annerose Kirchner

Thüringer Literaturrat e.V.

»Die Erde in Ost­ga­li­zien ist schwarz und saf­tig und sieht immer etwas schläf­rig aus, wie eine rie­sige fette Kuh, die dasteht und sich gut­mü­tig mel­ken läßt,« schrieb der bedeu­tende jüdi­sche Schau­spie­ler Alex­an­der Gra­nach (1890–1945) über seine Her­kunft in senem auto­bio­gra­phi­schen Roman Da geht ein Mensch. Der Künst­ler stammte aus Wer­bi­wici, jid­disch Wer­bo­witz, pol­nisch Wier­z­bowce in der Nähe von Kolo­mea, nahe der Stadt Lem­berg, die als geo­gra­phi­scher Ort und Kul­tur­me­trole eben­falls so viele unter­schied­li­che sprach­li­che Benen­nung erfah­ren hat wie Czer­no­witz in der Buko­wina.

Gali­zien, die­sem längst als Mythos in der Ver­gan­gen­heit ver­schwun­de­nen Viel­völ­ker­staat, in dem neben Polen, Ukrai­nern, Juden, Deut­schen, Arme­ni­ern, Ungarn, Slo­wa­ken oder Rumä­nen noch andere kleine Eht­nien leb­ten wie die Boj­ken und Huzu­len, lag am Rande von Europa und war vor allem dem geis­ti­gen Europa sehr nach. Immer ein Spiel­ball der Groß­mächte Ruß­land, Polen und Preu­ßen. Im Zuge der ers­ten pol­ni­schen Tei­lung 1772 fiel diese neue Pro­vinz – bestehend aus Ost­ga­li­zien mit dem Zen­trum Lem­berg und West­ga­li­zien mit Kra­kau – an die habs­bur­gi­sche Mon­ar­chie und erhielt den klin­gen­den, fast geheim­nis­vol­len Namen »König­reich Gali­zien und Lodo­me­rien«.

In den Jah­ren ab 1890 bis kurz vor Beginn des Ers­ten Welt­krieg such­ten viele ost­jü­di­sche Fami­lien eine neue Hei­mat. Kurz vor und nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges 1914 setzte eine große Flucht­welle ein. Tau­sende Men­schen wan­der­ten nach Über­see aus, vor allem nach Ame­rika, oder in den Wes­ten, in die gro­ßen Städte wie Ber­lin. Joseph Roth (1894–1939), als Sohn jüdi­scher Eltern in Brody gebo­ren und einer der bedeu­tends­ten Gali­zien-Erzäh­ler schrieb in sei­nem Essay »Reise durch Gali­zien« von 1924 über »Leute und Gegend«:

Die Erde ist reich, die Bewoh­ner sind arm. Sie sind Bau­ern, Händ­ler, kleine Hand­wer­ker, Beamte, Sol­da­ten, Offi­ziere, Kauf­leute, Bank­men­schen, Guts­be­sit­zer. Zu viele Händ­ler, zu viel Beamte, zu viel Sol­da­ten, zu viel Offi­ziere gibt. Alle leben eigent­lich von der ein­zi­gen pro­duk­ti­ven Klasse: den Bau­ern.

An ande­rer Stelle heißt es: Gali­zien liegt in welt­ver­lo­re­ner Ein­sam­keit und ist den­noch nicht iso­liert; es ist ver­bannt, aber nicht abge­schnit­ten; es hat mehr Kul­tur als seine man­gel­hafte Kana­li­sa­tion ver­mu­ten läßt; viel Unord­nung und noch mehr Selt­sam­keit.

Zu den Flücht­lin­gen, die sich aus Angst vor Pogro­men, sozia­ler Dis­kri­mi­nie­rung, Not und Armut und der Bedro­hung durch die rus­si­schen Sol­da­ten, auf einen lan­gen, gefähr­li­chen und beschwer­li­chen Weg mach­ten, gehörte auch Aron Katz, Jahr­gang 1882 mit sei­ner Fami­lie: Ehe­frau Goldy und die bei­den Söhne Michael (1904 oder 1908 gebo­ren) und Hersch Wolff (gebo­ren am 31. 12. 1906). Sie kamen aus dem klei­nen Städt­chen Rudky süd­west­lich von Lem­berg.

Eine Irr­fahrt war ihre Flucht nicht, denn das Ziel stand fest: Gera, in Ost­thü­rin­gen, im Fürs­ten­tum Reuß jün­gere Linie. Hier leb­ten um 1900 rund 45.630 Ein­woh­ner. 1919 waren es schon fast 74.000. Unter ihnen auch zahl­rei­che ange­se­hene jüdi­sche Bür­ger, wie Max Bier­mann, der noch vor Kauf­haus­grün­der Oscar Tietz im Jahr 1878 am Johan­nis­platz ein Tex­til­kauf­haus eröff­nete, das bald zu den ers­ten Adres­sen der Stadt gehörte.

Es ist mög­lich, dass Mathis Katz, der als ers­ter aus der Fami­lie Ost­ga­li­zien ver­las­sen hatte, sei­nem Bru­der Aron von der rei­chen Stadt Gera und den Mög­lich­kei­ten, sich hier eine Exis­tenz auf­bauen zu kön­nen, berich­tete. Viel­leicht lud er ihn sogar ein. Als Letz­ter der drei Brü­der kam Leo Katz Anfang der 1920er Jahre nach Gera. Leo und Mathis betrie­ben nun ein gemein­sa­mes Geschäft für Wäsche und Beklei­dungs­ar­ti­kel im Stadt­zen­trum. Leo war auch als Rei­sen­der unter­wegs.

Der Ursprung der Brü­der lag in Sokal, nörd­lich von Lem­berg. Aron Katz arbei­tete mit den Brü­dern zusam­men und eröff­nete bald ein eige­nes Geschäft, eine Fell­hand­lung mit Roh­pro­duk­ten. Die Geschäfte der Katz-Brü­der befan­den sich im Stadt­zen­trum von Gera, größ­ten­teils im Gebiet des Zscho­ch­ern­plat­zes, mit wech­seln­den Adres­sen.

Was für ein Kul­tur­schock muss es für Aron Katz gewe­sen sein, der nur jid­disch sprach und nun in einer rich­ti­gen deut­schen Stadt lebte, die gar nichts mit der Welt des Schtetls zu tun hatte.

Der Ost­jude weiß in sei­ner Hei­mat nichts von der sozia­len Unge­rech­tig­keit des Wes­tens; nichts von der Herr­schaft des Vor­ur­teils, das die Wege, Hand­lun­gen, Sit­ten und Welt­an­schau­un­gen des durch­schnitt­li­chen Wet­steu­ro­pä­ers beherrscht: nichts von der Enge des west­li­chen Hori­zonts, den Kraft­an­la­gen umsäu­men und Fabrik­schorn­steine durch­za­cken […], schrieb Joseph Roth, der im Exil in Paris ein­sam und krank vom Alko­hol starb, in sei­nem berühm­ten Essay »Juden auf Wan­der­schaft« von 1927.

Aron Katz änderte sei­nen Namen nicht, dage­gen gab sich seine Frau Goldy (sie stammte aus Rudky) – wohl als ers­ten Schritt der Anpas­sung und um nicht unbe­dingt durch ihren jüdi­schen Namen auf­zu­fal­len – den deut­schen Vor­na­men Jenny und aus Hersch Wolff Katz wurde Hein­rich Wil­helm Katz, kurz »Willy«. Er erlebte als Kind anders als die Erwach­se­nen Flucht, Ver­trei­bung und neue Hei­mat. Für ihn war das Leben in Gera ein gro­ßes Aben­teuer.

In der Arndt­straße 3 bezog Aron Katz seine erste Woh­nung. Hier starb am 6. Novem­ber 1916 im Alter von 30 Jah­ren seine Frau Jenny bei der Geburt ihres drit­ten Kin­des am Kind­bett­fie­ber. Das Kind üer­lebte nicht. Jenny Katz wurde auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Leip­zig bei­gesetzt. Die­ser schmerz­hafte Ver­lust ver­än­derte das Zusam­men­le­ben der Fami­lie. Beson­ders der sen­si­ble neun­jäh­rige Willy litt unter dem Ver­lust und konnte sich nicht mit Gustl, der neuen Frau sei­nes Vaters, die aus Kra­kau in Polen stammte und streng gläu­big war, anfreun­den..

Seit­dem ich keine Mut­ter mehr hatte, lässt Katz spä­ter in sei­nem Roman »Schloß­gasse 21. In einer klei­nen Stadt«, sei­nen Ich-Erzäh­ler Jakob Fisch­mann sagen, war ich manch­mal sehr unglück­lich. Wenn andere Kin­der von ihrer Mut­ter spra­chen, blieb ich stumm.

Die Fami­lie bekam noch Zuwachs durch die Geburt des Stief­bru­ders Saul, Jahr­gang 1921. Aron Katz war in die Alten­bur­ger Straße 7 gezo­gen. Hier lebte er mit sei­ner Fami­lie bis 1938. Willy hatte sich wohl nach dem Tod der Mut­ter von der Fami­lie getrennt und suchte ein eigen­stän­di­ges Leben. Er wohnte bei Ver­wand­ten und spä­ter in einem Zim­mer in der Huß­straße, in der Nähe der Bau­ver­eins­traße, wo Onkel Mathis sein Geschäft hatte. Er ver­sorgte sich wahr­schein­lich ganz selbst­stän­dig und übte klei­nere Tätig­kei­ten aus.

 H. W. Katz in Gera:

  1. Eine ostjüdische Familie in Thüringen – Ankunft in Gera 1914
  2. Kindheit und Jugend, Schule und Bildung
  3. Hinwendung zur sozialistischen Arbeiterjugend
  4. Journalist und Redaktionsmitglied der »Welt am Montag« in Berlin
  5. Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Berlin und Flucht vor den Nazis nach Frankreich
  6. Als Schriftsteller im Exil
  7. Das Schicksal der Familie Katz
  8. Gera 1991 – ein Besuch nach 58 Jahren
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