Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt
6 : Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Der zauberische Kleist

Personen

Christoph Martin Wieland

Heinrich von Kleist

Ort

Wielandgut Oßmannstedt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jürgen M. Paasch

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Die „Jako­bi­ner“ Lud­wig Wie­land und Hein­rich von Kleist muss­ten im Okto­ber 1802 aus der Schweiz flie­hen. Gemein­sam reis­ten sie bis Erfurt, dann geht Kleist allein wei­ter, um Wie­land, den Autor der »Sym­pa­thien: As Soul approa­ches Soul« (1756), den er seit die­sem Text als sei­nen Leh­rer betrach­tet, per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen. Lud­wig hatte ihn beim Vater ange­kün­digt. Anfang Novem­ber 1802 wird Hein­rich mit sei­ner Schwes­ter Ulrike, die als sol­che nicht erkannt wird, denn sie trägt Män­ner­klei­der, in Oßmann­s­tedt emp­fan­gen. Ulrike wird kurze Zeit spä­ter wie­der abrei­sen, Hein­rich aber bis Anfang Januar in Wei­mar zur Miete woh­nen, unter­bro­chen nur von den Weih­nachts­fei­er­ta­gen, die er bei den Wie­lands in Oßmann­s­tedt ver­bringt. Anfang Januar zieht er für einige Wochen auf das Osman­ti­num, trotz einer sehr hüb­schen Toch­ter Wie­lands. Nach eini­gen Wochen bekennt er der Schwes­ter: Ich habe aber mehr Liebe gefun­den, als recht ist, und muß über kurz oder lang wie­der fort; mein selt­sa­mes Schick­sal!

Noch aber ist er in Oßmann­s­tedt und soll zunächst in den Dienst von Wie­lands Unsterb­lich­keit genom­men wer­den, indem er, der künf­tige Ver­fas­ser der Pen­the­si­lea, sich die Memo­ra­bi­lien des Alten dik­tie­ren lässt. Ein gro­tes­kes Miss­ver­ständ­nis Wie­lands, der frei­lich von Kleists tra­gi­scher Natur kei­nen Schim­mer hat. Johann Gott­fried Gru­ber wird die Auf­gabe des Bio­gra­fen spä­ter über­neh­men, mit dau­er­haf­tem Erfolg. Wie­land ent­deckt all­mäh­lich – und dann mehr und mehr – an sei­nem Gast etwas Rät­sel­haf­tes und Geheim­nis­vol­les das tie­fer in ihm zu lie­gen schien als dass man es für Affekt­a­tion hal­ten könne. Zum Bei­spiel eine Art Zer­streu­ung, so dass, wenn man ihn zu spre­chen ver­su­che, ein ein­zi­ges Wort eine ganze Reihe von Ideen in sei­nem Gehirn wie ein Glo­cken­spiel anzu­zie­hen schien und etli­che andere noch fata­lere Ver­rückt­hei­ten, als da wäre beim Essen leise mit sich selbst reden (mur­meln). Kleist gesteht schließ­lich, ins­ge­heim und unauf­hör­lich an einem Trau­er­spiel, dem Robert Guis­kard, Her­zog der Nor­män­ner, zu arbei­ten. Von die­sem habe er ein der­art ideale Vor­stel­lung, dass er bis­her noch alle Sze­nen, die er ein­mal auf­ge­schrie­ben wie­der ver­nich­tet habe. Er lässt sich zu kei­nen nähe­ren Erör­te­run­gen über­re­den, bis eines Nach­mit­tags die glück­li­che Stunde kommt und Kleist einige Sze­nen aus dem Gedächt­nis dekla­miert. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich sie ver­si­chere: Wenn die Geis­ter Aeschylus, Sopho­kles und Shake­speare sich ver­ei­nig­ten, eine Tra­gö­die zu schaf­fen, sie würde das sein, was Kleists Tod Guis­cards des Nor­manns ist. Kleist sei dazu gebo­ren, die große Lücke in unse­rer der­ma­li­gen Lite­ra­tur aus­zu­fül­len, die selbst von Goe­the und Schil­ler noch nicht aus­ge­füllt wor­den ist. Man ver­steht nun, warum Kleist jenen Nach­mit­tag, an dem er sich Wie­land anver­traute, den stol­zes­ten Augen­blick mei­nes Lebens nennt. Der alte Wie­land ermahnt ihn noch, das Meis­ter­werk zu been­den, nichts ist dem Genius der hei­li­gen Muse, der Sie begeis­tert, unmög­lich. Kleist aber reist Anfang März 1803 ab, Ende des Tête-à-têtes von Vor­klas­sik und Nach­klas­sik. Ich mußte fort Ich habe das Haus mit Thrä­nen ver­las­sen, wo ich mehr Liebe gefun­den habe, als die ganze Welt zusam­men auf­brin­gen kann. Aber ich musste fort! Luise Wie­land, die jüngste, noch nicht vier­zehn­jäh­rige Toch­ter Wie­lands, war in hef­ti­ger puber­tä­rer Lei­den­schaft für Kleist ent­brannt. Der Vater wußte Anfangs nichts von ihr – wie er sie aber erfuhr hatte sich K schon auf mein und der Caro­li­nes Wunsch ent­schlos­sen uns zu ver­las­sen. Luise wird spä­ter der älte­ren Schwes­ter Caro­line vor­wer­fen, sie nicht vor die­sem zau­be­ri­schen Kleist bewahrt zu haben. Noch im Juli sen­det Wie­land dem flie­hen­den Kleist beschwö­rende Briefe nach. Im Okto­ber bricht Kleist kör­per­lich und see­lisch zusam­men und ver­brennt das Manu­skript. Der Him­mel ver­sagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde ich werfe ihm, wie ein eigen­sin­ni­ges Kind, alle übri­gen hin (an Schwes­ter Ulrike). Wie­land kor­re­spon­diert zwar mit Kleists Arzt, aber nach eini­gen unbe­ant­wor­te­ten Brie­fen, die Kleist an Wie­land schickte, glaubt sich Kleist ver­ges­sen. Tat­säch­lich wird Wie­land sich nie mehr zu Kleist äußern, des­sen kurze Kar­riere doch erst nach den Oßmann­s­ted­ter Tagen begin­nen sollte.

Kleist ist der letzte bedeu­tende Gast, den Wie­land in Oßmann­s­tedt emp­fan­gen kann. Schon wäh­rend sei­ner Anwe­sen­heit, am 6. Februar, hatte er das Gut ver­kauft – für zwei­und­drei­ßig­tau­send Taler. Nun berei­tet er die Rück­kehr nach Wei­mar vor, nicht ohne Weh­mut. Ich habe die­sem Oßmann­s­tedt doch auch viele selige Stun­den zu ver­dan­ken. Die­ser rei­nen Natur- und Genuß­fülle ent­keimte die schönste Blüte mei­nes Alters, mein Aris­tipp, der ohne die­sen stil­len Selbst­genuß, ohne dies hei­tere Land- und Gar­ten­le­ben nie emp­fan­gen und gebo­ren wor­den wäre.

 Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt:

  1. Wieland der Gärtner oder Unser Thema und wie wir es umgehen
  2. Exkurs: Augenschein eines Erotikers
  3. Gut Oßmannstedt (1797-1803)
  4. Exkurs: Selbstportrait als Schreckensbild oder Medizin für den Sohn
  5. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Sophie von La Roche und Sophie Brentano
  6. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Der zauberische Kleist
  7. Grabmal in Oßmannstedt
  8. Schloss und Park Tiefurt
  9. Schloss und Park Belvedere (1807-1813)
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