Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
3 : Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«

Ich hatte in der Schüt­zen­straße [Schüt­zen­gasse] zu ebe­ner Erde ein Zim­mer gemie­tet; es war, wie fast alles in Wei­mar, klas­si­scher Boden. Im Hause war in frü­he­rer Zeit die städ­ti­sche Zei­chen­schule instal­liert, wel­che von Goe­the als obers­tem Inspek­tor oft besucht wurde. Hier auf dem nack­ten Stein­bo­den, ohne Hei­zung, fror ich ent­setz­lich, wenn ich meine Zeich­nun­gen anfer­ti­gen mußte. Mein Freund auf der andern Seite des Gan­ges, der junge Dich­ter Schulte vom Brühl, war prak­tisch gewe­sen; er hatte sich ein gro­ßes Faß ange­schafft, es mit Stroh aus­ge­füllt und saß nun ver­gnügt drin­nen, dich­tete und dampfte eine lange Pfeife, die außen am Faß her­ab­hing.

Wenn ich fror, lachte der Dich­ter ver­gnügt und riet mir, ich sollte mir auch ein Faß anschaf­fen, aber ich war für diese steife Umhül­lung ein zu unru­hi­ger Geist.

Unser Mit­tag­brot nah­men wir jun­gen Künst­ler, Maler und Musi­ker, bei einer ver­wit­we­ten Frau Bau­rat ein; es war bei ihr schmut­zig und schlecht, aber bil­lig. Eines Tages zog ein Teil ab, zu ihrer Kon­kur­renz, der ver­wit­we­ten Frau Pas­tor, bei der es noch schlech­ter, aber noch bil­li­ger war: Die bei Frau Bau­rat ver­blie­be­nen Freunde erzähl­ten uns, daß die gute Frau über unser Fort­ge­hen geklagt, aber doch einen gewis­sen Trost gefun­den hatte: »Na um den Herrn Schlitt­gen nun is mir’s weeß Kott gar nicht leid; er hat so immer so viel Kemüse kekes­sen.«

Ich mußte mich mit den Illus­tra­tio­nen abpla­gen. Der Schalk flo­rierte zum Schluß nicht mehr; als alle bekann­ten Namen, einer nach dem andern, abfie­len, war ich der Haupt­zeich­ner gewor­den, wohl haupt­säch­lich des­halb, weil ich der bil­ligste war. Ich erhielt für die Zeich­nung nur noch fünf Mark; des Mor­gens, wenn ich erwachte, mußte ich mir sagen: bis heute abend mußt du eine fer­tig haben. Dabei blieb für die Kunst­schule nicht viel Zeit übrig, tags­über war ich dort kaum zu sehen, da wir auch sonst viel Zeit mit Bum­meln ver­trö­del­ten.

Abends saß ich flei­ßig im Akt und der Per­spek­tiv­lehre. Aber die Haupt­sa­che, nach der ich strebte, die Male­rei, erblickte ich sehn­süch­tig wie­der nur von wei­tem, von glück­li­chen Freun­den aus­ge­übt, die sorg­los im Mal­saal vor ihrer Stu­die stan­den. Die Haupt­an­zie­hung der Schule waren die bei­den jun­gen bel­gi­schen Maler Lin­nig und Struys, die vor kur­zem hier­her beru­fen waren, aber bald wie­der in ihre Hei­mat zurück­kehr­ten. Nach Jah­ren hörte ich von Struys, als ich an der bel­gi­schen Küste lebte. Seine Bil­der hat­ten gewöhn­lich einen etwas sen­sa­tio­nel­len Anstrich, doch waren sie von gro­ßem Kön­nen und einer sel­te­nen Form­be­herr­schung. Auf der Welt­aus­stel­lung in Paris 1889 hatte er für sein gro­ßes Bild »Das Tes­ta­ment«, wor­auf ein Geist­li­cher dar­ge­stellt war, der auf dem Bett vor einem Ster­ben­den sitzt und ihm die Hand führt, wie er sei­nen letz­ten Wil­len schreibt, die höchste Aus­zeich­nung für jedes Land, die Ehren­me­daille, erhal­ten.

Als Struys von Paris in seine Vater­stadt Löwen, in wel­cher er jetzt lebte, zurück­kehrte, wurde er von den Ver­ei­nen, die Feu­er­wehr an der Spitze, am Bahn­hof emp­fan­gen und mit Musik im Tri­umph durch die Haupt­stra­ßen zu sei­nem Heim gelei­tet, ein rüh­ren­der Beweis von Künst­ler­ver­eh­rung.

Gegen­über unse­rer Kunst­schule wohnte Franz Liszt in einem schö­nen, fürst­li­chen Gar­ten­haus; in den herr­li­chen Bos­ketts, Lau­ben­gän­gen und Obst­baum­an­la­gen sahen wir ihn mit sei­nen Schü­lern und Schü­le­rin­nen, wie ein gro­ßer Meis­ter aus der Renais­sance­zeit, umge­ben von sei­nem Hof.

Oft traf ich ihn nachts, wenn ich heim­kehrte, wie er lang­sam durch die Stra­ßen der Stadt ging, den Hut in der Hand, die Arme ver­schränkt, den Blick im Ster­nen­him­mel ver­lo­ren, das echte Bild eines träu­me­ri­schen, gro­ßen Künst­lers.

Der Groß­her­zog war stolz auf sein Ilma­then und liebte seine Künst­ler; er war nach­sich­tig gegen ihre tol­len Strei­che, über die sich seine bie­de­ren Unter­ta­nen ent­setz­ten. Der Direk­tor erzählte, daß er ihn bei einer Audi­enz gefragt habe: »Nun, was machen meine jun­gen Künst­ler? Sie haben lange keine Later­nen ein­ge­schla­gen; sol­len es nur tun, sol­len es nur tun.«

Die auf­brau­sende stür­mi­sche Leben­dig­keit der Künst­ler war ein lau­ter Pro­test gegen die lahme, ein­schlä­fernde Spieß­bür­ger­lich­keit der Klein­städ­ter, die sich hier noch dazu in

einer echt säch­si­schen Klatsch­haf­tig­keit äußerte. Wie konnte es Goe­the hier fast sein gan­zes Leben lang aus­hal­ten, fragte man sich da und ver­stand seine Flucht nach Ita­lien, die viel­leicht nicht allein von der Frau von Stein ver­an­laßt war. Als er von Rom zurück­kam, wo er fast aus­schließ­lich mit freien deut­schen Künst­lern ver­kehrt hatte, war er gefeit, unemp­find­lich gewor­den und konnte nun ruhi­ger leben. Als die Wei­ma­rer von sei­ner Künst­ler­liebe zu Chris­tiane hör­ten, sag­ten sie: Er ist in Rom ver­dor­ben; dort ist er in schlechte Gesell­schaft gera­ten.

Hier im schö­nen Ilm­tal hat sich die kleine, tüch­tige Land­schaf­ter­schule Wei­mars gebil­det: Theo­dor Hagen, Buch­holz, v. Glei­chen-Ruß­wurm und vor allem Chris­tian Rohlfs, ein gebo­re­ner Kolo­rist, der sich spä­ter unter dem Ein­fluß von Claude Monet zu einer der inter­es­san­tes­ten Erschei­nun­gen der heu­ti­gen deut­schen Male­rei ent­wi­ckelt hat.

Rohlfs mußte jahr­zehn­te­lang ein elen­des Leben füh­ren, das Hun­ger­da­sein des ver­kann­ten Künst­lers; man ließ ihn ruhig im Kran­ken­haus von Wei­mar am Hun­ger­ty­phus lie­gen, vor sei­nem sichern Unter­gang ret­tete ihn nur seine ange­erbte eiserne hol­stei­ni­sche Bau­ern­na­tur.

Erst sehr spät kam er zur Aner­ken­nung und konnte sich an sei­nem Ruhme son­nen. Im Alter von sieb­zig Jah­ren malte er noch frisch wie ein Jun­ger und stampfte auf sei­nem Holz­bein in die Land­schaft hin­aus.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Fritz Daum – »Aus der Musenphilisterstadt«
  2. Angela Böcklin – »Böcklin bei Hofe«
  3. Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«
  4. Konrad Guenther – »Gerhard Rohlfs in der Villa Meinheim«
  5. Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«
  6. Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«
  7. Richard Voß – »Schwankende Gestalten«
  8. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  9. Harry Graf Kessler – »Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes«
  10. Edwin Redslob – »Ein neues Weimar«
  11. Rainer Maria Rilke – »Brief an Helene von Nostitz«
  12. Otto von Taube – »Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut«
  13. Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«
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