Weimar – Ein literarischer Spaziergang zur Goethezeit
8 : Johannes Daniel Falk – »Karfreitag 1821«

Person

Johannes Daniel Falk

Ort

Weimar

Themen

Thüringen im literarischen Spiegel

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Johannes Daniel Falk

Geheimes Tagebuch 1818-1826. Aus dem Nachlaß hg. von Ernst Schering unter Mitwirkung von Georg Mlynek, Stuttgart 1964.

Zur Dor­nen­krone.

Mit vie­len Kat­zen­bu­ckeln hat mich der junge Advo­kat Emil Acker­mann bei der Regie­rung ver­klagt, daß ich das Ver­mö­gen der fünf Hei­ne­mann­schen Wai­sen an die Anstalt gebracht oder, wie er es ver­schö­nernd nennt, finan­zi­elle Feh­ler in der Ver­wal­tung began­gen hätte. Diese fünf Kin­der, deren Mut­ter zu Erfurt im Zucht­haus saß, wovon einer Stra­ßen­raub ver­übte und den ich aus Erbar­men noch vom Zucht­haus frei machte, indes ein ande­rer aus einem Wand­schrank sei­nem Groß­va­ter heim­lich im neun­ten Jahre Zwan­zig-Taler-Rol­len weg­nahm und sie unter die Hüh­ner­stiege ver­scharrte, sind ein zu Groß­ru­des­tedt auf Emp­feh­lung des Amtes von mir aus­ge­nom­me­nes, höchst gefähr­li­ches Doh­len­nest. Da die Kin­der noch eige­nes Ver­mö­gen besa­ßen, auch wohl­ha­bende Ver­wandte zu Naum­burg und Ber­lin, dem­nach auf eine bes­sere Ver­pfle­gung Anspruch mach­ten, so erklärte ich dem Amt, daß ich sie ohne Zuschuß nicht behal­ten könnte, und stellte es dem Amt frei, die Kin­der wo anders wohl­fei­ler unter­zu­brin­gen. Das Amt ließ mir die Kin­der und lie­ferte abschläg­li­che Zah­lun­gen auf die schul­di­gen Pfle­ge­gel­der. Das nennt Herr A. das Gut der Wai­sen an sich zie­hen, wenn man sie mit Bewil­li­gung des Amtes, der Ober­be­hörde, zu recht­schaf­fe­nen Men­schen erzieht und ver­hin­dert, daß sie nicht einst dem Staate als Spitz­bu­ben, wozu ein guter Anfang gemacht war, zur Last fal­len. Die Anstalt erhält kein Pfle­ge­kind die­ser Art unter 50 Taler jähr­lich; die Anstalt begehrte für jedes Hei­ne­mann­sche Kind 25 Taler. Allein Herrn A. ist dies nicht genug; im Namen und beauf­tragt von nahen Ver­wand­ten in Ber­lin und Neu­stadt, will er dem Insti­tut die Summe vor­schrei­ben, wel­che es den fünf Hei­ne­mann­schen Kin­dern auf Kos­ten armer, nack­ter Bet­tel­jun­gen, die gar nichts haben, jähr­lich schen­ken soll. Die armen Kin­der des Insti­tuts sol­len ohne Hem­den und ohne Hosen lau­fen, damit den Hei­ne­mann­schen Kin­dern, die aus den Kopf­stü­cken armer Land­schul­leh­rer, Pfar­rer und Bau­ern ihre Ver­pfle­gung bezie­hen, ihr Erb­teil zu Samet­kra­gen, Stö­cken und Dut­zen­den an Hem­den einst unan­ge­tas­tet bleibe. Diese Zumu­tung würde völ­lig ruch­los sein, wenn sie nicht durch die gänz­li­che Unwis­sen­heit des jun­gen Man­nes mit dem Insti­tut eini­ger­ma­ßen Ent­schul­di­gung ver­diente. Hat er sich doch sogar gegen Herrn Kan­di­dat Reintha­ler aus Erfurt gerühmt, es hinge bloß von ihm ab, Exe­ku­tion über mich zu ver­hän­gen, d. h. im Namen von jun­gen Spitz­bu­ben und Die­ben, die ich erst vom Zucht­haus und Kri­mi­nal geret­tet habe, mich aus­pfän­den zu las­sen; er täte es aber nicht aus Hoch­ach­tung.

Vor Ärger sterbe ich in Wei­mar nicht; aber vor Ekel, wie er jeman­den befällt, wenn er zwi­schen den Äsern von toten Hun­den und Kat­zen wan­delt, kann ich schon ein­mal mei­nen Tod fin­den. Es fragt sich nun, was bes­ser ist, wenn man auf ein­mal von einem Löwen herz­haft zer­ris­sen wird oder wenn ein Heer von bis­si­gen, klei­nen Amei­sen einem so lange das Herz besetzt, bis es end­lich doch zer­springt.

 Weimar – Ein literarischer Spaziergang zur Goethezeit:

  1. Charlotte Krackow – »Herzogin Anna Amalia«
  2. Jakob Friedrich von Fritsch – »An Herzog Carl August«
  3. Herzog Carl August – »An Jakob Friedrich von Fritsch«
  4. Carl Wilhelm Heinrich Freiherr von Lyncker – »Schlittschuhfahren«
  5. Friedrich Schiller – »An den Herzog Carl August«
  6. Johanna Schopenhauer – »Brief an ihren Sohn Arthur«
  7. Eduard Genast – »Goethe auf der Probe«
  8. Johannes Daniel Falk – »Karfreitag 1821«
  9. John Russell – »Weimar«
  10. Carl Heinrich Ritter von Lang – »Bei Goethe«
  11. Julius Schwabe – »Schillers Schädel«
  12. Willibald Alexis – »Bei Goethe«
  13. Hector Berlioz – »An Liszt«
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