Literatur aus Buchenwald
7 : Carl Laszlo – »Erinnerungen eines Überlebenden«

Person

Carl Laszlo

Ort

Gedenkstätte Buchenwald

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Carl Laszlo

Der Weg nach Auschwitz und Ferien am Waldsee. Erinnerungen eines Überlebenden, hg. vom Brandenburgischen Literaturbüro, vacat verlag, Potsdam 1998, S. 215-218.) Trotz intensiver Recherche konnten nicht alle Rechteinhaber ermittelt werden, etwaige Ansprüche sind an den Herausgeber/Verlag zu richten.

Wenn man in einem natur­wis­sen­schaft­li­chen und libe­ra­len Milieu erzo­gen wurde, hat man im all­ge­mei­nen wenig Gele­gen­heit, sich mit Phä­no­me­nen zu beschäf­ti­gen, die ans Okkulte gren­zen. Man hört davon, wie man in die­sen Krei­sen von den meis­ten Din­gen nur hört, man weiß etwa, daß es sol­che Dinge gibt, aber nur sel­ten kommt man damit bewußt in Berüh­rung. Im Arbeits­la­ger von Thü­rin­gen habe ich meine erste merk­wür­dige Begeg­nung mit die­ser Welt gehabt.

Das Lager war von herr­li­chen Wäl­dern umge­ben, und man hätte sich eigent­lich kaum gewun­dert, wenn Feen und Wald­göt­ter plötz­lich zwi­schen den Bäu­men erschie­nen wären. Der Sinn des Lagers war, wie der von vie­len im dama­li­gen Deutsch­land, die zehn- bis fünf­zehn­tau­send Häft­linge ver­schie­dens­ter Natio­na­li­tä­ten, dar­un­ter zahl­rei­che Deut­sche, sys­te­ma­tisch umzu­brin­gen. Die Mit­tel waren die übli­chen: Hun­ger, unzu­rei­chende Klei­dung – es war zufäl­lig noch Win­ter –, Man­gel an hygie­ni­scher und ärzt­li­cher Für­sorge und acht bis zehn Stun­den Arbeit täg­lich in einem Stein­bruch. Die Anzahl der unmit­tel­bar Tot­ge­schla­ge­nen war im Ver­gleich zu den Mor­den in ande­ren Lagern ver­schwin­dend gering.

Die Häft­linge waren ein bun­tes Gemisch aus Ange­hö­ri­gen ver­schie­dens­ter Völ­ker. Die Kate­go­rien, denen sie ihrem Häft­lings­sta­tus nach ange­hör­ten, waren auch sehr ver­schie­den: Vaga­bun­den, Homo­se­xu­elle, poli­ti­sche Gefan­gene, soge­nannte Berufs­ver­bre­cher usw. Unver­geß­lich bleibt mir ein fast zwei Meter hoher Ham­bur­ger, der wegen Wil­derns ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger geschickt wor­den war. Die Berufs­ver­bre­cher, meis­tens ziem­lich harm­lose Mör­der und Diebe, waren nicht sel­ten Men­schen mit ange­neh­men Cha­rak­ter­zü­gen und gele­gent­lich von höchs­ter sitt­li­cher Gesin­nung. Der Lage­räl­teste die­ses Lagers, ein Deut­scher namens Willy, der als Mör­der ins Lager ein­ge­lie­fert wurde, konnte mit Erfolg sowohl gegen Gewalt­tä­tig­kei­ten wie gegen Dieb­stahl ein­schrei­ten. Er war ein ener­gi­scher, gerad­li­ni­ger und muti­ger Mann, mit wei­chem und gutem Her­zen, der über­all ver­suchte, die Schwa­chen zu stüt­zen und Unge­rech­tig­kei­ten zu ver­ei­teln.

Eine andere Bekannt­schaft, die ich in die­sem Lager machte, war die zu einem älte­ren deut­schen Arzt, der wegen Abtrei­bung ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gebracht wor­den war. Ich freute mich, mich mit ihm unter­hal­ten zu kön­nen, er war ein nicht sym­pa­thi­scher, aber gebil­de­ter älte­rer Herr, der sich sei­ner Situa­tion im Lager in gewis­ser Hin­sicht nicht immer klar bewußt war, und es konnte gesche­hen, daß er, wenn er mit einem Fran­zo­sen oder Rus­sen in Streit geriet, ver­är­gert vor sich hin­brummte: »Sol­che eine Frech­heit! Wir haben aber den Krieg noch nicht ver­lo­ren, ich muß mir das nicht gefal­len las­sen!« Selbst­ver­ständ­lich bestand an sich wenig Unter­schied zwi­schen deut­schen und ande­ren Häft­lin­gen. Die­ser ältere Arzt war schon ziem­lich lange im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und war den Lager­ver­hält­nis­sen gegen­über, mit Aus­nahme sei­ner Streite, gleich­gül­tig gewor­den. Es über­raschte ihn eigent­lich nichts mehr, und dies machte auf mich, immer und über­all, wo ich es erlebte, einen gro­ßen Ein­druck.

Was er eigent­lich im Lager machte, habe ich lange nicht begrif­fen. Er ging nicht in den Stein­bruch arbei­ten, wo er in sei­nem Alter in eini­gen Wochen zugrunde gegan­gen wäre, aber auch im Lager selbst schien er kei­nen Pos­ten zu beklei­den. Er ging nur mit sei­nem schwar­zen Man­tel und in sei­ner grü­nen Mütze im Lager umher, sein Blick schaute irgend­wie zwi­schen den ande­ren Häft­lin­gen hin­durch, als ob er gar nicht hier­her gehört hätte. Er bekam regel­mä­ßig Streit mit Rus­sen und ande­ren »Frem­den«, kam dann zu mir und klagte über die Frech­heit der aus­län­di­schen Häft­linge und endete regel­mä­ßig mit den Wor­ten: »Noch haben wir den Krieg nicht ver­lo­ren!«

Ich traf ihn oft, und er begann aus sei­nem frü­he­ren Leben zu erzäh­len. Wie die Welt für einen Schorn­stein­fe­ger in ers­ter Linie aus Kami­nen besteht, war die Welt die­ses Man­nes vol­ler schwan­ge­rer Frauen, die ihre Kin­der los­wer­den woll­ten. Er war zu Gast in vie­len rei­chen Häu­sern gewe­sen, und viele große Her­ren der Erde hat­ten sich vor ihm gede­mü­tigt.

Eines Tages zog er mich geheim­nis­voll auf die Seite und teilte mir in größ­tem Ver­trauen mit, daß er sich seit lan­gem inten­siv mit Astro­lo­gie beschäf­tige, dar­über, bevor er ins Lager kam, viele Bücher und berühmte Astro­lo­gen kon­sul­tiert hatte und hier im Lager, inof­fi­zi­ell, auch als Astro­loge wirke. Seine Tätig­keit bestand in der astro­lo­gi­schen Bera­tung des Lager­kom­man­dan­ten, eines SS-Offi­ziers mit Som­mer­spros­sen, der ihm auch bes­sere Nah­rung und warme Klei­der zukom­men ließ. So lebte er schon seit eini­ger Zeit in die­sem Lager, nur pas­sierte ihm das große Unglück, daß seine Augen immer schwä­cher wur­den und das Schrei­ben der Horo­skope ihm unend­li­che Mühe berei­tete. Er schlug mir des­halb vor, für ihn Horo­skope zu ver­fer­ti­gen, wofür er mir jedes­mal ein Stück Brot ver­sprach. Das Ange­bot war sehr ver­lo­ckend, nur mußte ich ihm schwe­ren Her­zens mit­tei­len, daß ich von Astro­lo­gie und Horo­sko­pen nicht die geringste Ahnung hatte. Dies beun­ru­higte ihn aber wenig, er meinte, die Haupt­sa­che sei, daß er Ver­trauen zu mir habe, die Abfas­sung der Horo­skope würde er völ­lig mir über­las­sen und würde mir noch mit eini­gen Rat­schlä­gen und mit der Angabe von astro­lo­gi­schen Fach­aus­drü­cken bei­ste­hen. Auch beauf­tragte er mich sofort, das erste Horo­skop zu ver­fer­ti­gen, gab mir Papier und Blei­stift und teilte mir als wich­tigste Tat­sa­che mit, daß der Lager­füh­rer ein Stier­mensch sei. Er gab mir fer­ner den Rat, im Horo­skop zu erwäh­nen, daß der Kom­man­dant im Lager einen mäch­ti­gen und gefähr­li­chen Feind habe, vor dem er sich in acht neh­men müsse.

Nicht ohne Auf­re­gung schrieb ich mein ers­tes Horo­skop; ich erfand die Eigen­schaf­ten des Stier­men­schen. Ich schrieb von sei­nen beson­de­ren Fähig­kei­ten, schil­derte aus­führ­lich die Vor­züge des Stier­cha­rak­ters, unter ande­rem sein kri­ti­sches, kla­res Urteils­ver­mö­gen, seine Wil­lens­kraft und seine Aus­dauer. Ich erwähnte, vor­läu­fig ohne nähere Prä­zi­sie­rung, daß er im Lager einen heim­tü­cki­schen und bös­wil­li­gen Feind habe, der ihm zwar viel scha­den wolle, den er aber, nach vie­len Schwie­rig­kei­ten, doch völ­lig besie­gen werde. Ich pro­phe­zeite fer­ner große Ver­än­de­run­gen – in sechs Mona­ten! – in der Lager­lei­tung, die seine Lage güns­tig ver­än­dern wür­den. Ich ver­suchte natür­lich alles sehr vor­sich­tig und soweit als mög­lich mehr­deu­tig aus­zu­drü­cken, sprach fer­ner schon jetzt von gewis­sen atmo­sphä­ri­schen Stö­run­gen, die dem gan­zen Bild und der Kon­stel­la­tion des Horo­skops andere Aspekte ver­lei­hen könn­ten. Als ich mit dem Horo­skop fer­tig wurde, fühlte ich mich rich­tig als Astro­loge und der Auf­gabe gewach­sen. Ich freute mich unsag­bar auf das Stück Brot. Dann über­gab ich das Horo­skop dem alten Arzt, er schien zufrie­den zu sein, ich erhielt mein Brot und auch Lob. Am Abend schaute ich zum ers­ten mal seit lan­ger Zeit dank­bar zum ster­nen­be­deck­ten Him­mel empor.

Nach eini­gen Tagen erhielt ich vom Arzt den Auf­trag zu einem wei­te­ren Horo­skop. Da er das erste gut­ge­hei­ßen hatte, gab er mir keine wei­te­ren Instruk­tio­nen mehr, ich konnte schrei­ben, was ich wollte. In die­sem zwei­ten Werk habe ich die beson­dere Gefähr­dung des Stier­men­schen durch Intri­gen und bös­wil­lige Ver­leum­dun­gen unter­stri­chen. Der Feind im Lager wurde wie­der erwähnt, wei­ter­hin nur ganz all­ge­mein, ohne genauere Anga­ben; ich warnte den Lager­kom­man­dan­ten, stän­dig auf der Hut zu sein, riet ihm, alle seine Kräfte zu sam­meln, um den Feind wirk­sam bekämp­fen zu kön­nen. Ich schil­derte ein­ge­hend, wie der Stier­mensch immer am Ende, nach vie­len Gefah­ren, alle seine Geg­ner besiegt; es wurde fer­ner auf die Mög­lich­keit von gewis­sen leib­li­chen Stö­run­gen, wie Kopf­weh, Übel­keit, Müdig­keit nach Anstren­gung und beson­ders unmerk­bare innere Organ­un­re­gel­mä­ßig­kei­ten, hin­ge­wie­sen. Das Bild von der äuße­ren rohen Schale und der inne­ren Fein­füh­lig­keit ver­voll­komm­nete noch die Kon­zep­tion. Auch die­ses Horo­skop hatte Erfolg, sowohl bei mei­nem »Arbeit­ge­ber« wie beim Lager­füh­rer, und ich erhielt wie­der mein Stück Brot. Von nun an war ich meh­rere Wochen lang, bis zur eigent­li­chen Auf­lö­sung des Lagers, als Astro­loge tätig. Ich habe außer der Vor­aus­sage von Gescheh­nis­sen in fer­ner Zukunft und bedeu­tungs­lo­sen gesund­heit­li­chen War­nun­gen den Feind im Lager ins Zen­trum des Horo­skops gerückt. Er wurde schein­bar genau – prak­tisch völ­lig unver­kenn­bar – in sei­nen Zügen geschil­dert, sein ver­steck­ter Cha­rak­ter, seine unbe­kann­ten Taten in der Ver­gan­gen­heit kamen aufs Tapet, es wurde ange­deu­tet, daß er sich in der nächs­ten Nähe des Lager­kom­man­dan­ten befinde und sich sehr geschickt camou­fliere; ich habe die güns­ti­gen und gefähr­li­chen Tage und Stun­den des Kom­man­dan­ten ange­ge­ben und beob­ach­tete mit Ver­gnü­gen die Ner­vo­si­tät und Unsi­cher­heit des Man­nes an sei­nen labi­len Tagen. Ich sah das Zit­tern des­je­ni­gen, der furcht­los Hun­derte von Opfern in den siche­ren Tod schi­cken konnte, der mit größ­ter See­len­ruhe die Häft­linge aus­peit­schen ließ, der in der Sil­ves­ter­nacht einen Rus­sen, der aus­ge­ris­sen war, erhän­gen ließ, um uns in die­ser Form seine Neu­jahrs­wün­sche zu über­mit­teln, und der im Stein­bruch alte Män­ner mit einem rie­si­gen Stein in den Hän­den am Berg­hang auf und nie­der jagte, bis sie tot zusam­men­bra­chen. Nur ich wußte eigent­lich um die Gründe, wenn seine Stimme vor Angst sich ins Brül­len stei­gerte, wenn er mit ver­dreh­ten Augen zwi­schen den ande­ren SS-Offi­zie­ren umher­lief. Ich sah ihn an und mußte jedes­mal leise lächeln. Inmit­ten Tau­sen­der von Häft­lin­gen, die ihren fast unaus­weich­li­chen Tod täg­lich erwar­te­ten, lag der Lager­kom­man­dant am Abend im wohl­ge­heiz­ten Haus der Lager­lei­tung in sei­nem Bett, das Essen schmeckte ihm nicht mehr, und er hatte ver­mut­lich einen angst­vol­len, unru­hi­gen Schlaf.

 Literatur aus Buchenwald:

  1. Bruno Apitz – »Das kleine Lager«
  2. Ruth Elias – »Die Hoffnung erhielt mich am Leben« (Auszug)
  3. Julius Freund – »Der Schriftsteller als Leichenträger – Jura Soyfer«
  4. Ivan Ivanji – »Schattenspringen« (Auszug)
  5. Imre Kertész – »Roman eines Schicksallosen« (Auszug)
  6. Eugen Kogon – KL-»Freizeitgestaltung«
  7. Carl Laszlo – »Erinnerungen eines Überlebenden«
  8. Fritz Lettow – »Arzt in den Höllen« (Auszug)
  9. Fritz Löhner-Beda – »Buchenwaldlied«
  10. Jacques Lusseyran – »Leben und Tod«
  11. Judith Magyar Isaacson – Die Hyäne
  12. Hélie de Saint Marc – »Jenseits des Todes«
  13. Jorge Semprún – »Die Lorelei«
  14. Leonhard Steinwender – »Die Stimme des Rufenden in der Wüste«
  15. Karl Stojka – »Auf der ganzen Welt zuhause« (Auszug)
  16. Ernst Thape – »Befehlsnotstand«
  17. Ernst Wiechert – »Der Totenwald« (Auszug)
  18. Elie Wiesel – »Die Nacht zu begraben, Elischa« (Auszug)
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/literatur-aus-buchenwald/carl-laszlo-erinnerungen-eines-ueberlebenden/]