Im Fluchtrausch oder: »Wei mer briefat« sind –
Auf den Spuren von Gino Hahnemann

1 : Hauptgebäude der Bauhaus-Universität: Pantherei – Geworfene im Fluss der Zeit

Person

Gino Hahnemann

Ort

Weimar

Thema

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Autor

Jens-Fietje Dwars

Der kleine Platz vor dem Haupt­ge­bäude der heu­ti­gen Bau­haus-Uni­ver­si­tät in Wei­mar ist auch ein Ort der Erin­ne­rung an Gino Hah­ne­mann. Sein spä­te­rer Nach­lass-Ver­wal­ter

Rei­mund Frent­zel erin­nert sich an ihre erste Begeg­nung:

Das war eine selt­same Begeg­nung. Ich war gerade mit dem Stu­dium fer­tig, ein jun­ger Assis­tent an der Hoch­schule [für Archi­tek­tur und Bau­we­sen] in Wei­mar. In Jena hatte ich mit dem Bau des Uni­ver­si­täts-Hoch­hau­ses zu tun. Ich fuhr einen VW-Käfer, was in der DDR eher unge­wöhn­lich war und des­halb auf­fiel. Als ich in Jena in mein Auto ein­stei­gen wollte, stand an der ande­ren Tür ein jun­ger Mann und stieg, eigent­lich ohne wirk­lich zu fra­gen, ein­fach ein. Er wollte nach Wei­mar und die güns­tige Gele­gen­heit, die sich ihm bot, nut­zen.
(…) Ich sah mei­nen namen­lo­sen Tram­per dann oft in Wei­mar, wie er mit­tags aus einem Fens­ter des Klei­nen Van-de-Velde-Baus die Welt betrach­tete. Sobald ich zwi­schen vie­len Geschäf­ten mal kurz in die Mensa hetzte, sah ich da einen, der guckte still, mit aller Zeit der Welt, ein­fach aus dem Fens­ter. Das beein­druckte mich. ›Der hat es gut‹, war ein Gefühl, das ich auch bei spä­te­ren Begeg­nun­gen mit Gino oft hatte. Irgend­wann las ich damals die ers­ten Gedichte von ihm. Da sie mich fas­zi­nier­ten, ver­folgte ich seit­her seine Ent­wick­lung.

Gehen wir nun durchs Por­tal des Haupt­ge­bäu­des, vor­bei an der Rodin-Plas­tik »Eve« und der geschwun­ge­nen Treppe von van de Velde in den Innen­hof, so erle­ben wir einen Gang durch die Kul­tur­ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts, wir begrei­fen uns selbst als Gewor­fene im Fluss der Zeit, der leben­di­gen Geschichte, die sich in der unterschiedli­chen Nut­zung des Hau­ses mani­fes­tiert und in und durch uns hin­durch wei­ter wirkt.

  • 1908
    wurde in dem Bau die Groß­her­zog­lich-Säch­si­sche Kunst­ge­wer­be­schule unter Henry van de Velde eröff­net.
  • 1919
    das Bau­haus ent­steht aus der Ver­ei­ni­gung mit der Wei­ma­rer Kunst­schule unter Wal­ter Gro­pius
  • 1930
    Nach­dem die Bau­haus-Meis­ter aus Wei­mar ver­trie­ben wur­den, erhielt die Lehr­an­stalt den Namen Hoch­schule für Bau­kunst, bil­dende Künste und Hand­werk unter Lei­tung des NSDAP-Mit­glie­des Paul Schultze-Naum­burg, der hier »deut­sches Bauen« gegen die Moderne setzt und spä­ter die Nietz­sche-Gedächt­nis­halle neben dem Nietz­sche-Archiv errich­tet.
  • 1946
    wurde das Haus als Hoch­schule für Bau­kunst und bil­dende Künste unter Her­mann Hen­sel­mann wie­der­eröff­net. Zu ihren Stu­den­ten zählte damals Ger­hard Ströch, der sich spä­ter Alten­bourg nannte.
  • seit 1951
    war sie Hoch­schule für Archi­tek­tur und Bau­we­sen (HAB),
  • seit 1996
    Bau­haus-Uni­ver­si­tät.

Gino Hah­ne­mann hat von 1965 bis 1970 an der HAB Archi­tek­tur stu­diert.
1970 bis 1973 war er in der Pro­jek­tie­rung des Inge­nieur-Hoch­bau Ber­lin tätig. Her­mann Hen­sel­mann, der mit Ginos Adop­tiv­el­tern ver­wandt war, ver­mit­telte ihm nach 1973 klei­nere Bau­auf­träge für die DDR-Kunst-Elite (u.a. für Hanns Eis­ler und Ruth Berg­haus).

So hätte er durch­aus ein aner­kann­ter Archi­tekt wer­den kön­nen. Dass dies nicht geschah, hat wohl auch mit sei­ner Her­kunft zu tun, wie sich an der nächs­ten Sta­tion zei­gen wird.

200 m Spa­zier­gang über die Mari­en­straße in den Ilm­park zum Sowje­ti­schen Fried­hof.

 Im Fluchtrausch oder: »Wei mer briefat« sind –
Auf den Spuren von Gino Hahnemann:

  1. Hauptgebäude der Bauhaus-Universität: Pantherei – Geworfene im Fluss der Zeit
  2. Steintisch: Die Zeit heilt alle Wunder
  3. Petőfi-Denkmal: Vom Wandel des Widerspruchs
  4. In der Ferne erscheint das Römische Haus: Quo vadis? Oder wohin sehnen?
  5. Franz-Stein: Flucht in Elysische Gefilde oder Dekonstruktion aller Utopie?
  6. Bank mit Blick zum Goethe-Gartenhaus: Glotzt nicht so romantisch!
  7. Der Schlangenstein: der kriechende (Un-)Geist von Weimar
  8. Shakespeare: Der Tod ist ein Narr
  9. Liszt-Denkmal: Gesang unter gebrochenen Fingern
  10. Parkhöhle: Ginos laufende Bilder im Untergrund
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