Tiefurt – Ein literarischer Spaziergang durch den Park
6 : Amor als Nachtigallenfütterer

Personen

Johann Wolfgang von Goethe

Karl Ludwig von Knebel

Johann Gottfried Herder

Christoph Martin Wieland

Ort

Schloß und Park Tiefurt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Gerhard R. Kaiser

Thüringer Literaturrat e.V. / Alle Rechte beim Autor. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

In ande­rer Weise als die lako­ni­schen Inschrif­ten auf den Monu­men­ten für Leo­pold und Con­stan­tin, Mozart und Her­der heben sich die auf dem Denk­mal mit Amor als Nach­ti­gal­len­füt­te­rer und unter der Wie­land­büste von der durch Hirsch­feld vor­zugs­weise emp­foh­le­nen und in Sei­fers­dorf gera­dezu seri­ell umge­setz­ten Emp­find­sam­keit ab. Die von Goe­the stam­men­den Disti­chen

Dich hat Amor gewiSS, o SAEn­ge­rin, füt­ternd erzo­gen
Kin­disch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost:
SCHLUERFEND SAUGTEST DU GIFT IN die harm­los atmende Kehle
UND mit der Liebe Gewalt TRIFFT Phi­lomele das Herz.

stel­len die Erfah­rung der bese­li­gend-zer­stö­re­ri­schen Gewalt der Liebe, die im petrar­kis­ti­schen und shake­spear­schen Oxy­mo­ron einen zwar rhe­to­risch-arti­fi­zi­el­len, doch ver­gleichs­weise expres­si­ven Aus­druck gefun­den hatte, in einen mit »Amor« und Phi­lomele auf­ge­ru­fe­nen antik-mythi­schen Zusam­men­hang. Über­dies ver­lan­gen sie dem Leser die Anstren­gung ab, in der Abfolge der bei­den Disti­chen die Erset­zung des tra­di­tio­nel­len Bil­des vom Pfeile sen­den­den Amor durch die von Amor mit dem Pfeil »füt­ternd erzogen[e]« Nach­ti­gall nach­zu­voll­zie­hen, deren Gesang erst »Gift« in das »Herz« des Lie­ben­den tröp­felt.

In Ver­bin­dung mit dem mythi­schen Anspie­lungs­ho­ri­zont ver­leiht das dadurch bewirkte refle­xive Inne­hal­ten der zwie­späl­ti­gen Erfah­rung der Liebe einen deut­lich zurück­ge­nom­me­ne­ren, gedämpf­te­ren Aus­druck, als es bei einem längst kon­ven­tio­na­li­sier­ten Oxy­mo­ron wie »süße Qual« der Fall gewe­sen wäre.

Auch unter der Scha­dowschen Wie­land-Büste, die an die Stelle der Klau­er­schen trat, sind Verse Goe­thes zu lesen, wobei die Verse, in die­sem Fall Hexa­me­ter, aus Platz­grün­den jeweils auf zwei Zei­len ver­teilt wur­den. Der 1971 / 72 ange­brachte Text, wie er heute in Tie­furt zu lesen ist, folgt der Aus­gabe letz­ter Hand von 1826:

 

Wenn zu den Rei­hen der Nym­phen,
Ver­sam­melt in hei­li­ger Mond­nacht,
Sich die Gra­zien heim­lich
Herab vom Olym­pus gesel­len,
Hier belauscht sie der Dich­ter
Und hört die schö­nen Gesänge,
Sieht ver­schwie­ge­ner Tänze
Geheim­nis­volle Bewe­gung.
Was der Him­mel nur Herr­li­ches hat,
Was glück­lich die Erde
Rei­zen­des immer gebar,
Das erscheint dem wachen­den Träu­mer.
Alles erzählt er den Musen,
Und daß die Göt­ter nicht zür­nen,
Leh­ren die Musen ihn gleich
Beschei­den Geheim­nisse spre­chen.

­

Nach Wahl, der keine Quelle nennt, schmück­ten die von Goe­the am 15. 5. 1782 an Kne­bel geschick­ten, mit »Geweih­ter Platz« über­schrie­be­nen Hexa­me­ter, mög­li­cher­weise aber auch seine Disti­chen Länd­li­ches Glück zuvor das Innere der Ver­gil-Grotte.

Für ihre Plat­zie­rung unter der Wie­land-Büste Scha­dows noch in den letz­ten Lebens­jah­ren Anna Ama­lias gibt es keine Belege, doch Abschrif­ten Her­ders (»Auf Wie­lands Büste«) und Luise von Göch­hau­sens (»Unter Wie­lands Büste im Gar­ten zu Tie­furt«) legen es nahe.

Dem Wie­land-Denk­mal kommt wegen der beson­de­ren Nei­gung die­ses Dich­ters zu Tie­furt, sei­ner engen Ver­bun­den­heit mit Anna Ama­lia und der Auf­stel­lung auf dem Lieb­lings­plätz­chen des Dich­ters am öst­li­chen Ilmu­fer ein gestei­gert inti­mer Wert zu. Auch in die­sem Fall aber schuf bzw. inten­dierte Goe­the dazu ein Gegen­ge­wicht, indem er das mytho­lo­gi­sche Wis­sen von den inspi­rie­ren­den Musen auf­ruft, als­bald aber – wie schon den Amor- und den Phi­lomele-Mythos – in beson­de­rer Weise akzen­tu­iert: Der Dich­ter »belauscht« und beob­ach­tet die irdi­schen Nym­phen und die vom Olymp her­ab­ge­stie­ge­nen Gra­zien und teilt seine danach aus »Erde und »Him­mel« gewo­bene Erzäh­lung den Musen mit; deren inspi­rie­rende Rolle aber, wie Wie­land selbst sie im berühm­ten »Oberon«-Eingang auf­ge­ru­fen hatte, bleibt dar­auf beschränkt, »beschei­den Geheim­nisse spre­chen« zu leh­ren und damit den Dich­ter einer Ästhe­tik der Dis­kre­tion zu ver­pflich­ten, in der sich, bei allen Unter­schie­den, der Ver­fas­ser der Inschrift mit dem Adres­sa­ten einig weiß.

 Tiefurt – Ein literarischer Spaziergang durch den Park:

  1. Vergilgrotte
  2. Wielands Lieblingsplatz
  3. Denkmal für den Prinzen Leopold von Braunschweig
  4. Kenotaph für den Prinzen Constantin
  5. Denkmal für Wolfgang Amadeus Mozart
  6. Amor als Nachtigallenfütterer
  7. Stein mit Inschrift von Friedrich von Matthisson
  8. Stein mit Goethe- (oder Knebel?)-Inschrift
  9. Schloss Tiefurt
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