»Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister
3 : Marktplatz. Ein Stein zur doppelten Erinnerung an Jean Paul Richter und Gisela Kraft

Personen

Jean Paul Richter

Johann Gottfried Herder

Charlotte von Kalb

Christoph Martin Wieland

Friedrich von Schiller

Johann Wolfgang von Goethe

Friedrich von Schiller

Orte

Weimar

Markt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jens-Fietje Dwars, Ulrich Kaufmann

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Der aus Fran­ken stam­mende Erzäh­ler Jean Paul Fried­rich Rich­ter (1763–1825) weilte zwei­mal in Wei­mar: 1796 und von 1798–1800. Er kam (wie Lenz) aus einer armen Pas­to­ren­fa­mi­lie, stu­dierte (wie die­ser ) Theo­lo­gie und musste wie der Autor des »Hof­meis­ter« des öfte­ren als ein sol­cher arbei­ten. Bei sei­nem ers­ten Besuch logierte auch er im »Erb­prin­zen«, beim zwei­ten Mal mie­tete er sich ein Logis an der West­seite des Mark­tes, Ende Win­di­schen­gasse. Hier war er »stu­ben­glück­lich« und nannte seine Wir­tin außer Her­der, den er gleich am ers­ten Tag auf der Straße traf, »das größte Lab­sal«.

Ein­ge­la­den hatte ihn die unglück­lich ver­hei­ra­tete Char­lotte von Kalb, die ihm die Wege in Wei­mar (vor allem am Hof) ebnete. Als Jean Paul 1798 nach Wei­mar kam, war er bereits ein bekann­ter und nament­lich bei Frauen gelieb­ter Autor. (Köni­gin Luise wird ihn spä­ter emp­fan­gen.) Vor Ein­la­dun­gen und Anträ­gen konnte sich der Autor kaum ret­ten. Er war Mitte Drei­ßig und auf Braut­schau, auf der »Treppe zum Ehe­bette«. Intime Kon­takte waren für ihn nur in einer Ehe denk­bar. Erst um 1800, in sei­ner Ber­li­ner Zeit, lernte er mit Karo­line Mayer seine künf­tige Ehe­frau ken­nen.

Wäh­rend Jean Paul fast täg­lich in der Fami­lie Her­der zu Besuch war und auch enge Bezie­hun­gen zu Wie­land unter­hielt, war sein Ver­hält­nis zu Goe­the, in des­sen »Palast« er einige Male speiste, und zu Schil­ler, den er eigens in Jena besuchte, distan­ziert. Schil­ler bot zwar dem Neu­an­kömm­ling die Mit­ar­beit an den »Horen« an, aber er blieb für ihn der »Chi­nese in Rom«. Goe­the und Schil­ler nann­ten den humo­ris­ti­schen, die Abschwei­fung lie­ben­den Erzäh­ler oft »Hespe­rus« – nach dem Titel­hel­den sei­nes Romans von 1794. In der Wei­ma­rer Zeit arbei­tete der Schrift­stel­ler an den »Pal­inge­nien« sowie an dem Roman »Titan«. »Ich habe in Wei­mar zwan­zig Jahre in weni­gen Tagen ver­lebt – meine Men­schen­kennt­nis ist wie ein Pilz Manns­hoch in die Höhe geschos­sen.« Bilan­zierte Jean Paul, doch die Klas­si­ker­stadt hielt ihn nicht län­ger.

Die in ihren letz­ten Lebens­jah­ren in Wei­mar lebende Dich­te­rin Gisela Kraft (1936–2010) hat es in einem drei­ein­halb­jäh­ri­gen »Kraft-Akt« erreicht, dass auf dem Wei­ma­rer Markt 2001 eine Platte in den Fuß­bo­den ein­ge­las­sen wurde, die an den Wohn­ort Jean Pauls erin­nert. In ihrem Roman »Madon­nen­suite« erfin­det Kraft ein Dich­ter­ge­spräch zwi­schen Tieck, Nova­lis und Jean Paul, das im Novem­ber 1799 in Wei­mar ange­sie­delt ist.

Noch heute gelobt wird Gün­ter de Bruyns Buch »Das Leben des Jean Paul Fried­rich Rich­ter« aus dem Jahre 1975.

 »Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister:

  1. Vor dem einstigen Hotel »Zum Erbprinz« – Lenz in Weimar
  2. Ein Tonsetzer in Haft – Erinnerung an den jungen Bach
  3. Marktplatz. Ein Stein zur doppelten Erinnerung an Jean Paul Richter und Gisela Kraft
  4. Windischengasse – Schillers Zwischenhalt
  5. Die Thelemannsche Buchhandlung von Gustav Kiepenheuer
  6. Doppelt vertrieben. Bauhaus-Museum und Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz
  7. Wielandstraße 29 – Böcklin und das »Silberne Weimar«
  8. Goetheplatz 9 – Kunsthalle Harry Graf Kessler
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