»Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister
8 : Goetheplatz 9 – Kunsthalle Harry Graf Kessler

Personen

Harry Graf Kessler

Henry van de Velde

Ort

Weimar

Themen

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Weimarer Republik

Autor

Jens-Fietje Dwars, Ulrich Kaufmann

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Aus der Wie­land­straße kom­mend gehen wir bis ans Ende des Goe­the­plat­zes. In dem unschein­ba­ren Haus Nr. 9 führt ein Durch­gang in einen Innen­hof, der eine Über­ra­schung bereit hält: Seit 1938 von der davor ste­hen­den Häu­ser­zeile ver­deckt, war­tet hier die Kunst­halle Harry Graf Kess­ler mit einer Vene­zia­ni­schen Palast­fas­sade auf Besu­cher. Einst eine Zie­ge­lei, wurde 1880 darin die »Per­ma­nente Kunst­aus­stel­lung« gegrün­det. Dar­aus ent­stand 1903 unter Harry Graf Kess­ler das »Groß­her­zog­li­che Museum für Kunst und Kunst­ge­werbe«. Der Kunst­mä­zen prä­sen­tierte hier als Direk­tor Meis­ter­werke der fran­zö­si­schen Impres­sio­nis­ten, grün­dete den »Deut­schen Künst­ler­bund« und holte Henry van de Velde nach Wei­mar, um mit der Kunst­ge­wer­be­schule die Pro­duk­tion des gan­zen Lan­des zu desi­gnen, nach dem „Neuen Stil« zu gestal­ten, dem Leben im Sinne Nietz­sches Stil zu geben, mit einem „Neuen Wei­mar« als Gegen­kraft zum Wil­hel­mi­ni­schen Ber­lin die Moderne durch­zu­set­zen.

Das war kühn gedacht, doch wie sollte aus­ge­rech­net Wei­mar zum Zen­trum der Avant­garde wer­den? Bereits 1902 notierte Kess­ler in sein Tage­buch: »Cha­rak­te­ris­ti­kum der klei­nen Stadt und des klei­nen Hofs: Alles ist von Intri­gen und Aigriert­heit unter­gra­ben. Grund: Alle Leute haben nichts zu tun …« Vier Jahre spä­ter trat er zurück, da man zarte Akt­zeich­nun­gen, die er per­sön­lich von Rodin als Geschenk für den Groß­her­zog ent­ge­gen genom­men hatte, als »wel­sche Schwei­ne­rei« dif­fa­mierte.

Van de Velde, der bei Kriegs­aus­bruch 1914 wie ein Feind behan­delt wurde, emi­grierte 1917 in die Schweiz. Kess­ler trat nach 1918 für einen »wah­ren Völ­ker­bund« ein, schei­terte als Reichs­tags­kan­di­dat der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Par­tei, wurde als „Rote Graf» ver­lacht und zog sich in Wei­mar immer mehr in seine 1913 gegrün­dete Cra­nach-Presse (Bau­haus­straße 1) zurück. End­gül­tig ver­trieb ihn der Sieg der brau­nen Hor­den, dem die völ­kisch-natio­nale Bewe­gung und der Kult eines auto­ri­tär ver­klär­ten Goe­the in Wei­mar den Weg geeb­net hat­ten.

Schon 1931 schrieb Erich Knauf war­nend: »Kein Wun­der, dass die Theo­rie vom Über- und Unter­men­schen und die dar­auf sich grün­dende Par­tei­an­schau­ung gerade in Wei­mar der­art ins Kraut schie­ßen konnte. Vom Hero­en­kult zum Nazi­dik­ta­tor ist nur ein Schritt.« (Die gute Stube des deut­schen Klein­bür­gers)

Auf zwei wei­te­ren Rou­ten las­sen sich noch Spu­ren ande­rer Geis­ter ver­fol­gen, die Wei­mar ver­trie­ben oder nicht gehal­ten hat:

  • Route 2: Markt (Jean Paul) – Hotel Erb­prinz (Lenz, Bach) – Her­zo­gin Anna Ama­lia Biblio­thek (Ger­hard Alten­bourgs Dada-Stu­dien) – Beet­ho­ven­platz 2 (Franz von Din­gel­stedt und Fried­rich Heb­bel) – Mari­en­straße 2 (Karl Gutz­kow) – Mari­en­straße 3: Jäger­haus (Ver­trei­bung von Goe­the und der schwan­ge­ren Chris­tiane vom Haus am Frau­en­plan) – Geschwis­ter-Scholl-Straße: Von der Gewer­be­schule zum Bau­haus (Henry van de Velde, Gro­pius etc.) – Bau­haus­straße 1 (Die Cra­nach-Presse Harry Graf Kess­lers, mit Aus­blick auf die Haeckel-Straße 7 = Alten­bourg und Maler­stieg 11 = Theo­dor Plie­vier) – Ama­li­en­straße 17 (Ate­lier von Arnold Böck­lin).
  • Route 3: Markt (Jean Paul) – Schloss­gasse 6 bzw. Ecke Grü­ner Markt/Kollegiengasse (August von Kot­ze­bue) – Leib­niz­al­lee 4 (Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, mit Ver­weis auf Fer­di­nand Frei­li­grath) – Am Horn 15: Georg Kai­ser – Am Horn 53 (Paul Klee) – Am Horn 61 (Mus­ter­haus des Bau­hau­ses)
  • Lek­tü­re­emp­feh­lung: Wei­mar lite­ra­risch. Hg. von Jens Kirs­ten, Ber­lin 2013.

 »Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister:

  1. Vor dem einstigen Hotel »Zum Erbprinz« – Lenz in Weimar
  2. Ein Tonsetzer in Haft – Erinnerung an den jungen Bach
  3. Marktplatz. Ein Stein zur doppelten Erinnerung an Jean Paul Richter und Gisela Kraft
  4. Windischengasse – Schillers Zwischenhalt
  5. Die Thelemannsche Buchhandlung von Gustav Kiepenheuer
  6. Doppelt vertrieben. Bauhaus-Museum und Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz
  7. Wielandstraße 29 – Böcklin und das »Silberne Weimar«
  8. Goetheplatz 9 – Kunsthalle Harry Graf Kessler
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/die-spur-der-vertriebenen-die-kehrseite-von-weimar/goetheplatz-9-kunsthalle-harry-graf-kessler/]