»Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister

Personen

Johann Wolfgang von Goethe

Anna Amalia v. Sachsen-Weimar-Eisenach

Christoph Martin Wieland

Karl Ludwig von Knebel

Johann Gottfried Herder

Jakob Michael Reinhold Lenz

Ort

Weimar

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jens-Fietje Dwars, Ulrich Kaufmann

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Richard Ale­wyn schrieb 1949: »Zwi­schen uns und Wei­mar liegt Buchen­wald«, als Mah­nung, dass es kein ein­fa­ches Zurück, kein ein­fa­ches Wie­der­an­knüp­fen an die Klas­sik geben kann, ohne zugleich die Bar­ba­rei zu beden­ken, die von Deutsch­land aus­ge­gan­gen ist.

Im Pro­gramm­heft zum Kul­tur­stadt­jahr Wei­mar 1999 drohte die War­nung sich ins Gegen­teil zu ver­keh­ren: »Stel­len Sie sich vor, Goe­the wäre in Frank­furt geblie­ben … Was wäre dann Wei­mar? Gewiß kein Mythos und wahr­schein­lich kein Ort, in dem so viel Gro­ßes aus – und so Schänd­li­ches ange­rich­tet wor­den wäre.«

Als sei das KZ Buchen­wald eine Folge von Goe­thes Umzug an die Ilm. Das war genauso ein Unsinn wie das Unter­neh­men, »Scouts« Sicht­ach­sen zwi­schen dem Etters­berg und der Klas­si­ker­stadt freischla­gen zu las­sen, um vom »Pla­net Buchen­wald« in den »Deep Space Wei­mar« vor­zu­drin­gen.

Sol­che Anbie­de­rung an den Jugend­slang ver­mag vor allem eines nicht: den wirk­li­chen, inne­ren Zusam­men­hang von Hoch­kul­tur und Bar­ba­rei in den Blick zu neh­men, geschweige, ihn zu ergrün­den. Warum konnte aus dem Land der Dich­ter und Den­ker eines der Rich­ter und Hen­ker wer­den? Ist die Nähe des KZ zur Klas­si­ker­stadt nur Zufall – oder tritt in ihr eine Schat­ten­seite zutage, die sich im idyl­li­schen Wei­mar selbst ver­birgt?

Das Klas­si­ker­nest war ja nicht bloß ein Idyll – es zog große Geis­ter von 1775 bis 1820 an, aber es hat von Anbe­ginn auch Anders­den­kende und-füh­lende ver­trie­ben oder nicht gehal­ten, weil sie offen­bar nicht zum Geist die­ser Stadt pass­ten.

Fol­gen wir deren Spu­ren – um etwas von dem ande­ren Wei­mar zur Spra­che zu brin­gen und zu begrei­fen, warum an die­sem Ort die deut­sche Geschichte einen so fata­len Lauf nahm.

Der Treff­punkt ist dafür ideal, weil er bei­des auf einen Blick bie­tet: Das Hotel, vor dem in den 1930er Jah­ren Tau­sende Wei­ma­rer stan­den und rie­fen: »Lie­ber Füh­rer komm her­aus aus dem Ele­phan­ten-Haus!« – und der alt­ehr­wür­dige Markt mit dem Cra­nach-Haus, das an die Anfänge der Blüte Wei­mars als Resi­denz­stadt erin­nert.

Als Kur­fürst Johann Fried­rich I. (1503–1554) im Schmal­kal­di­schen Krieg 1547 die Kur­würde und Wit­ten­berg ver­lor, ver­legte er seine Resi­denz nach Wei­mar, wäh­rend er in Jena 1548 eine »Hohe Schule« grün­den ließ, die neun Jahre spä­ter vom Kai­ser als Uni­ver­si­tät aner­kannt und 1558 fei­er­lich eröff­net wurde.

Fortan gehör­ten Jena und Wei­mar zusam­men, bil­de­ten, wie Goe­the es nannte, eine Dop­pel-stadt, mit frei­lich deut­lich geschie­de­nen Enden oder Polen, die auch im lite­ra­ri­schen Leben zutage tra­ten: Wei­mar war die Resi­denz, eine der kleins­ten und ärms­ten in Deutsch­land, ein Dorf mit 6.000 Ein­woh­nern, die vom Acker­bau oder vom Hof leb­ten. Doch ein Hof, der schon mit der Cra­nach-Werk­statt sei­nen Kunst­sinn betonte.

Her­zo­gin Doro­thea Maria (1574–1617) schuf als Witwe die Tra­di­tion des Musen­ho­fes. Als sie starb, grün­de­ten die säch­si­schen Fürs­ten auf der Wil­helms­burg die Frucht­brin­gende Gesell­schaft, die erste Ver­ei­ni­gung Deutsch­lands, die sich die Pflege der deut­schen Spra­che und Lite­ra­tur auf die Fah­nen schrieb. Ein Jahr­hun­dert spä­ter berief Anna Ama­lia die Schrift­stel­ler Wie­land und Kne­bel als Erzie­her ihrer Söhne, die wie­derum zogen Goe­the an, dem Her­der und Lenz folg­ten.

Und da bekommt die schöne Geschichte ihren ers­ten Riss: Mit Lenz.

 »Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister:

  1. Vor dem einstigen Hotel »Zum Erbprinz« – Lenz in Weimar
  2. Ein Tonsetzer in Haft – Erinnerung an den jungen Bach
  3. Marktplatz. Ein Stein zur doppelten Erinnerung an Jean Paul Richter und Gisela Kraft
  4. Windischengasse – Schillers Zwischenhalt
  5. Die Thelemannsche Buchhandlung von Gustav Kiepenheuer
  6. Doppelt vertrieben. Bauhaus-Museum und Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz
  7. Wielandstraße 29 – Böcklin und das »Silberne Weimar«
  8. Goetheplatz 9 – Kunsthalle Harry Graf Kessler
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