Christa und Gerhard Wolf in Bad Frankenhausen
2 : Hermann-Hedrich-Heim und das ehemalige Wohnhaus der Familie Ihlenfeld

Personen

Gerhard Wolf

Christa Wolf

Ort

Bad Frankenhausen

Themen

Thüringen im Nationalsozialismus

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Gegenwart

Autor

Peter Braun und Martin Straub

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Im Jahr 1947 erhielt Otto Ihlen­feld die Stelle des kauf­män­ni­schen Lei­ters des »Her­mann-Hed­rich-Heims«, eines Kin­der­sa­na­to­ri­ums, das in spä­te­ren Jah­ren der DDR in »Hel­mut Just-Sana­to­rium« umbe­nannt wurde. Der neo­klas­si­zis­ti­sche Bau aus der Wei­ma­rer Repu­blik liegt etwas ober­halb der Stadt; die heiße Sole wurde dort­hin gepumpt. Zu dem Sana­to­rium gehörte auch eine kleine Villa mit der Adresse Tho­mas Mün­zer Str. 9. Hier wohnte die Fami­lie und hier hatte Christa Ihlen­feld ein eige­nes Zim­mer im Sou­ter­rain mit Blick auf den schie­fen Kirch­turm von Bad Fran­ken­hau­sen, dem Wahr­zei­chen der Stadt.

Eine Zeit­lang schien ihre die christ­li­che Reli­gion die­sen Halt zu ver­spre­chen; schließ­lich jedoch über­zeug­ten sie die Schrif­ten des Mar­xis­mus, mit denen sie, ver­mit­telt über einen Leh­rer, in die­ser Zeit in Berüh­rung kam.

In dem Essay Zu einem Datum aus dem Jahr 1971 bringt Christa Wolf die Erfah­run­gen sehr poin­tiert zum Aus­druck und bezieht dabei ihren Lebens­ort und ihr Zim­mer mit ein. Sie schil­dert jenen Tag, als sie ihre erste mar­xis­ti­sche Schrift las. Sie wurde ihr von ihrem Mathe­ma­tik- und Phy­sik­leh­rer Die­ter Dewald ver­mit­telt, der bei ihrem Ein­tritt in die SED für sie bürgte und des­sen Für­spra­che Christa Wolf auch ihren Stu­di­en­platz in Jena ver­dankte.

Es war ein schö­ner Herbst­tag, pfund­weis aß ich die klei­nen säu­er­li­chen Äpfel, die meine Groß­mutter mir ins Fens­ter reichte, nachts notierte ich mir – falsch, wie man sehen wird – den Titel der Schrift in mein Tage­buch: Feu­er­bach und die aus­ge­hende klas­si­sche Phi­lo­so­phie. […] Ich will ver­su­chen, genau zu sein. Ich lief damals hin­aus. Es war eine kühle Nacht, herbst­lich, mit dün­ner, kla­rer Luft. Wir wohn­ten an einem Berg. Die Sterne oben und die Stadt­lich­ter unten schie­nen wie immer ein­an­der zu spie­geln. Ich ging die Tho­mas-Münt­zer-Straße hin­auf, bis zur Blut­rinne, einer Mulde, in der nach jenem Gemet­zel vom 15. Mai 1525 das Blut der auf­stän­di­schen Bau­ern zu geflos­sen sein soll. Die Schön­heit der Nacht war mir zuwi­der. Die gleich­mä­ßige Mond­si­chel, diese raf­fi­nierte Täu­schung, stieß mich ab. Der schiefe Kirch­turm, das roman­ti­sche Wahr­zei­chen der Stadt, hätte seine Beharr­lich­keit auf­ge­ben und end­lich ein­stür­zen sol­len. Alles hätte auf uns Bezug neh­men sol­len, auf uns, deren Gleich­gül­tig­keit nun ein Ende hatte.

Das ist nicht ohne Pathos geschrie­ben und folgt dem Mus­ter einer Kon­ver­si­ons­er­zäh­lung. Den­noch ist inter­es­sant, wie Christa Wolf im Rück­blick die Stadt Bad Fran­ken­hau­sen, sym­bo­li­siert in dem schie­fen Kirch­turm, als roman­tisch beschreibt. Frei­lich tra­gen dazu auch die Motive der Nacht, des Ster­nen­him­mels und des Mon­des bei – alle­samt Insi­gnien des Roman­ti­schen. Aus­drück­lich bricht sie nun mit allem Roman­ti­schen, zum dem eben auch die »Nacht­seite der Ver­nunft« gehört, die sich bis in den Natio­nal­so­zia­lis­mus erstreckt hat.

 Christa und Gerhard Wolf in Bad Frankenhausen:

  1. Schloss Rathsfeld (einschließlich des Barbarossa-Denkmals)
  2. Hermann-Hedrich-Heim und das ehemalige Wohnhaus der Familie Ihlenfeld
  3. Die Unterkirche
  4. Die ehemalige Schule
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