Ursula Sigismund – »Zarathustras Sippschaft. Menschliches, Allzumenschliches von Nietzsches Verwandtschaft«

Personen

Ursula Sigismund

Elisabeth Förster-Nietzsche

Friedrich Nietzsche

Harry Graf Kessler

Orte

Weimar

Nietzsche-Archiv Weimar

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Silke Wehrmann-Fischer

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Wie­der­ge­le­sen von Silke Wehrmann-Fischer

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: es lohnt sich, die­sen Roman zu lesen! Sowohl  für Ein­hei­mi­sche als auch für Tou­ris­ten ist der his­to­ri­sche Blick auf die Stadt Wei­mar zwi­schen den Welt­krie­gen, wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus und in den ers­ten zehn Jah­ren der DDR span­nend. Die ganze Ambi­va­lenz der Zeit scheint in allen Facet­ten auf, scho­nungs­los, nichts ver­schwei­gend und doch aus dem Blick­win­kel der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen gezeichnet.

Ursula Sigis­munds bio­gra­phi­scher Roman »Zara­thu­stras Sipp­schaft«, in dem die Groß­nichte Fried­rich Nietz­sches von ihrer Kind­heit und Jugend in der Stadt an der Ilm erzählt, erschien erst­ma­lig 1977 im Franz Ehren­wirth Ver­lag, der noch eine Taschen­buch­aus­gabe auf­legte. Zum acht­zigs­ten  Geburts­tag der Autorin kam 1992 im Kra­nich­stei­ner Lite­ra­tur­ver­lag ein Reprint her­aus, mit dem auch der Ver­lag gegrün­det wurde. Auf­grund der »Nach­fah­ren­pro­mi­nenz« war der Roman zum Zeit­punkt sei­nes Erschei­nens ein gro­ßer Erfolg. Ursula Sigis­munds Groß­va­ter war der kleine Bru­der von Nietz­sches Mut­ter, Fran­ziska Oeh­ler (1826–1897). Die­ser Groß­va­ter, Oskar Ulrich Oeh­ler, wurde 1839, nur fünf Jahre vor Fried­rich Nietz­sche gebo­ren. Er starb 1901. Einen sehr guten Über­blick über die sehr zahl­rei­che Fami­lie Oeh­ler fin­det man auch unter »www.geni.com«, ein­ge­stellt von Dr. Tho­mas Föhl, der auch den Brief­wech­sel zwi­schen Harry Graf Kess­ler und Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche in der Reihe »Schrif­ten zum Nietz­sche-Archiv« her­aus­ge­ge­ben hat. Hier kann man über alle betei­lig­ten Per­so­nen wert­volle, sonst schwer zugäng­li­che  Infor­ma­tio­nen in zwei Bän­den nach­le­sen, die nicht nur fun­dier­tes Wis­sen ver­mit­teln, son­dern zugleich sehr unter­hal­tend sind.

Anne­ma­rie Ursula Eli­sa­beth Sigis­mund, gebo­rene Oeh­ler, geschie­dene Wach­ler, wurde 1912 in Dan­zig gebo­ren. Sie war die älteste Toch­ter von Max Oeh­ler, der 1875 in Bles­sen­bach bei Lim­burg gebo­ren und 1946 (ver­mut­lich in Mos­kau) hin­ge­rich­tet wurde und Anne­ma­rie Lemel­son, 1892 in Bre­men gebo­ren und dort 1962 auch gestor­ben. Ihr Vater war als ein Vet­ter Fried­rich Nietz­sches vom 1. März 1919 bis zu sei­ner Ver­haf­tung 1945 als Geschäfts­füh­rer des Nietz­sche-Archivs ein­ge­setzt. Sein Tod wurde lange Zeit mys­te­riös ver­klärt, man dachte, die Besat­zer hät­ten ihn in Buchen­wald oder in einem Kar­tof­fel­kel­ler in Wei­mar ver­hun­gern lassen.

Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche, (1846 Röcken – 1935 Wei­mar), die umstrit­tene Schwes­ter des Phi­lo­so­phen, ist eine zen­trale Figur des Romans. Sie machte die Archiv-Räume in der Villa Sil­ber­blick an der heu­ti­gen Hum­boldt­straße, damals noch »Süd­straße«, zu einem Wall­fahrts­ort in Wei­mar. Bei ihr tra­fen sich die Ori­gi­nale und Grö­ßen jener Wei­ma­rer Jahre, beim soge­nann­ten »Jour fixe«, an jedem Sams­tag­nach­mit­tag. Eine Pflicht­ver­an­stal­tung auch für die Fami­lie Oeh­ler. – »Wenn Nietz­sche das mit­er­lebt hätte, ob er es gemocht hätte? Ich fress› einen Besen, sagte mein Vater, wenn er es gemocht hätte.«

Die Autorin beschreibt ihre Groß­tante als »kleine, hüb­sche, alte Frau aus Mar­zi­pan mit schwar­zen alt­mo­di­schen Klei­dern, wohl­rie­chend und groß­müt­ter­lich, mit irgend­et­was Eiser­nem im Gesicht […]«.  Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche »hält Hof«,  sie umschmei­chelt die Gro­ßen und Rei­chen ihrer Zeit, um Mäzene zu fin­den und, ohne Rück­sicht auf poli­ti­sche oder reli­giöse Zuge­hö­rig­kei­ten, ihr Ziel zu ver­fol­gen, Nietz­sches Nach­lass nach ihren ganz eige­nen geschön­ten Vor­stel­lun­gen, durch­aus fäl­schend, und sub­jek­tiv her­aus­zu­ge­ben. Mit Harry Graf Kess­ler wech­selte sie fast 800 Briefe, Kar­ten und Tele­gramme. Diese Freund­schaft zer­brach an der Poli­tik. Hit­ler soll sie­ben Mal bei Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche  gewe­sen sein, Mus­so­lini wurde von ihr eingeladen.

Ein­fühl­sam schil­dert sie das Leben in und um das Nietz­sche-Archiv aus der Per­spek­tive ihrer Kin­der- und Jugend­jahre, mit Sym­pa­thie und doch kri­tisch. Dadurch wird das Gesche­hen nicht nur in der Villa Sil­ber­blick leben­dig. Sigis­mund emp­fin­det die ganze Entou­rage um ihre Groß­tante über­wie­gend als steif und schul­meis­ter­lich. »Zara­thu­stras Sipp­schaft« ist aller­dings keine wei­tere Inter­pre­ta­tion des Nietz­sche-Nach­las­ses, son­dern eine sehr per­sön­li­che Schil­de­rung der Lebens­um­stände sei­ner Verwandten.

Die Geschichte beginnt 1975 rück­bli­ckend, als die Autorin auf einer Reise in der  Schweiz über ihren Halb­bru­der sin­niert, den Sohn des Mäzens Ernest Thiel. Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche kannte den schwe­di­schen Ernest Jac­ques Thiel (1869–1915) deutsch‑, belgisch‑, jüdi­scher Her­kunft, seit April 1905. Thiel war häu­fi­ger Gast im Archiv und über­setzte auch mehr­fach Werke von Nietz­sche ins Schwe­di­sche. Er wurde der mit Abstand bedeu­tendste Mäzen des Archivs, der bis 1919/20 rund 500.000 Mark stif­tete und in Raten den Groß­teil des Kapi­tals zur Grün­dung der »Stif­tung Nietz­sche Archiv« beitrug.

Schritt­weise geht Ursu­las Sigis­mund nun rück­wärts, fünf­und­zwan­zig Jahre zuerst, bis zu einem Tref­fen in Kas­sel mit Tor­gel [Tor­kel] Thiel (1909 ‑1990) – »TT«– wie sie ihn nennt. Damals lebte sie noch in Wei­mar und brauchte einen Inter­zo­nen­pass für diese drei­tä­gige Reise. Dann geht es wei­ter zurück zum ers­ten Tref­fen mit Tor­gel in Wei­mar als Kind, über zwei Rei­sen nach Schwe­den zur Fami­lie Thiel. Ent­hüllt wird Ursula die Ver­wandt­schaft zu Tor­gel, als unehe­li­chem Sohn ihres Vaters über die Mut­ter kurz vor ihrer zwei­ten Reise nach Schwe­den! Empört und auf­ge­wühlt beschließt sie letzt­lich, doch dar­über zu schwei­gen. 1908 auf sei­ner zwei­ten Reise zur Stif­ter­fa­mi­lie hatte Max Oeh­ler eine Lie­bes­be­zie­hung mit der zwei­ten Frau Ernest Thiels, Signe Maria Thiel. Ernest Thiel nahm den dar­aus her­vor­ge­gan­ge­nen Sohn als leib­li­chen Sohn an.

Sehr schön ist es für die Leser, mit ihr das Wei­mar die­ser Zeit von innen zu ent­de­cken. Sei es, wenn man ihren Schul­weg nach­voll­zieht, oder die Beschrei­bung ihrer Schu­len: der Weg zum dama­li­gen  Mäd­chen-Pen­sio­nat in der Edu­ard-Rosen­thal-Straße – eine Pri­vat­schule in einer Villa am Stadt­rand, an der man das Abitur machen konnte – den sie immer auf die letzte Minute auf dem Fahr­rad ent­langsaust, weil sie nachts zu lange liest. Das Gebäude steht noch immer. Im Ein­gangs­be­reich kann man noch die Bänke und Haken sehen, an denen die Schü­le­rin­nen ihre Män­tel auf­hän­gen konn­ten. Oder ihre Schil­de­rung der Woh­nung ihres ers­ten Schwie­ger­va­ters, Ernst Wach­ler (1871–1945), der als völ­kisch-kon­ser­va­ti­ver Phi­lo­loge, Jour­na­list, Schrift­stel­ler, Dich­ter und Dra­ma­ti­ker in den zwan­zi­ger Jah­ren unter ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen wie­der in Ober­wei­mar lebte, neben dem dama­li­gen Goe­the-Café, im Franz-Bunke-Weg 10, direkt am Ilm-Park. Dort bringt Ursula Sigis­mund auch ihr ers­tes Kind, Diet­rich, zur Welt.

Ursula Sigis­mund hatte fünf Kin­der, vier aus ers­ter Ehe und eine Toch­ter aus der zwei­ten. Mit 19 hatte sie den Juris­ten, Phi­lo­lo­gen, Volks­kund­ler und Gym­na­si­al­leh­rer Dr. phil. Ingolf Wach­ler (1911–1988) gehei­ra­tet, der poli­tisch eher links aus­ge­rich­tet war, nichts von Hit­ler hielt und aus­wan­dern wollte, doch Ursula Sigis­mund über­re­dete ihn zum Blei­ben. Max Oeh­ler hin­ge­gen trat früh der NSDAP bei, wie seine Toch­ter schreibt, zum Wohl des Archivs und auf Wunsch Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sches, so dass es zwi­schen ihm und sei­nem Schwie­ger­sohn Dif­fe­ren­zen gab.

1935, im Todes­jahr Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sches, war Ursula 23 und hatte inzwi­schen zwei Kin­der: Diet­rich und Peter. Der auto­bio­gra­fi­sche Roman endet mit dem Ihrem und Tor­gels Tref­fen in Kas­sel. Die frü­hen Nach­kriegs­jahre wur­den nicht ein­fa­cher für sie. Sie ließ sich von Ingolf Wach­ler, mit dem sie inzwi­schen vier Kin­der hatte, schei­den und hei­ra­tete 1949 den Archi­var und Gym­na­si­al­leh­rer Vol­ker Sigis­mund (1915–1992). 1955 floh sie in den Wes­ten, weil ihr Mann zu einer poli­ti­sche Haft­strafe ver­ur­teilt war und sie sich nicht län­ger sicher fühlte. Von 1963 bis 2002 lebte Ursula Sigis­mund in Darmstadt.

»Zara­thu­stras Sipp­schaft« ist ein Buch, nach des­sen Lek­türe man wis­sen möchte, wie es Ursula Sigis­mund und ihren Kin­dern wei­ter erging. Man möchte Genaue­res erfah­ren über ihr Leben und ihre Zeit als Schrift­stel­le­rin, über ihre häu­fi­gen Besu­che in Wei­mar, die wei­tere Anbin­dung an das Gesche­hen um die Nietz­sche-Rezep­tion nach 1989. Hierzu gibt es den sehr lesens­wer­ten Bericht »Zarathustra›s Clan« des Ame­ri­ka­ners John Rod­den, der Ursula Sigis­mund 1994 in Röcken bei der Gedenk­feier zum 150. Geburts­tag Fried­rich Nietz­sches kennenlernte.

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