Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt

Personen

Christoph Martin Wieland

Walter Benjamin

Sophie Brentano

Heinrich von Kleist

Orte

Oßmannstedt

Wielandgut Oßmannstedt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jürgen M. Paasch

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Wer heute von Wie­land redet, meint sich ent­schul­di­gen zu müs­sen. Der meist­ge­le­sene Autor sei­ner Zeit ist uns zum Unbe­kann­ten gewor­den, zum Unge­le­se­nen unter den Klas­si­kern und zur Schat­ten­ge­stalt der Lite­ra­tur­ge­schichte. Wer den Ver­schol­le­nen aber ent­deckt, dem könnte es erge­hen wie Fried­rich Dür­ren­matt, der Kopf schüt­telnd gestand, selt­sa­mer­weise liebte ich Wie­land, ich glaube, daß ich das meiste von ihm kenne. Diese merk­wür­dige Vor­liebe war ganz nach dem Geschmack Arno Schmidts, der in Wie­land den Mann sah, durch des­sen Schreib­tisch wir Schrift­stel­ler unsern ers­ten Meri­dian zie­hen müß­ten. Das »Wir« ver­rät die Idee und bedeu­tet dem gemei­nen Leser nichts Gutes. Tat­säch­lich schleppt Wie­land die Mons­tranz des Sprach­wun­ders seit Goe­the sei­nem Famu­lus Ecker­mann in den Block dik­tierte, Wie­land ver­dankt das ganze obere Deutsch­land sei­nen Stil. Dem ent­kam nie­mand, selbst Nietz­sche, der Wie­land nicht mochte, lobte ihn wider Wil­len: Wie­land hat bes­ser, als irgend Jemand, deutsch geschrie­ben. Dass Wie­lands Spra­che etwas mus­ter­haft Kla­res und Gebän­dig­tes eigen sei, mur­meln Autoren in der Goe­the-Nietz­sche-Nach­folge wie ein Man­tra, selbst wenn sie von sei­nem Werk, ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen wie Her­mann Hesse, nicht viel gele­sen haben.

Mit dem Ges­tus des Grund­sätz­li­chen und End­gül­ti­gen wies ein Ahn der Frank­fur­ter Schule, Wal­ter Ben­ja­min, den kom­men­den Ger­ma­nis­ten­ge­nera­tio­nen die Rich­tung: Wie­lands Spra­che sei bereits für immer in den Mut­ter­bo­den sei­ner Mut­ter­spra­che ein­ge­gan­gen, aus der Wal­ter Jens wie­derum eine moderne Spra­che sich ent­wi­ckeln sah, die in ihren For­men und Modu­la­tio­nen Wie­land viel zu ver­dan­ken habe. In einem haupt­stadt­lo­sen Land zumin­dest eine wort­wört­lich urbane Spra­che mit­ge­schaf­fen zu haben, sei Wie­lands eigent­li­ches Ver­dienst. Für Hans Mayer hatte Wie­land hin­ge­gen nicht ein­fach geschrie­ben, viel­mehr habe er kom­po­niert – seine Sprach­werke jeden­falls genoss der musi­ka­lischste aller Lite­ra­tur­phi­lo­so­phen wie Sui­ten und Sym­pho­nien. Die eher prak­ti­schen Qua­li­tä­ten der Wie­land­schen Peri­oden und Rhyth­men ent­deckte Karl Mickel, nicht von unge­fähr Thea­ter­au­tor fast noch unse­rer Tage: Leser und Spre­cher kön­nen sich bei Wie­land ein­fach nicht ver­at­men, wie lang und kom­pli­ziert die Peri­oden auch sein mögen. Sie sind der leben­dige freie Atem des Werks.

Die Wie­lands Spra­che über­ein­stim­mend lob­ten, waren auch einig hin­sicht­lich der Über­le­bens­fä­hig­keit sei­nes Wer­kes. Goe­the sah den Augen­blick bereits her­auf­kom­men, in dem Wie­land nie­mand mehr ange­hen, nie­mand mehr unter­hal­ten, nie­mand mehr ver­drieß­lich und nie­mand mehr erzürnt machen wird. Ein Todes­ur­teil für den Autor, das Nietz­sche – und es klingt nach Froh­lo­cken – als voll­zo­gen beschrei­ben konnte: seine Gedan­ken geben uns Nichts mehr zu den­ken. Wir ver­tra­gen seine hei­tern Mora­li­tä­ten ebenso wenig wie seine hei­te­ren Immo­ra­li­tä­ten. Auch Ben­ja­min sah dem Unzeit­ge­mä­ßen allen­falls ein gnä­di­ges Denk­mal errich­tet, gehöre er doch zu jenen Autoren, für deren Fort­le­ben die Mög­lich­keit, wie­der gele­sen zu wer­den, nicht mehr als ein Stand­bild zu sagen hat. Mit einer sei­ner gro­ßen For­men, der Vers­er­zäh­lung, sieht Mayer ihn sogar voll­ends ver­einsamt und aller Mög­lich­kei­ten beraubt, jemals wie­der Leser anzu­lo­cken. Unfrei­wil­lig ver­ab­schie­dete auch Schmidt, noto­ri­scher Lau­da­tor der Absei­ti­gen und Ver­ges­se­nen, sei­nen gro­ßen Pro­sa­fach­mann end­gül­tig aus dem Kreis der popu­lä­ren Autoren. Der ideale Leser des hef­tig gelob­ten und min­des­tens ebenso toten Autors müsse viel wis­sen, selbst Intel­lek­tu­el­ler sein, um Wie­land genie­ßen zu kön­nen – ein Anti-Klap­pen­text, der noch den letz­ten geneig­ten Leser nach ande­rem Aus­schau hal­ten lässt.

Wie­land also ein über­leb­ter Roko­ko­ma­ler des Wor­tes, ein fer­men­tier­ter Sprach­meis­ter und seine Werke so tot wie Mar­mor?, ein Klas­si­ker von durch­schla­gen­der Wir­kungs­lo­sig­keit? Aus der Mode gera­ten aus­ge­rech­net der hei­tere Por­no­graf, der die Kon­ser­va­ti­ven gegen sich auf­brachte; der Napo­le­ons Dik­ta­tur kom­men sah, als die »Ori­gi­nal­ge­nies« noch jako­bi­ni­sche Urstände fei­er­ten; der große Kom­pi­la­tor und Anver­wand­ler, der in den Geschich­ten der Antike, des Ori­ents, des Mit­tel­al­ters sich zuhause fühlte, wie kei­ner sei­ner Zeit­ge­nos­sen, wie nie­mand heute?

Heißt »unmo­dern« etwa das Miss­ver­ständ­nis eines schwer erkämpf­ten Gleich­ge­wichts von poe­ti­scher Form und Leben? Goe­the jeden­falls sah einen Mann, der sich in sei­nem Leben und Schrei­ben erst zur Mitte über­re­den musste:

Selbst durch­drun­gen
Von dem Wort, das er gege­ben,
War sein wohl­ge­führ­tes Leben
Still, ein Kreis von Mäßi­gun­gen
.

Aus Wie­lands Mäßi­gung ent­sprang nie Mit­tel­mä­ßi­ges, viel­mehr setzte sie Maß­stäbe für seine Zeit – sie hat sich ein Zeit­al­ter zuge­bil­det, dem Geschmack sei­ner Zeit­ge­nos­sen so wie ihrem Urteil eine ent­schei­dende Rich­tung gege­ben, wie ein­mal mehr Goe­the bemerkte. In sei­nem berühm­ten Nach­ruf in der Trau­er­loge brachte er das Phä­no­men »Wie­land« auf die For­mel: Mensch und Schrift­stel­ler hat­ten sich in ihm ganz durch­drun­gen, er dich­tete als ein Leben­der und lebte dich­tend. Sei­nem Leben nach­zu­spü­ren hieße dann, dem inne­woh­nen­den Ver­spre­chen nach einem Zugang zum Werk zu fol­gen.

Unter­wegs darf sich der for­schende, dabei auf Unter­hal­tung gestimmte Leser von einem Satz Wie­lands an die Hand neh­men las­sen: Ich habe von Jugend an eine natür­li­che Anmut­hung zu schwe­ren lite­ra­ri­schen Aben­theu­ern gehabt.

 Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt:

  1. Wieland der Gärtner oder Unser Thema und wie wir es umgehen
  2. Exkurs: Augenschein eines Erotikers
  3. Gut Oßmannstedt (1797-1803)
  4. Exkurs: Selbstportrait als Schreckensbild oder Medizin für den Sohn
  5. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Sophie von La Roche und Sophie Brentano
  6. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Der zauberische Kleist
  7. Grabmal in Oßmannstedt
  8. Schloss und Park Tiefurt
  9. Schloss und Park Belvedere (1807-1813)
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