Hildburghausen

»Eine lieb­li­che Hügel­land­schaft, die letz­ten Aus­läu­fer des Thü­rin­ger Wal­des, bet­te­ten das Städt­chen in einen sanf­ten Tal­kes­sel«, so beschreibt Gus­tav Falke (1853–1916) in »Die Stadt mit den gol­de­nen Tür­men« von 1912 die Lage Hild­burg­hau­sens. Noch heute liegt die ehe­ma­lige Resi­denz­stadt der Her­zöge von Sach­sen-Hild­burg­hau­sen, einer Neben­li­nie von Sach­sen-Gotha, mit­ten im Grü­nen. Die Geschichte der heu­ti­gen Kreis­stadt des gleich­na­mi­gen Land­krei­ses begann nicht erst mit der ers­ten urkund­li­chen Erwäh­nung 1234, son­dern reicht bis in die Zeit vor 900 zurück, als hier eine frän­ki­sche Sied­lung gegrün­det wurde. Nach einer Reihe von Besitz­wech­seln fiel Hild­burg­hau­sen 1572 an die ernes­ti­ni­schen Her­zöge von Sach­sen-Coburg. Im sel­ben Jahr sorgte ein Orkan für große Ver­hee­run­gen in der Stadt. Beim Wie­der­auf­bau der Stadt ent­stand das heu­tige Rat­haus im Renais­sance­stil von 1594. Schloss Hild­burg­hau­sen, 1685–1695 als Resi­denz­sitz der Fürs­ten von Sach­sen-Hild­burg­hau­sen errich­tet, wurde 1945 durch ame­ri­ka­ni­schen Beschuss der­art stark beschä­digt, dass es abge­tra­gen wer­den musste. Der Schloss­park besteht bis heute. Mit der Ansied­lung von Huge­not­ten ab 1710 ver­än­derte sich mit der Anlage der Neu­stadt nicht nur die Struk­tur der Stadt, auch das gewerb­li­che Leben wurde durch die Ein­füh­rung von Woll- und Strumpf­wir­ke­reien belebt.
Das größte Mys­te­rium der Stadt­ge­schichte rankt sich um die Per­son der »Dun­kel­grä­fin«. 1807 stieg im »Gast­haus zum Eng­li­schen Hof« eine tief ver­schlei­erte Dame ab, ohne ihre Iden­ti­tät preis­zu­ge­ben. Beglei­tet wurde sie von Cor­ne­lius van der Valck.Wer aber war sie? Ver­mu­tet wird, dass es Marie Thè­rése Char­lotte de Bour­bon, eine Toch­ter Lud­wigs XVI, gewe­sen sei. Sie lebte zurück­ge­zo­gen bis zu ihrem Tod 1837 in Hild­burg­hau­sen und dem nahen Ein­hau­sen. Bis heute lässt die Frage ihrer Iden­ti­tät den Hild­burg­häu­sern keine Ruhe. Ihre Per­son inspi­rierte meh­rere Schrift­stel­ler. Lud­wig Bech­stein (1801–1860) schrieb 1854 »Der Dun­kel­graf«, Albert Emil Brach­vo­gel (1824–1878) ver­faßte 1871 »Das Rät­sel von Hild­burg­hau­sen« und Kurt Kluge (1886–1940) nahm 1939 in sei­ner Erzäh­lung »Noc­turno« die Zurück­ge­zo­gen­heit und Anony­mi­tät des Paa­res als lite­ra­ri­schen Stoff auf.
Eine Her­zo­gin, deren Name bekannt ist und bis heute für die För­de­rung der Kul­tur in der Stadt steht, ist Char­lotte von Meck­len­burg-Stre­litz (1769–1818), die 1785 in die Stadt kam und hier ein »Klein-Wei­mar« schuf. Im Mai 1799 kam auf ihre Ein­la­dung hin Jean Paul (1763–1825) nach Hild­burg­hau­sen und ver­liebte sich post­wen­dend in die Hof­dame Karo­line von Feuch­ters­le­ben, mit der er sich ver­lobte. Als die Stan­des­un­ter­schiede, die einer Hei­rat im Wege stan­den, aus­ge­räumt waren, ent­lobte er sich von Karo­line, nur um ein Jahr spä­ter in Ber­lin Karo­line Meyer zu ehe­li­chen. Char­mant lässt er sich über die Her­zo­gin, der er den »Titan« (1800–1803) wid­mete, aus: » Ihr Kopf ist für mich so schön, dass ich immer ver­gesse, dass ein Fürs­ten­hut dar­auf sitzt«.
Ein weg­wei­sen­des Pro­jekt wurde in Hild­burg­hau­sen 1818 von Carl Lud­wig Nonne (1785–1853) und Carl Hohn­baum (1780–1855) mit der »Dorf­zei­tung« initi­iert. Ihr gleich­sam unter­halt­sa­mes und reli­giös-kri­ti­sches Wochen­blatt war ein gro­ßer Publi­kums­er­folg, woran bekannte Bei­trä­ger wie Fried­rich Rück­ert (1788–1866) und Fried­rich de la Motte-Fou­qué (1777–1843) ihren Anteil hat­ten. Nonne selbst schrieb unter Pseud­onym für das Blatt, gleich­zei­tig fun­gierte er als her­zog­lich ein­ge­setz­ter Zen­sor. Mit dem Ende der her­zog­li­chen Herr­schaft ver­lor auch die »Dorf­zei­tung« ihre Bedeu­tung. Die Redak­tion befand sich bis 1886 im Eck­haus Moritz-Mit­zen­heim-Stra­ße/­Schleu­sin­ger Straße. 2008 wurde es abge­tra­gen.
Als »Sphinx von Hild­burg­hau­sen« bezeich­nete man Fried­rich Sick­ler (1773–1836), den ers­ten Rek­tor des Gym­na­si­ums Geor­gia­num. Er ent­deckte 1833 in der Nähe von Hild­burg­hau­sen Sau­ri­er­spu­ren, woran heute das das Chi­ro­the­rium-Denk­mal am Rat­haus erin­nert. Als wis­sen­schaft­li­cher Autor machte er sich mit dem 1811 erschie­nen » Plan topo­gra­phi­que de la Cam­pa­gne de Rome« einen Namen.
Fried­rich Rück­ert (1788–1866) kam oft nach Hild­burg­hau­sen, da seine Vor­fah­ren väter­li­cher­seits aus der Stadt stam­men. Sein Groß­va­ter Johann Michael Rück­ert (1731–1793) war hier Inspek­tor im Zucht- und Wai­sen­haus und sein Vater Johann Adam Rück­ert (1763–1831) lebte hier bis zu sei­ner Hei­rat 1787. Die Ver­wand­ten­be­su­che nutzte er zum Schrei­ben von Gedich­ten. Hier ent­stan­den unter ande­rem »Zum Emp­fang der rück­keh­ren­den Preu­ßen« und »Mit drei Moos­ro­sen«. 1810 nahm man Rück­ert in Hild­burg­hau­sen in die Frei­mau­rer­loge »Karl zum Rau­ten­kranz« auf. Sein enger Freund Carl Barth (1787–1853) kam 1830 nach Hild­burg­hau­sen. Barth, den Rück­ert in sei­nen Brie­fen stets mit dem zum geflü­gel­ten Wort gewor­de­nen Gruß »Mein lie­ber Freund und Kup­fer­ste­cher!« ansprach, schrieb mit sei­ner Erzäh­lung »Feder­zeich­nun­gen nach dem Leben von einem alten Kunst­jün­ger« (1840) ein Bild der Stadt im Bie­der­meier.
Mit dem Namen Joseph Meyer (1796–1856) ver­bun­den ist das »Große Con­ver­sa­ti­ons-Lexi­kon für die gebil­de­ten Stände« (50 Bände, 1839–1855). Meyer kam 1828 mit sei­nem »Biblio­gra­phi­schen Insti­tut« nach Hild­burg­hau­sen. Seine Klas­si­ker-Aus­ga­ben mach­ten die Dich­ter popu­lär und zugäng­lich. Das Wohn- und Ver­lags­haus »Brunn­quell­sches Haus«, an der Obe­ren Markt­straße 44 gele­gen, dient heute als Volk­hoch­schule und Musik­schule. Im Stadt­mu­seum in der Apo­the­ker­gasse 11 zeigt die Aus­stel­lung »Joseph Meyer und das Biblio­gra­phi­sche Insti­tut« alle von 1828–1874 in Hild­burg­hau­sen erschie­nen Bücher des Ver­la­ges.
Als Lehr­ling der Kes­sel­ring­schen Buch­hand­lung am Markt 14 kam Gus­tav Falke 1872 in die Stadt. In dem bereits zitier­ten Roman »Die Stadt mit den gol­de­nen Tür­men« von 1912 zeich­net er ein anschau­li­ches Bild von der Kul­tur im alten Hild­burg­hau­sen. Als Erfor­sche­rin der »Dunkelgrafen«-Geschichte hat sich Helge Rühle von Lili­en­stein (1912–2013) her­vor­ge­tan. Dabei ist unter ande­rem das 2000 erschie­nene Buch »Dun­kel­graf und Dun­kel­grä­fin im Spie­gel von Zeit­ge­nos­sen und Mit­wis­sern« ent­stan­den. Aus Hild­burg­hau­sen stammt Gün­ther Dei­cke (1922–2006), der als Lyri­ker und Her­aus­ge­ber von Antho­lo­gien, wie dem »Deut­schen Gedicht­buch« (1959) wirkte. In sei­nem frü­hen Band »Gelieb­tes Land« von 1954 the­ma­ti­sierte er die deut­sche Tei­lung. In spä­te­ren Wer­ken jedoch war für ihn die Eigen­stän­dig­keit der DDR ein unum­stöß­li­cher Fakt.

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