Ludwig Bechstein – »Deutsches Märchenbuch«

Personen

Ludwig Bechstein

Christian Ludwig Wucke

Jacob Grimm

Wilhelm Grimm

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Andreas Seifert

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Wie­derg­le­sen von Andreas Sei­fert

 

Lud­wig Bech­stein, gebo­ren 1801 in Wei­mar und 1860 in Mei­nin­gen gestor­ben, war ein Poly­his­tor: Er wirkte beruf­lich als her­zog­li­cher Biblio­the­kar und Archi­var in Mei­nin­gen, in sei­ner Frei­zeit als Regio­nal­his­to­ri­ker wie Anti­ken­samm­ler und grün­dete den ers­ten Geschichts­ver­ein im süd­west­li­chen Thü­rin­gen. Als Schrift­stel­ler ver­suchte sich Bech­stein in nahezu allen Gat­tun­gen und Gen­res. Einen fes­ten Platz in der deut­schen Natio­nal­li­te­ra­tur (und einen beschei­de­nen in der Welt­li­te­ra­tur) sicherte sich der Mei­nin­ger Tau­send­sassa mit sei­nen Mär­chen­bü­chern. Diese wur­den unter ande­rem ins Eng­li­sche, Ita­lie­ni­sche, Nor­we­gi­sche und Unga­ri­sche über­setzt, erschie­nen in Polen und den Nie­der­lan­den, in Madrid und Bue­nos Aires. Bis heute leben sie in immer neuen Auf­la­gen, Gesamt­aus­ga­ben und Aus­wahl­bän­den fort.

Die erste Aus­gabe von Bech­steins Mär­chen­samm­lung erschien 1845 bei dem Leip­zi­ger Ver­le­ger Georg Wigand, der auch die wei­te­ren Aus­ga­ben und Auf­la­gen bis 1857 besorgte. Sie trug den Titel »Deut­sches Mär­chen­buch« und umfasste 88 Volks­mär­chen sowie die ein­lei­tende Dich­tung »Des Mär­chens Geburt«. Bereits im Jahr dar­auf erfolgte eine wei­tere, mit 10 Stahl­sti­chen ver­schie­de­ner Künst­ler illus­trierte Aus­gabe. Der text­li­che Inhalt der ers­ten und zwei­ten Aus­gabe ist iden­tisch. Im Unter­schied zu spä­te­ren Edi­tio­nen hat Bech­stein in bei­den auf Quel­len und Bei­trä­ger sei­ner Samm­lung ver­wie­sen. So auf Wil­hel­mine Mylius (1821 – 1853) aus The­mar, die Brief­freun­din des blin­den Sal­zun­ger Sagen­samm­lers Lud­wig Wucke, die etwa ein Dut­zend münd­li­che Über­lie­fe­run­gen bei­gesteu­ert hat. Auch der Mei­nin­ger Dich­ter und Jour­na­list Lud­wig Köh­ler (1819 – 1862), spä­te­rer Mit­ar­bei­ter von Joseph Meyer am Biblio­gra­phi­schen Insti­tut Hild­burg­hau­sen, gehörte zu Bech­steins Bei­trä­gern. Mit der 12., ver­än­der­ten Auf­lage des Buches im Jahr 1853 änderte der Her­aus­ge­ber den Namen sei­ner Samm­lung. Sie erhielt den seit­her gebräuch­li­chen Titel »Lud­wig Bech­steins Mär­chen­buch«. Auch inhalt­lich und in der Gestal­tung hatte sich der Band ver­än­dert. Die Zusam­men­stel­lung fußte auf der Erst­aus­gabe von 1845 mit acht­zehn Weg­las­sun­gen, neun Neu­auf­nah­men und drei Umar­bei­tun­gen. Erst­mals wur­den die bekann­ten Holz­schnitte nach Ori­gi­nal­zeich­nun­gen von Lud­wig Rich­ter (1803 – 1884) ver­wen­det. Die 1853er Edi­tion war mit 174 die­ser Illus­tra­tio­nen ver­se­hen, die fol­gende illus­trierte Aus­gabe von 1857 schon mit 184 Holz­schnit­ten. Text­lich waren beide Aus­ga­ben iden­tisch.

Im Vor­wort zu sei­nem Mär­chen­buch gestand Lud­wig Bech­stein: Die aner­kannt beste ächte Mär­chen­samm­lung bil­den die »Kin­der- und Haus­mär­chen der Gebrü­der Grimm«. In sei­ner 1855 erschie­ne­nen Schrift »Mythe, Sage, Märe und Fabel« setzte er hinzu: So wie sie – konnte Nie­mand Mär­chen sam­meln und ohne ihren Vor­gang hät­ten dann auch Spä­tere nicht in glei­cher oder ähn­li­cher Weise gesam­melt. Der Mei­nin­ger sah sich durch­aus in Tra­di­tion und Nach­folge der Volks­mär­chen-Klas­si­ker aus Hes­sen und bekannte sich auch zu deren lite­ra­ri­schen Prin­zi­pien bei der Abfas­sung des Mär­chen­gu­tes: ein­fa­che Erzähl­form, Ver­zicht auf poe­ti­sche Aus­schmü­ckung und Roman­ti­sie­rung. Gleich­zei­tig ver­trat Bech­stein bei Abfas­sung und Her­aus­gabe der Mär­chen das Volks­buch-Kon­zept: Seine Samm­lun­gen soll­ten nicht in ers­ter Linie einem volks­kund­li­chen oder sons­ti­gem wis­sen­schaft­li­chen Inter­esse die­nen, son­dern breite Leser­kreise errei­chen, letzt­lich Gemein­gut des deut­schen Vol­kes wer­den. Dazu gehörte für Bech­stein auch, die vor­ge­fun­de­nen Stoffe sprach­lich zu bear­bei­ten, sie in der Spra­che sei­ner Zeit­ge­nos­sen zu erzäh­len. Aus die­sem Bestre­ben sowie aus der Auf­nahme wei­te­rer, ande­rer Mär­chen­vor­la­gen resul­tie­ren vor allem die Unter­schiede zwi­schen sei­ner Samm­lung und der von Jacob und Wil­helm Grimm.

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