Literatur aus Buchenwald
3 : Julius Freund – »Der Schriftsteller als Leichenträger – Jura Soyfer«

Personen

Julius Freund

Jura Soyfer

Ort

Gedenkstätte Buchenwald

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Julius Freund

O Buchenwald, Klagenfurt 1946.

Der begabte junge Dich­ter Jura Soy­fer starb am 16. Februar 1939 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald in sei­nem 25. Lebens­jahre. Sein Name hatte in der Lite­ra­tur schon einen guten Klang. Im Alter von 16 Jah­ren war er bereits Mit­ar­bei­ter der »Arbei­ter-Zei­tung«, schrieb Kurz­ge­schich­ten, Romane und Stü­cke für die Wie­ner Klein­kunst­büh­nen. Er zählte gleich­falls zu den unglück­li­chen Opfern von Buchen­wald. Da alle Häft­linge beschäf­tigt wer­den muß­ten, hatte auch er eine Arbeit zu ver­rich­ten. Man sollte mei­nen, daß Soy­fer als jun­ger, begab­ter Mensch wenigs­tens eini­ger­ma­ßen sei­nen Fähig­kei­ten ange­mes­sen beschäf­tigt wor­den wäre, etwa als Schrei­ber oder bei einem ande­ren güns­ti­gen Kom­mando. Aber wer den abgrund­tie­fen Wider­wil­len der Nazi gegen geis­tige Werte ken­nen­ge­lernt hat, wird sich nicht dar­über wun­dern, wel­ches Amt sie dem Dich­ter Jura Soy­fer in Buchen­wald zuge­wie­sen hat­ten: er war dort als Lei­chen­trä­ger tätig. Seine Haupt­auf­gabe bestand darin, die Toten in Decken ein­zu­wi­ckeln und sie mit Hilfe ande­rer Häft­linge auf einer Bahre zum Lager­tor zu tra­gen, wo er dem dienst­füh­ren­den Schar­füh­rer den Abgang aus dem Lager zu mel­den hatte. Die­ser stellte dann die Zahl fest, so gleich­gül­tig wie ein Fabriks­pfört­ner, der die aus­lau­fen­den Kolli kon­trol­liert. Hier­auf wurde die tote Men­schen­fracht in läng­li­che Holz­kis­ten gezwängt, mit Säge­spä­nen über­schüt­tet, der Deckel mit einem ein­fa­chen Haken ver­rie­gelt und alles auf ein Last­auto ver­la­den, das zum Kre­ma­to­rium nach Wei­mar fuhr. So ging es den gan­zen lie­ben Tag, denn die Sterb­lich­keit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald war eine hohe. Bauch­ty­phus wütete dort und sani­täre Gegen­maß­nah­men waren so gut wie keine getrof­fen. Jura Soy­fer ver­rich­tete uner­müd­lich sei­nen Dienst. Er betrach­tete ihn als eine Art Schule für sich. Oft erzählte er mir, welch ein­zig­ar­ti­ges Mate­rial er durch die bei sei­ner Beschäf­ti­gung gewon­ne­nen Ein­drü­cke sammle, ein Mate­rial, wie er es sich sonst nir­gendwo beschaf­fen könne. Eines Tages aber ereig­nete sich das, was bei die­ser Arbeit, wo Soy­fer die Lei­chen mit den blo­ßen Hän­den anzu­fas­sen hatte, lei­der zu erwar­ten war. Er holte sich den Keim zu einer für ihn töd­li­chen Krank­heit. Unter allen Zei­chen der Typhus­seu­che brach er bei sei­nen Toten zusam­men und mußte mit hohem Fie­ber zu Bett gebracht wer­den. Grau­sa­mes Spiel des Schick­sals! Auf sei­nem Schmer­zens­la­ger erreichte ihn zur sel­ben Stunde die Nach­richt, daß er aus dem Lager ent­las­sen wer­den und sei­nen nach U.S.A. emi­grier­ten Eltern dort­hin fol­gen sollte. Ihrem Gesuch, das sie für ihn an die Wie­ner Gestapo gerich­tet hat­ten, war statt­ge­ge­ben wor­den, weil sie ein Aus­lands­vi­sum beschaf­fen konn­ten. Für­sorg­lich hat­ten sie seine Klei­der und Bücher schon mit sich genom­men und ihm nach der nahe bei Buchen­wald gele­ge­nen Stadt Wei­mar einen Ver­trau­ens­mann mit der Schiffs­karte zur Über­fahrt nach U.S.A. gesandt, der nun dort auf ihn war­tete. Nie­mand, der das nicht mit­er­lebte, ver­mag sich die gren­zen­lose Ver­zweif­lung des jun­gen Men­schen vor­zu­stel­len, für den sich das Tor der Frei­heit schon geöff­net hatte, der aber nicht mehr die Kraft besaß, durch­zu­ge­hen. Immer und immer wie­der ver­suchte er, sich von sei­nem Lager zu erhe­ben, immer und immer wie­der schleu­derte ihn das Fie­ber zurück. Wir taten unser Mög­lichs­tes, uns ihn zu trös­ten. »Was sind schon die paar Tage, die du hier noch län­ger ver­bringst, gegen die Erlö­sung, die vor dem Lager­tor auf dich war­tet!« Das waren unsere Worte des Tros­tes. Ja, die Erlö­sung war­tete dort auf ihn, jedoch eine andere: die Erlö­sung jener, die er bis­her dort­hin beglei­tet hatte. Jetzt frei­lich brauchte er nicht mehr Trä­ger zu sein; wir tru­gen ihn nun in einer Decke zum Lager­tor, wir bet­te­ten ihn in die Kiste und streu­ten, statt Blu­men, Säge­späne über ihn, ehe wir sie schlos­sen. Wie­viel unge­schrie­bene Gedichte, wie­viel unvoll­endete Werke haben wir darin mit ihm ver­rie­gelt! dachte ich, als ich die Kiste auf dem Auto nach Wei­mar zur Ver­bren­nung fah­ren sah. In Wei­mar über­gab man tags­dar­auf dem Ver­trau­ens­mann der Eltern die letz­ten Hab­se­lig­kei­ten des Toten und das Paket mit sei­ner Asche. Spä­ter erfuhr ich, ein Ver­le­ger habe in U.S.A. Soy­fers geis­ti­gen Nach­laß gesich­tet und mit gro­ßem Erfolg her­aus­ge­bracht. So ist mein armer Kame­rad und Genosse doch auf seine Weise auf­er­stan­den aus dem Feuer, das sein Irdi­sches ver­zehrt hat.

Die Seu­che, der er erle­gen war, tobte im Lager wei­ter. Tag für Tag sauste das Auto voll mit ihren Opfern an den Vil­len der Lager­lei­tung vor­bei nach Wei­mar. Hat die Bevöl­ke­rung der Goe­the­stadt je Kennt­nis genom­men von dem Mas­sen­mord, der sich vor ihren Toren und Augen voll­zog? Sie wird, wenn auch spät, ein­mal diese Frage beant­wor­ten müs­sen, warum sie, die durch die huma­nis­ti­sche Tra­di­tion von Wei­mar ver­pflich­tet gewe­sen wäre, so feig geschwie­gen hat, anstatt ein wenn auch noch so beschei­de­nes Zei­chen des Pro­tes­tes zu äußern. Die Toten frei­lich wer­den davon nicht mehr erwa­chen, auch Jura Soy­fer nicht. Doch in sei­nen Wer­ken wird er wei­ter­le­ben. Die Erfah­run­gen aus Buchen­wald jedoch konnte er nicht mehr zur Dich­tung wer­den las­sen, was wir alle als schmerz­li­chen Ver­lust emp­fin­den.

 

 Literatur aus Buchenwald:

  1. Bruno Apitz – »Das kleine Lager«
  2. Ruth Elias – »Die Hoffnung erhielt mich am Leben« (Auszug)
  3. Julius Freund – »Der Schriftsteller als Leichenträger – Jura Soyfer«
  4. Ivan Ivanji – »Schattenspringen« (Auszug)
  5. Imre Kertész – »Roman eines Schicksallosen« (Auszug)
  6. Eugen Kogon – KL-»Freizeitgestaltung«
  7. Carl Laszlo – »Erinnerungen eines Überlebenden«
  8. Fritz Lettow – »Arzt in den Höllen« (Auszug)
  9. Fritz Löhner-Beda – »Buchenwaldlied«
  10. Jacques Lusseyran – »Leben und Tod«
  11. Judith Magyar Isaacson – Die Hyäne
  12. Hélie de Saint Marc – »Jenseits des Todes«
  13. Jorge Semprún – »Die Lorelei«
  14. Leonhard Steinwender – »Die Stimme des Rufenden in der Wüste«
  15. Karl Stojka – »Auf der ganzen Welt zuhause« (Auszug)
  16. Ernst Thape – »Befehlsnotstand«
  17. Ernst Wiechert – »Der Totenwald« (Auszug)
  18. Elie Wiesel – »Die Nacht zu begraben, Elischa« (Auszug)
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