Friedrich Nietzsche – »Also sprach Zarathustra«

Person

Friedrich Nietzsche

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens-Fietje Dwars

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Ver­giss die Peit­sche

Jens-Fietje Dwars

 

Im Mai 1883 erschien ein Buch, das zu den merk­wür­digs­ten der Geschichte zählt. »Ein Buch für Alle und Kei­nen« war sein Unter­ti­tel. Und tat­säch­lich ken­nen es heute alle, liest es – fast – kei­ner. »Also sprach Zara­thus­tra« schrieb Nietz­sche auf die erste Zeile, als sei es ein Mär­chen, eine Sage aus uralten Zei­ten. Das »tiefste Buch« habe er damit der Mensch­heit geschenkt, eines, das die Geschichte spal­ten werde, wie die Bot­schaft Christi am Beginn einer neuen Zeit­rech­nung. Eine zweite Bibel sollte es sein, im Ton­fall der ers­ten abrech­nend mit dem Tes­ta­ment der Barm­her­zig­keit, ein Evan­ge­lium für einen Glau­ben jen­seits von Gut und Böse, jen­seits einer frag­wür­di­gen Moral, der Nietz­sche vor­warf, seit 2000 Jah­ren die Mensch­heit in Vor­ur­tei­len be- und gefan­gen zu hal­ten: »Hüte dich vor den Guten und Gerech­ten, sie kreu­zi­gen gern.«

Fragt man im All­tag nach »Zara­thus­tra«, bekommt man ein Zitat zur Ant­wort: »Ver­giss die Peit­sche nicht, wenn Du zum Weibe gehst!« Und nicht ein­mal das ist kor­rekt: »Du gehst zu Frauen?« Fragt im Buch ein altes Weib­lein unse­ren Hel­den, und rät ihm, die Peit­sche nicht zu ver­ges­sen. Wobei die Alte offen lässt, ob der Mann die Frau mal­trä­tie­ren oder sich selbst »in die Zucht neh­men« soll, wie man zu Nietz­sches Zei­ten zu sagen pflegte.

Wie auch immer: Es bleibt ein pein­li­ches Zitat, und dass es noch heute das Bild des Phi­lo­so­phen zum Stamm­tisch­clown ver­zerrt, ist beschä­mend für jeden, der ahnt, um wie viele Schätze sich eine Zeit betrügt, die ein sol­ches Werk nicht mehr anders wahr­zu­neh­men ver­mag.

Also Leser: Ver­giss die Peit­sche! Lass Dich ver­füh­ren, ein­mal hin­ter die Ober­flä­che die­ses viel gerühm­ten, aber kaum erkann­ten Buches zu schauen. Lies es mit den Augen sei­ner Wir­kungs­ge­schichte. Das frei­lich macht das Buch nicht ein­fa­cher, führt zu Fra­gen, die auf andere Art brenz­lig sind. Wenn man an das Foto denkt, das so bekannt ist, wie das Peit­schen-Zitat. Da sitzt die 21jährige Lou von Salomé auf einem Lei­ter­wä­gel­chen, hat Nietz­sche und des­sen Freund Paul Rée vor ihren Kar­ren gespannt und schwingt eine kleine Peit­sche dazu. Weil die Ange­be­tete mit der Peit­sche den Ver­lieb­ten abwies, – übri­gens im Thü­rin­gi­schen Tau­ten­burg bei Jena, wo sie einen Som­mer mit­ein­an­der ver­brach­ten – gehö­ren des­halb alle Frauen für ihn aus­ge­peitscht?

Das wäre zu bil­lig, auch wenn viele Krän­kun­gen in die­sem Buch mit­schwin­gen. Tat­säch­lich hat Nietz­sche im Som­mer 1882 Lou sei­nen tiefs­ten Gedan­ken mit­ge­teilt: den der ewi­gen Wie­der­kehr des Immer­glei­chen. Das Gedan­ken­ex­pe­ri­ment, anzu­neh­men, dass sich all unser Tun und Las­sen im Kreis­lauf des Leben immer aufs Glei­che wie­der­ho­len werde, war für ihn der äußerste Gegen­satz zum christ­li­chen Glau­ben, der sich im Jen­seits Erlö­sung von den irdisch ertra­ge­nen Qua­len erhofft oder gar im Dies­seits eine wun­der­same Ret­tung mit Got­tes Hilfe. Gegen diese »Ver­ach­tung des Lebens«, diese Ver­trös­tung auf ein Irgend­wann, wenn man dem Hir­ten brav in der Herde folgt, dage­gen setze Nietz­sche sein gro­ßes Jasa­gen: Amor fati – liebe dein Schick­sal! Mensch­lich all­zu­mensch­lich sei es, sich selbst, die eige­nen Feh­ler zu ver­dam­men und sich denen anzu­schlie­ßen, die uns den ver­meint­lich rech­ten Weg wei­sen. So glaubt man sich zu befreien, indem man neuen Fah­nen folgt, und bleibt doch ein Gefan­ge­ner der eige­nen Gefolg­schaft. Wer dage­gen sein Schick­sal bejaht, wer in sei­nen Feh­lern eine Logik erkennt, der kann sein Gewor­den­sein als ein Gesetz anneh­men und fortan sich selbst bestim­men, sei­nen eige­nen Weg gehen, mit unver­kenn­bar eige­ner Stimme und Hal­tung zu den Din­gen.

Die­sen Typus des radi­ka­len Indi­vi­dua­lis­ten, der kei­nen Moden folgt und sich dem Zeit­geist wider­setzt, nannte Nietz­sche den »Über­men­schen«, den sein Zara­thus­tra besang. Ein Mensch, der erkennt, dass seine Exis­tenz wie eine Mario­nette an vie­len Fäden hängt – am Eltern­haus, der Schule, dem Staat, Par­teien und Kir­chen –, der diese Fäden selbst durch­trennt und den­noch nicht in sich zusam­men­bricht, den­noch auf­recht sei­nen Weg geht.

Ein schö­nes Bild. Doch darin besteht die Schwie­rig­keit des »Zara­thus­tra«, dass er eine Dich­tung aus lau­ter Bil­dern ist, die Nietz­sche mit ebenso viel Pathos wie Iro­nie insze­niert, so dass der unge­übte Leser auf immer mehr Rät­sel stößt und am Ende auf­gibt. Denn lei­der ist das Buch auch als Dich­tung ver­un­glückt: ein Feu­er­werk am hel­lich­ten Tage, bom­bas­tisch, schrill und zugleich mit wun­der­voll zar­ten Zwi­schen­tö­nen. Kurz: »Rhe­to­rik, erreg­ter Wort­witz, gequälte Stimme und zwei­fel­hafte Pro­phe­tie«, wie Tho­mas Mann 1947 mit Schmer­zen über das gran­dios miss­lun­gene Meis­ter­werk des Dicht­phi­lo­so­phen schrieb.

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