»Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister
6 : Doppelt vertrieben. Bauhaus-Museum und Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz

Personen

Henry van de Velde

Wassily Kandinsky

Orte

Großherzoglich Sächsische Kunstschule

Bauhaus-Universität

Goethe- und Schiller-Denkmal in Weimar

Themen

Weimarer Republik

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Autor

Jens-Fietje Dwars / Ulrich Kaufmann

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Über den Zeug­hof gelan­gen wir von der Win­di­schen­straße zum Thea­ter­platz. Vor­aus­sicht­lich noch bis 2019 dient hier ein klas­si­zis­ti­sches Gebäude als pro­vi­so­ri­sches Bau­haus-Museum. Eine Gele­gen­heit, an die dop­pelte Ver­trei­bung des Bau­haus-Geis­tes zu erin­nern: 1925 und 1948.

Das Bau­haus ent­stand 1919 unter der Lei­tung von Wal­ter Gro­pius durch Ver­ei­ni­gung der Groß­her­zog­lich-Säch­si­schen Kunst­schule Wei­mar mit der 1907 von Henry van de Velde gegrün­de­ten Groß­her­zog­lich-Säch­si­schen Kunst­ge­wer­be­schule Wei­mar. Klar­heit, Abs­trak­tion auf das Wesent­li­che und vor allem Funk­tio­na­li­tät waren die Grund­prin­zi­pien die­ser neuen Ästhe­tik, die nicht nur Archi­tek­tur und Form­ge­stal­tung, son­dern das ganze Leben umfas­sen und mit einer eige­nen Bühne auch ins Lite­ra­ri­sche aus­strah­len sollte.

Die­ser radi­kale Stil­wille brach wie ein Fremd­kör­per in die Idylle Wei­mars ein, wo zwar mit der Natio­nal­ver­samm­lung im Wei­ma­rer Thea­ter die neue Repu­blik gegrün­det wurde, die Mehr­zahl der Bewoh­ner aber noch immer den Resi­denz­zei­ten nach­trau­erte. »Eine große Schar behä­bi­ger Phi­lis­ter sonnte sich im Ruhme Goe­thes«, bezeugt Nina Kan­din­sky. Eine Goe­the, der damals wie heute »auf Seife, auf Bril­len, auf Hüten, auf Mas­ken, auf Pla­ket­ten« geschmack­los ver­mark­tet wurde. »Das Bau­haus war in Wei­mar eine iso­lierte geis­tige Insel.« Wenn ein Kind auf­säs­sig war, droh­ten ihm seine Eltern: »Ich schick dich ins Bau­haus!«

Zu den ästhe­ti­schen Ver­dam­mun­gen kamen die poli­ti­schen: das Bau­haus galt als kom­mu­nis­tisch und jüdisch »unter­wan­dert«.

Die kon­ser­va­tive Lan­des­re­gie­rung in Wei­mar löste das Pro­blem, indem sie 1924 den Jah­res­etat des Bau­hau­ses um 50 Pro­zent kürzte. So zog der neue Geist nach Des­sau und spä­ter Ber­lin.

Noch ein­mal ver­trie­ben wurde er nach dem II. Welt­krieg. Nach der Zer­schla­gung des Drit­ten Reichs begann die Wei­ma­rer Hoch­schule für Bau­kunst und bil­dende Künste ihren Lehr­be­trieb zunächst mit einer Wie­der­be­le­bung der Bau­haus-Tra­di­tio­nen, die jedoch 1948/49 mit der Ori­en­tie­rung am »Sozia­lis­ti­schem Rea­lis­mus« nach sowje­ti­schem Vor­bild ver­lo­ren gin­gen.

In genau die­ser Zeit kam Ger­hard Ströch (1926–1989) nach Wei­mar, der sich spä­ter Alten­bourg nannte. Im Herbst 1948 nahm er sein Kunst-Sti­pen­dium auf und wurde im Mai 1949 bereits exma­tri­ku­liert. Der Ein­zel­gän­ger ver­wei­gerte sich den Vor­ga­ben und blieb den Semi­na­ren fern. Statt­des­sen nutzte er die Werk­stät­ten zu inten­si­ver Arbeit: bis 1952 ent­stand ein rei­ches Früh­werk mit 52 Litho­gra­fien. Unter­stützt wurde er dabei vom Dru­cker Horst Arloth, dem Ver­le­ger Hein­rich Mock (Gra­fik-Ver­lag Wei­mar) und dem Gelehr­ten Fritz Hen­ning, bei dem er in der Haeckel­str. 7) zur Unter­miete wohnte. Hen­ning, der einst zum Kreis der Ber­li­ner Dada­is­ten gehörte, brachte ihm Goe­thes Mor­pho­lo­gie nahe und ermu­tigte ihn zu einer Arbeit über DaDa. Nach dem Tod Hen­nings zog sich Ströch wie­der nach Alten­burg zurück, wo er unter dem Namen Ger­hard Alten­bourg sein auto­no­mes Werk schuf, das weder der Ideo­lo­gie des Ostens noch den Markt­mo­den des Wes­tens folgte.

Wen­den wir uns um, erbli­cken wir das Goe­the- und Schil­ler-Denk­mal von Ernst Riet­schel. Den schöns­ten Kom­men­tar dazu hat Egon Erwin Kisch geschrie­ben: »Lächer­lich, solch ein Genie­kult, lächer­lich, ein Leben in Spi­ri­tus zu kon­ser­vie­ren, lächer­lich, die Bewoh­ner einer Stadt zu Mit­wir­ken­den eines bestän­di­gen Pas­si­ons­spie­les zu machen.« (Der Natur­schutz­park der Geis­tig­keit, 1926)

Und doch soll­ten wir die Klas­si­ker nicht mit den Denk­mä­lern ver­wech­seln, die Nach­ge­bo­rene aus dem Bedürf­nis der Ver­klä­rung her­aus ihnen auf­ge­rich­tet haben. Wir sahen bereits, dass Schil­ler auf dem Sprung war, Wei­mar zu ent­flie­hen. Und Goe­the? War die­ser ver­meint­li­che Mit­tel­punkt Wei­mars, nicht in Wirk­lich­keit ein Außen­sei­ter? Seine Natur­wis­sen­schaft­li­chen Ent­de­ckun­gen vom Zwi­schen­kie­fer­kno­chen über die Mor­pho­lo­gie bis zur Far­ben­lehre wur­den von der Fach­welt abge­lehnt. Die Best­sel­ler schrie­ben Iff­land, Kot­ze­bue und sein Schwa­ger Vul­pius. Und auch poli­tisch war Goe­the weder ein ein­fa­cher Par­tei­gän­ger des Bür­ger­tums noch des Hofes, son­dern ver­trat Hal­tun­gen, die über­all anstie­ßen.

 »Die Schattenseiten von Weimar« – Auf den Spuren vertriebener Geister:

  1. Vor dem einstigen Hotel »Zum Erbprinz« – Lenz in Weimar
  2. Ein Tonsetzer in Haft – Erinnerung an den jungen Bach
  3. Marktplatz. Ein Stein zur doppelten Erinnerung an Jean Paul Richter und Gisela Kraft
  4. Windischengasse – Schillers Zwischenhalt
  5. Die Thelemannsche Buchhandlung von Gustav Kiepenheuer
  6. Doppelt vertrieben. Bauhaus-Museum und Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz
  7. Wielandstraße 29 – Böcklin und das »Silberne Weimar«
  8. Goetheplatz 9 – Kunsthalle Harry Graf Kessler
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