Vom »Partekenhengst« zum »Junker Jörg« – Auf den Spuren Luthers und der heiligen Elisabeth von Eisenach auf die Wartburg
12 : Die Wartburg

Person

Martin Luther

Orte

Wartburg Eisenach

Eisenach

Thema

Schriftsteller der Frühen Neuzeit

Autor

Sylvia Weigelt

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

 Die UNESCO-geschützte Wart­burg gilt als »Zen­trals­tern der thü­rin­gi­schen Geschichte«. Im Mit­tel­al­ter begrün­de­ten der Kunst­mä­zen Her­mann I. und das legen­däre Wir­ken der hei­li­gen Eli­sa­beth ihren Ruhm. Am Beginn der Neu­zeit aber machte sie Mar­tin Luther mit sei­ner sprach­ge­wal­ti­gen Über­set­zung des Neuen Tes­ta­ments weltberühmt.

Die Luther­stube in der vor­de­ren Burg der Vog­tei, Luthers Arbeits­zim­mer, ist weit­ge­hend authen­tisch erhal­ten. Der Ofen ist zwar neue­ren Datums und der Ori­gi­nal­tisch fiel Sou­ve­nir­jä­gern zum Opfer, doch der jet­zige Tisch kommt aus dem Luther­stamm­haus in Möhra, wo Luther wohl öfter bei den Groß­el­tern daran geses­sen haben wird. Den sich stets erneu­ern­den Tin­ten­fleck an der Wand jedoch, Zeuge des legen­dä­ren Wurfs mit dem Tin­ten­fass gegen die Anfech­tun­gen des Teu­fels, wird man eher kri­tisch betrach­ten. Zustim­mung jedoch dürf­ten jene erfah­ren, die mei­nen, Luther sei von der gewal­ti­gen Burg­an­lage so beein­druckt gewe­sen, dass sie ihm Anre­gung zu sei­nem Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« war.

Wie kam Luther auf die Wart­burg und wie lebte er hier?

Nach­dem sich Luther auf dem Reichs­tag zu Worms wider­stän­dig gezeigt hatte und nun für vogel­frei erklärt wor­den war (Kir­chen­bann), fürch­tete man zu Recht um sein Leben. Auf der Rück­reise pre­digte er in Hers­feld und in der Geor­gen­kir­che zu Eisen­ach, danach machte er sich mit sei­nen Beglei­tern auf den Rück­weg nach Wit­ten­berg. Man hatte offen­bar nicht den kür­zes­ten Weg durch das Niko­lai­tor über Gotha-Erfurt genom­men, son­dern war auf den Weg über den Renn­steig aus­ge­wi­chen. Zwi­schen Alten­stein und dem Stein­bach wurde er dann »über­fal­len«. Mit ver­bun­den Augen ging es im Zick-Zack-Kurs auf die Wart­burg in kur­säch­si­sche Sicher­heit. Die Öffent­lich­keit sollte glau­ben, Luther sei tot oder zumin­dest ent­führt. Dann würde man ihm nicht wei­ter nach­stel­len. In einem gehei­men Brief an Melan­chthon schrieb Luther aber, wich­tig sei, dass man wisse, er lebe noch, fürch­tete er doch um den Fort­gang der Reform­be­we­gung, sollte man ihn tat­säch­lich für tot hal­ten. Mit sei­nen Wit­ten­ber­ger Mit­strei­tern gab es trotz Geheim­hal­tung eine rege Korrespondenz.

Am spä­ten Abend des 4. Mai 1521 kam Luther auf die Burg, auf der er etwa 300 Tage als »Jun­ker Jörg« ver­brachte, mit vol­lem Haar und Bart und welt­lich geklei­det. Die Zeit im »Reich der Vögel«, der »Ein­öde«, war alles andere als erquick­lich. Die Burg war ver­fal­len und die Not­be­sat­zung von maxi­mal sie­ben Mann bot alles andere als erqui­ckende Gesprä­che. »Ich sitze hier als der müßigste und kläg­lichste Mensch den gan­zen Tag«, schrieb er, er lese aber die grie­chi­sche und hebräi­sche Bibel. Mehr­fach geht er heim­lich in die Stadt hin­un­ter. Ein­mal nimmt er min­des­tens an einer Jagd teil.

Die unge­wohnte Ein­sam­keit trägt aber lite­ra­ri­sche Früchte: Er ver­fasst ver­schie­dene Schrif­ten, die bekann­teste ist die »Wart­burg­pos­tille«, eine Samm­lung von 24 Mus­ter­pre­dig­ten für unzu­läng­lich vor­be­rei­tete und aus­ge­bil­dete Geistliche«.

Auch als er 1530 meh­rere Monate auf der Veste Coburg zubrin­gen muss, wird er lite­ra­risch tätig; denn in die­ser Zeit über­trägt er die Äsop­schen Fabeln (Feld­maus und Stadtmaus, Fuchs und Storch …) nach der Über­set­zung Stein­hö­wels in die uns heute noch immer geläu­fige Form. – »Jeder­mann, wes Stan­des er auch sei, lus­tig und dienst­lich zu lesen« (Luther im Vorwort).

Auf Anra­ten Melan­chthons beginnt Luther im Herbst 1521 mit der Über­set­zung des Neuen Tes­ta­ments ins Deut­sche. Kon­zen­triert arbei­tet er zehn oder elf Wochen bis zur Fer­tig­stel­lung, am Ende waren es 222 Blät­ter. Als Vor­lage diente ihm ein Exem­plar der grie­chi­schen Bibel des Eras­mus von Rot­ter­dam, zusam­men mit des­sen eige­ner latei­ni­schen Über­set­zung sowie der Vul­gata. Luthers Über­set­zung erschien im Sep­tem­ber 1522 (als »Sep­tem­ber­tes­ta­ment« zur Leip­zi­ger Herbst­messe, 3000 Stück, mit 21 groß­for­ma­ti­gen Holz­schnit­ten Cra­nachs, 12 Nach­dru­cke 1522!). Dass mit die­ser Über­set­zung auch wahr­haft »höl­li­sche Qua­len« ver­bun­den waren, lesen wir mehr­fach. Luther träumt schlecht, fühlt sich von Teu­feln ver­folgt, den er »mit Tinte bekämpft«. Dar­aus wird dann der berühmte Tin­ten­klecks in sei­nem Zim­mer! Der Glaube an Teu­fel aber war bei ihm ganz real, wie u. a. seine Briefe bezeugen.

Wie­der in Wit­ten­berg, machte er sich mit einem gan­zen Stab von Exper­ten an die Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments. 1523 erschien des­sen erste Teil­über­set­zung. NT und AT (Teil) erleb­ten bis 1525 bereits 22 auto­ri­sierte Auf­la­gen und 110 Nach­dru­cke. Man geht davon aus, dass rund ein Drit­tel aller lese­kun­di­gen Deut­schen die­ses Buch besaß. 1534 folgte die Über­set­zung des übri­gen Alten Tes­ta­ments. Zusam­men mit den Apo­kry­phen bil­den Altes und Neues Tes­ta­ment die berühmte Lutherbibel.

Zwar gab es vor­her schon 14 hoch­deut­sche und vier nie­der­deut­sche gedruckte Bibel­aus­ga­ben, doch waren diese Über­set­zun­gen durch ihr »gestelz­tes« Deutsch für das ein­fa­che Volk schwer ver­ständ­lich. Zudem basier­ten sie auf der Vul­gata, der die grie­chi­sche Sep­tu­ag­inta zugrunde lag: Sie hat­ten also zuvor min­des­tens zwei Über­set­zungs­schritte hin­ter sich. Luther dage­gen bemühte sich wie die Huma­nis­ten um eine mög­lichst direkte Über­set­zung der hebräi­schen und grie­chi­schen Urtexte.

Er über­setzte weni­ger wört­lich, son­dern ver­suchte, bibli­sche Aus­sa­gen nach ihrem Wort­sinn ins Deut­sche zu über­tra­gen und sie jeder­mann ver­ständ­lich zu machen. Dafür schaute er »dem Volk aufs Maul«. Seine kräf­tige, bil­der­rei­che und all­ge­mein ver­ständ­li­che Aus­drucks­weise wirkte stil- und sprach­bil­dend für Jahr­hun­derte. Die Spra­che der Luther­bi­bel lässt das Ost­mit­tel­deut­sche, in dem nord- und süd­deut­sche Dia­lekte schon ver­schmol­zen waren, zum Grund­pfei­ler des Hoch­deut­schen wer­den. Pro­tes­tan­ten ver­wen­den die Luther­bi­bel nach meh­re­ren revi­dier­ten Neu­auf­la­gen bis heute; die bis­lang letzte Revi­sion stammt von 1984.

»Man muss die Mut­ter im Hause, die Kin­der auf der Gas­sen, den gemei­nen Mann auf dem Markt dar­über befra­gen und den­sel­bi­gen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dol­met­schen. So ver­ste­hen sie es denn und mer­ken, dass man Deutsch mit ihnen redet« (Luther, »Send­brief vom Dol­met­schen«, 1530).

 

Wort­schöp­fun­gen aus der Lutherbibel:

  • Feu­er­taufe, Blut­hund, Selbst­ver­leug­nung, Macht­wort, Schand­fleck, Lücken­bü­ßer, Gewis­sens­bisse, Läs­ter­maul, Lockvogel …

Rede­wen­dun­gen:

  • Auge um Auge, Zahn um Zahn; Per­len vor die Säue wer­fen; ein Buch mit sie­ben Sie­geln; die Zähne zusam­men­bei­ßen; etwas aus­po­sau­nen; im Dun­keln tap­pen; ein Herz und eine Seele; auf Sand bauen; Wolf im Schafs­pelz; den Teu­fel nicht über die Tür malen … 

Sprich­wör­ter:

  • Die Letz­ten wer­den die Ers­ten sein; Wer ande­ren eine Grube gräbt, fällt sel­ber hin­ein; Hun­ger ist ein guter Koch; Wer den Pfen­nig nicht ach­tet, wird kei­nes Gul­den Herr; Der Glaube ver­setzt Berge; Der Geist ist wil­lig, das Fleisch ist schwach … 

 

Quel­len:

  • Rai­ner Hohberg/Sylvia Wei­gelt: Brot und Rosen. Das Leben der hei­li­gen Eli­sa­beth in Sagen und Legen­den. Wart­burg Ver­lag, Wei­mar 2007.
  • Richard Wag­ner: Mein Leben, 1911.
  • Mar­tin Luther: Wei­ma­rer Aus­gabe, Tisch­re­den Bde. 1–6.

 Vom »Partekenhengst« zum »Junker Jörg« – Auf den Spuren Luthers und der heiligen Elisabeth von Eisenach auf die Wartburg:

  1. Lutherdenkmal am Karlsplatz
  2. Nikolaikirche
  3. Elisabethkirche
  4. Georgenkirche
  5. Steinhof – heute Residenzhaus
  6. Lutherhaus
  7. Die Marienkirche – der Dom
  8. Bach-Haus
  9. Reuter-Wagner-Museum
  10. Elisabethbrunnen
  11. Das Hospital unter der Wartburg
  12. Die Wartburg
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