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Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution
Max Raphael
[Goethes Geburtstag in Weimar]. Natur-Kultur. Studien zur Philosophie und Literatur, Frankfurt am Main 1989.
Die kleine vornehme Residenz Weimar. Es ist kurz vor zwölf Uhr; die letzten Läden werden geschlossen; der ganze Ort schläft. Wir gehen zum Goethe-Schiller-Denkmal und setzen uns auf die Stufen. Die Stille und Dunkelheit der Nacht drängt allen Wirrwarr der Gedanken in ein Bild, in eine Vorstellung zusammen, die durch Stille und Dunkelheit ins Unermeßbare wächst und dann ins Groteske umschlägt.
Der Gigant Goethe als Verfertiger eines Tischleindeckdich oder der reiche Sternenhimmel als Blumenbukett im Korb des Großen Wagen. Es schlägt zwölf Uhr. Wir legen einige Blumen auf den Sockel des Denkmals und setzen uns wieder auf die Stufen. Aus dem gegenüberliegenden »Werthers Garten« kommen drei Männer. Und mit ihren rasserein germanisch vollgesoffenen Bierbäuchen sagen sie das echt jüdische Wort »meschugge«. Sie gehen vorüber, und alles ist still.
»Wenn man Phantasie hat, könnte man jetzt einen– Zug von Menschen denken, die sich der Geburt dieses Mannes freuen.«
»Wenn man Phantasie hat: Brillen, Gehröcke, verstaubte Schweinsleder-Pergamente.«
Am andern Morgen waren die Blumen verschwunden. Unverdrießlich legten wir dreimal frische hin. Die letzten aber waren ein Stoppelkranz mit der Aufschrift: »Den Blumenkleptomanen aus Reinlichkeitsrücksichten. Gewidmet an Goethes Geburtstag 1911.«
Belvedere. Drunten liegt Weimar im Thüringer Lande eingebettet. Die Hügellinien steigen weich und lieblich auf und breiten sich klar über einen weiten Raum hin aus. Hier in der Landschaft atmet derselbe Geist der Traulichkeit, der drunten in der Stadt als Milieu zur Kultur geworden ist. Keine Stadt Deutschlands hat diese einheitliche Kultur. Allerorten die gleiche Liebe zu allen Dingen, die Gabe des stillen Versenkens in alles Dasein. Solange er diesem Kreis von Menschen die Gegenwart seines schöpferischen Geistes lieh, gingen von Weimar wirklich »die Tore und Straßen nach allen Enden der Welt«. Als er aber ging, gab es nur einen sentimentalen Dilettantismus, der noch in der Lektüre physisches Übelsein verursacht.
Was ihn aus diesem Milieu zum Giganten machte, war seine Gabe, das Allzumenschliche in eine allgemeine menschliche Größe zu heben.
»So werden Sie doch Neo-Klassizist!«
»Lassen Sie mich mit allen Neos in Frieden. Aber er konnte eins: Gestalten! Wer von unsern Malern und Literaten kann das noch? Sehen Sie doch diese langweiligen Kodakaufnahmen in Büchern und Bildern, als ob alle Schöpferkraft bankerott wäre. Der formende Geist ist durch die impressionistische Kultur zu einem Fabelwesen geworden, das, auf ausgedorrten Wüsten grasen geschickt wird. Läßt sich hier und da einer einfallen, die Natur eine, Gans zu nennen, so schicken ihn Gedächtnisschwindsüchtler unter die Hungerleider. Glücklicherweise sind sie von Gottes Gnaden. Wenn die Photographen tot sein werden, erstehen sie sicher, die Gestalter unseres eigenen Daseins. – Gehen wir ins Theater!«
»Wundert Sie Goethes schauspielerische Neigungen nicht?«
»Durchaus nicht. Wenn nicht die Naturkopie von Esels Gnaden die Hauptsache in der Kunst ist, sondern die schöpferische Begabung eines Gestalters, dann heißt es: Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.«
Im Naturtheater konnten wir eine kleine Weile mimen. Dann gingen wir durch die Dichtergänge.
»Es ist wohl die wichtigste Forderung, sich über die Grenzen Goethes klarzuwerden.«
»Sie sollten den Geist der Goethephilologen fürchten.«
»Lassen Sie dieses Gesindel von geistigen Krämern und Kärrnern. Sie sehen ja, wie diese blutleeren Hungerleider den Geburtstag ihres Brotherrn feiern. Sie würden ebenso lammsgeduldig aus schmierigen Trögen ihr Futter holen. Hebbel hat einmal die Grenzen Goethes abgesteckt und gefunden, ›daß er im Faust, als er zwischen einer ungeheuren Perspektive und einem mit Katechismusfiguren bemalten Bretterverschlag wählen sollte, den Bretterverschlag vorzog und die Geburtswehen der um eine neue Form ringenden Menschheit, die wir mit Recht im ersten Teil erblickten, im zweiten zu bloßen Krankheitsmomenten eines später durch einen willkürlichen, nur notdürftig-psychologisch vermittelten Akt kurierten Individuums herabsetzte‹.«
»Und wie erklären Sie das?«
»Natürlich aus dem Wesen seines Charakters, dessen Grundbedürfnis Harmonie war. Es war seine Art, jede Dissonanz aufzulösen. Die Disharmonie zwischen der bewußten Persönlichkeit und dem Universum ist unauflösbar. Darum konnte er sie nur umgehen. Auch lag in der Legende des Dr. Faust keine Diskrepanz prästabiliert wie etwa in der des Ewigen Juden. Darum hat Goethe bei seiner andächtigen Ehrlichkeit und Liebe dem Objekte gegenüber aus diesem Stoff niemals etwas machen können.«
»Sie meinen also, ein neuer Gigant müßte die Disharmonie zwischen Individuum und Universum bejahen, aus dieser Bejahung seine Lebenskräfte ziehen und aus ihnen die neue Form des modernen persönlichen Lebens.«
Drunten in der Stadt wurden höhere Töchter geduldig spazieren geführt. Unsere Blumen waren verschwunden.
»Sie sehen, Goethe als deutscher Kulturträger ist anno 1911 eine Farce geworden. Ich reise dorthin, wo die deutschen Wälder am dichtesten und die Pfaffen am schwärzesten sind.«
»Und dort ist die deutsche Kultur?«
»Am stärksten – gleich Null.«
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