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Ulrich Kaufmann
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2025.
Ulrich Kaufmann
Gothas große Gründer?
Frank Lindner, Schnepfenthaler Autor und promovierter Philosoph, hat ein weiteres Buch zu Thüringen vorgelegt. Dieser nobel ausgestattete und gesponserte Band mit goldenen Lettern widmet sich der Kultur- und Wissenschaftsstadt Gotha. Die Stadt feiert ein Jubiläum, das 1250. Jahr ihrer Ersterwähnung. Der Titel »Gothas Große Gründer« ist ein Stabreim, der Interesse weckt.
In chronologischer Folge werden Gründungen aus allen Bereichen der Gesellschaft vorgestellt: aus der Industrie, der Technik, der Geschichte sowie der Kunst und Literatur … Da ist etwa von der musikalischen Großfamilie der Bachs die Rede, von der Piano-Weltmarke »Bechstein«, von der ersten Dampfmaschine, dem ersten Elektroauto sowie von philosophischen Vordenkern. Wie aber ist die enorme Materialfülle zu bändigen? Der Philosoph suchte eine »Idee«, um das Ganze bündeln. (Vergleichbares ist in Lindners Buch »Ideenland Thüringen« von 2021 passiert, in dem er Spitzenleistungen herausstellte, die weit über das Thüringische herausragten. Das opulente Werk wurde von den Lesern gut angenommen.)
Der neue Gotha-Band ist liebevoll und bilderreich gestaltet. Auf einigen Seiten wäre weniger Schmuck mehr gewesen. Hier und da wurden Seiten durch zu viele kleine Bilder überladen. Das Problem des neuen Werkes ist es, dass nicht alles Wesentliche in der Geschichte Gothas durch Gründungen erfassbar wird. Auch wird der Begriff »Gründung« entschieden überdehnt. Kann man von »Mitbegründern der Kriminalliteratur«, vom »Begründer der Science-Fiktion ‑Literatur« oder gar vom »Gründer des womöglich ältesten Kleinkanals« sprechen? Da wo Lindner von »Schöpfern« spricht, wirkt die Darstellung oft überzeugender.
Freunde Gothas wissen, dass der Offizier Josef Ritter von Gadolla im April 1945 die Stadt vor der Zerstörung rettete und diese Tat in Buchenwald mit dem Leben bezahlen musste. Gadollas Name wird einmal im Namenverzeichnis genannt. Auf der besagten Seite 87 erfährt man indessen nichts von dem Retter Gothas. Als Sigrid Damm 2010 Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Gotha wurde, sprach sie nicht von sich, sondern sie setzte Gadolla ein literarisches Denkmal. Zudem schrieb sie in ihrem einzigen Roman »Ich bin nicht Ottilie« (1985) ausgiebig über ihre ersten Jahre in Gotha. Auch ein wesentlicher Text zu Goethe und dem Gothaer Hof liegt von ihr vor. Spät erst hat sie eine Biografie über ihren Vater, einen kunstsinnigen Bürger Gothas, verfasst: »Im Kreis treibt die Zeit«. All dies genügt nicht, um in Lindners Buch auch nur erwähnt zu werden – nicht einmal in der Rubrik zur »Gotha-Literatur«. Sigrid Damms »Manko« ist, dass sie – wie auch Gadolla – nichts gegründet hat.
Völlig richtig ist es, über den Gothaer Dichter und Bibliothekar Cibulka zu berichten, obgleich dessen Vorname mit doppeltem »n« geschriebenen wird. Da wo Lindener von »Schöpfern« spricht, wirkt die Darstellung oft überzeugender. Lindners Buch ist ein wichtiges Nachschlagewerk. Es zeigt einmal mehr, dass man Gotha unter den Thüringer Kultur- und Wissenschaftsstädten in einem Atemzug mit Weimar, Erfurt, Jena und Eisenach nennen muss.
Am Ende seines Buches macht Frank Lindner einen gewichtigen Vorschlag: Das bald restaurierte Schloss Reinhardsbrunn solle ein Ort werden, an dem diee großen Fragen der Geschichte Gothas vertieft werden könnten. Hoffentlich ist der Freundeskreis für dieses Projekt schon gegründet.
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