Personen
Christine Hansmann
Klassik Stiftung Weimar / Christine Hansmann / Thomas Ogger / Gisela Kraft. Der Abdruck der Gedichte und des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechtsinhaber.
Beitrag zum 90. Geburtstag Gisela Krafts am 28. Juni 2026 anlässlich der Einweihung der neuen Tafel am Weimarer Hafis Goethe Denkmal
um dich zu leiden ist mein lebensweg gewesen
fernab der welt mit ihrem gleisnerischen wesen
ein vollgeschenktes glas ein mundschenk mondenschön
statt geifernder gelehrter schmeichelt meinem wesen
mein geist hat zwei narzissenaugen sich erlesen
zwei hyazinthenhärchen im gesicht erlag mein wesen
so ging das leben hin in hoffnung auf ein zeichen
zwei brauenenden sind mein augentrost gewesen
und wie kein heer mir hilft am dasein zu genesen
so wenig taugt mein arm ein weltreich zu verwesen
das auge des geliebten das da spielt und blitzt
in seinem zauberischen zwinkern ruht mein wesen
bekümmert press die stirn aufs knie ich wie ein veilchen
weil seine freche strähne nicht zu sehn gewesen
wie andere den mond betrachten voll verlangen
ist jene braue meiner blicke mond gewesen
hafis hast du gesagt wo irrt dein schweifend herz
in einer lockenbiege treibt es nun sein wesen
(Hafis, Übersetzung: Thomas Ogger – Nachdichtung: Gisela Kraft)
Vielleicht hätte es Gisela Kraft gefallen, dass wir hier in der Gluthitze des mitteldeutschen Okzidents versammelt sind, dass die Worte in die Luft gesprochen werden, vom leichten Wind weitergetragen, anderswo gehört, anderswo erzählt.
„Frag mich selbst!“ antwortet sie, wenn ich in den imaginären Raum hineinhorche, der sie beheimaten könnte. „Was sind schon neunzig Jahre angesichts der Ewigkeit?“ Ich frage ihre Dichtung.
…
die teppiche sind alle
geschenke sagte der fremdenführer
sie teilen den boden
in bunte felder ein
so wie wir jeder
aus einer anderen farbe
ins licht heimkehren
und machen ihn wärmer
als die natur ihn uns überließ
die kuppelwände
tragen die in den karten erwähnten
blauen kacheln sagte der fremdenführer
aber ich sehe ein mattes türkis
und finde den himmel
in der wölbung die ihn wiederholt
staubbedeckt wie meine
am eingang zurückgelassenen schuhe
…
…
gespräch zwischen einem derwisch
und einer katze…
was denkst du katze
was denkst du derwisch
ich habe hunger katze
ich habe hunger derwisch
es regnet katze
keine lust wegzulaufen derwisch
gibt es uns katze
vielleicht derwisch
du bist warm katze
deine hand ist wie ein stück fell derwisch
dein fell ist wie ein stück von gottes hand katze
vielleicht ist gott ein tiger derwisch
Der Dichter Hafis, Bäcker, Hofdichter, Koranlehrer, Sohn eines Kohlenhändlers, selbst ein Derwisch, der das Sinnliche wie das Übersinnliche pries und dessen Leben fast das ganze vierzehnte Jahrhundert umschloss, hätte als Antwort manchen Vers bereit, umfasst doch allein sein Divan mehr als 600 Gedichte. Übrigens könnte in diesem Jahr sein 700. Geburtstag liegen – wenn die Angaben zum Geburtsjahr nicht im Ungenauen blieben…
Wir beschränken uns hier aber auf das vorliegende Ghasel, dessen Nachdichtung der Stein des Anstoßes gewesen war.
Tatsächlich war Gisela Kraft bei der Einweihung des vor uns stehenden Denkmals (gestaltet von Ernst Thevis und Fabian Rabsch) anlässlich des Internationalen Jahres des Dialogs der Kulturen, für das lange gesammelt worden war und die viele Honoratioren sah, im Jahr 2000 zugegen; der damalige Staatspräsident der Republik Iran Mohammad Chatami hatte das Ghasel, als verbindende Mitte, ausgewählt. Zumindest in politischer Hinsicht markieren die beiden zueinander gewandten Stühle nach wie vor mehr eine Hoffnung als eine Realität, im Sinne der Künste allerdings ein faszinierendes Zusammentreffen, einen Austausch, ein gegenseitiges Anregen, das seit Jahrhunderten währt.
Über die ursprünglich hier stehende Tafel konnte Gisela Kraft sich ausdauernd aufregen: „Diese Übertragung! Vier Halbverse fehlen! Goethe hat es in der Gänze nicht gekannt, ihm stand ja die Nachdichtung des hehren Ritters Rosenzweig von Schwannaus gar nicht zur Verfügung, sie erschien erst 1863! Und als der Dichterfürst am 25. Juli 1814 in der Kutsche das kleine Berka Richtung Frankfurt am Main verließ, den Hafisschen Divan in der Hand, elektrisiert von seinem „Zwilling im Geiste“, ist genau dieses Ghasel nur in Teilen von Hammer-Purgstall übersetzt!“
Sie hat danach ihren Freund und Orientkenner Thomas Ogger um eine Übersetzung gebeten, um sich mit dem Ghasel intensiv zu beschäftigen. Katharina Mommsen stützt sich in ihrem Essay zum Weimarer Hafis Goethe Denkmal Herrlich ist der Orient / übers Mittelmeer gedrungen ausdrücklich auf diese Kraftsche Nachdichtung.
Thomas Ogger hat Gisela Kraft auch das 1978 geschriebene Gedicht iran aus Katze und Derwisch gewidmet, das das Reimschema des Ghasel aufnimmt:
schneiden töne steine ein
übertönt das blut den wein
werden worte noch gehört
schneiden töne steine ein
hat der spieler ausgespielt
übertönt das blut den wein
fällt die stadt in agonie
schneiden messer steine ein
fällt der schenke in die knie
übertönt das blut den wein
haben töne einen sinn
schneiden messer steine ein
hat die rose ausgeblüht
überblüht das blut den wein
hat die rose je geblüht
schneiden töne steine ein
aus den augen läuft der wein
schneiden schüsse leben ein
aus den augen schießt der wein
überblüht das blut den stein
war die rose immer blut
war das leben immer stein
bleibt vom leben nur der stein
schneidet blut die erde ein
Die Dichterin, Islamwissenschaftlerin und Übersetzerin Gisela Kraft – 2009 erhält sie für ihre Nachdichtung des lyrischen Gesamtwerks von Nazim Hikmet noch den Christoph Martin Wieland Übersetzerpreis, sozusagen in letzter Minute – hat sich immer wieder mit der Dichtung des Orients auseinandergesetzt. Das beginnt früh bei den antatolischen Dichtern Yunus Emre und Pir Sultan Abdal im eigenen Harran Verlag und endet nicht bei Mohammed Schemseddin, genannt Hafis:
AN HAFIS
ich lese deine verse
und kann sie nicht schreiben
in der schenke
sprachen wir lange
hörten den tropfen zu
die aus dem glas
in unseren mund liefen
verglichen sie mit gott
uns mit der erde
und das glas mit dem himmel
wir waren uns eins
die nacht finster
du schläfst noch ich sitze
beim morgenwein
mit den meistern der trennung
die lehren
gott ist unvergleichlich
glas ist unvergleichlich
du bist unvergleichlich
sie schreiben deine verse
und können sie nicht lesen
Hafis’ Gedichte wurden, zu Zeiten von Schreibrohr und Pergament – ich verweise auf Gisela Krafts bemerkenswerten Vortrag Die Berufe des Schilfrohrs, den sie am 24. Februar 2006 in der iranischen Botschaft in Berlin gehalten hat – Hafis’ Gedichte wurden erst nach seinem Tod von seinen Schülern gesammelt. Das ist der Dichterin glücklicherweise nicht widerfahren – und ich wage nicht zu denken, was es für uns bedeutet hätte – die Liste ihrer Veröffentlichungen ist lang: Märchen, Träume, Miniaturen, Essays, Romane, Übersetzungen und immer wieder Poesie. Nicht von ungefähr ist der 1985 im Aufbau Verlag erschienene Band – mein Einstig in die Welt ihrer Dichtung – Katze und Derwisch betitelt.
Was ist das, ein Derwisch? – Einer, der sucht, den es umtreibt, von Bleibe zu Bleibe. – Wen oder was sucht er, der Derwisch? – Den Sinn. Den Geliebten. – Stellt der geliebte Bedingungen? – Ja. Loslassen, weitergehen. Singen. Sich nützlich machen. – Wie denn – singen? – In einfacher Weise und in klaren Worten. Vom Aufstehn am Morgen. Vom Lächeln am Abend. Von der Erddrehung.
„Weitergehen. Sich nützlich machen.“ Der Pflasterstein für Jean Paul auf dem Marktplatz, den sie der Stadt 2001, nach dreieinhalb Jahren des „steten Höhlens“ abgetrotzt hat. Die große Veranstaltungsreihe „Morgenland für Frühaufsteher“, in der Deutsche und Orientalen, Einheimische und Zugewanderte, Dichter, Islamwissenschaftler und Musikerinnen zusammentrafen, ein Dialog der Kulturen, wie er hier, im Weimarer Hafis-Goethe Denkmal angeregt und angelegt ist. „In Weimar muss man sich auf Herder besinnen, den großen Vorläufer einer kosmopolitischen Toleranz“, sagte Gisela Kraft im Weimarer Kulturjournal 1999. Die Begründung der „Mitteldeutschen Lyriknacht“, die zwischen den Jahren 2002 und 2009 unter ihrer Federführung mehr als 55 Dichterinnen und Dichter im Musikgymnasium Belvedere versammelte und die als „Weimarer Lyriknacht“ noch immer jährlich veranstaltet wird, getragen von der Stadt Weimar und der Literarischen Gesellschaft Thüringen.
Ihre Dankesrede zur Verleihung des Weimarpreises am 3. Oktober 2006 im vollbesetzten Deutschen Nationaltheater, in der sie einen fulminanten Bogen durch Weimars Kunst- und Geistesgeschichte schlug, den überdimensionalen Schatten Buchenwalds nicht aussparend.„Dichters Talent mag Phantasie heißen. Sein Pfund ist Erinnerung. In unserem Gedächtnis liegen Verhängnisse, Frevel, Ideale und versuchte Modelle, der Ettersberg wie die Ilmaue bloß. Sie sind unser Stoff.“
An anderer Stelle ihrer Rede wird deutlich, warum Weimar für Gisela Kraft 1997 eine Heimkunft bedeutete, wenn auch unter katastrophalen Vorzeichen: „9. Februar 45. Fliegeralarm. Meine Mutter, schwanger, und ich rennen durch die Frauentorstraße in Richtung Sophienhaus. Oberin Cleff, meine Tante, steht aufgeregt im Portal und erwartet uns. Sie hatte uns aus Berlin ins „stille Weimar“ geholt. Eine Hölle bricht los. … Am nächsten Tag wird mir im Keller des Sophienhauses ein Geschwister geboren.“
Auf der Titelseite des damals noch existierenden Feuilletons einer Thüringer Zeitung stand am Tag nach der Preisverleihung: „Kraft im Glück“! Aber das nur am Rande.
Gisela Kraft war freundschaftsbegabt, scharte Künstler um sich, lud ein, schenkte aus, kritisierte, kümmerte sich. Noch der letzte Geburtstag im Juni 2009 sieht uns bei ihr versammelt, unvergessene Bilder, denn sie ist schon krank, hinfällig, ihr Gesicht leuchtet dennoch.
Im Gespräch mit Angela Egli sagte sie: „Das Sinnen und Dichten und das Kümmern oder auch Kämpfen sind wie Ein- und Ausatmen. Genau sein, im Schreiben, heißt doch erst einmal: wahrnehmen. Also auch den kranken Baum, den in Not geratenen Kollegen wahrnehmen.“
Ihre Stimme wurde mit den Jahren brüchiger, manchmal leiser, nie aber zaghaft, selten verzagt. Die Stimme der Dichterin spricht noch immer zu uns.
katze und derwisch geht’s besser, sie
sind noch beisammen. Kein regen
gott kein tiger. Die hand
hütte und himmel zugleich
an hafis (geschrieben 1979)
heute nacht
gehen sie wieder in blut
deine zungengenossen
…
gebrüll von fremden
quillt aus der schenke
die lippen des frechen geliebten
haben sich müde gefeilscht
und wund geküßt
am mund des gewehrs
heute nacht
gehen sie wieder in blut
den dorn der rose geschultert
denn eine andere waffe
besitzen sie nicht
standhaft
wie die nachtigall
im mißlingen
Auf Hafis’ Grab in Shiraz ist ein Ghasel zu finden: Meine Seele, ein Vogel aus dem heiligen Garten / wird sich befreit aus der Schlinge dieser Welt erheben!… (Nachdichtung: Cyrus Atabay).
Auf Gisela Krafts Grab steht nichts. Sie ist 2010, mit 73 Jahren, nach einem der Physis und ihrer zärtlichen Seele – die sie so gerne unter dem leuchtenden Rot, dem Blutrot, dem Purpurrot verbarg – abgetrotzten Leben, auf dem Weimarer Hauptfriedhof auf eigenen Wunsch anonym begraben worden.
Die Frage nach dem Ende hat sie selbst beantwortet: Es gibt keins. Nur Dauer, Wiederholung, Neuanfang.Aber was soll, bei alledem, noch die Katze?“ „Den Geliebten anzweifeln. Die Reise verschlafen. Ihr Fell herleihen. Nachrichten schnurren.
Die Weimarer Katze, in der kunterbunten Teichgassenwohnung, später in der Windischenstraße – gleich neben Schiller, wie Gisela augenzwinkernd vermerkte – hieß übrigens Söfchen. Nach Sophia, der Weisheitsgöttin. Nein, nach Novalis’ Geliebter…
Gisela Krafts Geschichten mit Novalis – eine lebenslange Liebe, für die sie 1984 sogar von West nach Ost die Gesellschaftsordnungen wechselte – oder mit Goethe – es war nicht unbedingt eine Liebesgeschichte – können heute nicht erzählt werden. Wir wollen die Geduld der Dichterin ja nicht überstrapazieren. „Kinder, macht’s Schluss! Ihr habt überzogen!“ Liebe Gisela, was hattest Du mir am Anfang gesagt: „Was sind schon neunzig Jahre angesichts der Ewigkeit?“
Ich übergebe an Walter Sachs, bevor wir noch einmal Gisela Krafts Nachdichtung ‒ die jetzt endlich, zum 90. Geburtstag, auf der neuen Tafel ihren Platz gefunden hat ‒ und von Babak Siawash rezitiert, das Hafissche Original hören, in die Luft gesprochen, vom Wind weitergetragen, anderswo gehört, anderswo hoffentlich erzählt.
um dich zu leiden ist mein lebensweg gewesen
fernab der welt mit ihrem gleisnerischen wesen
ein vollgeschenktes glas ein mundschenk mondenschön
statt geifernder gelehrter schmeichelt meinem wesen
mein geist hat zwei narzissenaugen sich erlesen
zwei hyazinthenhärchen im gesicht erlag mein wesen
so ging das leben hin in hoffnung auf ein zeichen
zwei brauenenden sind mein augentrost gewesen
und wie kein heer mir hilft am dasein zu genesen
so wenig taugt mein arm ein weltreich zu verwesen
das auge des geliebten das da spielt und blitzt
in seinem zauberischen zwinkern ruht mein wesen
bekümmert press die stirn aufs knie ich wie ein veilchen
weil seine freche strähne nicht zu sehn gewesen
wie andere den mond betrachten voll verlangen
ist jene braue meiner blicke mond gewesen
hafis hast du gesagt wo irrt dein schweifend herz
in einer lockenbiege treibt es nun sein wesen
Weimar, im Juni 2026, Christine Hansmann
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