Personen
Orte
Thema
Frank Quilitzsch
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Thüringische Landeszeitung, 9.6.2026.
»Und Mut gehört zum Wort«
Edwin Kratschmer hat junge Poeten und die Poesie gefördert. Nun wird der Autor 95
Frank Quilitzsch
Saalfeld. Es gibt niemanden, der die Ostthüringer Literaturlandschaft seit Mitte der 1960er-Jahre nachhaltiger geprägt hat, als Edwin Kratschmer. Sein Wirkungskreis weitete sich immer mehr aus. Man könnte ihn, der am 9. Juni seinen 95. Geburtstag feiert, einen Methusalem der DDR-Poetenbewegung nennen, hat er doch einer ganzen Generation junger Schreibender den Weg geebnet. Als Deutschlehrer in Unterwellenborn ermutigte er 1964 Schüler einer zehnten Klasse, eigene Gedichte zu verfassen, und veröffentlichte 26 davon in einer Anthologie mit dem Titel »Und Mut gehört zum Wort«. »Unsere Jugend hat das dringende Bedürfnis nach echter Auseinandersetzung, und sie hat Fragen, Fragen, Fragen«, schrieb er im Vorwort. »Sie ist empört über jedes Unverständnis und über schwache Argumente.«
Das war aber nur der Auftakt. In der Folge schickten junge Poeten aus vielen Teilen der Republik ihre Texte nach Unterwellenborn. Kratschmer und seine Frau Margret archivierten sie, korrespondierten mit den Verfassern und gaben zusammen mit dem Berliner Journalisten Hannes Würtz die erste Gedichtsammlung unter dem Titel »Offene Fenster« heraus. Der Blick in die Welt – das war Programm. Bis zur Wende folgten, von der Stasi argwöhnisch beäugt, acht weitere derartige Bändchen. Kratschmer schätzt, dass so zirka 1400 poetische Texte zu ihren Lesern gelangten. Viele der jungen Autoren reiften später zu Dichtern – Lutz Seiler, Kerstin Hensel, Steffen Mensching, Richard Pietraß, Günter Kunert, Lutz Rathenow und Jürgen Fuchs, um nur einige der Bekanntesten zu nennen.
Der Förderer selbst wurde 1931 im böhmischen Komotau geboren und mit 14 Jahren von dort vertrieben. Heimat- und mittellos stürzte sich Kratschmer »in das Abenteuer Bildung«, studierte in Berlin, Greifswald und Leipzig Kunst und Literatur, promovierte zum Thema »Das poetische Schaffen Jugendlicher in der DDR« und arbeitete 28 Jahre in Unterwellenborn als Lehrer. Um staatlichen Schikanen zu entgehen, quittierte er 1983 den Schuldienst und schlug sich von da an freiberuflich als Galerist und Schriftsteller durch. In Anspielung auf den Aufruf »Max braucht Wasser«, unter dem 1949 eine Wasserleitung von der Saale zum Stahlwerk gelegt wurde, startete er die Aktion »Max braucht Kunst« und gründete 1972 mit seiner Frau in Unterwellenborn die erste Betriebsgalerie der DDR, aus dem die Kunstsammlung Maxhütte hervorging, die heute dem Freistaat Thüringen gehört.
1992 folgte der couragierte Förderer und Schriftsteller dem Ruf der Universität Jena, die ihm einen Lehrauftrag für Neueste Deutsche Literatur erteilte, und initiierte die internationalen Poetik-Vorlesungen zur Beförderung der Humanität mit 30 namhaften Schriftstellern aus zehn Ländern, darunter Wolf Biermann, Reiner Kunze, Pavel Kohout, Lew Kopelew und die Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und Herta Müller. 1999 wurde er zum Professor ernannt.
Edwin Kratschmer hat sich über all die Jahrzehnte immer wieder auch als Erzähler einen Namen gemacht, etwa mit seinen Romanen »Die Doppelhalsgeige«, »Siebenschlaf« und »Wahnwald«. Von seiner höchst eigenwilligen und nicht leicht rezipierbaren Prosa schlummern noch Manuskripte in der Schublade.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/edwin-kratschmer-zum-95-geburtstag/]