Harry Domela

1904/05      Grusche, Livland (Lettland)

1979      Maracaibo, Venezuela

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Artikel

Harry Domela als »falscher Prinz« in Thüringen

Weiterführende Informationen

Harry Domela

Autor

Jens Kirsten

Nennen Sie mich einfach Prinz. Das Lebensabenteuer des Harry Domela, Weimar 2010, Weimarer Schriften Bd. 65.

Der Deutsch­balte Harry Domela wurde 1904 oder 1905 in dem Dörf­chen Gru­sche in Liv­land als Sohn eines Mül­lers gebo­ren, der kurz nach Dome­las Geburt starb. Als Halb­waise besuchte er 1915 sei­nen Bru­der in Riga, der dort über­ra­schend zum Hee­res­dienst ein­be­ru­fen wurde. Domela kam für zwei Jahre in ein Erzie­hungs­heim. 1917 kehrte er nach Bau­ske zurück, wo seine Mut­ter lebte. Von ihr ent­frem­det, schloß er sich dem Frei­korps Bran­dis an, um gegen die Besat­zer zu kämp­fen. Nach Deutsch­land abge­scho­ben, wurde jeder Korps­teil­neh­mer in Lett­land zum Hoch­ver­rä­ter erklärt. Dome­las Weg zurück in die Hei­mat war abge­schnit­ten, er selbst staa­ten­los.

Domela arbei­tete als Gärt­ner­bur­sche, bis er 1920 vom Kapp-Putsch erfuhr und sich einem Bal­ti­kum-Frei­korps in Neu­rup­pin anschloß. Nach sei­ner Ent­las­sung gelangte er nach Ber­lin, wo er sich als Obdach­lo­ser mit Gele­gen­heits­ar­bei­ten durch­schlug. Als Ziga­ret­ten­ver­käu­fer legt er sich hin und wie­der einen Adels­ti­tel zu, um sein Geschäft zu bele­ben. Meh­rere kleine Arrest- und Gefäng­nis­auf­ent­halte fol­gen.

Als Prinz Wil­helm von Preu­ßen hielt Domela in Hei­del­berg, Erfurt, Gotha und Wei­mar die bür­ger­li­che Gesell­schaft zum Bes­ten. Nach sei­ner Ver­haf­tung schrieb er wäh­rend einer sechs­mo­na­ti­gen Haft seine Erin­ne­run­gen »Der fal­sche Prinz«, die 1927 im Malik-Ver­lag von Wie­land Herz­felde erschie­nen. Domela wurde zu einem der ers­ten Medi­en­stars der Wei­ma­rer Repu­blik. »Der Fal­sche Prinz« wurde ver­filmt, sein Buch in meh­rere euro­päi­sche Spra­chen über­setzt. Domela ver­diente mit dem Buch etwa 250.000 Mark, die ihm bin­nen zweier Jahre durch die Fin­ger ran­nen.

Vor den Natio­nal­so­zia­lis­ten, bei denen er sich mit ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen der »Roten Hilfe« der KPD mehr als unbe­liebt gemacht hatte, und aus Geld­nö­ten, in die er sich ver­strickt hatte, emi­gierte Domela 1932 über Wien, wo er sich einen fal­schen Paß beschaffte, und Paris in die Nie­der­lande. Aus der Begeg­nung mit dem Schrift­stel­ler Jef Last ent­stand eine lebens­lange Freund­schaft.

1936 mel­dete er sich an die spa­ni­sche Bür­ger­kriegs­front. Auf Ver­mitt­lung sei­nes Freun­des Jef Last bei André Mal­raux gelang­ten beide in eine repu­bli­ka­ni­sche Ein­heit. Trotz Bit­ten von Lud­wig Renn, den Domela aus Ber­lin kannte, lehnte er es ab, in einer der kom­mu­nis­tisch geführ­ten »Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den« zu kämp­fen. Nach dem Zusam­men­bruch der repu­bli­ka­ni­schen Front gelangte er im Januar 1939 über die fran­zö­si­sche Grenze und wurde im Lager Gurs, spä­ter in St. Cyprien inter­niert.

In den Lagern erlebte er als »Trotz­kist« die Anfein­dun­gen deut­scher Kom­mu­nis­ten. Der Schrift­stel­ler André Gide setzte sich auf Bit­ten von Jef Last mehr­fach für Domela ein. Mit einer ent­spre­chen­den Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung reiste er nach Luxem­burg. Meh­rere Bemü­hun­gen, nach Mexiko oder Schwe­den aus­zu­rei­sen, schlu­gen fehl. Aus Angst vor einer dro­hen­den Ver­haf­tung – Domela reiste seit 1932 mit fal­schen Papie­ren –, floh er nach Bel­gien.

Nach der Beset­zung Bel­gi­ens durch deut­sche Trup­pen 1940 floh er nach Nizza in Süd­frank­reich. Wenig spä­ter wurde er im Lager Le Ver­net inter­niert. Nach ein­ein­halb Jah­ren Inter­nie­rung erhielt er auf Ver­mitt­lung Gides ein Visum und eine Pas­sage nach Mexiko. In Jamaika mußte er das Schiff ver­las­sen und wurde neu­er­lich für zwei­ein­alb Jahre inter­niert. Schließ­lich konnte er nach Kuba wei­ter­rei­sen. Über Kuba gelangte er schließ­lich nach Vene­zuela, wo er als Staa­ten­lo­ser mit gefälsch­ten Papie­ren bis an sein Lebens­ende als Zei­chen­leh­rer lebte. Harry Domela starb am 4. Okto­ber 1979 in Mara­caibo.

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