Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt
2 : Exkurs: Augenschein eines Erotikers

Person

Christoph Martin Wieland

Ort

Wielandgut Oßmannstedt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jürgen M. Paasch

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Wie­land schuf Figu­ren von wun­der­ba­rer Schön­heit (Aga­thon), staf­fierte die kör­per­li­chen Vor­züge eines Idris etwa, als ob er Amor wäre und ließ die Frauen (Diana zum Bei­spiel) schon beim Anblick der schla­fen­den Hel­den (Endy­m­ion) bezau­bert dahin schmel­zen. Seine ero­ti­schen Fik­tio­nen waren zur bevor­zug­ten Bett­lek­türe gewor­den. Zwar: Sein ist immer bes­ser als Nicht­sein, aber schon der Gedanke, dass ihm die Erek­tio­nen, die seine Erzäh­lun­gen machen, als Ursa­che man­cher Vater­schaft vor­ge­wor­fen wer­den könn­ten, habe eine ganze Reihe Embryo­nen gewis­ser Ideen in sei­nem Kopfe abge­trie­ben.

Im Lichte die­ser Popu­la­ri­tät besorgt ihn der erste Ein­druck, den er per­sön­lich als Autor gern gele­se­ner wol­lüs­ti­ger Sze­nen auf das der­art prä­pa­rierte Publi­kum machen wird. So schickt er ver­bale Por­traits vor­aus, die die Erwar­tun­gen dämp­fen sol­len. Mein äußer­li­ches Aus­se­hen ver­spricht wenig oder gar nichts – und wer nicht von mir praeo­k­ku­pirt, ist sehr erstaunt, nach und nach zu fin­den, daß mehr hin­ter mir steckt, als man mir a prima vista zutrauet. Auch beim zwei­ten Hin­se­hen bleibt Wie­land doch ein schwar­zer hage­rer Mann mit lan­gen Man­schet­ten, einer noch län­ge­ren Nase, und einem etwas stei­fen Anstande, wie Lucius, Sekre­tär des nie­der­län­di­schen Gesand­ten in Mainz, sei­nem Dienst­herrn berich­tet.

Wie­land ist eine Kory­phäe; wer ihn zu Gesicht bekommt, beschreibt ihn für andere, denen die­ses zwei­fel­hafte Ver­gnü­gen nicht ver­gönnt ist. Für Pfar­rer Johann Hein­rich Waser, der ihn in Zürich sah, ist Wie­land so dünn wie ein Reb­stock, wäh­rend Fried­rich Hein­rich Jacobi eher einen zar­ten hage­ren Mann von mit­tel­mä­ßi­ger Größe  aus­macht. Seine Augen sind klein und etwas trübe, und die Menge von Blat­ternar­ben, womit seine Haut über­deckt ist, machen, dass seine Züge nicht genug her­vor­ste­chen, um sich gehö­rig aus­zeich­nen zu kön­nen.

Sei­nen Kör­per emp­fin­det Wie­land selbst als von zar­ter Maschi­ne­rie und er illus­triert die­ses Gefühl gern mit einer Epi­sode: Einst hat man mir bei man­geln­der Bewe­gung das Sägen emp­foh­len, allein nur ein­mal habe ich es ver­sucht; und dann lange Zeit nicht ein­mal hören kön­nen, daß man säge, ohne zu schau­dern – er bleibe eine Treib­haus­pflanze, durch Stu­ben­luft und Frau­en­pflege ver­zär­telt. Auch Frauen kön­nen in ihm nicht den Ado­nis sei­ner Dich­tung erken­nen. Er ist im ers­ten Anblick nicht ein­neh­mend, mager, Blat­ternar­big, kein Geist und Leben im Gesicht, kurz, die Natur hat an sei­nem Kör­per nichts für ihn getan, befin­det Caro­line Flachs­land, Her­ders spä­tere Ehe­frau.

 Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt:

  1. Wieland der Gärtner oder Unser Thema und wie wir es umgehen
  2. Exkurs: Augenschein eines Erotikers
  3. Gut Oßmannstedt (1797-1803)
  4. Exkurs: Selbstportrait als Schreckensbild oder Medizin für den Sohn
  5. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Sophie von La Roche und Sophie Brentano
  6. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Der zauberische Kleist
  7. Grabmal in Oßmannstedt
  8. Schloss und Park Tiefurt
  9. Schloss und Park Belvedere (1807-1813)
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