Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt
4 : Exkurs: Selbstportrait als Schreckensbild oder Medizin für den Sohn

Person

Christoph Martin Wieland

Ort

Wielandgut Oßmannstedt

Thema

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Jürgen M. Paasch

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

1801 endet Wie­lands glück­lichste Zeit in sei­nem Osman­ti­num, auch weil er es finan­zi­ell kaum noch hal­ten kann. Auch Schil­ler gibt in die­sem Jahr sein Jenaer Gar­ten­haus auf, ebenso Goe­the sein Gut in Ober­roßla. Wie­land immer­hin hält noch aus auf dem Gut, aber er denkt an Ver­kauf. Auch andere Sor­gen trei­ben ihn, Lud­wig, der älteste Sohn, war schon als Stu­dent in Jena auf die Seite der Roman­ti­ker gewech­selt, erkannte den Vater nicht mehr an als Dich­ter und die­ser bezich­tigte ihn des lite­ra­ri­schen Jako­bi­nis­mus. 1801 und 1802 in Thun in der Schweiz gerät Lud­wig in erns­ten Kon­flikt mit den Anti-Hel­ve­ti­kern, den Geg­ner der Schwei­zer Repu­blik, die er mit ande­ren beför­derte und die sich immer­hin gute vier Jahre in einem nicht klei­nen Lan­des­teil behaup­tete. Nun wird er des Lan­des ver­wie­sen – mit Hein­rich von Kleist. Lud­wigs Ambi­tion, selbst Schrift­stel­ler zu wer­den und den Vater in die­sem Hand­werk zu über­tref­fen, wird in einem Dich­ter­wett­streit zwi­schen ihm, Kleist, Hein­rich Geß­ner und Hein­rich Zschokke, alle in ähn­li­chen poli­ti­schen Schwie­rig­kei­ten und alle­samt Jako­bi­ner in des alten Wie­lands Sinne, noch ein­mal ange­facht. Kleist wird aus die­sem Wett­streit mit dem Lust­spiel Der zer­bro­chene Krug her­vor­ge­hen.

Lud­wig schreibt Erzäh­lun­gen und Dra­men – den poe­ti­schen Erst­ling, Erzäh­lun­gen und Dia­lo­gen von 1803, hatte der Vater bei Göschen in sei­nem Haus­ver­lag her­aus­ge­ge­ben – und nun auch immer mehr Briefe an den Vater, die dem Alten Sor­gen berei­ten und Bekennt­nisse ent­lo­cken wie die­ses: Weißt Du auch was Schrift­stel­le­rei, als Nah­rungs­zweig getrie­ben, an sich selbst, und beson­ders heut zu Tag in Deutsch­land ist? Es ist das elen­deste, unge­wis­seste und ver­ächt­lichste Hand­werk, das ein Mensch trei­ben kann – der sicherste Weg im Hos­pi­tal zu ster­ben. Wie­lands Hal­tung begeg­net hier nicht zum ers­ten Mal, sie gehört von Anfang an zu sei­ner Dich­tung und mehr noch zu sei­nen Brie­fen: Selbst­ver­ach­tung als Kehr­seite der Ver­letz­lich­keit als Autor – zwei Sei­ten eines Wesens­zu­ges. Die Kunst zu schrei­ben ist in unse­ren Tagen ein elen­des Hand­werk gewor­den, eine Arbeit der Fin­ger, wozu genau­so­viel Geist erfor­dert wird als zum Wol­le­spin­nen. Jetzt schreibt man, um sich gedruckt zu sehen, oder weil es Mode ist, oder weil einem die Fin­ger jucken, oder weil man sonst nichts zu tun weiß. Ja, die Meis­ten treibt der Hun­ger oder eine schänd­li­che Gewinn­sucht; und weil sie nichts Nütz­li­ches gelernt haben, so sind sie Schrift­stel­ler. Wie­land fasst an ande­rer Stelle zusam­men, um sich nur ja deut­lich aus­zu­drü­cken: wer sonst nichts in der Welt kann und sei­nem Leibe kei­nen Rat weiß, schreibt ein Buch. Die Schrei­ber die­ser Art lässt Wie­land nicht als Poe­ten gel­ten, nicht ein­mal als mit­tel­mä­ßige Poe­ten und was er von denen hält, sagt er jedem, der es hören will: Ein mit­tel­mä­ßi­ger Poet, er sei dazu gebo­ren oder nicht, ist ein elen­der Poet, und ein elen­der Poet ist das elen­deste unter allen elen­den Elen­dig­kei­ten unter dem Monde. Letzt­lich emp­fiehlt er dem Sohn mit sor­gen­vol­lem Nach­druck, was er auch schon ande­ren jun­gen Dich­tern mit weni­ger Anteil­nahme zu beden­ken gab: Unter­su­chen Sie Sich selbst genau, ob Sie im Schoße Ihrer liebe Muse allen­falls auch bei einer Mahl­zeit von Kar­tof­feln und Brun­nen­was­ser glück­lich sein kön­nen. Und zum Haus­ge­brauch: Ein Poet sein ist schon soviel als einen oder zween Spar­ren zuviel haben.

Caro­line Flachs­land, Her­ders spä­tere Ehe­frau, lernte Wie­land frü­her ken­nen als all die spä­te­ren Wei­ma­rer, und was sie an ihm schon 1771 ent­deckte, bestä­ti­gen mehr oder weni­ger alle nach ihr: Nur sei­nen Autor­stolz und Eitel­keit, die er in ziem­li­cher Dose besitzt, möchte ich von ihm weg­wi­schen. Chris­tian Felix Weiße ist weni­ger zärt­lich. Er ist so voll von sich selbst, daß man, um seine Gewo­gen­heit zu haben, nichts thun, als ihn bewun­dern muß, und er lobet sich gleich­wohl selbst so sehr, daß er einem zu sei­nem Lobe etwas zu sagen, nicht viel übrig läßt. Johann Anton Lei­se­witz, aus der ihn ableh­nen­den Frak­tion zwar, aber dies allein muss noch nichts hei­ßen, man denke nur an Lenz und Klin­ger, ist unver­söhn­lich.

Ich bin ein paar Stun­den bei Wie­land gewe­sen – mag ihn aber nicht wei­ter ken­nen. Einen so elen­den Mann von so gro­ßen Talen­ten habe ich noch nicht gese­hen. Man würde Eurem Geschlecht Unrecht tun, wenn man seine Eitel­keit wei­bisch nennte, sie ist mehr als kin­disch! Er hat nur 2 Gegen­stände, von denen er spricht, das ist er und Wie­land.

Und auch Jean Pauls Wohl­wol­len macht ihn nicht blind für Wie­lands offen­sicht­li­che Schwä­che. Ich war bei Wie­land und liebte sein leich­tes spie­len­des, beschei­de­nes und doch selbstrüh­men­des Wesen immer mehr. Für beide Wesens­züge, den Poe­ten­ver­äch­ter im All­ge­mei­nen und den Gläu­bi­gen in eige­ner Sache, lie­ßen sich noch dut­zende Bei­spiele anfüh­ren und doch kaum schlüs­sige Erklä­run­gen fin­den. Mit Dia­lek­tik könnte man es ver­su­chen oder sich an Arno Schmidt hal­ten, des­sen Ver­eh­rung für den vor­aus­ge­gan­ge­nen Kol­le­gen ihn Erklä­run­gen für Wie­lands Eitel­keit fin­den las­sen wird, die nicht ohne Komik sind. Man ver­gesse doch ja nie, wird Schmidt mah­nen, dass man den Dich­ter nur in Stun­den der Erschöp­fung ken­nen lerne: im Voll­be­sitz sei­ner geis­ti­gen Kräfte pflegt er näm­lich an Büchern zu arbei­ten! Eigen­lob als Erschöp­fungs­sym­ptom. Der Autoren­wunsch, durch die Injek­tion des Lobes immer wie­der ver­si­chert zu wer­den, dass die grau­sam ent­sa­gungs­volle Arbeit nicht umsonst ist, klingt immer­hin beden­kens­wert und wird plau­si­bel, wenn man unter­stellt, dass im Lob doch auch Sym­pa­thie mit­schwingt, ein Lebens­eli­xier die­ses auf Mit­füh­len ange­wie­se­nen Man­nes.

Wie­lands Hyper­sen­si­bi­li­tät schließ­lich ergänzt das Bild sei­ner Per­sön­lich­keit und auch für sie gibt es Belege und Andeu­tun­gen aus allen Lebens­pha­sen. Die Flachs­land bemerkt, dass er oft außer­ge­wöhn­lich kalt in die Gesell­schaft trete, ande­rer­seits spre­che er ziem­lich viel, inson­der­heit wenn er Laune hat. Sein Tem­pe­ra­ment beschrei­ben die Zeit­ge­nos­sen stets als befremd­lich wech­sel­haft, der kleine Kör­per sei meist in feu­ri­ger Gebärde, ein Leben und Den­ken unter Hoch­druck, dass allen­falls zwi­schen alle­gro und furioso oszil­liere, ein blitz­ar­tig arbei­ten­des Gehirn, das sich im Feu­er­pul­ver sei­ner Prosa aus­tobt. Wie­land besitzt kei­ner­lei auream medi­ocri­tatem, viel­mehr, erkennt wie­der ein­mal Goe­the, ver­bringt er sein gan­zes Leben in extre­mis. Er ist ner­vös, wie nur je ein Intel­lek­tu­el­ler; zap­pe­lig im Kaf­fee­rausch oder in Wie­lands eige­nen Wor­ten: Das Ängst­li­che, Unge­dul­dige, Trip­pelnde, Ima­gi­na­tive habe ich ganz von mei­ner Mut­ter. Die Maschine ist äußerst emp­find­lich und muss genau­es­tens ein­ge­stellt wer­den. Eben habe ich den Baro­me­ter ange­se­hen. Er ist noch um keine Linie gestie­gen; immer noch 27 Zoll. Da kann mir’s mit mei­ner Arbeit nicht gelin­gen. Ich brau­che aller­we­nigs­tens 27 Zoll 6 Linien!

 Wieland, Sophie Brentano und Kleist in Oßmannstedt:

  1. Wieland der Gärtner oder Unser Thema und wie wir es umgehen
  2. Exkurs: Augenschein eines Erotikers
  3. Gut Oßmannstedt (1797-1803)
  4. Exkurs: Selbstportrait als Schreckensbild oder Medizin für den Sohn
  5. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Sophie von La Roche und Sophie Brentano
  6. Gutshaus Oßmannstedt und seine Gäste: Der zauberische Kleist
  7. Grabmal in Oßmannstedt
  8. Schloss und Park Tiefurt
  9. Schloss und Park Belvedere (1807-1813)
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