Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
12 : Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen

1885 starb Goethes letzter Enkel, Walther Wolfgang, zwei Jahre nach seinem jüngeren Bruder, Wolfgang Maximilian. Erbe des Hauses am Frauenplan mit allen Sammlungen war der weimarische Staat, des Archivs die Großherzogin Sophie von Sachsen. Die Leitung übernahm zunächst Erich Schmidt, dann Bernhard Suphan; die Goethegesellschaft entstand im selben Jahre, das Goethejahrbuch fortführend, das schon seit 1880 erschien. Damit begann ein neuer Beruf; eine neue Laufbahn tat sich auf: wie man bisher Philosoph, Arzt oder Jurist geworden war, wurde man jetzt Goethephilolog, es ließ sich auf Goethe fortan eine Existenz gründen. Und eigentlich begann damit noch mehr: eine neue Menschenart. Diese jungen Germanisten saßen im Archiv zu Weimar über Goethes Schriften, Frühling kam und ging, es ward wieder Herbst, Nietzsche sank in Geistesnacht, der alte Kaiser starb, ihm folgte der Sohn, folgte der Enkel auf den Thron, Bismarck ging, Bismarck starb, Deutschland schwoll, stark und reich und neu, dem Deutschen ward enge, Volk zog aus, übers Meer, in die Welt, Deutschland wurde kühn und laut, ein neues Geschlecht wuchs auf, Krieg brach aus, aber jene saßen noch immer tagaus, tagein dort im Archiv zu Weimar über Goethes Schriften. Sie lasen Goethe, darin bestand ihr Leben: es hat etwas Heroisches, und es hat etwas Mönchisches, und es hat auch etwas Monomanisches zugleich. Einen eigenen Menschenschlag ergab es. Ehrfurcht gebietet sein alles hingebender Selbstverzicht, Kundrys »Dienen, dienen!« so rein erfüllend, höchster Bewunderung wert, zugleich aber fast unheimlich und ebenso wieder leise, ganz leise doch auch ein bißchen komisch. Ein fast erhabenes, rührendes, leicht ans Lächerliche streifendes Geschöpf mit faustischen Zügen, aber auch einigen vom Famulus, gewissermaßen: Eckermann als Generation ist der Goethephilolog. Doch er mag, was man auch von ihm sage, wie man über ihn spotte, dies alles läßlich lächelnd leiden: ihn rühmt die Tat genug, es rühmt ihn das jetzt vollendete Werk. Denn ihm verdanken wir’s, wenn jetzt Goethes Dasein, wenn jeder Tag Goethes offen vor unsern Augen liegt, wie noch niemals irgendeines Menschen ganzes Leben aufgetan ward. Wir wissen jetzt von Tag zu Tag, wann er aufstand, was er in der befruchtenden Stille morgendlicher Einsamkeit halb nachtwandlerisch auf breite Zettel schrieb, was er dann, wenn der Sekretär erschien, amtlich oder brieflich oder dichtend diktierte, gemach auf und ab schreitend, die Hände auf dem Rücken, welches Wetter, wie der Wind war, wie die Wolken an diesem Tage standen, wen er empfing und was er mit ihm sprach, ob er ausging oder im Garten saß oder zu Hause blieb, wen er bei Tisch zu Gast hatte, was er aß und trank und ob ihm die geliebten Teltower Rübchen mundeten, ob er abends ins Theater oder zu Hofe ging, daheim vorlas oder sich vom kleinen Mendelssohn vorspielen ließ oder bald gesprächig mit dem heiteren Zelter, bald wieder moros und taciturn mit dem weltklugen Kanzler von Müller saß, wir kennen jeden derben Spaß von ihm, wir kennen die erhabenen Stunden, wenn er, gleichsam schon sich selber entrückt, sein eigener Mythus und selber Merlin im leuchtenden Grabe schien, wir kennen die furchtbaren Stunden völliger innerer Desperation, ja wir kennen ihn besser, als eigentlich irgendwer unter uns sich selber kennt, wir wissen von ihm viel mehr als von uns selbst, weil wir doch, was wir erleben, Gott sei Dank meistens gleich wieder vergessen, aber jeder Atemzug seines Lebens ist uns unvergeßlich. Das ganze Leben eines Mannes, und ein so langes Leben, Tag um Tag belauscht, Zug um Zug enthüllt, Jahr für Jahr aufbewahrt, vom Jüngling zum Greise, müßte etwas Überwältigendes haben, und wenn es selbst nur das des Nächstbesten von der Straße wäre. Nun aber ist es gar das Leben eines Dichters, eines Künstlers, eines Forschers, des Vorgängers Darwins, des Entdeckers der Farbenlehre, eines Staatsmannes, den Napoleon ausgezeichnet, eines Mannes von Welt, der mit allen Großen seiner Zeit verkehrt hat, eines Lieblings der Frauen, so jungen Herzens noch in greisen Tagen, daß er mit vierundsiebzig Jahren seinen alten Großherzog, die Brust mit sämtlichen Orden geschmückt, um die Hand eines neunzehnjährigen Edelfräuleins für ihn anhalten schickt, das Leben eines weltberühmten weltweisen Weltbürgers, unsers größten Dichters, des höchsten Deutschen, es ist das Leben Goethes! Der gleichgültigste Taglöhner müßte, so bis auf den Seelengrund entblößt, in die tiefsten Verschwiegenheiten seiner heimlichen inneren Feiertage hinein verfolgt, aber auch in Kläglichkeiten, die kein Mensch auch nur sich selber einzugestehen wagt, belauscht, uns den Sinn unserer menschlichen Existenz und worauf es denn damit eigentlich abgesehen sein mag, verraten, und nun ist aber, den wir so splitternackt in allen Höhen und Tiefen seines Daseins, aber auch selbst in jener mittleren Zone der grauen Alltäglichkeit, wo das Eigenlicht in jedem Antlitz verlischt, belauschen, noch Goethe! Dieses unermeßliche Geschenk verdankt der Deutsche, verdankt die Menschheit dem Goethephilologen.

Es wirkte zunächst aber sonderbar: der Goethe, den der gebildete Deutsche bisher besaß, ging ihm verloren; der Goethe, der jetzt erschien, stimmte mit dem überlieferten Goethebild nicht und ließ sich auch auf die Werke Goethes, auf diejenigen gerade, die dem gebildeten Deutschen als die wichtigsten galten, nicht mehr stimmen. Man fragte sich, ob es denn überhaupt noch möglich sei, diesen Zudrang, diesen Massenaufmarsch von Gestalten, der unter dem Namen Goethe da tausendköpfig, tausendstimmig, tausendfältig an unseren geblendeten Augen vorüberzog, in einem einzigen Menschen, einem sterblichen Menschen unterzubringen. Dieses Wesen glich eher einem Symbol, in dem die Geistesgeschichte der sämtlichen deutschen Stämme mit grandioser Verkürzung epitomiert wäre, doch Goethe selber, Goethe in Person kam abhanden.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Aus der Musenphilisterstadt
  2. Böcklin bei Hofe
  3. Diogenes in der Tonne
  4. Gerhard Rohlfs in der Villa »Meinheim«
  5. Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit
  6. Schwankende Gestalten
  7. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  8. Harry Graf Kessler: Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes
  9. Edwin Redslob: Ein neues Weimar
  10. Rainer Maria Rilke: Brief an Helene von Nostitz
  11. Otto von Taube: Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut
  12. Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen

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