Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
13 : Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«

1885 starb Goe­thes letz­ter Enkel, Walt­her Wolf­gang, zwei Jahre nach sei­nem jün­ge­ren Bru­der, Wolf­gang Maxi­mi­lian. Erbe des Hau­ses am Frau­en­plan mit allen Samm­lun­gen war der wei­ma­ri­sche Staat, des Archivs die Groß­her­zo­gin Sophie von Sach­sen. Die Lei­tung über­nahm zunächst Erich Schmidt, dann Bern­hard Suphan; die Goe­the­ge­sell­schaft ent­stand im sel­ben Jahre, das Goe­the­jahr­buch fort­füh­rend, das schon seit 1880 erschien. Damit begann ein neuer Beruf; eine neue Lauf­bahn tat sich auf: wie man bis­her Phi­lo­soph, Arzt oder Jurist gewor­den war, wurde man jetzt Goe­the­phi­lo­log, es ließ sich auf Goe­the fortan eine Exis­tenz grün­den. Und eigent­lich begann damit noch mehr: eine neue Men­schen­art. Diese jun­gen Ger­ma­nis­ten saßen im Archiv zu Wei­mar über Goe­thes Schrif­ten, Früh­ling kam und ging, es ward wie­der Herbst, Nietz­sche sank in Geis­tes­nacht, der alte Kai­ser starb, ihm folgte der Sohn, folgte der Enkel auf den Thron, Bis­marck ging, Bis­marck starb, Deutsch­land schwoll, stark und reich und neu, dem Deut­schen ward enge, Volk zog aus, übers Meer, in die Welt, Deutsch­land wurde kühn und laut, ein neues Geschlecht wuchs auf, Krieg brach aus, aber jene saßen noch immer tag­aus, tag­ein dort im Archiv zu Wei­mar über Goe­thes Schrif­ten. Sie lasen Goe­the, darin bestand ihr Leben: es hat etwas Heroi­sches, und es hat etwas Mön­chi­sches, und es hat auch etwas Mono­ma­ni­sches zugleich. Einen eige­nen Men­schen­schlag ergab es. Ehr­furcht gebie­tet sein alles hin­ge­ben­der Selbst­ver­zicht, Kund­rys »Die­nen, die­nen!« so rein erfül­lend, höchs­ter Bewun­de­rung wert, zugleich aber fast unheim­lich und ebenso wie­der leise, ganz leise doch auch ein biß­chen komisch. Ein fast erha­be­nes, rüh­ren­des, leicht ans Lächer­li­che strei­fen­des Geschöpf mit faus­ti­schen Zügen, aber auch eini­gen vom Famu­lus, gewis­ser­ma­ßen: Ecker­mann als Genera­tion ist der Goe­the­phi­lo­log. Doch er mag, was man auch von ihm sage, wie man über ihn spotte, dies alles läß­lich lächelnd lei­den: ihn rühmt die Tat genug, es rühmt ihn das jetzt voll­endete Werk. Denn ihm ver­dan­ken wir’s, wenn jetzt Goe­thes Dasein, wenn jeder Tag Goe­thes offen vor unsern Augen liegt, wie noch nie­mals irgend­ei­nes Men­schen gan­zes Leben auf­ge­tan ward. Wir wis­sen jetzt von Tag zu Tag, wann er auf­stand, was er in der befruch­ten­den Stille mor­gend­li­cher Ein­sam­keit halb nacht­wand­le­risch auf breite Zet­tel schrieb, was er dann, wenn der Sekre­tär erschien, amt­lich oder brief­lich oder dich­tend dik­tierte, gemach auf und ab schrei­tend, die Hände auf dem Rücken, wel­ches Wet­ter, wie der Wind war, wie die Wol­ken an die­sem Tage stan­den, wen er emp­fing und was er mit ihm sprach, ob er aus­ging oder im Gar­ten saß oder zu Hause blieb, wen er bei Tisch zu Gast hatte, was er aß und trank und ob ihm die gelieb­ten Tel­tower Rüb­chen mun­de­ten, ob er abends ins Thea­ter oder zu Hofe ging, daheim vor­las oder sich vom klei­nen Men­dels­sohn vor­spie­len ließ oder bald gesprä­chig mit dem hei­te­ren Zel­ter, bald wie­der moros und taci­turn mit dem welt­klu­gen Kanz­ler von Mül­ler saß, wir ken­nen jeden der­ben Spaß von ihm, wir ken­nen die erha­be­nen Stun­den, wenn er, gleich­sam schon sich sel­ber ent­rückt, sein eige­ner Mythus und sel­ber Mer­lin im leuch­ten­den Grabe schien, wir ken­nen die furcht­ba­ren Stun­den völ­li­ger inne­rer Despe­ra­tion, ja wir ken­nen ihn bes­ser, als eigent­lich irgend­wer unter uns sich sel­ber kennt, wir wis­sen von ihm viel mehr als von uns selbst, weil wir doch, was wir erle­ben, Gott sei Dank meis­tens gleich wie­der ver­ges­sen, aber jeder Atem­zug sei­nes Lebens ist uns unver­geß­lich. Das ganze Leben eines Man­nes, und ein so lan­ges Leben, Tag um Tag belauscht, Zug um Zug ent­hüllt, Jahr für Jahr auf­be­wahrt, vom Jüng­ling zum Greise, müßte etwas Über­wäl­ti­gen­des haben, und wenn es selbst nur das des Nächst­bes­ten von der Straße wäre. Nun aber ist es gar das Leben eines Dich­ters, eines Künst­lers, eines For­schers, des Vor­gän­gers Dar­wins, des Ent­de­ckers der Far­ben­lehre, eines Staats­man­nes, den Napo­leon aus­ge­zeich­net, eines Man­nes von Welt, der mit allen Gro­ßen sei­ner Zeit ver­kehrt hat, eines Lieb­lings der Frauen, so jun­gen Her­zens noch in grei­sen Tagen, daß er mit vier­und­sieb­zig Jah­ren sei­nen alten Groß­her­zog, die Brust mit sämt­li­chen Orden geschmückt, um die Hand eines neun­zehn­jäh­ri­gen Edel­fräu­leins für ihn anhal­ten schickt, das Leben eines welt­be­rühm­ten welt­wei­sen Welt­bür­gers, unsers größ­ten Dich­ters, des höchs­ten Deut­schen, es ist das Leben Goe­thes! Der gleich­gül­tigste Tag­löh­ner müßte, so bis auf den See­len­grund ent­blößt, in die tiefs­ten Ver­schwie­gen­hei­ten sei­ner heim­li­chen inne­ren Fei­er­tage hin­ein ver­folgt, aber auch in Kläg­lich­kei­ten, die kein Mensch auch nur sich sel­ber ein­zu­ge­ste­hen wagt, belauscht, uns den Sinn unse­rer mensch­li­chen Exis­tenz und wor­auf es denn damit eigent­lich abge­se­hen sein mag, ver­ra­ten, und nun ist aber, den wir so split­ter­nackt in allen Höhen und Tie­fen sei­nes Daseins, aber auch selbst in jener mitt­le­ren Zone der grauen All­täg­lich­keit, wo das Eigen­licht in jedem Ant­litz ver­lischt, belau­schen, noch Goe­the! Die­ses uner­meß­li­che Geschenk ver­dankt der Deut­sche, ver­dankt die Mensch­heit dem Goe­the­phi­lo­lo­gen.

Es wirkte zunächst aber son­der­bar: der Goe­the, den der gebil­dete Deut­sche bis­her besaß, ging ihm ver­lo­ren; der Goe­the, der jetzt erschien, stimmte mit dem über­lie­fer­ten Goe­the­bild nicht und ließ sich auch auf die Werke Goe­thes, auf die­je­ni­gen gerade, die dem gebil­de­ten Deut­schen als die wich­tigs­ten gal­ten, nicht mehr stim­men. Man fragte sich, ob es denn über­haupt noch mög­lich sei, die­sen Zudrang, die­sen Mas­sen­auf­marsch von Gestal­ten, der unter dem Namen Goe­the da tau­send­köp­fig, tau­send­stim­mig, tau­send­fäl­tig an unse­ren geblen­de­ten Augen vor­über­zog, in einem ein­zi­gen Men­schen, einem sterb­li­chen Men­schen unter­zu­brin­gen. Die­ses Wesen glich eher einem Sym­bol, in dem die Geis­tes­ge­schichte der sämt­li­chen deut­schen Stämme mit gran­dio­ser Ver­kür­zung epi­to­miert wäre, doch Goe­the sel­ber, Goe­the in Per­son kam abhan­den.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Fritz Daum – »Aus der Musenphilisterstadt«
  2. Angela Böcklin – »Böcklin bei Hofe«
  3. Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«
  4. Konrad Guenther – »Gerhard Rohlfs in der Villa Meinheim«
  5. Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«
  6. Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«
  7. Richard Voß – »Schwankende Gestalten«
  8. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  9. Harry Graf Kessler – »Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes«
  10. Edwin Redslob – »Ein neues Weimar«
  11. Rainer Maria Rilke – »Brief an Helene von Nostitz«
  12. Otto von Taube – »Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut«
  13. Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«
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