Weimar – Ein literarischer Spaziergang zur Goethezeit
10 : Carl Heinrich Ritter von Lang – »Bei Goethe«

Person

Karl Heinrich Lang

Themen

Thüringen im literarischen Spiegel

Literarisches Thüringen um 1800

Autor

Carl Heinrich Ritter von Lang

Die Memoiren des Ritters von Lang. 1764-1835, hg. Hans von Haussherr, Stuttgart 1957.

In Wei­mar ließ ich mich vom Teu­fel ver­blen­den, mich bei sei­nem alten Faust, dem Herrn von Goe­the, in einem mit unter­tä­ni­gen Kratz­fü­ßen nicht spar­sa­men Brief­lein anzu­mel­den. Ich war ange­nom­men um halb eins. Ein lan­ger, alter, eis­kal­ter, stei­fer Reichs­stadt­sy­di­kus trat mir ent­ge­gen, in einen Schlaf­rock, winkte mir, wie der stei­nerne Gast mich nie­der­zu­set­zen, blieb ton­los an allen Sai­ten, die ich bei ihm anschla­gen wollte, stimmte allem bei, was ich ihm vom Stre­ben des Kron­prin­zen von Bay­ern sagte, und brach dann in die Worte aus: »Sagen Sie mir, ohne Zwei­fel wer­den Sie auch in Ihrem Ans­ba­cher Bezirk eine Brand­ver­si­che­rungs­an­stalt haben?« Ant­wort: »Jawohl.« Nun erging die Ein­la­dung, alles im kleins­ten Detail zu erzäh­len, wie es bei ein­tre­ten­den wirk­li­chen Brän­den gehal­ten werde. Ich erwi­derte ihm, es komme dar­auf an, ob der Brand wie­der gelöscht werde oder Ort oder Haus wirk­lich abbrenne. »Wol­len wir, wenn ich bit­ten darf, den Ort ganz und gar abbren­nen las­sen.« Ich blies also mein Feuer an und ließ alles ver­zeh­ren, die Sprit­zen ver­geb­lich sau­sen, die Herrn Brand­rich­ter ver­geb­lich brau­sen, rücke andern­tags mit mei­nem Augen­scheine aus, lasse den Scha­den ein­schät­zen, von der Schät­zung so viel wie mög­lich her­un­ter­kni­ckern, dann neue Schön­heits­bau­risse machen, die in Mün­chen Jahr und Tag lie­gen blei­ben wäh­rend die armen Abge­brann­ten in Bara­cken und Kel­lern schmach­ten, und zahle dann in zwei, drei Jah­ren das abge­han­delte Ent­schä­di­gungs­sümm­lein her­aus. Das hörte der alte Faust mit an und sagte: »Ich danke Ihnen.« Dann fing er wei­ter an: »Wie stark ist die Men­schen­zahl von so einem Rez­at­kreis bei Ihnen?« Ich sagte: »Etwas über 500.000 See­len.« – »So! so!« sprach er, »hm! hm! das ist schon etwas.« (Frei­lich mehr, als das Dop­pelte vom gan­zen Groß­her­zog­tum Wei­mar!) Ich sagte: »Jetzt, da ich die Ehre habe, hei Ihnen zu sein, ist dort eine Seele weni­ger. Ich will mich aber auch wie­der dort­hin auf­ma­chen, und mich  emp­feh­len.« Dar­auf gab er mir die Hand zum Abschied, dankte mir für die Ehre mei­nes Besuchs und gelei­tete mich zur Tür. Es war mir, als wenn ich mich beim Feu­er­lö­schen erkäl­tet hätte.

 Weimar – Ein literarischer Spaziergang zur Goethezeit:

  1. Charlotte Krackow – »Herzogin Anna Amalia«
  2. Jakob Friedrich von Fritsch – »An Herzog Carl August«
  3. Herzog Carl August – »An Jakob Friedrich von Fritsch«
  4. Carl Wilhelm Heinrich Freiherr von Lyncker – »Schlittschuhfahren«
  5. Friedrich Schiller – »An den Herzog Carl August«
  6. Johanna Schopenhauer – »Brief an ihren Sohn Arthur«
  7. Eduard Genast – »Goethe auf der Probe«
  8. Johannes Daniel Falk – »Karfreitag 1821«
  9. John Russell – »Weimar«
  10. Carl Heinrich Ritter von Lang – »Bei Goethe«
  11. Julius Schwabe – »Schillers Schädel«
  12. Willibald Alexis – »Bei Goethe«
  13. Hector Berlioz – »An Liszt«
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