Thüringer Anthologie Nr. 113 – Jan Volker Röhnert über Friedrich Nietzsche

Personen

Friedrich Nietzsche

Lou Andreas-Salomé

Ort

Tautenburg

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Jan Volker Röhnert

Erstdruck: Thüringer Anthologie, 14.05.2016.

Friedrich Nietzsche

Nach neuen Meeren

 

Dort­hin – will ich; und ich traue
Mir fortan und mei­nem Griff.
Offen liegt das Meer, ins Blaue
Treibt mein Genue­ser Schiff.

Alles glänzt mir neu und neuer,
Mit­tag schläft auf Raum und Zeit –:
Nur dein Auge – unge­heuer
Blickt mich’s an, Unend­lich­keit!

aus: Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­gabe. Hg. v. Gior­gio Colli /
Mazzino Mon­ti­nari. Bd. 3. Mor­gen­röte. Idyl­len aus Mes­sina.
Die fröh­li­che Wis­sen­schaft. Mün­chen 1999, S. 649.

 

Jan Volker Röhnert

Zwischen Genua und Tautenburg

 

»Kennst du das Land, wo die Zitro­nen blühn?« Ein Jahr­hun­dert nach Goe­thes Sehn­suchts­lied musste Fried­rich Nietz­sche kom­men, um der Melan­cho­lie des »Dahin, dahin / möcht ich mit dir, Gelieb­ter, ziehn«, den Impe­ra­tiv »Dort­hin – will ich« ent­ge­gen­zu­set­zen. Sein Süden ist ein radi­kal auf eine Region geschrumpf­tes, diese aber wie unter der Lupe ver­grö­ßern­des Ita­lien, auf das der Phi­lo­soph seine genial kurz­sich­ti­gen Augen senkt: Es bleibt auf den nord­west­li­chen Küs­ten­strei­fen beschränkt – das, was Gott­fried Benn spä­ter den »ligu­ri­schen Kom­plex« nen­nen sollte. Im Mit­tel­punkt: die Hafen­me­tro­pole Genova mit ihrem säku­la­ren Hei­li­gen Cris­to­foro Colombo, des­sen Namen heute der inter­na­tio­nale Flug­ha­fen dort trägt. Vor Nietz­sche hat­ten bereits Höl­der­lin und Pla­ten in Gedich­ten den Mythos des Genue­ser Ame­rika-Ent­de­ckers auf­ge­grif­fen, doch erst beim Pfar­rers­sohn aus Röcken ver­schmilzt das Bild des visio­nä­ren See­fah­rers mit dem des abso­lut moder­nen Visio­närs, der zu ufer­lo­sen Mee­ren des Gedan­kens auf­ge­bro­chen ist. Die Gefahr zu schei­tern wird ange­sichts des schlin­gern­den Rauschs der Ima­gi­na­tion ebenso in Kauf genom­men wie Gia­como Leo­pardi in »L’Infinito« und Arthur Rim­baud in »Das trun­kene Schiff« die Kata­stro­phe als Kon­se­quenz der All­machts­phan­ta­sie will­kom­men gehei­ßen hat­ten. Leo­par­dis »infi­nito« ist zumin­dest das Schluss­wort von Nietz­sches ligu­ri­scher Epi­pha­nie. Als ich 1998 ein Aus­lands­se­mes­ter in Genuas Alt­stadt in der Nähe der Salita delle Bat­tis­tine zubrachte, wo Nietz­sche die Win­ter zwi­schen 1880 und 1883 über lebte, wusste ich von all­dem kaum etwas. Man muss die Zahn­rad­bahn zum fel­si­gen Stadt­rand hin­auf­ge­fah­ren sein, den oft beschwo­re­nen amphi­thea­tra­li­schen Blick genos­sen haben, vom nahen Camo­gli über den Monte Por­to­fino bis Santa Mar­ghe­rita Ligure gegan­gen sein, dem Hafen das Fremde, das hier an Land gespült wird, mit allen Sin­nen abge­lauscht, geschmeckt, geschnüf­felt haben, um zu spü­ren, dass an die­ser Küste eine Unend­lich­keit ver­bor­gen liegt, die nicht nur ins Zen­trum der Fröh­li­chen Wis­sen­schaft und den Beginn des Zara­thus­tra, son­dern zugleich ins Herz einer medi­ter­ra­nen Kul­tur führt, deren end­lose Fülle zu prei­sen ein Leben nicht reicht. Als Nietz­sche den Som­mer 1882 mit Lou Andreas-Salomé im lieb­li­chen Tau­ten­burg zubrachte, wird er ihr die Ohren voll­ge­schwärmt haben. Anders sind die abgrün­di­gen Verse kaum zu ver­ste­hen, die er ihr zum Abschied ins Poe­sie­al­bum schrieb: »Freun­din – sprach Colum­bus – traue / Kei­nem Genue­sen mehr! / Immer starrt er in das Blaue, / Ferns­tes zieht ihn all­zu­sehr!«

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Fried­rich Nietz­sche, (1844–1900); Stu­dium der klas­si­schen Phi­lo­lo­gie und der Theo­lo­gie in Bonn und Leip­zig; ab 1869 Pro­fes­sor in Basel; 1879 Ver­set­zung in den Ruhe­stand; Auf­ent­halte in Bern, Zürich, Ober­enga­din, Sils-Maria und Nizza; 1889 Ner­ven­zu­sam­men­bruch; Pflege durch Mut­ter und Toch­ter in Naum­burg und Wei­mar.
  • Jan Vol­ker Röh­nert, 1976 in Gera gebo­ren, stu­dierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Deutsch als Fremd­spra­che, Roma­nis­tik und Erzie­hungs­wis­sen­schaft. Seit 2011 ist er Heyne-Juni­or­pro­fes­sor für Neuere Deut­sche Lite­ra­tur an der TU Braun­schweig.
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/thueringer-anthologie-nr-113-jan-volker-roehnert-ueber-friedrich-nietzsche/]