Samuel Glesel – Von Gotha in die Welt
3 : Ein Mittagessen

Person

Samuel Glesel

Ort

Gotha

Themen

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Weimarer Republik

Thüringen im Nationalsozialismus

Autor

Samuel Glesel

S. Gles [d.i. Samuel Glesel]: Deutschland gestern und heute, Staatsverlag der nationalen Minderheiten der USSR, Charkow 1935

An dem Abend, von dem ich hier erzäh­len will, hatte ich mich um 6 Uhr mit dem klei­nen Fritz von der Hit­zels­gasse ver­ab­re­det. Fritze war klein, hatte krumme Beine und einen grauen Dril­lich­an­zug. Er war eine be­kannte Num­mer in unse­rem Ort. Seine Mut­ter war Kar­ten­le­ge­rin.
Fritze lebte sein eige­nes Leben: Wenn er etwas aus­ge­fres­sen, bekam er eine Wucht und damit waren die päd­ago­gi­schen Maß­nah­men für einige Zeit wie­der erle­digt. Geris­sen und geschickt wie Fritze ent­spre­chend sei­nen Ver­hält­nis­sen war, ist er in den Infla­ti­ons­mo­na­ten zum Ernäh­rer sei­ner Mut­ter gewor­den. Seit Wochen schwänzte er die Schule; er fand immer neue Einnahme­quellen. Seine Spe­zia­li­tät waren Maul­würfe; die er auf den stopp­li­gen Fel­dern der Bau­ern fing.
Pünkt­lich zur ver­ab­re­de­ten Zelt stand Fritze auf dem Markt­platz und hatte zwei Säcke unter dem Arm.
›Haste dir ken Sack mit­ge­bracht, en Sack ‑mußte doch hab’n, Mensch‹, meinte er, über­legte, ›nu, nem’n wir den, der ist zwar’n biß­chen kaputt, aber bes­ser als gar nischt.‹
Wir gin­gen durch die Anla­gen am Schloß vor­bei zum Güter­bahn­hof. Der trübe farb­lose Herbst­tag begann zu däm­mern und in eine ster­nen­lose Dun­kel­heit überzuge­hen. Schwach beleuch­te­ten die Later­nen den Zaun des Güter­bahn­hofs. Fritz kund­schaf­tete aus, ich stand abseits mit den Säcken. Er winkte. Die Stelle war zum Klet­tern güns­tig. Es kam nie­mand. Auf Zehen­spit­zen schli­chen wir uns zu den Wag­gons. Fritz klet­terte. Im drit­ten Wag­gon lag gestampf­tes Papier. Es stammte von der Lum­pen­firma Stein­haus. Wir klet­ter­ten in das Bremser­häuschen, von dort durchs Fens­ter in den Wag­gon. Has­tig, klop­fen­den Her­zens stopf­ten wir das Papier in die Säcke.
›Däm­li­ches Aas, mußt‹ wei­ter auf­hal­ten‹, brummte Fritz mir ärger­lich zu.
Schritte!
Fritz legte sich platt zwi­schen Sack und Papier. Ich hielt den Atem an, bückte mich. Die Schritte gin­gen vor­über. – ›Schwein gehabt!‹
Die Arbeit ging wei­ter.
›Wenn einer kommt, dann flit­zen‹, unter­rich­tete mich Fritz.
Has­tige Bewe­gung und Knir­schen! Schritte!
Stim­men kom­men immer näher.
›Euch werde ich gleich auf den Schwung brin­gen‹, brüllte einer.
›Galt das uns?‹
Ehe ich mich umsah, war Fritz bereits durch das Fen­ster ins Brem­ser­häus­chen und von dort nach hin­ten in der Dun­kel­heit ver­schwun­den.
Allein!
Zit­ternd wagte ich mich kaum zu bewe­gen. Noch immer waren die Stim­men in der Nähe. Jeden Nerv ange­spannt, klet­terte ich vor­sich­tig durch das Fens­ter. An dem gro­ben Plan, der die Kiste ver­deckte, stan­den ein Beam­ter und ein Zivi­list. Lange lag ich in zit­tern­der Angst. Jede Bewe­gung schreckte mich auf.
Jetzt kamen die Män­ner zurück. Weg­lau­fen? Sie gin­gen vor­über.
Schon lange war es still gewor­den. Noch lag ich und wagte mich nicht zu rüh­ren. Lang­sam und vor­sich­tig stieg ich vom Wag­gon. Da ging die Tür des Bahnwär­terhäuschens auf. Blitz­ar­tig ver­schwand ich unter dem gro­ßen Zelt­plan. Zwi­schen zwei Kis­ten legte ich mich auf eine wei­che Masse. Unend­lich lange wagte ich keine Bewe­gung. Ab und zu hörte ich Stim­men und dann Trit­te. End­lich faßte ich Mut und kroch mit dem Kopf aus dem Zelt­plan. In der ster­nen­lo­sen Nacht wirkte alles ge­heimnisvoll groß und schre­ckend. Es war ein Feind, des­sen Bewe­gun­gen man nicht kannte und den man nicht sah. Kam der schwarze Schat­ten nicht näher?
Ich war 9 Jahre alt und schwur: Nie­mals wie­der! […]
Mit viel Mühe und Ängs­ten brachte ich den Sack Papier nach Hause. Es war 11 Uhr nachts, als ich ankam.
›Taugt mehr als du‹, meinte die Mut­ter zum Vater gewandt.
Mein Vater sah mich fra­gend an. Er stand noch genau so wie am Nach­mit­tag trüb an dem jetzt kal­ten Ofen.
›Woher?‹ fragte er.
›Das habe ich auf­ge­le­sen.‹
Er betrach­tete mich eine Weile schwei­gend, nickte mit dem Kopfe, seufzte leicht und ging auf und ab.
›Daß du mir keine Dumm­hei­ten machst. Du hast’s nicht gestoh­len?‹
›Wo soll ich denn das gestoh­len haben?‹ ant­wor­tete ich.
1,45 Bil­lio­nen erhielt ich für das Papier. Für das Geld beka­men wir am 21. Okto­ber 1923 – mein jüngs­ter Bru­der hatte gerade Geburts­tag – ein Mit­tag­essen. Wenn ich nicht irre, war etwas Speck dazwi­schen.

 Samuel Glesel – Von Gotha in die Welt:

  1. Aus der Hitzelsgasse
  2. Herkunft und Kindheit Samuel Glesels
  3. Ein Mittagessen
  4. Von Gotha nach Berlin
  5. Von Berlin nach Engels
  6. Samuel Glesels Bücher erscheinen
  7. Glesel wird als »Parteischädling« diffamiert
  8. Glesels Verhaftung und Ermordung durch den NKWD
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