René Halkett – »Der liebe Unhold«

Personen

René Halkett

Thomas B. Schumann

Ort

Weimar

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Wie­der­ge­le­sen von Jens Kirsten

 

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: Das auto­bio­gra­phi­sche Zeit­por­trät »Der liebe Unhold« von George René Hal­kett, das sieb­zig Jahre nach sei­ner eng­li­schen Erst­ver­öf­fent­li­chung nun erst­mals auf deutsch vor­liegt, ist eine der gro­ßen Auto­bio­gra­phien des 20. Jahr­hun­derts. Die Hand­lung setzt 1900 in Wei­mar ein und endet 1936 mit Gang des Autors  ins eng­li­sche Exil. Dazwi­schen liegt das Psy­cho­gramm einer Epo­che, wie es nur wenige andere zu zeich­nen vermochten.

Hal­kett hieß eigent­lich Albrecht Georg Fried­rich Frei­herr von Fritsch – sein Urur­groß­va­ter war Ers­ter Minis­ter von Her­zog Carl August und stand des­sen Ent­schluß, Goe­the zum Minis­ter zu machen, zunächst sehr skep­tisch gegen­über; sein Vater schlug eine mili­tä­ri­sche Kar­riere ein und diente spä­ter als Kam­mer­herr des Groß­her­zogs Wil­helm Ernst.

Leben­dig schil­dert der Autor das Leben im Wei­mar der Jahr­hun­dert­wende. Ihm begeg­net es als öffent­li­ches Thea­ter­spiel mit dem Titel »Leben in der Resi­denz«, an des­sen täg­li­cher Auf­füh­rung aus­nahms­los jeder Unter­tan mit­wirkte. Nicht nur Lakaien und Bediens­tete, son­dern auch Hand­wer­ker und unzäh­lige Laden­be­sit­zer, ja selbst die Unters­ten als ehe­ma­lige Sol­da­ten durf­ten sich zum Gros der Sta­tis­ten in die­sem Spek­ta­kel zäh­len. Man fühlte sich dem Hof ver­bun­den, waren die Fäden auch noch so lose gespon­nen. Wie sehr das spie­le­ri­sche Ele­ment zum gesell­schaft­li­chen Leben der Resi­denz­stadt gehörte, illus­trie­ren auf höchst amü­sante Weise seine Schil­de­run­gen der Feste. Zuhause räumte man dafür die gesamte  Woh­nung leer, spä­ter eine Etage des  Hau­ses. Hand­wer­ker bekleb­ten die Wände mit wei­ßem Papier und ein gutes Dut­zend Künst­ler wurde beschäf­tigt, diese mit Ansich­ten von Gewöl­ben und aller­lei roman­ti­schem Inte­ri­eur zu bema­len – »in einem klei­nen Wald aus leben­den Nadel­bäu­men tum­melte sich eine Gruppe von Bal­let­tän­ze­rin­nen, die als Elfen ver­klei­det waren«. Oder Kunst­aka­de­mie und Musik­hoch­schule emp­fin­gen zum Kar­ne­val am Wei­ma­rer Bahn­hof einen »indi­schen Rajah«, der auf einem wei­ßen Pap­pe­le­fan­ten durch Wei­mar zum Schloß ritt, wor­auf der Groß­her­zog ihn unter dem Jubel sei­ner fast voll­zäh­lig ver­sam­mel­ten Unter­ta­nen in aller Würde emp­fing. Über­haupt der Her­zog! Die­ser hatte offen­sicht­lich einen aus­ge­präg­ten Sinn für Humor. Wenn in einem der umlie­gen­den Parks volks­nah ein Goe­the­stück insze­niert wurde, gab er ganz sou­ve­rän einen ande­ren Her­zog. Im Ver­gleich zu damals erscheint die Kunst des Fei­erns nur mehr als bil­li­ger Abklatsch.

Wie so viele Jugend­li­che sei­ner Zeit fühlte sich der Autor zur Wan­der­vo­gel­be­we­gung hin­ge­zo­gen. Um ihm diese Allü­ren aus­zu­trei­ben, steckte ihn der Vater ins Inter­nat und spä­ter in eine Kadet­ten­an­stalt. Noch als Kadett nahm der Junge schließ­lich am Ers­ten Welt­krieg teil. Als sein Vater in einem Laza­rett in Ost­preu­ßen ver­starb, über­führte  Hal­kett ihn in die Wei­ma­rer Fami­li­en­gruft. Die Reise mit dem toten Vater gehört zu den ein­dring­lichs­ten und ein­drucks­volls­ten Pas­sa­gen des Buches.

Hal­kett macht aus sei­ner poli­ti­schen Unreife kei­nen Hehl. Woher hätte diese auch kom­men sol­len? Er wird Mit­glied eines Frei­korps, in dem er auf Wan­der­vö­gel trifft, die vor allem das Lands­knecht­le­ben anzieht. Erst all­mäh­lich erschlie­ßen sich dem Autor und Prot­ago­nis­ten poli­ti­sche Zusam­men­hänge. Auch das ist eine der Stär­ken des Buches. Es beschreibt den »deut­schen Geist« von innen her­aus. Die Ver­bin­dung von Sol­da­ten­le­ben und Wan­der­le­ben, die Nähe von bün­di­scher und völ­ki­scher Jugend­be­we­gung, die Ziel­lo­sig­keit einer gan­zen Genera­tion nach dem Ers­ten Welt­krieg, die Wege und Irr­wege zahl­lo­ser selbst­er­nann­ter bar­fü­ßi­ger Pro­phe­ten. Nicht zuletzt gehörte dazu der cha­ris­ma­ti­sche Fried­rich »Muck« Lam­berty, der mit sei­ner »Neuen Schar« durch Thü­rin­gen zog. Hal­kett cha­rak­te­ri­siert ihn und die Schar als Wan­der­vö­gel neuen Typs – als berufs­mä­ßige Jugend­li­che, die die Frei­zeit zu ihrem Lebens­in­halt erho­ben. Abge­sto­ßen von Lam­ber­tys ver­steck­tem Anti­se­mi­tis­mus – »Das Blut ist der Geist.« – ging Hal­kett zu die­ser Bewe­gung auf Distanz. Ohne Pathos zeich­net Hal­kett das Bild einer Genera­tion, die nur zu anfäl­lig war für die Ver­spre­chen von Heils­ver­kün­dern jed­we­der Cou­leur. Dabei nimmt er sich selbst nicht aus dem Kreis der Suchen­den aus. Im hes­si­schen Kün­zell lebte er eine Weile in der anthro­po­so­phi­schen Lohe­land-Gemein­schaft, in Wei­mar stu­dierte er für eine Zeit am Bau­haus, spä­ter ging er nach Ber­lin und begann als freier Jour­na­list für die »Vos­si­sche Zei­tung« zu arbei­ten. Hier erlebte er Deutsch­lands Weg in den Faschis­mus ganz unmit­tel­bar. Um dem Bevor­ste­hen­den zu ent­ge­hen, ver­suchte er ohne Erfolg auf Ibiza Fuß zu fas­sen. 1936 reiste er mit sei­ner vier­ten Frau nach Eng­land aus, wo er in Corn­wall für den Rest sei­nes Lebens als Maler lebte.

  • Der liebe Unhold. Auto­bio­gra­phi­sches Zeit­por­trät von 1900 bis 1939, hg. Tho­mas B. Schu­mann, über­setzt aus dem Eng­li­schen von Ursula Klim­mer, mit einem Vor­wort von Diethart Kerbs, Edi­tion Memo­ria, Hürth b. Köln 2011.
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