Lesungen, Porträts und Interviews
13 : Folge 13: Antje Babendererde – Lesung aus »Isegrimm«

Person

Antje Babendererde

Orte

Crawinkel

Frankenhain

Ohrdruf

Wölfis

Thema

Porträts und Podcasts

Autor

Antje Babendererde

Isegrimm, Arena Verlag, Würzburg 2016. Der Abdruck erfolgt mir freundlicher Genehmigung des Arena Verlags Würzburg.

 

Syn­op­sis

Jola lebt in einem klei­nen Dorf in Thü­rin­gen und ist mit Kai zusam­men, den sie ihr Leben lang kennt. Am liebs­ten ist sie drau­ßen im Wald und beob­ach­tet Tiere, eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, der Kai und ihre Freun­din Sassy nur wenig abge­win­nen kön­nen.
Doch in die­sem Som­mer ist alles anders. Ein mys­te­riö­ser Dieb treibt sein Unwe­sen im Dorf, Jola und ihre Freunde kom­men einem alten Nach­kriegs­ge­heim­nis auf die Spur und Gerüchte tau­chen auf, dass der Mann, der Jolas beste Freun­din ermor­dete, und sich nach sei­ner Ver­haf­tung selbst rich­tete, gar nicht der wahre Mör­der war.
Jola fühlt sich auf ein­mal beob­ach­tet in ihrem Refu­gium, und eines Tages macht sie eine merk­wür­dige Ent­de­ckung, die ihr Leben und das des Dor­fes ver­än­dern wird.

***
Ich ver­schlu­cke einen ungläu­bi­gen Laut, als ich die win­zi­gen Mäu­se­ka­da­ver im Gezweig erbli­cke, vier an der Zahl, blu­tig gepfählt auf den lan­gen Dor­nen des Schle­hen­strau­ches.

Er ist nicht in der Nähe, der Wür­ger mit sei­ner schwar­zen Augen­binde, sonst hätte er mich längst ent­deckt. Behut­sam schiebe ich einen Zweig zur Seite und da ist es, das ein wenig unför­mig gera­tene Nest. Sie­ben grün­li­che Eier mit pur­pur­nen Fle­cken lie­gen in ihrer flau­schi­gen Mulde aus Woll­gras, Dau­nen­fe­dern und Tier­haar.
Tier­haar? Ich schaue genauer hin. Nein, dafür ist es zu fein, zu lang. Eine gelockte Strähne hat sich vom dor­nen­be­wehr­ten Pan­zer des Nes­tes gelöst, die hel­len Haare bewe­gen sich sacht im war­men Mai­wind. Men­schen­haar, durch­zuckt es mich. Schau­dernd lasse ich den Ast los, der mit einem Rascheln zurück­schnippt.
Plötz­lich ein raues Krei­schen dicht über mir. Das weiße Nacken­ge­fie­der des amsel­gro­ßen Vogels ist gesträubt, der Kopf nach vorn gestreckt, sein lan­ger Schwanz auf­ge­fä­chert wie bei einem Pfau. Vor Schreck mache ich eine unbe­dachte Bewe­gung, meine Füße ver­lie­ren den Halt auf dem umge­stürz­ten Bir­ken­stamm und ich rau­sche durch die Zweige der Schlehe. Dor­nen­spit­zen rit­zen meine Haut wie scharfe Nadeln, ver­ha­ken sich in mei­nem T‑Shirt und zer­ren an mei­nem Haar. Mit einem hei­se­ren Schrei lande ich auf dem Hosen­bo­den im Gras.

Der weiß-schwarze Vogel mit dem dunk­len Haken­schna­bel schep­pert und kreischt. So wütend kann Angst klin­gen. Für den Wür­ger bin ich ein Feind, der Vogel ver­tei­digt seine Brut und seine maka­bere Vor­rats­kam­mer.

Ich will ihn nicht stö­ren. Schnell rap­pele ich mich auf und schul­tere mei­nen klei­nen schwar­zen Ruck­sack. Mit has­ti­gen Schrit­ten laufe ich quer über die Wiese zum Wald­rand, tau­che in den blauen Schat­ten der Kie­fern. Mein Herz rast, doch der Auf­ruhr kommt nicht allein vom Schreck, den der Vogel mir mit sei­nem Geze­ter ein­ge­jagt hat.

Ich kenne jede Ecke, jeden Win­kel die­ses Wal­des, jeden Baum, jeden Stein und jede Kuhle, und ich bin ganz bestimmt kein Angst­hase – doch gegen die grau­en­volle Erin­ne­rung, die das gelockte Haar am Nest des Vogels in mir her­auf­be­schwört, bin ich macht­los. Sie fährt mir unter die Haut wie ein schar­fer Split­ter.
Unver­mit­telt ist alles wie­der da, frisch, schmerz­haft und beklem­mend. Vor fünf Jah­ren ver­schwand aus unse­rem Dorf ein elf­jäh­ri­ges Mäd­chen. Alina, ein blond­ge­lock­ter Engel – meine beste Freun­din. Ein Mann aus unse­rem Dorf hatte sie getö­tet, aber ihre sterb­li­chen Über­reste hatte man nie gefun­den.
Ich stol­pere über eine Wur­zel und unter­drü­cke einen Fluch. Als ich den Kopf ein­ziehe, um mich unter einem Kie­fern­ast hin­weg zu ducken, spüre ich plötz­lich die dunkle Schwere eines Bli­ckes in mei­nem Rücken. Die fei­nen Här­chen auf mei­nen Armen rich­ten sich auf. Wer sollte mich hier beob­ach­ten?
Ich fahre herum, mein Blick hetzt über das Dickicht von Bee­ren­sträu­chern, Bir­ken­ge­strüpp und Kie­fern­schöss­lin­gen. Meine Sinne sind ange­spannt, meine Atmung beschleu­nigt sich, Kälte steigt mir das Rück­grat hin­auf.

Da … ein lei­ses Rascheln hin­ter dem Gesträuch. Bin ich nicht allein? Schwach­sinn, sagt mein Ver­stand, doch mein Blick ver­sucht fie­ber­haft das wuchernde Grün zu durch­drin­gen. Ein Reh ver­mut­lich. Was sonst? Ich spüre das Pochen mei­nes Her­zens im gan­zen Kör­per.

»Hallo«, rufe ich. »Ist da wer?«

Meine Stimme klingt fremd und wack­lig. Ich stehe und lau­sche, bis mir die Ohren dröh­nen. Das Kna­cken bre­chen­der Zweige been­det die Stille und mein Mut schrumpft. Ich drehe mich um, gehe ein paar Schritte rück­wärts, dann laufe ich los. Ich achte nicht auf die Äste, die mir ins Gesicht peit­schen und nicht auf mei­nen Ruck­sack, der mir gegen den Rücken schlägt. Wie gehetz­tes Wild springe ich über Wur­zeln und am Boden lie­gende Äste, schlid­dere einen Gras­hang hin­un­ter und komme wie­der auf die Füße. Ich kann ziem­lich schnell und lange ren­nen, ohne aus der Puste zu kom­men, aber dies­mal keu­che ich wie eine alte Frau.

Das macht mich wütend. Ich bin die Her­rin des Wal­des, er ist mein Refu­gium – und ich habe mich von einem lächer­li­chen Kna­cken in die Flucht schla­gen las­sen, bloß wegen einer däm­li­chen Haar­strähne an einem Vogel­nest.

Lass es nicht zu, Jola, warnt die Stimme in mei­nem Kopf. Du hast keine Angst. Du kennst keine Angst. Lass nicht zu, dass sie Besitz von dir ergreift, sonst endest du wie deine Mut­ter. Angst ist eine Falle, Angst macht dich zum Opfer. Sie kann dich auf­fres­sen wie ein wil­des Tier und nichts als blei­che Kno­chen übrig­las­sen.
Doch meine Beine wer­den immer schnel­ler.

Ohne mich umzu­dre­hen oder aus­zu­ru­hen, lasse ich zwan­zig Minu­ten spä­ter die Schat­ten des Wal­des hin­ter mir und errei­che den Holz­stoß am Forst­weg. Mein Fahr­rad, das mich zurück ins Dorf brin­gen wird, lehnt an den sau­ber auf­ge­sta­pel­ten Stäm­men. Das Adre­na­lin tobt noch durch mei­nen Kör­per, ich habe Sei­ten­ste­chen – aber alles ist wie­der unter Kon­trolle. Als ich nach dem Len­ker greife, nehme ich im lin­ken Augen­win­kel eine schat­ten­hafte Bewe­gung wahr.
Ein dump­fer Schrei kommt aus mei­ner Kehle, ich reiße die Arme in die Höhe, stol­pere ein paar Schritte rück­wärts und setze mich zum zwei­ten Mal an die­sem Tag auf den Hosen­bo­den. Ein zer­zaus­ter schwar­zer Locken­kopf erscheint hin­ter dem Holz­stoß, ich bli­cke in Kais Grin­se­ge­sicht.

»Hey, was ist denn mit dir los?«, fragt er mit gespiel­ter Besorg­nis. »Du siehst aus, als hät­test du ein Eich­hörn­chen ver­schluckt.«

Meine Hände tas­ten über den Wald­bo­den und wer­den fün­dig. Ich bewerfe Kai mit Kie­fern­zap­fen und Rinde, schimpfe wie ein Rohr­spatz, habe end­lich jeman­den, an dem ich die Wut über meine Angst aus­las­sen kann.

»Idiot«, stoße ich her­vor, »du sollst dich nicht so anschlei­chen.«

Kai lacht. Sein war­mes, ver­trau­tes Kai-Lachen. Mit ein­ge­zo­ge­nem Kopf und film­rei­fer Abwehr-Pan­to­mime kommt er auf mich zu und reicht mir seine Hand. Ich greife danach und mühe­los zieht er mich hoch.

Kai trägt aus­ge­wa­schene graue Cargo-Shorts und sein gelieb­tes schwar­zes Party Hard-T-Shirt, das er sich in Ber­lin auf unse­rer Klas­sen­fahrt gekauft hat. Kai Har­tung und ich ken­nen uns, seit wir krab­beln kön­nen. Er war mein bes­ter Freund, bis in den Win­ter­fe­rien aus die­ser Freund­schaft mehr gewor­den ist.
»Hey, du blu­test.« Kai lässt mich los und schiebt mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger mei­nen Kopf zur Seite.

Ich fasse an meine rechte Wange, spüre, wie es brennt. »Ich habe ein Raub­wür­ger-Gelege ent­deckt, sie­ben grün­li­che Eier. Sie sehen aus wie gemalt, wun­der­schön. Dabei hab ich mir in der Schle­hen­he­cke wohl das Gesicht zer­kratzt.«

Kai betrach­tet mich mit einer Mischung aus mil­der Nach­sicht und Spott, aber sein Blick täuscht. Seit wir rich­tig zusam­men sind, geht ihm mein Fai­ble für den Wald und seine Bewoh­ner zuneh­mend auf die Ner­ven. Er fin­det Tiere nur mäßig auf­re­gend. Wie die meis­ten Jugend­li­chen, die auf dem Dorf auf­ge­wach­sen sind. Außer­dem will er mich nicht tei­len – nicht mal mit einem sel­te­nen Vogel.

In letz­ter Zeit läuft es für uns beide nicht mehr so gut. Genau­ge­nom­men seit drei Wochen, seit wir das erste Mal rich­tig mit­ein­an­der geschla­fen haben. Auf ein­mal habe ich das Gefühl, in einem Kokon gefan­gen zu sein, ein­ge­wi­ckelt in Erwar­tun­gen, die mir die Luft abschnü­ren. Doch in mei­nem Inne­ren summt es. Es bro­delt. Es bebt. Es war­tet.

Wor­auf? Ich weiß es nicht. Ich warte auf alles Mög­li­che. Dass etwas pas­siert mit mir. Dass das War­ten ein Ende hat.

***

ola ist der Wöl­fin und auch dem mys­te­riö­sen Jun­gen Olek immer wie­der begeg­net. Schließ­lich hat sie auf dem Trup­pen­übungs­platz die Höhle ent­deckt, in der er sich wohn­lich ein­ge­rich­tet hat. Olek ist krank, wei­gert sich aber, einen Arzt auf­zu­su­chen. Jola hilft ihm und ver­liebt sich in ihn.
In der fol­gen­den Szene kommt Jola in die Höhle zurück, um Olek Lebens­mit­tel und ein paar nütz­li­che Dinge zu brin­gen, vor allem aber, um ihn end­lich wie­der­zu­se­hen.

Als ich end­lich in Oleks Höhle stehe, ist sein Kran­ken­la­ger ver­waist. Die Nach­mit­tags­sonne scheint durch das Fens­ter­loch, sie erwärmt und erhellt den klei­nen Raum. Alles ist ordent­lich auf­ge­räumt und sieht irgend­wie ver­las­sen aus. Wie eine eiserne Klam­mer legt sich die Ent­täu­schung um mein Herz.
Hat Olek sich aus dem Staub gemacht? Sicher das Nahe­lie­gendste, wenn man etwas Schlim­mes getan hat. Wieso sollte er mir ver­trauen? Weil ich ihm das Leben geret­tet und ihm etwas zu essen gebracht habe? Was hast du dir bloß erhofft, Jola? Völ­lig erle­digt lasse ich mich auf Oleks Matratze sin­ken und befreie mich aus den Rie­men des Ruck­sa­ckes.
Ja, ver­dammt, er hätte mir ver­trauen müs­sen. Immer­hin weiß ich schon seit ein paar Wochen von sei­ner Exis­tenz, weiß, dass er der Dieb ist und habe ihn nicht ver­ra­ten. Wenn irgend­je­mand im Dorf her­aus­be­kommt, dass ich ihn decke und ihn auch noch mit Lebens­mit­teln ver­sorge, wird mein Ruf voll­kom­men rui­niert sein. Ich kann sie schon hören, die Alten. Nest­be­schmut­ze­rin. Räu­ber­braut. Pola­cken­lieb­chen.
Er ist weg, Jola.
Hat alles ste­hen und lie­gen gelas­sen und hat sich aus dem Staub gemacht. Offen­sicht­lich hat das Cefuro­xim schnell gewirkt. Im Grunde muss ich mich dar­über freuen. Aber wenn Olek weg ist, was wird dann aus mir?
Ich lege die Arme auf meine Knie, lasse den Kopf dar­auf sin­ken und fange an zu heu­len. Meine Schul­tern zucken, Schluch­zer kom­men tief aus mei­nem Inne­ren und Trä­nen strö­men über meine Unter­arme. Ich flenne, wie ich es seit Ali­nas Ver­schwin­den nicht mehr getan habe.
»Jola.«
Mein Kopf schnellt in die Höhe. Da steht er, nur zwei Meter von mir ent­fernt. Er trägt den Holz­bo­gen quer über der Brust, fünf oder sechs gefie­derte Pfei­len­den ragen aus dem Köcher auf sei­nem Rücken und er hält ein totes Kanin­chen an den Läu­fen. Ich schniefe und wische mir mit dem Hand­rü­cken über Augen und Nase. Bin völ­lig hin- und her­ge­ris­sen. Sprach­los.
Die eiserne Klam­mer fällt ab und mein Herz beginnt hef­ti­ger zu schla­gen. Ich bin nicht allein. Wenn ich die Prü­fun­gen ver­mas­sele, wenn Kai Schluss macht, wenn nie­mand im Dorf mehr mit mir spricht, dann kann ich immer zu mei­nem Wald­elf in die Höhle zie­hen und mit ihm hier leben.
»Du weinst.« Olek blickt bestürzt.
»Freu­den­trä­nen«, schniefe ich.
Er legt das Kanin­chen auf einem Holz­block neben sei­nem selbst­ge­bau­ten Herd ab und befreit sich vom Bogen und dem Rücken­kö­cher, die er beide an die dafür vor­ge­se­he­nen Haken in der Wand hängt. Er trägt Kais Party Hard-T-Shirt und zum ers­ten Mal muss ich wirk­lich über den däm­li­chen Spruch lachen.
Nach­dem der Tumult in mei­nem Her­zen sich ein wenig gelegt hat, finde ich auch die Worte wie­der. »Es ist nichts … ich dachte nur, du wärst … weg.«
Olek setzt sich mir gegen­über auf den nied­ri­gen Stein­tisch, sodass sich bei der kleins­ten Bewe­gung unsere Knie berüh­ren. Der Duft von Kie­fern­harz, Wald­bo­den und wil­der Minze geht von sei­nem Kör­per aus.
»Wo soll ich denn hin?«
Seine Frage trös­tet und beun­ru­higt mich glei­cher­ma­ßen.
»Nach Hause?«
»Das ist mein Zuhause.«
Okay.
»Danke für mein Leben, Jola«, sagt er leise.
Ich mur­mele ein ver­le­ge­nes: »War doch selbst­ver­ständ­lich.«
»Hast du … hast du jeman­dem erzählt von mir und die­ser Höhle?«
»Nein, Olek« Ich schüt­tele vehe­ment den Kopf. »Und das werde ich auch nicht.«
»Gut. Auch von der Wöl­fin darfst du nie­man­dem erzäh­len.«
»Mach ich nicht.«
»Ver­sprich es mir.«
»Ich schwör’s.«
»Gut.« Sein schie­fes Lächeln lässt mein Herz erneut schnel­ler schla­gen.
»Sie … sie hat Wel­pen, nicht wahr?«, stoße ich her­vor.
»Vier Stück.«
»Gibt es einen Rüden?«
»Nein.« Er schüt­telt den Kopf. »Sie ist …«, Olek scheint nach einem pas­sen­den Wort zu suchen. »Allein­er­zie­hend«, sagt er schließ­lich. »Ist Stress so allein mit den vier Klei­nen, des­halb ich helfe ein biss­chen.«
Oleks Deutsch ist gut. Ein paar Worte sind ver­dreht, aber ich ver­stehe ihn bes­tens.
»Du hilfst ihr ein biss­chen?« Ich deute auf den Bogen an der Fels­wand. »Damit?«
»Ja.«
»Was du da tust, Olek, wird nicht ewig unent­deckt blei­ben. Mein Vater, er ist …«
»Förs­ter, ich weiß.«
»Und Jäger«, sage ich. »Das Sperr­ge­biet ist sein Revier. Die Wöl­fin, sie hin­ter­lässt Spu­ren. Losung an den Weg­kreu­zen, Reste von Ris­sen, Tritt­sie­gel im Schlamm an der Wildsuhle.«
»Ja, aber ich besei­tige Spu­ren, halte sie mit Men­schen­ge­ruch fern. Es … funk­tio­niert.«
Men­schen­ge­ruch? »Des­we­gen hast du dort über­all hin­ge­pin­kelt.« Er hat tat­säch­lich sein Revier mar­kiert, damit die Wöl­fin fern­bleibt.
Olek zuckt mit den Ach­seln. »Du doch auch.«
Mir schießt das Blut ins Gesicht. Weiß Gott, wie oft ich dort in die Büsche gepin­kelt habe, in dem Glau­ben, allein zu sein mit Fuchs und Hase. Aber das ist nun auch egal.
»Olek«, sage ich, »du kannst nicht ver­hin­dern, dass die Leute aus dem Dorf irgend­wann spitz­krie­gen, dass sich in ihrer Nähe eine Wöl­fin nie­der­ge­las­sen hat. Und dann wird die Hölle los sein.«
»Die Hölle?«
»Na ja, es wird ziem­lich viel Wir­bel geben. Die Leute wer­den Angst haben, die Wöl­fin könnte sich an klei­nen Kin­dern ver­grei­fen und Stim­mung gegen sie machen.«
»Ist Schwach­sinn. Gro­ßen Schwach­sinn.«
»Gro­ßer Schwach­sinn«, ver­bes­sere ich ihn. »Es heißt: Gro­ßer Schwach­sinn.«
»Sie ist sehr scheu. Sie mag Men­schen­ge­ruch nicht.«
»Ja, aber die Leute haben Vor­ur­teile. Sie fürch­ten sich nun mal vor Wöl­fen.« Und mit Argu­men­ten ist gegen tief­sit­zende Ängste nichts aus­zu­rich­ten, mit die­ser Pro­ble­ma­tik kenne ich mich bes­tens aus.
Ich muss an die Schafe am Wald­rand den­ken. Leichte Beute, Häpp­chen auf dem Sil­ber­ta­blett. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Wöl­fin sich ein Schaf holt oder eine Gans.
Das Ver­nünf­tigste wäre, mit mei­nem Vater zu spre­chen. Aber ich will nicht, dass das Mär­chen von Olek und mir zu Ende ist, bevor es rich­tig ange­fan­gen hat. Außer­dem habe ich gerade einen Schwur geleis­tet.
»Wie geht es dei­ner Hand?«, frage ich ihn.
»Bes­ser.«
»Zeig mal her.«
Olek hält mir seine Rechte ent­ge­gen. Die Hand ist nicht mehr geschwol­len, die bei­den Biss­lö­cher in Zeige- und Mit­tel­fin­ger sind noch rot umran­det und ich schnup­pere daran.
»Sieht gut aus«, sage ich. »Nimm dich das nächste Mal vor dem Hof­hund in Acht.«
Ver­le­gen wen­det er den Blick ab.
»Du schleichst im Dorf herum und beklaust die Leute, Olek. Du bist ein Dieb. Du hast auch mich bestoh­len.«
Wort­los langt er in die Sei­ten­ta­sche sei­ner Shorts und reicht mir mein Opi­nel-Mes­ser. Ich schiebe seine Hand von mir weg.
»Behalte es, du kannst es mehr gebrau­chen als ich. Es geht dabei auch nicht um mich, Olek. Die Leute sind wütend, sie wer­den dir eine Falle stel­len und irgend­wann krie­gen sie dich.«
»Nie­mand kriegt mich.« Er steckt das Mes­ser wie­der ein.
Ich hole tief Luft und frage: »Wo kommst du eigent­lich her? Irgendwo muss doch deine Fami­lie sein.«
Die Ant­wort ist Schwei­gen.
»Du kommst aus Polen, nicht wahr?« Ich deute auf das Wör­ter­buch. »Warum ver­steckst du dich hier, Olek?«
Kopf­schüt­teln.
.»Du kannst mir ver­trauen, ich ver­rate dich nicht.«
Wie­der gequäl­tes Kopf­schüt­teln. Olek sieht aus, als ob er mir alles erzäh­len will und nicht kann. »Wenn ich es dir sage, dann …«
»Müss­test du mich töten, ich weiß.«
Er grinst. Ich habe ihn tat­säch­lich zum Lachen gebracht, mei­nen geheim­nis­vol­len Höh­len­be­woh­ner. Ein Blick auf meine Arm­band­uhr sagt mir, dass ich mich auf den Rück­weg machen muss. Ich stehe auf.
»Du willst schon gehen?«
Mein Magen zieht sich zusam­men. Olek ist ein­sam. Am liebs­ten möchte ich ihn in die Arme neh­men, ihm sagen, dass er nun nicht mehr allein ist. Dass ich ja jetzt da bin, dass alles gut wird, dass …
»Du musst auf­pas­sen, Jola.«
»Auf­pas­sen?«
»Auf dich auf­pas­sen. Hier im Wald … ist nicht gut, dass du immer allein unter­wegs bist. Ich ver­su­che … ich …«
»Du passt auf mich auf?«
Er nickt.
In Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass erneut ein Mäd­chen ver­schwun­den ist, und mei­nem seit Wochen anhal­ten­den Gefühl, dass der Wald Augen hat, bin ich unheim­lich froh über Oleks Geständ­nis.

 Lesungen, Porträts und Interviews:

  1. Folge 1: Verena Zeltner – »299 Tage«
  2. Folge 2: Wulf Kirsten – »Nachtfahrt«
  3. Folge 3: Ralf Eggers – »Geständnis«
  4. Folge 4: Kathrin Groß-Striffler - »Mein Haus«
  5. Folge 5: »Michael Knoche – Große Kleinigkeiten. Der Dichter Wolfgang Haak«
  6. Folge 6: Ulrike Gramann – »Die Sumpfschwimmerin«
  7. Folge 7: Anke Engelmann – »Der Zaun«
  8. Folge 8: Jens-Fietje Dwars – »Audienz am Dienstag«
  9. Folge 9: Harald Gerlach – »Windstimmen«
  10. Folge 10: »Aus Gegensätzen Funken schlagen. Der Verleger, Ausstellungsmacher und Historiker Jens Henkel«
  11. Rainer Hohberg – »Schloss. Träume. Hummelshain«
  12. Folge 12: Wolfgang Held – »Die Stunde der Führungsroller«
  13. Folge 13: Antje Babendererde – Lesung aus »Isegrimm«
  14. Folge 14: Roland Bärwinkel –»Mein See«
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