Auf den Spuren des Dichters Otto Ludwig in Eisfeld
4 : Der dicke Herr

Person

Otto Ludwig

Ort

Eisfeld

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Heiko Haine

Thüringer Literaturrat e.V.

Es war der beste und größte Kram­la­den in Eis­feld. Und kei­ner konnte unan­ge­mel­det zu ihm kom­men, denn jedes Mal, wenn man die Tür auf­stieß, klin­gelte es und zit­terte durch das ganze Haus. Und gleich dar­auf erschien irgend­ein Ange­stell­ter oder die Wirt­schaf­te­rin, die Hein­lein, von der man nicht wusste, ob sie nach Küm­mel oder nach Vanil­le­schnaps roch. Oder der dicke Herr erschien höchst selbst in eige­ner Per­son, elfen­bei­nerne Ber­lo­cken und Eber­zähne an der gol­de­nen Uhr­kette über den Bauch.
Eine Reihe von Jah­ren war auf das Klin­geln ein merk­wür­di­ges Indi­vi­duum hin­ter dem Laden­tisch her­vor­ge­kom­men. Das Wesen schaute aus wie ein Jüng­ling, mit einer grü­nen Schürze vor den Bei­nen, lin­kisch in sei­nen Bewe­gun­gen. Es summte eine Melo­die in sich hin­ein, die es eben nebenan für sich kom­po­niert hatte und sah den Käu­fer oder die Käu­fe­rin ganz ver­träumt und ver­dutzt an, als hätte es fra­gen wol­len: ›Was wün­schen Sie: Ein Pfund Beet­ho­ven, eine Elle Schu­bert oder für 21/2 Neu­gro­schen Shake­speare?‹ Und dann kam es vor, dass das ver­träumte Wesen Man­deln statt Lin­sen oder Anis­sa­men statt Schnupf­ta­bak zuwog und einen gedörr­ten Stock­fisch statt eines Cobur­ger Bro­tes in den Korb legte. Bis der dicke Herr kam, ihn neckte: ›Was bist du nun? Otto Lud­wig oder Lud­wig Otto?‹ und ihn schmun­zelnd vom Laden­tisch zur Musik zurückjagte.

In jenem Arbeits­zim­mer gewahrte man einen Tisch, einige gepols­terte Stühle, ein altes Sofa, einen Spie­gel und einen Flü­gel. Das Zim­mer mußte in den Win­ter­mo­na­ten min­des­tens auf 18 Grad R. durch­ge­wärmt sein. Sobald er sein Arbeits­zim­mer betrat, zog er seine weit hin­auf­rei­chen­den Trod­delso­cken und sei­nen unan­sehn­li­chen Schlaf­rock an. Waren dann die ers­ten Wölck­chen sei­ner lan­gen Tabaks­pfeife ent­stie­gen, so schritt er neu­be­lebt und unter häu­fi­gem Schüt­teln mit dem Kopfe stun­den­lang sin­nend im Zim­mer auf und ab. Wollte er schrei­ben, so strich er die über die Schläfe her­ab­fal­len­den rei­chen Haare zurück, knüpfte sich einen Bind­fa­den um Stirn und Hin­ter­kopf, legte sich Papier zurecht und schrieb ohne Unter­bre­chung ganze Bogen­sei­ten voll… Abends von 8–11 trieb er Eng­lisch oder ver­tiefte sich in die Werke Shake­speares und Goe­thes. Dann konnte er stun­den­lang laut­los sit­zen, ohne zu mer­ken, daß der Ofen kalt­ge­wor­den war und sei­ner Tabaks­pfeife kein Wölk­chen mehr entstieg.

 Auf den Spuren des Dichters Otto Ludwig in Eisfeld:

  1. Der Mann auf dem Sockel
  2. Der Eisfelder Marktplatz
  3. Das Eisfelder Rathaus
  4. Der dicke Herr
  5. Das Geburtshaus
  6. Zwischen Himmel und Erde
  7. Die alte Bastei
  8. Der Schützenhof zu Eisfeld
  9. Der Garten - »Jedes Blättchen ist mir wie ein Bruder«
  10. Die Dichtergedenkstätte
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