Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal
5 : »Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg

Person

Karl Emil Franzos

Orte

Schwarzburg

Hotel »Weißer Hirsch« Schwarzburg

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Karl Emil Franzos

Aus Anhalt und Thüringen, Rütten & Loening, Berlin 1903.

Er war ganz men­schen­leer; nur der junge Sta­ti­ons­chef mit roter Mütze, dem man sofort den ehe­ma­li­gen Offi­zier ansah, ging hän­de­rei­bend auf und nie­der, denn für einen August­tag war’s recht emp­find­lich kühl. Das Züg­lein glitt wei­ter, der Beamte wollte in sei­nem Büro ver­schwin­den, da fragte ich ihn, ob es hier keine Omni­busse gebe. »Frei­lich«, erwi­derte er, »aber wo ste­cken die Ker­rels? Die sind in die­sem soje­nann­ten Som­mer Jäste jar nich mehr jewohnt! … He, Wirt­schaft!« Und dar­auf erschie­nen wie auf einen Zau­ber­ruf zwei Kut­scher in trie­fen­den Män­teln, der eine lang und dünn, der andere kurz und dick, und erho­ben bei mei­nem Anblick ein betäu­ben­des Gebrülle. »Thü­rin­ger Hof!« schrie der Dicke, »Wei­ßer Hirsch!« der Dünne. Dem über­gab ich mei­nen Kof­fer und fragte, ob ein Zim­mer mit der Aus­sicht auf die Hirsch­wiese frei sei. Er bejahte, und die Kon­kur­renz bestä­tigte lie­bens­wür­dig: »Fünf­zig sol­che Zim­mer kön­nen Sie dort haben, aber Hir­sche – hehe!« Es war ein wahr­haft dia­bo­li­sches Lachen, das aber der »Weiße Hirsch« durch eine ver­nich­tende Äuße­rung über die Kost des »Thü­rin­ger Hofs« in ein Wut­ge­heul ver­wan­delte, wor­auf wir als Sie­ger abfuh­ren.

Es ist ein lan­ger Weg, denn der Bahn­hof liegt hoch oben auf einer Berg­halde, das Hotel aber auf dem Schloß­berg, und so führt die Straße in Win­dun­gen hin­un­ter und dann wie­der empor. Da rechts und links nichts zu sehen war als die nas­sen Schutz­de­cken des Omni­bus, so knüpfte ich ein Gespräch mit dem Kut­scher an. Ob die Sai­son gut sei? Sehr gut, ver­si­cherte er, obwohl dies­mal die Stamm­gäste fast ganz fehl­ten, »denn die Leip­z’ger haben noch mit deme Krach z’schaffen und die Hol­län­der tun alles Geld dene Buren geben. Aber wir sind ja ’s feinste Haus in Thü­rin­gen, da darf’s nim­mer voll sein. Ja, wenn wir jeden neh­men täten wie der ›Thü­rin­ger Hof‹ – die neh­men sogar Eng­län­der!« – »Ihr nicht?« – »Wenn sie kom­men täten«, erwi­derte er stolz, »wür­den wir sie abwei­sen tun, aber der ›Weiße Hirsch‹ is für die Buren, das weiß die ganze Welt, seit die Köni­gin Wil­hel­mina hier war, und da fra­gen sie nich erst an!« Dann erzählte er von dem Auf­ent­halt der jun­gen Fürs­tin; die Wahr­heit zu sagen, hatte ihm nicht so sehr ihr Trink­geld als ihr Wuchs impo­niert: »Rundere Mädel­chen gibt’s nich mal in Rudol­stadt!« Ich fragte, warum der »Thü­rin­ger Hof« die Hir­sche ange­zwei­felt habe, sie stün­den sogar im Baede­ker. Er zuckte die Ach­seln. »So ’n Volk! Dem ist nichts hei­lig, auch der Bädéker (Par­oxy­to­non) nich.« Aber wäh­rend er so los­legte, ver­stummte er plötz­lich, hielt die Pferde an und zog den Hut: uns über­holte eben ein rei­ten­des Paar, der Fürst und die Fürs­tin von Schwarz­burg-Rudol­stadt. Da sie auf Schloß Schwarz­burg hau­sen, so bin ich ihnen seit­her fast täg­lich begeg­net; er ein statt­li­cher, freund­li­cher Herr, immer in der­sel­ben Uni­form, sie eine schlanke Dame, immer im sel­ben Reit­kleid. Man kann sich ein schlich­te­res Auf­tre­ten kaum den­ken.

 Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal:

  1. Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof
  2. »Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm
  3. »Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach
  4. »Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg
  5. »Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg
  6. Im »Weißen Hirsch« zu Schwarzburg
  7. Ein Gesetzesentwurf für die Thüringer Gastronomie
  8. Schloss Schwarzburg
  9. Das Zeughaus
  10. Ausflug zum Trippstein
  11. Von der Fasanerie ins Schwarzatal
  12. Von Schwarzburg nach Blankenburg
  13. Am »Schweizerhaus«
  14. Blankenburg
  15. Der Greifenstein
  16. Der erste Kindergarten der Welt
  17. Im Werretal
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