Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal
3 : »Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach

Person

Karl Emil Franzos

Orte

Stadtilm

Rottenbach

Bad Blankenburg

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Karl Emil Franzos

Aus Anhalt und Thüringen, Rütten & Loening, Berlin 1903.

In Stadt­ilm bekam ich einen weit net­te­ren Rei­se­kum­pan. Gleich wie er ein­stieg, gefiel mir der ange­graute Herr mit dem freund­li­chen Aus­druck und den kla­ren, wohl­wol­lend und doch for­schend bli­cken­den Augen aus­neh­mend gut. Kein Wun­der, er erin­nerte mich an den mir teu­ers­ten Men­schen, mei­nen Vater, nicht im Schnitt der Züge, aber in ihrem Aus­druck und die­sem Blick der Augen. Das muß ein Arzt sein, dachte ich, ein Land­arzt, wie mein Vater war, und sprach ihn kurz­weg »Herr Dok­tor« an. Da er zudem mei­nen Namen kannte, so gab das bis Ober­rot­ten­bach, wohin er zu einer jun­gen Mut­ter fuhr, eine ver­gnügte Plau­de­rei zwi­schen zwei alten Kna­ben, denen das Leben die Freude an Welt und Men­schen nicht hat ver­gäl­len kön­nen. Auf jeden Fels und Baum am Wege, der ihm gefiel, machte er mich auf­merk­sam und erzählte von den Grä­ber­fun­den am Sin­ger Berg, als die Bahn gebaut wurde: Trink­ge­fäße und Frau­en­tand; »die Männ­lein und Weib­lein waren nicht viel anders als heute«. Dann fragte er mich nach mei­nem Ziel und als ich’s nannte, beru­higte er mich zunächst mit der­sel­ben Bestimmt­heit wie der Herr Gerichts­voll­zie­her, daß es im »Wei­ßen Hirsch« ganz gewiß Platz gebe, und fragte dann tie­fernst, ob im deut­schen Volke plötz­lich die Bücher­kauf­wut aus­ge­bro­chen sei. Als ich erwi­derte, daß der­zeit noch kei­ner­lei Anzei­chen einer so bedenk­li­chen Wand­lung des Volks­cha­rak­ters vor­lä­gen, riet er mir, anders­wo­hin zu gehen, und nannte gleich ein paar Orte, die frei­lich nicht an der Bahn lagen. »Da sit­zen Sie mit­ten im Volk«, meinte er, »der ›Weiße Hirsch‹ taugt bes­ser für hol­län­di­sche Köni­gin­nen und dito Ban­kiers.« Zum Schluß erzählte er von der jun­gen, rei­chen Bau­ers­frau, zu der er fahre. »Sie hat ja alles getan, sich und das Kind gesund zu erhal­ten. Eine Schwan­gere darf kein Was­ser schöp­fen, über kein Beet stei­gen, keine schad­hafte Tanne anse­hen, weil sonst das Kind eine Hasen­scharte bekommt, keine Lei­che anse­hen, weil es sonst blaß bleibt; das hat die Hanne ver­mie­den. Auch hat sie bis heute all­nächt­lich Licht gebrannt, weil die Kobolde ihr sonst einen Wech­sel­balg unter­ge­scho­ben hät­ten; und weil der Rot­ten­bach nah ihrem Haus vor­bei­fließt, so hat sie sich hin­ge­schleppt, sobald sie konnte, hat ein Pfennig‑, ein Fünf­pfen­nig- und ein Zehn­pfen­nig­stück hin­ein­ge­wor­fen und dazu gesagt: ›Da hast du das Deine, laß mir das Meine‹, das stimmt näm­lich den bösen Was­ser­mann sanft. Auch ist das Kind am Don­ners­tag zur Welt gekom­men, nicht etwa am Frei­tag, sonst hätte es kein Glück, auch nicht am Sonn­abend, sonst müßte es von den Juden Geld lei­hen; wäre es gar am Drei­fal­tig­keits­tag gebo­ren, so müßte es am Gal­gen ster­ben. Selbst­ver­ständ­lich hat sie auch den Säug­ling nie in den Kel­ler tra­gen las­sen, sonst käme er ins Zucht­haus, sich ihn nie durchs Fens­ter rei­chen las­sen, sonst bliebe er klein, und damit er einst fein singe, hat er ein Ler­chenei ver­schlu­cken müs­sen. Bei sol­cher Für­sorge für sich und das Kind begreift sie gar nicht, warum sie seit acht Tagen so elend ist und auch ihre Milch nichts taugt. Und da unbe­greif­li­cher­weise das Bespre­chen, eine Lat­werge und sogar ein Ader­laß nichts genützt hat, so hat sie mich vor­ges­tern end­lich holen las­sen. Dia­gnose: gründ­lich ver­dor­be­ner Magen infolge unmensch­li­chen Über­fres­sens bei der Taufe. Natür­lich glaubt sie mir nicht, hat aber hof­fent­lich meine Medi­zin genom­men; gewiß weiß man das nie.« – »Es ist noch viel Aber­glau­ben hier?« – »Wo nicht im Volke? Aber dane­ben viel Liebe und Hun­ger, viel Poe­sie, Sagen und Lie­der, daß die Berge wider­hal­len. ›Thu­rin­gia can­tat!‹ Und darum: ins Volk, lie­ber Herr!« Das wie­der­holte er, als wir auf dem Bahn­steig in Ober­rot­ten­bach schie­den. Denn unser Züg­lein dampfte nun nach Blan­ken­burg wei­ter, ich aber bestieg ein ande­res, noch zier­li­che­res, das hier ins Schwarz­a­tal abzweigt.

 Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal:

  1. Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof
  2. »Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm
  3. »Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach
  4. »Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg
  5. »Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg
  6. Im »Weißen Hirsch« zu Schwarzburg
  7. Ein Gesetzesentwurf für die Thüringer Gastronomie
  8. Schloss Schwarzburg
  9. Das Zeughaus
  10. Ausflug zum Trippstein
  11. Von der Fasanerie ins Schwarzatal
  12. Von Schwarzburg nach Blankenburg
  13. Am »Schweizerhaus«
  14. Blankenburg
  15. Der Greifenstein
  16. Der erste Kindergarten der Welt
  17. Im Werretal
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/karl-emil-franzos-im-schwarzatal/hasenscharten-kobolde-und-wassermaenner-von-stadtilm-nach-oberrottenbach/]