Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal
1 : Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof

Person

Karl Emil Franzos

Orte

Arnstadt

Erfurt

Oberhof

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Karl Emil Franzos

Aus Anhalt und Thüringen, Rütten & Loening, Berlin 1903.

Grund­los habe ich übri­gens nicht auf Ober­hof ver­zich­tet. Zwei Tage vor mei­ner Abreise aus Erfurt war ich Zeuge der Ver­zweif­lung zweier Men­schen­see­len, denen sämt­li­che Ober­ho­fer Gast­wirte auf ihre tele­gra­phi­sche Anfrage geant­wor­tet hat­ten: »Alles besetzt.« Es waren Mut­ter und Toch­ter, die eine so fett und die andere so mager, als stamm­ten sie aus Pha­raos Traum; übri­gens war die Toch­ter schon lange ein jun­ges Mäd­chen. Ein sehr ver­hei­ra­te­ter Mann in mei­nen Jah­ren erwirbt sich leicht das Ver­trauen alter Damen; so hatte mir die Mut­ter gestan­den, daß sie um der Toch­ter wil­len nach Ober­hof wolle, weil sie gehört habe, daß sich dort »leicht etwas knüpfe«. Ich begriff ihre Ver­zweif­lung über die Absage und riet ihr dann, nach Fried­rich­roda zu gehen, denn, dachte ich, in die­sem Falle kann sich nur noch durch ein Wun­der Got­tes etwas knüp­fen, und will er dies, so kann er’s in Fried­rich­roda ebenso machen wie in Ober­hof. Sie folgte die­sem Rate; nun aber machte ich mich ans Tele­gra­phie­ren. Zwei Ant­wor­ten lau­te­ten ableh­nend, die dritte aber: »Pro­vi­so­ri­sches Zim­mer reser­viert.« Das war ein mir neuer Ter­mi­nus, ich wollt es ver­su­chen und nahm meine Karte nach Ober­hof.

Sicher­lich wäre ich auch hin­ge­langt, wenn die Sonne geschie­nen hätte. Ist’s drau­ßen hübsch, so guckt man eben zum Fens­ter hin­aus und denkt nicht nach. Aber nun begann es zu reg­nen, kaum daß der Zug bei Neu­die­ten­dorf in die Berge lenkte. Da kam mir der Gedanke, daß der Begriff des pro­vi­so­ri­schen Zim­mers doch eigent­lich auch ohne Erfah­rung zu ergrün­den sei: ein Zim­mer, in dem man kei­nem Men­schen zumu­ten kann, län­ger als eine Nacht zu blei­ben – und ich blät­terte im Baede­ker nach einer ande­ren Som­mer­fri­sche. Dabei fiel mir Schwarz­burg in die Augen: »Wei­ßer Hirsch, mit präch­ti­ger Aus­sicht auf Wald und Wiese, wo all­abend­lich ein 70 bis 80 Stück zäh­len­des Rudel von Hir­schen zur Tränke im Schwarzabach erscheint« – und ich griff nach dem Kurs­buch; in Arn­stadt mußte ich aus­stei­gen. Aber halt – wenn es da nicht ein­mal ein »pro­vi­so­ri­sches« Zim­mer gab? Ich sah mir meine Fahrt­ge­nos­sen an; mir gegen­über saß ein altes, rund­li­ches Ehe­paar aus Ber­lin, das immerzu lachte; das sah mir wohl­ge­nährt und spieß­bür­ger­lich genug aus, in Thü­rin­ger Som­mer­fri­schen genau Bescheid zu wis­sen.

Aber sie wußten’s nicht; »wir gehen ja zu Fuß nach Kis­sin­gen!« sag­ten sie und lach­ten hell auf. Ein Witz also, aber was steckte dahin­ter? »Zu Fuß nach Kis­sin­gen«, wie­der­hol­ten sie, und erst, nach­dem sie sich Trä­nen über die Backen gelacht hat­ten, kam die Auf­klä­rung: sie hat­ten bei einem Herrn Fuß in Kis­sin­gen Zim­mer gemie­tet. In einer Ecke saß ein düs­ter drein­schau­en­der Herr mit einer Akten­mappe; er lachte nicht, sagte aber her­ab­las­send: »Die­ses ist ein guter Witz!« und fragte auch, was ich zu wis­sen wünschte. »Der ›Weiße Hirsch‹ ist nicht voll!« ver­si­cherte er dann. Woher er dies wisse? »Die­ses weiß jeder­mann.« Diese Bestimmt­heit des Aus­drucks und die unge­meine Würde fiel mir auf; das war kein Rich­ter oder Rechts­an­walt, son­dern viel­leicht sogar ein Gerichts­voll­zie­her. Und dem war auch so.

 Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal:

  1. Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof
  2. »Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm
  3. »Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach
  4. »Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg
  5. »Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg
  6. Im »Weißen Hirsch« zu Schwarzburg
  7. Ein Gesetzesentwurf für die Thüringer Gastronomie
  8. Schloss Schwarzburg
  9. Das Zeughaus
  10. Ausflug zum Trippstein
  11. Von der Fasanerie ins Schwarzatal
  12. Von Schwarzburg nach Blankenburg
  13. Am »Schweizerhaus«
  14. Blankenburg
  15. Der Greifenstein
  16. Der erste Kindergarten der Welt
  17. Im Werretal
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