Ingeborg Stein – »Leere Fülle«

Ort

Bad Köstritz

Thema

Dichters Wort an Dichters Ort

Autor

Ingeborg Stein

»Dichters Wort an Dichters Ort« / Thüringer Literaturrat e.V.

Ein Erin­ne­rungs­blatt zum Hein­rich Schütz-Haus Bad Kös­tritz im Jahr 1985

 

Etwa zehn Tage, bevor die Eröff­nung des Hau­ses zum 400. Geburts­tag von Hein­rich Schütz mit gro­ßem Auf­wand staat­li­cher Dele­ga­tio­nen statt­fin­den soll, erreicht mich die Nach­richt: Kurt Hager  ist unter­wegs, er will das Schütz­haus besich­ti­gen, gleich wird er da sein…  Der Chef­ideo­loge der SED, der in Kös­tritz ein Gäs­te­haus unter­hält, will sehen, wie weit wir sind mit unse­ren Vor­be­rei­tun­gen für das große Ereig­nis, in sei­nem Wahl­be­zirk!! Da hilft nur eines: Ner­ven behal­ten!

Im Haus gibt es noch nichts, was sich zei­gen ließe – keine Vitri­nen, keine Aus­stel­lungs­stü­cke – ein prak­tisch lee­res Haus, voll nur von Hand­wer­kern, Künst­lern, Arbei­tern im Stress.

Und da ist er auch schon da, der Herr Chef­ideo­loge, in Beglei­tung eini­ger Her­ren, die sich dezent zurück­hal­ten.

»Statt des Bau­l­är­mes müs­sen Sie sich in zwei Wochen hier im Foyer Musik von Hein­rich Schütz vor­stel­len«, beginne ich meine Infor­ma­tion. »Und hier steht eine große Büste von Hein­rich Schütz, geschaf­fen von der Jenaer Bild­haue­rin Gabriele Rei­ne­mer«, sage ich und weise auf eine, noch leere Natur­stein­mauer. Links, hier  im Musik­saal, hof­fen wir auf die Exper­ten Alter Musik, aber sicher auch Besu­cher, die selbst musi­zie­ren wol­len.  Am Kopf­ende steht dann ein Cem­balo aus einer der tra­di­ti­ons­rei­chen Eisen­ber­ger Werk­stät­ten. Eigent­lich sollte es in den Wes­ten gelie­fert wer­den, die Kol­le­gen haben aber vor, uns zu bevor­zu­gen«. Diese Bemer­kung konnte ich mir als kleine Spitze gegen­über dem Gast nicht ver­knei­fen…

Um in die obere Etage zu gelan­gen, muss der Gast (da gerade die zwei unters­ten Stu­fen erneu­ert wer­den) über einen Stuhl zu den fol­gen­den Trep­pen­stu­fen stei­gen. Eine schwie­rige, sicher lange nicht geübte sport­li­che Leis­tung  für den alten Herrn, doch er schafft es.  Beim Trep­pen­auf­gang stütze ich ihn, denn noch fehlt das Gelän­der, und ich erkläre, dass hier im Auf­gang schöne Kup­fer­sti­che von Mat­thäus Merian zu Lebens­sta­tio­nen von Hein­rich Schütz zu sehen sein wer­den.

Links beginnt der Rund­gang durch den Aus­stel­lungs­trakt in Raum 1 zu Schütz’ Kind­heit und Jugend. Ich tue, als sei es das Selbst­ver­ständ­lichste der Welt, wenn ich ihm, den in ima­gi­nä­ren Denk­mus­tern befan­ge­nen Ideo­lo­gen jetzt lau­ter Dinge erzähle, die er sich vor­stel­len muss, statt sie zu sehen ( schließ­lich übt er diese Prak­ti­ken in sei­nem Amt ja täg­lich, denke ich etwas scha­den­froh!).

»In der Mitte des Rau­mes müs­sen Sie sich den Nach­bau eines Musi­zier­ti­sches vor­stel­len, wie er im häus­li­chen Kreis damals üblich war, darum eben­falls nach­ge­baute Drei­bein-Hocker mit Leder­pols­tern grup­piert. Wir wer­den die Räume so gestal­ten, dass im Zen­trum immer ein Expo­nat bestim­mend ist, auf das sich die erklin­gende Musik bezieht, die bei Betre­ten des Rau­mes von der Füh­rungs­kraft aus­ge­löst wird, aber auch von der Ton­zen­trale ein­ge­spielt wer­den kann. Also hier, wo die Kind­heit und Jugend von Schütz das Thema sind, hören Sie in Ste­reo­über­tra­gung Instru­men­tal­mu­sik des 16./ 17. Jahr­hun­derts und gesel­lige Lie­der. Ein »gebun­de­nes Cla­vichord« mit einem zeit­ty­pi­schen Deckel­ge­mälde (ein Nach­bau ist in Arbeit), wurde bei sol­chem Musi­zie­ren auch gern gebraucht. Die Jenaer Male­rin Ger­linde Böh­nisch- Metz­ma­cher, erlaubt sich – wie sie mir schon ver­ra­ten hat – damit einen Scherz, indem sie das his­to­ri­sche Vor­bild mit eini­gen Phy­sio­gno­mien von in Jena in der Kunst­szene gut bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten anzu­rei­chern gedenkt.

In den Vitri­nen wer­den Sie dann schöne Fak­si­mi­le­dru­cke von Büchern und Noten bewun­dern kön­nen, die zum Aus­bil­dungs­pro­gramm in Schütz’ Jugend gehör­ten.«

Ich erspare ihm und mir die Auf­zäh­lung der vie­len bedeu­ten­den Gelehr­ten, die am Hofe Moritz’ von Hes­sen, des »Gelehr­ten«, ein- und aus­gin­gen und mit denen Schütz als Schü­ler des Mau­ri­tian­ums und spä­te­rer Stu­dent der Rechts­wis­sen­schaf­ten in Mar­burg in Kon­takt kam, teils auch mit ihnen befreun­det oder auch ver­wandt war. Blind­bände von ihrer Gebrauchs­li­te­ra­tur wer­den davon reich­lich aus­lie­gen.

Lie­ber locke ich Herrn Hager zur nächs­ten kah­len Wand, um zu berich­ten, dass dort das Münz­we­sen der Schütz-Zeit sei­nen Platz haben wird, in Dublet­ten gear­bei­tet von dem her­vor­ra­gen­den Münz­sach­ver­stän­di­gen in Gera, Peter Bro­za­tus. Auch die zeit­ge­nös­si­schen Gemälde und Por­träts von Schütz, die gleich anschlie­ßend fol­gen, wer­den hin­sicht­lich ihrer Authen­ti­zi­tät  hin­ter­fragt.

Ich spüre, wie Kurt Hager, zunächst sehr irri­tiert, dass noch nichts, aber auch gar nichts von alle­dem zu sehen ist, was ich ihm so bild­haft erzähle, zuneh­mend inter­es­siert mei­nen Wor­ten folgt.

So fahre ich, jetzt voll in mei­nem Ele­ment, fort: » Jetzt ver­set­zen Sie sich bitte in Gedan­ken mit mir nach Vene­dig um 1610. Hier lernte der junge Schütz in der Haupt­kir­che von San Marco das präch­tige Musi­zie­ren von meh­re­ren Empo­ren aus ken­nen, wie es Andrea und Gio­vanni Gabrieli in ihren Wer­ken als Novi­tät ihren stau­nen­den Zeit­ge­nos­sen und Gäs­ten aus ganz Europa vor­führ­ten. Des­halb haben wir, außer wie­der schö­nen Fak­si­mile-Dru­cken, in die­sem Raum viele Instru­mente in einer gro­ßen Vitrine zusam­men­ge­stellt« (keine Vitrine, keine Instru­mente zu sehen, doch Hager nickt ver­ständ­nis­voll). »Und wenn die Maler hier ihr Werk voll­endet haben, wer­den unsere Besu­cher in jedem der Räume von einer ande­ren Grund­farbe ent­spre­chend der Far­ben­sym­bo­lik des 17. Jahr­hun­derts emp­fan­gen, die unter­schwel­lig die Vor­stel­lungs­kraft sti­mu­liert. Hier im Raum Ita­lien zum Bei­spiel von einem leuch­ten­den Son­nen­gold­gelb. Und dann ist unmit­tel­bar unter­halb der Decke noch eine Beson­der­heit geplant: Umlau­fend durch den gan­zen Raum und fort­ge­führt auch im nächs­ten, der dem Hof­ka­pell­meis­ter Hein­rich Schütz gewid­met ist, wer­den von Wei­ma­rer Künst­lern kopierte Fest- und Trau­er­auf­züge ihren Platz fin­den, wie sie in Ita­lien, nach­ge­ahmt auch am  Dresd­ner Hof, üblich waren. Auf meter­lan­gen, so genann­ten »Roll­bil­dern« dar­ge­stellt, geben sie einen Ein­druck von der dama­li­gen Zeit – ihrem Stän­de­we­sen, den Fes­ten und Ver­gnü­gun­gen, den Spie­len, der Mode, dem gan­zen dama­li­gen Welt­wis­sen und ‑ver­ständ­nis.

Und damit sind wir auch schon in Dres­den, wo Schütz 57 Jahre lang als Ober­hof­ka­pell­meis­ter wirkte. Die Mitte des Rau­mes wird ein Modell der Dresd­ner Schloss­kir­che ein­neh­men, Schüt­zens täg­li­cher Arbeits­ort. Damit unsere Besu­cher eine Vor­stel­lung von dem unge­mein präch­ti­gen Klang mehr­chö­ri­gen Musi­zie­rens bekom­men, wird als der Höhe­punkt unse­rer Prä­sen­ta­tion in einer qua­dro­pho­nen Auf­nahme aus Schütz’ »Psal­men Davids: Dan­ket dem Her­ren, denn er ist freund­lich«  erklin­gen.«, aus­ge­löst von einer Füh­rungs­kraft, die wir dann hof­fent­lich haben.

Ich ver­hehle gegen­über Kurt Hager nicht mei­nen Stolz, dass wir es sind, die diese Auf­nahme  zustande brin­gen – immer­hin ist es die erste ihrer Art in der DDR. Dass die Appa­ra­tur vom »Wes­ten« beschafft wurde, ver­schweige ich lie­ber.

»Auch an die­sem Modell wird wie­der die eigene Akti­vi­tät unse­rer künf­ti­gen Besu­cher ange­fragt sein, denn hier kön­nen sie selbst die Licht­si­gnale aus­lö­sen, die anzei­gen, ob sie die erklin­gende Musik in rich­ti­ger Weise den Musi­zier­grup­pen zuge­ord­net haben, die in  his­to­ri­scher Auf­stel­lung auf den Empo­ren zu sehen sein wer­den.«

Der Bau­lärm, die lee­ren Räume um uns herum schei­nen ver­ges­sen, ich habe den Ein­druck, unser Gast ver­sucht wirk­lich, meine Schil­de­rung im Geist für sich umzu­set­zen.

Ich biete meine ganze Fan­ta­sie und Rede­kunst auf, die Situa­tion so zu gestal­ten, dass der alte Poli­ti­ker eine Ahnung davon bekommt, dass wir hier in Kös­tritz ver­su­chen, Neu­land im Muse­ums­we­sen der DDR zu betre­ten. Ich erin­nere, dass Musik gemein­hin immer  nur »Bei­gabe« bei Prä­sen­ta­tio­nen ist. Nach unse­rer Kon­zep­tion wird sie das, alles wei­tere Gesche­hen und Zei­gen aus­lö­sende Haupt­ele­ment sein. So hof­fen wir, dass auch unsere bewusst schlicht gehal­tene Aus­stat­tung mit Nach­bau­ten, Model­len, Fak­si­mi­les, kon­zen­triert auf das ein­zig wesent­li­che Ori­gi­nal – die Musik – nicht als Not­lö­sung wegen feh­len­der Aus­stel­lungs­sub­stanz emp­fun­den wird, son­dern als Bekennt­nis zu etwas Neuem, das sich  moder­ner Dar­stel­lungs­mit­tel bedient.

»Para­dig­ma­tisch für unser Bemü­hen wird der Aus­stel­lungs­trakt Schütz und das Den­ken sei­ner Zeit sein«, fahre ich mit mei­nen Erläu­te­run­gen fort. »Im Zen­trum die­ses Rau­mes wird der Nach­bau eines Modells des »Mys­te­rium cosmo­gra­phi­cum« ste­hen, wie es Johan­nes Kep­ler in sei­ner Erst­lings­schrift (1609) dar­ge­stellt hatte, um das Welt­all als ein in sich krei­sen­des har­mo­ni­sches Gan­zes vor­stell­bar zu machen. Akus­tisch wird der Besu­cher der Aus­stel­lung zunächst von einem dif­fu­sen Rau­schen emp­fan­gen, das in  geheim­nis­vol­les Tönen über­geht und sich nach und nach zu einem Ton bün­delt, der in das groß­ar­tige Schütz­werk ›Die Him­mel erzäh­len die Ehre Got­tes› (SWV 386) hin­über­führt.

Diese Ton­pro­duk­tion las­sen wir gerade von zwei Kom­po­nis­ten der Musik­hoch­schule Wei­mar in Zusam­men­ar­beit mit dem Rund­funk her­stel­len.«

Die zwei letz­ten Räume, ebenso leer wie alle ande­ren – eine Kom­po­nis­ten­stube als Groß­vi­trine und Schütz-Rezep­tion im Wan­del der Zei­ten –  erspare ich Kurt Hager und mir.

Die zwei feh­len­den Stu­fen sind an der Treppe inzwi­schen ein­ge­setzt. So kann der Gast unbe­scha­det sei­nen Weg fort­set­zen. Ob ihn das Erlebte etwas zum Nach­den­ken gebracht hat?

Nie wie­der in mei­nem Leben habe ich eine der­art kom­plette sur­rea­lis­ti­sche Füh­rung durch leere Räume vor wei­ßen Wän­den gemacht wie an die­sem Tag! Noch heute frap­piert mich, dass sie aus­ge­rech­net für den Chef-Ideo­lo­gen der DDR geschah…

(aus den Erin­ne­run­gen von Dr. Inge­borg Stein, Grün­dungs­di­rek­to­rin der »For­schungs – und Gedenk­stätte »Hein­rich Schütz Haus«)

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