Henning Kreitel – »im stadtgehege«

Ort

Weimar

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Frank Simon-Ritz

Erstdruck in: Thüringer Allgemeine / Thüringische Landeszeitung, 7.5.2020. / Alle Rechte beim Autor. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Gele­sen von Frank Simon-Ritz

Im Gehege der Großstadt

 

Es sind zum Teil ziem­lich gelun­gene Groß­stadt-Gedichte mit sehr eige­nen Wahr­neh­mun­gen und sehr eige­ner sprach­li­cher Fas­sung, die der junge Autor Hen­ning Krei­tel in sei­nem Gedicht­band »im stadt­ge­hege« vor­ge­legt hat. Schon der Titel steht für die Ambi­va­lenz der Beob­ach­tun­gen Krei­tels. Die Stadt, die für Krei­tel unver­kenn­bar die Groß­stadt Ber­lin ist, steht auf der einen Seite für Undurch­dring­lich­keit, Grell­heit, Bedro­hung. Das Gehege hin­ge­gen ist der Ort beson­de­rer Für­sorge und Pflege, im über­tra­ge­nen Sinne kann das für die Fami­lie, den Freun­des­kreis oder auch den Kiez gel­ten. Bedro­hung und Gebor­gen­heit ste­hen ein­an­der also gegen­über bzw. sie ste­hen im Grunde unmit­tel­bar neben­ein­an­der und der »Groß­städ­ter« wech­selt unauf­hör­lich von der einen in die andere Zone.

Sehr schön wird dies in die­sem klei­nen Capric­cio aus der Rush Hour deut­lich: »haupt­schlag­ader der stadt / bevor­ste­hen­der infarkt / erlahm­tes lich­ter­meer / in neon­weiß und rot / strah­ler­paare zwin­kern grell / wüten im rück­spie­gel / drän­geln­des still­ste­hen­müs­sen / inmit­ten der gleichrangigkeit«.

Die Gedichte haben typi­sche Groß­stadt­er­fah­run­gen und Gemüts­zu­stände zum Gegen­stand. Den Autor inter­es­sie­ren vor allem die Bewoh­ner des »stadt­ge­he­ges«, die zwi­schen Indi­vi­dua­li­sie­rung und Ver­ge­mein­schaf­tung hin und her pen­deln. Unter ihnen ist der »indi­vi­dua­li­täts­wett­streit« in vol­lem Gange, sie ver­su­chen sich mit »alu­fo­li­en­helm« und »frett­chen an der leine« gegen­sei­tig zu überbieten.

llus­triert hat der Dich­ter, der zugleich Foto­graf und Bild­künst­ler ist, sei­nen Gedicht­band mit einer Serie von in einem beson­de­ren Ver­fah­ren her­ge­stell­ten Foto­gra­fien, sog. Cya­no­ty­pien, wel­che die abge­bil­de­ten Ber­li­ner Park­an­la­gen in einem beson­de­ren Blau­ton erschei­nen las­sen. Das Entree des Bänd­chens bil­det ein Vor­wort des an der Wei­ma­rer Bau­haus-Uni­ver­si­tät leh­ren­den Stadt­so­zio­lo­gen Frank Eckardt, der die Gedichte Krei­tels in den Kon­text sei­ner eige­nen For­schun­gen zu Ver­än­de­run­gen von urba­nen Räu­men stellt.

 

  • Hen­ning Krei­tel, im stadt­ge­hege. Gedichte, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Halle (Saale) 2019, ISBN 9783963113123, 110 S., 12 €.
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