Gespräche am Abgrund: Lou von Salomé fesselt Nietzsche
4 : Die Nietzsche-Bank: Zwei Teufel am Abgrund

Personen

Friedrich Nietzsche

Lou Andreas-Salomé

Ort

Tautenburg

Thema

Thüringen als Sommerfrische

Autor

Jens-Fietje Dwars

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Von der Kir­che gehen wir einen stei­len Hang empor zum Wald­rand, dort hat der Tauten­burger Hei­mat­ver­ein eine »Nietz­sche­bank« errich­tet. Nietz­sche selbst hat hier wohl kaum geses­sen. Wozu auch? Er hätte die Aus­sicht nicht genie­ßen kön­nen, denn er war extrem kurz­sich­tig und litt des­halb an Kopf­schmer­zen, die sich regel­mä­ßig zur Migräne ver­stärk­ten.

Mit Lou ging er viel­mehr in ent­le­gene Wald­re­gio­nen, auch um sie unge­stört in seine tiefs­ten Zwei­fel ein­wei­hen zu kön­nen. An Paul Rée schrieb sie, es sei son­der­bar, dass er jetzt täg­lich bis zu zehn Stun­den mit ihr spre­chen könne, ohne von Schmerz unter­bro­chen zu wer­den. Sie wür­den dabei an Abgründe gera­ten und wenn jemand sie belau­schen würde, müsse er den­ken, »zwei Teu­fel unter­hiel­ten sich«.

Nietz­sche teilt der Stu­den­tin mit, was seine »Fröh­li­che Wis­sen­schaft« ver­kün­det: dass Gott tot ist und wir seine Mör­der sind. Durch die Auf­klä­rung erklärt der Mensch die Welt aus sich selbst her­aus – »Gott« wird über­flüs­sig, die Annahme, er habe den Men­schen und die Erde ins Zen­trum der Welt gestellt gar als Unwahr­heit erkannt. Damit aber »rollt der Mensch ins x«, wird zum bedeu­tungs­lo­sen Staub­korn in einem gleich­gül­ti­gen Uni­ver­sum. Auch die Sozial­ordnung wird hin­fäl­lig: es gibt kein gott­ge­woll­tes Oben und Unten mehr. Sinn­lo­sig­keit, Nihi­lis­mus ist das Pro­dukt eines 2000jährigen Glau­bens, einer Erzie­hung zur Wahr­heit, die sich jede Lüge ver­bie­tet, also am Ende auch die Lüge »Gott«.

Das Tier han­delt in den Gren­zen sei­ner Instinkte, aber der Mensch hat sich über die Natur erho­ben, er kennt keine Instinkte mehr, d.h. auch kei­nen Halt mehr in sich selbst. Er ist das halt­lose, das maß­lose, das nicht fest­stell­bare Tier, das alle Gren­zen über­win­det – im Guten wie im Bösen. Der Mensch selbst ist ein Abgrund, ein zu allem fähi­ges Wesen. Und des­halb »etwas, das über­wun­den wer­den will« – durch den »Über­men­schen«.

Über all dies wer­den sie gespro­chen haben, auch über Nietz­sches »tiefs­ten Gedan­ken«, der ihn seit Sils Maria umtreibt: den der ewi­gen Wie­der­kehr des Immer­glei­chen. Wäh­rend es »mensch­lich all­zu­mensch­lich« sei, dass der Mensch sich stän­dig eine Ände­rung der Welt und sei­ner selbst erwünscht und erhofft, dass er dafür zu einem »Gott« betet, for­dert Nietz­sche zu einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment auf. Wenn die Zeit unend­lich und die Kombinationsmöglich­keiten der Mate­rie end­lich sind, dann muss sich irgend­wann die genau glei­che Situa­tion wie­der­ho­len und das bis in alle Ewig­keit. Für den Men­schen, der sich den Fort­schritt, die Ver­än­de­rung zum Guten erhofft, ein uner­träg­li­cher Gedanke. Und für Nietz­sche eben des­halb der Prüf­stein, ob jemand zum »Über­men­schen« taugt: Ob er jasa­gen kann zu eben die­ser ewi­gen Wie­der­kehr.

Das ist Nietz­sches Fas­sung des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs: Handle so, dass du es ertra­gen kannst, so und nicht anders zu han­deln, bis in alle Ewig­keit. Denn Frei­heit ist nicht, zu tun, was immer man will, son­dern zu wol­len, was immer man tut. Und so schreibt er Lou, sie möge sich zuletzt noch von ihrer Eman­zi­pa­tion eman­zi­pie­ren. Denn man ist nicht frei von etwas, nicht in der Ableh­nung und Oppo­si­tion gegen andere, son­dern wahr­haft frei nur für etwas: als Schöp­fer und Befreier einer unver­kenn­bar eige­nen, durch sich selbst begrün­de­ten Lebens­art.

 Gespräche am Abgrund: Lou von Salomé fesselt Nietzsche:

  1. Das einstige Pfarrhaus (Am Schlossberg 30)
  2. Das Nietzschehaus (Lindenstr. 50)
  3. Neue Kirche. Gott ist tot
  4. Die Nietzsche-Bank: Zwei Teufel am Abgrund
  5. Ehemalige Dorfschenke – Ausgang der Tragikomödie
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