Eugen Kogon – »Der SS-Staat«

Ort

Gedenkstätte Buchenwald

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Wilfried F. Schoeller

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Der Augen­zeuge von Buchen­wald

Von Wil­fried F. Schoel­ler

 

Kaum war das Dritte Reich zu Ende, da setzte bereits eine über­mäch­tige Sehn­sucht ein, es zu ver­ges­sen. Wohl der erste, der in Deutsch­land die­ser Ver­tu­schung mit einem wirk­mäch­ti­gen Buch wider­sprach, war Eugen Kogon. Bereits 1946 ver­öf­fent­lichte er seine Schrift über den „SS-Staat“, das Zeug­nis eines Man­nes, der selbst sie­ben Jahre lang im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger geses­sen hatte. Her­aus­ra­gend war die Leis­tung, wie einer sich vom Opfer zum sou­ve­rä­nen Gewährs­mann wan­delte. Er konnte sich mit sei­nem Vor­satz, ohne Beschö­ni­gung oder Ver­schwei­gen über „das ganze Sys­tem“ zu berich­ten, auf nichts mehr stüt­zen als auf sei­nen Wil­len zur Objek­ti­vi­tät, seine schwar­zen Erfah­run­gen sowie auf rund 150 Erleb­nis­be­richte und ein­zelne Akten.

Eugen Kogon, 1903 gebo­ren, stammte aus einem streng katho­li­schen öster­rei­chi­schen Eltern­haus. Als die Deut­schen 1938 in Öster­reich ein­mar­schier­ten, nahm man ihn in Dau­er­haft und ver­schleppte ihn im Sep­tem­ber 1939 nach Buchen­wald. Er gewann seine Kennt­nisse und seine Über­sicht vor­wie­gend als Schrei­ber, zuletzt für einen Lager­arzt.

Im Gefolge der ame­ri­ka­ni­schen Pan­zer traf in Buchen­wald ein Team der Pscho­lo­gi­cal War­fare Divi­sion ein. Für sie schrieb Kogon einen aus­führ­li­chen Bericht, den er dann zum Buch umar­bei­tete und erheb­lich erwei­terte. Ein Wun­der bleibt, wie die­ser Häft­ling sein Zeug­nis mit der Prä­ge­kraft der zeit­ge­schicht­li­chen Ana­lyse zu ver­bin­den wusste.

Anhal­tende Bestür­zung geht von der Schil­de­rung aus, wie sich „die Armee der Kahl­ge­scho­re­nen“, der Häft­linge aller Art, unter dem extre­men Druck ver­hal­ten hat. Alle mög­li­chen anti­fa­schis­ti­schen Legen­den haben die Kämpfe und Posi­ti­ons­feh­den unter den Opfern ver­ne­belt. Dage­gen Kogon: „Das Ganze hin­ter den eiser­nen Git­ter­stan­gen einer ter­ro­ris­ti­schen Dis­zi­plin ein Dschun­gel der Ver­wil­de­rung, in den von außen hin­ein­ge­schos­sen, aus dem zum Erhän­gen her­aus­ge­holt, in dem ver­gif­tet, ver­gast, erschla­gen, zu Tode gequält, um Leben, Ein­fluß und Macht intri­giert, um mate­ri­elle Bes­ser­stel­lung gekämpft, geschwin­delt und betro­gen wurde, neue Klas­sen und Schich­ten sich bil­de­ten. Pro­mi­nente, Par­ve­nüs und Parias inner­halb der Rei­hen der Skla­ven, wo die Bewusst­seins­in­halte sich wan­del­ten, die sitt­li­chen Wert­maß­stäbe bis zum Erbre­chen sich bogen, Orgien began­gen und Mes­sen gefei­ert, Treue gehal­ten, Liebe erwie­sen und Haß gegei­fert, kurzum die tra­go­e­dia humana in abson­der­lichs­ter Weise exem­pli­fi­ziert wurde.“

Es ist gefragt wor­den, ob Kogon sein Buch aus grö­ße­rem zeit­li­chem Abstand hätte schrei­ben sol­len, aber es gibt dage­gen einen Ein­wand: Er hätte die Ver­wil­de­rung in den eige­nen Rei­hen gewiß nicht mehr geschil­dert. Er hat der Pro­pa­ganda von der heroi­schen, ein­heit­li­chen Wider­stands­be­we­gung im Lager wider­spro­chen, bevor sie sich aus Grün­den der Staats­rä­son in der DDR rich­tig eta­blie­ren konnte. Zwi­schen der SS und den Funk­ti­ons­häft­lin­gen habe es eine „elas­ti­sche Tren­nungs­wand“ gege­ben.

Er hielt es für aus­ge­schlos­sen, dass man aus den Erfah­run­gen im Lager eine Anlei­tung für poli­ti­sches Han­deln im Nach­kriegs­deutsch­land gewin­nen könne. Kogon zeich­nete das Bild einer mono­li­thi­schen SS-Ordens, der „von Stufe zu Stufe geplant, jedes Teil­ziel mit uner­bitt­li­cher, nor­male Vor­stel­lun­gen ganz und gar spren­gen­der Härte ange­strebt“ habe. Die­ser fest­ge­fügte Block ohne indi­vi­du­elle Abwei­chun­gen sei der Kern des NS-Macht­ap­pa­rats, das KZ  das „Hohl­mo­dell“ des SS-Staa­tes gewe­sen. Diese These ist inzwi­schen kaum mehr halt­bar. Indem Kogon behaup­tete, dass die Orga­ni­sa­tion „psy­cho­lo­gisch über­haupt kein Rät­sel“ biete, fand er für man­ches kei­nen Schlüs­sel. Wie kamen Ord­nungs­fa­na­tis­mus und Will­kür­ter­ror über­ein? Wie kam der indus­tri­ell durch­ge­plante Mas­sen­mord zustande, wenn nur Kre­tins am Werk waren? Wie ist die Per­fek­tion der Unmensch­lich­keit mög­lich, diese eisige Leis­tung des berech­nen­den Kal­küls, wenn sie aus­schließ­lich von halb­ge­zähm­ten Trieb­tä­tern voll­bracht wurde? Man musste bis 1993 war­ten, um in Wolf­gang Sof­skys Buch „Die Ord­nung desTer­rors“ eine schlüs­sige Ant­wort zu fin­den.

Mit dem Wunsch nach Selbst­er­kennt­nis der Deut­schen, „damit das ent­stellte, das ver­zerrte Ant­litz wie­der Gleich­maß gewinne“, endet Kogons Buch, das wie kaum ein ande­res in den 50er und 60er Jah­ren dazu bei­getra­gen hat, was in ihm gefor­dert war: die Ver­ge­gen­wär­ti­gung der jüngs­ten und damals doch so ent­le­ge­nen Ver­gan­gen­heit.

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