Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel (* 9. Juli 1933 in München; † 12. März 2018 in Trier)

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Nachrufe & Gedenken

Autor

Christoph Schmitz-Scholemann

Thüringer Literaturrat e.V.

Von Chris­toph Schmitz-Schole­mann

 

1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt

 

DAS Min­zwölk­chen
weht über die Mauer
auf dem Weg zum Omni­bus.

Hans Arn­frid Astel
Sand am Meer, 6/2007

 

Ken­nen­ge­lernt habe ich Arn­frid Astel im Omni­bus auf der Fahrt von Groß­koch­berg nach Rudol­stadt wäh­rend der P.E.N.-Tagung Anfang Mai 2012. Die schlanke Erschei­nung, die gepflegte Non­cha­lance sei­ner Klei­dung, die fröh­lich in die Stirn fal­len­den blon­den Haare, der Aus­druck brü­der­li­cher Gesprächs­be­reit­schaft in Mimik und Ges­tik – das alles war mir schon bei vor­aus­ge­hen­den Tagun­gen auf­ge­fal­len, ohne dass sich ein Kon­takt erge­ben hätte. Arn­frid Astel war für mich vor allem ein gro­ßer Name, regel­recht ein Begriff, und zwar aus mei­ner Jugend in der Acht­und­sech­zi­g­erzeit und noch lange danach. Man­che sei­ner Lie­bes­ge­dichte kannte man aus­wen­dig, beson­ders eines:

 

KURZES LIEBESGEDICHT

Weißt du noch,
wie wir auf dem Tep­pich geblie­ben sind?

 

Hoch im Kurs stan­den natür­lich auch die poli­tisch schar­fen, glas­kla­ren Kurz­ge­dichte, unver­brämte, anti­ro­man­ti­sche, sach­li­che, par­tei­ische und doch immer mit einem über­ra­schen­den gedank­li­chen Dreh aus­ge­stat­tete Lyrik.

 

TELEFONÜBERWACHUNG

Der »Ver­fas­sungs­schutz«
über­wacht meine Gesprä­che.
Mit eige­nen Ohren hört er:
Ich miß­traue einem Staat,
der mich bespit­zelt.
Das kommt ihm ver­däch­tig vor.

 

Jeden­falls war die Luft frisch und wür­zig, wäh­rend wir vom Schloss zum Bus gin­gen und schließ­lich neben­ein­an­der zu sit­zen kamen. Von der schö­nen Berg- und Tal­land­schaft um uns her war auf­grund fort­ge­schrit­te­ner Abend-Dun­kel­heit nicht viel zu sehen, und Arn­frid Astel begann mich aus­zu­fra­gen, bevor ich Zeit hatte, mei­ner Ver­le­gen­heit Raum zu geben. Wir plau­der­ten mun­ter bis Rudol­stadt und danach noch wei­ter in einer Bier­kneipe. Hier ist eini­ges von dem, was ich bei die­ser und dann vie­len wei­te­ren Gele­gen­hei­ten über ihn erfuhr:

 

2. Recht der Arbeit

Bei Begeg­nun­gen mit Schrift­stel­lern pas­siert es mir nicht oft,  dass sie sich mit mir in Gesprä­che über mei­nen Beruf als Arbeits­rich­ter ver­wi­ckeln las­sen. Das war bei Arn­frid anders und es hatte fol­gende Bewandt­nis damit: Nach sei­nem Stu­dium der Bio­lo­gie und der Lite­ra­tur in Hei­del­berg und ein paar klei­ne­ren Umwe­gen wurde Astel 1967/68 Lite­ra­tur­re­dak­teur beim Saar­län­di­schen Rund­funk. Diese „Anstalt“ war in jenen Tagen so fest in den Hän­den der – damals noch stramm kon­ser­va­ti­ven – CDU, dass man sich schon wun­dern muss, wie es kom­men konnte, dass einer wie Arn­frid Astel über­haupt ein­ge­stellt wurde. Und es dau­erte auch gar nicht lange, bis der Inten­dant des Saar­län­di­schen Rund­funks, ein gewis­ser Dr. Franz Mai,  das Gefühl bekam, der Sen­der habe sich eine „linke Bazille“ ein­ge­fan­gen. Gleich zwei­mal, im Juni und im Dezem­ber 1971, kün­digte er dem Redak­teur Astel frist­los: Er habe der Presse ein inter­nes Schrei­ben des Inten­dan­ten zuge­spielt, ohne Neben­tä­tig­keits­ge­neh­mi­gung in einem Gefäng­nis Gedichte vor­ge­le­sen, sich auf einer CDU-Wahl­ver­samm­lung unpas­send ver­hal­ten und oben­drein noch ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Gedicht mit dem Titel Auto-Mobil-Machung ver­öf­fent­licht.

 

AUTO-MOBIL-MACHUNG

Nur Last­wa­gen sol­len vor­erst ein­ge­zo­gen wer­den
bei der Mobil­ma­chungs­übung 1972,
drei­hun­dert bis fünf­hun­dert pri­vate Kraft­fahr­zeuge.
Nimmt sich da die gele­gent­li­che Ent­eig­nung
eines BMW-Per­so­nen­kraft­wa­gens
durch die Baa­der-Mein­hof-Gruppe
nicht ver­gleichs­weise harm­los aus?
Wer ist nun also »Staats­feind Nr. 1«,
Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Schmidt
oder Ulrike Mein­hof (bzw. Andreas Baa­der)?

 

Der Pro­zess, den Arn­frid Astel gegen die Kün­di­gun­gen anstrengte, ging durch alle drei Instan­zen und fand ein gro­ßes Echo in der deut­schen Presse. Astel wurde berühmt. Und er obsiegte: Am 7. Dezem­ber 1972 erklärte das damals noch in Kas­sel sit­zende Bun­des­ar­beits­ge­richt (Akten­zei­chen: 2 AZR 235/72) die Kün­di­gun­gen für unwirk­sam. Das Urteil kann man getrost als Mei­len­stein auf dem Weg zu einer grund­rechts­ba­sier­ten Pra­xis der Arbeits­be­zie­hun­gen bezeich­nen. End­lich war es „amt­lich“, dass Arbeit­neh­mer nicht mehr, wie man das lange nannte, ihr Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit an den Werks­to­ren abzu­ge­ben hat­ten. Astel, der zugleich mit der Über­gabe der ers­ten Kün­di­gung vom Schreib­tisch weg durch zwei Anstalts-Mit­ar­bei­ter per­sön­lich zum Park­platz eskor­tiert wor­den war, kehrte als­bald nach Urteils­ver­kün­dung in das schön auf einem Berg ober­halb von Saar­brü­cken gele­gene Funk­haus zurück, ein modern umbau­tes und umge­bau­tes klas­si­zis­ti­sches Schloss. Dort setzte er sich, wie er mir erzählte, unan­ge­mel­det in eine gerade lau­fende Redak­ti­ons­kon­fe­renz. Astels Ver­trauen in den Rechts­staat erfuhr durch den Pro­zess­aus­gang eine so maß­geb­li­che Stär­kung, dass er bald selbst auf der Rich­ter­bank Platz nahm: Als ehren­amt­li­cher Rich­ter am Arbeits­ge­richt Saar­brü­cken.

 

3. Naturtrüb

Als Redak­teur blieb er  beim Saar­län­di­schen Rund­funk in Amt und Wür­den bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung im Jahr 1998. Im Funk­haus genoss er,  viel­leicht, weil sich kein Vor­ge­setz­ter mehr an ihm die Fin­ger ver­bren­nen wollte, alle denk­ba­ren Frei­hei­ten. Davon pro­fi­tierte eine ganze Genera­tion von Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern, denen er in sei­nem Pro­gramm – wie soll man sagen? – Unter­schlupf, Zuflucht, Bühne bot. Bis heute berühmt ist die von ihm ent­wi­ckelte beson­dere Art der Prä­sen­ta­tion in der Sen­de­reihe „Lite­ra­tur im Gespräch“. Astel, stets ohne schrift­li­ches Kon­zept antre­tend, ließ darin die lite­ra­ri­schen Grö­ßen von Hein­rich Böll,  Hans Magnus Enzens­ber­ger, Wulf Kirs­ten bis Wil­helm Gen­azino zu Wort kom­men. Mit Span­nung ver­folgt der Hörer, wie sie mit Astel reden, zögern, ja manch­mal sogar, für das Radio eigent­lich eine Kata­stro­phe, sich hör­bar schwei­gend mit ihm unter­hal­ten. Die Sen­dun­gen wur­den, wie man hörte, unge­schnit­ten aus­ge­strahlt, „natur­trüb“ wie frisch gepress­ter Apfel­saft.

 

4. Thüringen I

Astels arbeits­recht­li­che Erfah­run­gen waren für mich natür­lich von pro­fes­sio­nel­lem Inter­esse – es gibt nicht viele Men­schen,  die nach einem gewon­ne­nen Kün­di­gungs­schutz­pro­zess tat­säch­lich an ihren alten Arbeits­platz zurück­keh­ren, die meis­ten las­sen sich abfin­den. Mich brachte das Omni­bus-Gespräch auf die Idee, Astel  zu uns nach Hause ein­zu­la­den und zu bit­ten, nicht nur aus sei­nen Gedich­ten zu lesen, son­dern auch seine Pro­zess-Geschichte vor einem Kreis lite­ra­ri­scher und juris­ti­scher Freunde zu erzäh­len. Das geschah dann auch bald. Die Ein­la­dungs­karte ver­sa­hen wir mit einem der ganz kur­zen Astel-Gedichte, über die man so schreck­lich schön lange nach­den­ken kann:

Die Amsel fliegt auf.
Der Zweig winkt ihr nach.

Es wurde ein inten­si­ver Abend Anfang Dezem­ber 2012 in unse­rer Wei­ma­rer Woh­nung, der auch vie­len mei­ner Freunde bis heute im Gedächt­nis ist. Zumal sich zwei Gäste ein­fan­den, die mit Arn­frid Astel schon seit einem hal­ben Jahr­hun­dert in Kon­takt waren: Die Lyri­ker Wulf Kirs­ten aus Wei­mar und Sieg­fried Schröp­fer aus Erfurt. Astel hatte noch wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Hei­del­berg eine lite­ra­ri­sche Zeit­schrift gegrün­det, die in der Geschichte der deut­schen Nach­kriegs­dich­tung über­aus ein­fluss­rei­chen „Lyri­schen Hefte“. In ihnen ver­öf­fent­lichte er hoch­ran­gige moderne Lyrik. Viele deutsch­spra­chige Dich­te­rin­nen und Dich­ter, die spä­ter berühmt wur­den, fan­den sich hier zum ers­ten Mal gewür­digt und vor allem gedruckt. Einer von ihnen war Men­del Moreno, der seine Texte aus dem ande­ren, von der Bun­des­re­pu­blik mit feind­se­li­gen Mau­ern und Sta­chel­dräh­ten getrenn­ten Teil Deutsch­lands an Arn­frid Astel geschickt hatte. Der Name „Men­del Moreno“ war ein Pseud­onym. Dahin­ter ver­barg sich kein Gerin­ge­rer als der Anfang der 60er Jahre noch weit­hin unbe­kannte säch­si­sche Lyri­ker Wulf Kirs­ten, der heute in Wei­mar lebt. An dem Abend bei uns zu Hause gab er auch preis, dass Astel an einem sei­ner Gedichte ein klei­nes biß­chen mit­ge­schrie­ben habe. Der andere Dich­ter war Sieg­fried Schröp­fer aus Erfurt, den Arn­frid mit augen­zwin­kern­der Beharr­lich­keit „Land­fried“ nannte. Auch seine Gedichte machte Astel in den Lyri­schen Hef­ten dem west­li­chen Publi­kum zugäng­lich.

Am nächs­ten Abend gin­gen meine Frau und ich mit Astel durch Wei­mar spa­zie­ren. Es war eine helle, sehr milde Voll­mond­nacht. Wir streif­ten durch den Park an der Ilm, plau­der­ten im Mond­schat­ten unter­halb des Römi­schen Hau­ses, ober­halb der Ilm­wie­sen, die hier den schö­nen Namen „Kalte Küche“ tra­gen, ganz nah an der klei­nen künst­li­chen Quelle, an der auf einer Tafel das berühmte Goe­the-Gedicht ange­bracht ist:

 

Die ihr Fel­sen und Bäume bewohnt, o heil­same Nym­phen,
Gebet jeg­li­chem gern, was er im Stil­len begehrt!
Schaf­fet dem Trau­ri­gen Trost, dem Zwei­fel­haf­ten Beleh­rung,
Und dem Lie­ben­den gönnt, dass ihm begegne sein Glück.
Denn euch gaben die Göt­ter, was sie den Men­schen ver­sag­ten:
Jeg­li­chem, der euch ver­traut, tröst­lich und hül­f­reich zu sein.

 

Astel erzählte viel an dem Abend, vor allem von sei­ner Kind­heit in Wei­mar und von dem Tag, an dem diese Kind­heit ihr jähes Ende fand, im Früh­jahr 1945, als sein Vater sich das Leben nahm.

 

5. Tagungen

In der Zeit von 2012 bis 2017 habe ich Arn­frid Astel bei allen P.E.N.-Tagungen gese­hen, wir haben uns des öfte­ren in Saar­brü­cken und Trier und in der Eifel getrof­fen. Ich erin­nere mich an ein gemein­sa­mes Früh­stück in Mar­burg, bei dem er mich auf die in der Tat über­ra­schend bun­ten Licht­re­flexe auf­merk­sam machte, die sich durch den schrä­gen Ein­fall der Früh­sonne auf dem stau­bi­gen Fens­ter­glas des zur Straße gele­ge­nen Früh­stücks­rau­mes zeig­ten. Ich erin­nere mich an diverse Steine, die er bei Grup­pen-Spa­zier­gän­gen (stets am Ende der Kara­wane) von der Erde auf­hob und auf deren Beson­der­hei­ten er mich hin­wies. Er hatte dafür immer einen Fach­be­griff parat. In Mar­burg ent­wi­chen wir auf Arn­frids Ver­an­las­sung einer orga­ni­sier­ten Stadt­füh­rung wegen des auf­dring­lich-wit­zi­gen Ton­falls der Füh­re­rin und besuch­ten auf eigene Faust das Schloss, wo er mir eine bestimmte Art der Her­stel­lung von bun­ten Vasen erklärte. Er kannte auch den dafür gül­ti­gen Fach­be­griff. Und ich erin­nere mich an ein sehr lan­ges Gespräch in Mag­de­burg. Wir gin­gen am Ufer der in der Sonne blin­ken­den Elbe spa­zie­ren, spra­chen über fami­liäre Ange­le­gen­hei­ten bei­der­seits, auch über Schat­ten, die sich über Lebens­wege legen – Astels ältes­ter Sohn Hans hatte sich 1985 das Leben genom­men; seit­dem trug der Vater auch den Namen sei­nes Soh­nes  und nannte sich Hans Arn­frid Astel. Und doch kamen dann Sätze, die sich mir ein­präg­ten: „Bei all dem bin ich, so wie ich heute lebe, ein glück­li­cher Mensch, so son­der­bar das klingt, ich lebe sehr glück­lich.“ Am 1. Novem­ber letz­ten Jah­res bekam ich eine Mail mit Bild, auf dem Arn­frid zwi­schen Wein­ber­gen in der Sonne stand und nach über­stan­de­nem Zahn­arzt­ter­min lächelte. „Inzwi­schen unter­neh­men wir schon wie­der wun­der­bar herbst­li­che Spa­zier­gänge in den Wein­ber­gen an Saar und Mosel.“

 

6. Thüringen II

Von 2013 bis 2017 ver­band uns eine Zusam­men­ar­beit, die sich auch aus der Tat­sa­che ergab, dass Arn­frid Astel zwar in Mün­chen gebo­ren, aber mit sei­ner Fami­lie schon im Jahr sei­ner Geburt nach Wei­mar gekom­men war und hier bis 1945 gelebt hatte. Wulf Kirs­ten ent­deckte 2014, als Arn­frids Eltern­haus in Wei­mar reno­viert wurde, ein Fens­ter­blech, in das die Astel­kin­der in den 30er/40er Jah­ren – nicht unbe­dingt zitier­fä­hige – Worte ein­ge­ritzt hat­ten, die man noch ent­zif­fern konnte. Auch in Astels Gedich­ten fin­den sich zahl­rei­che Spu­ren sei­ner Wei­ma­rer Kind­heit, nicht nur sol­che, die sich auf die stark natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Prä­gung des Vaters bezie­hen. Man gebe auf sei­ner Web­seite „Sand am Meer“ nur das Stich­wort „Wei­mar“ ein, und man fin­det elf Tref­fer, wei­tere zu Erfurt, Arn­stadt, Jena – und das sind nur die der algo­rith­misch begrenz­ten Intel­li­genz der Such­ma­schine zugäng­li­chen expli­zi­ten Erwäh­nun­gen.

 

OSTKONTAKTE

Als mein Freund kürz­lich
wie­der nach Wei­mar fuhr,
bat ich ihn,
mir den Baum zu foto­gra­fie­ren,
auf dem wir als Kin­der
Bur­gen gebaut hat­ten.
Er brachte mir
eine Foto­gra­fie mit,
dar­auf waren Kin­der zu sehen,
die auf unse­rem Baum
eine Burg bau­ten.

 

Dies Gedicht schrieb Astel in den 60er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Es wurde am 13. Juni 2015 mit einem Kom­men­tar aus mei­ner Feder in der größ­ten Thü­rin­ger Tages­zei­tung, der „Thü­rin­ger All­ge­mei­nen“ gedruckt. Gedicht und Kom­men­tar waren Teil eines Pro­jekts des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes, des­sen Vor­sit­zen­der ich seit 2012 bin. Drei Jahre lang erschien Woche für Woche ein für Thü­rin­gen in irgend­ei­ner Hin­sicht wich­ti­ges Gedicht. Arn­frid Astel war nicht nur mit den „Ost­kon­tak­ten“ betei­ligt, son­dern auch mit drei Kom­men­ta­ren, die er uns schenkte und die man eben­falls auf sei­ner Web­seite nach­le­sen kann, zu Gedich­ten von Michael Busel­meier, von mir und von

 

Sieg­fried („Land­fried“) Schröp­fer:

FRAGE AN EINEN GEDANKENEIGENTÜMER

Du ängst­lich
auf dem Eigen­tum
an dei­nen Gedan­ken
Bestehen­der, warum
behältst du
deine Gedan­ken
nicht für dich?

 

Mein der­zeit liebs­tes Astel-Gedicht mit Thü­rin­ger Grun­die­rung ist eines, in dem kein Orts­name vor­kommt, oder wenn, dann nur ver­steckt, näm­lich in dem Wort „Bal­samine“. Die „Bal­samine“ ist, einer­seits, eine Pflanze mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, irgend­wie hat sie es unter Ver­let­zung aller Grenz­re­gime geschafft, sich selbst aus Indien nach Deutsch­land ein­zu­schlep­pen. Sie ist beson­ders berüch­tigt für ihren unge­hemm­ten Fort­pflan­zungs­trieb und bedient sich dabei gewis­ser unfai­rer Tricks zum Scha­den der bie­de­ren orts­fes­ten Pflan­zen-Popu­la­tion, wie man bei Wiki­pe­dia nach­le­sen kann („durch einen Schleu­der­me­cha­nis­mus, der schon durch Regen­trop­fen aus­ge­löst wer­den kann, schleu­dern die Früchte ihre Samen bis zu sie­ben Meter weit weg (Saft­druck­streuer“). Arn­frid Astel benutzt für diese leben­spen­dende Zau­ber­kraft den Fach­aus­druck Tur­gor: „ein Druck von innen“.

 

INDISCHES SPRINGKRAUT

Wer bügelt die Blu­sen
der Bal­samine?
Es ist der Tur­gor,
ein Druck von innen,
und doch kein Busen.

 

Ande­rer­seits, das muss noch nach­ge­tra­gen wer­den, ist „Bal­samine“ auch der Name eines seit Genera­tio­nen berühm­ten Wald­gast­hau­ses in der Nähe von Wei­mar, wo mensch­li­che Hum­meln jede Menge süße Spei­sen und ange­nehm betäu­bende Getränke zu sich neh­men kön­nen.

 

WEIMAR. Ein­kehr im
Wirts­haus zur Bal­samine.
Wie eine Hum­mel.

 

7. Thüringen – Saarland

Ende 2016 reis­ten zwei Thü­rin­ger Schrift­stel­ler, Wulf Kirs­ten und Chris­tian Rosenau, zu einer Lesung nach Saar­brü­cken ins Künst­ler­haus. Orga­ni­siert hat­ten die Reise Jens Kirs­ten vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat und Klaus Beh­rin­ger vom Saar­län­di­schen Schrift­stel­ler­ver­band. Arn­frid Astel, mit zwei Hick­ory-Nüs­sen in den Hän­den spie­lend, mode­rierte den Abend, der vom Saar­län­di­schen Rund­funk (Dank an Ralph Schock!) auf­ge­nom­men und etwas spä­ter gesen­det wurde. Nach der Lesung saßen wir lange in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant bei­sam­men, es wurde frü­her Mor­gen und es wur­den ver­däch­tig bunte Schnäpse ser­viert, ehe wir die wahr­haft gast­li­che Stätte ver­lie­ßen und der 83jährige Arn­frid Astel sich von dem 82jährigen Wulf Kirs­ten freund­schaft­lichst ver­ab­schie­dete. Drei Gedichte gibt es von Astel über Kirs­ten, eines davon ist dies:

 

TANKA FÜR WULF KIRSTEN
zum acht­zigs­ten Geburts­tag

Irdene Schüs­seln
aus der Erde bei Mei­ßen
(nicht gleich Por­zel­lan)
aus­zu­löf­feln lebens­lang
die ein­ge­brockte Suppe.

 

8. Gerard Manley Hopkins

Die Gesprä­che mit Arn­frid wur­den in den letz­ten bei­den Jah­ren häu­fi­ger und län­ger. Wenn wir über Lite­ra­tur und vor allem Lyrik spra­chen, war ich als fröh­li­cher Dilet­tant natür­lich der – mit immer neuem Gewinn – Zuhö­rende. Oft emp­fahl Arn­frid den eng­li­schen Lyri­ker und Jesui­ten Gerard Man­ley Hop­kins zur Lek­türe. Über klei­nere Inter­net-Recher­chen kam ich aber nicht hin­aus. Als Wulf Kirs­ten mich am 13. März anrief und mir sagte, dass Arn­frid am Vor­tag in Trier plötz­lich gestor­ben war, ergriff mich eine tiefe, ungläu­bige und sehr, sehr trau­rige Bestür­zung. Es dau­erte einige Wochen, bis ich mich wie­der auf seine Web­seite traute. Dort fand ich sei­nen 1963 geschrie­be­nen gro­ßen Essay über Gerard Man­ley Hop­kins (*28. Juli 1844 in Strat­ford bei Lon­don; †8. Juni 1889 in Dub­lin), über „Inkraft“ und „Inbild“ und die Wie­der­be­le­bung des alteng­li­schen „Sprungrhyth­mus“ mit dem Ziel, Gedich­ten eine neue Leben­dig­keit zu geben. Nach der Lek­türe beginne ich zu ahnen, wel­chen Sinn Arn­frid Astels unbe­irr­bar lie­be­vol­ler Blick auf das Indi­vi­du­elle der Men­schen und Dinge hatte. Für Hop­kins, schreibt Astel, sei es darum gegan­gen, „im Indi­vi­du­el­len und Ein­zel­nen die höhere Form des Daseins gegen­über dem All­ge­mei­nen“ zu wür­di­gen und zu fei­ern. „Alle Dinge“ so zitiert Astel ihn, „alle Dinge sind … gela­den mit Liebe, sind gela­den mit Gott, und wenn wir es nur ver­ste­hen, sie rich­tig anzu­rüh­ren, sprü­hen sie Fun­ken und fan­gen Feuer, geben Trop­fen ab und flie­ßen über, tönen und erzäh­len von ihm.“

 

9. Saarbrücken, 13. April 2018

Im Januar 2018 erzählte Arn­frid, der Kul­tus­mi­nis­ter des Saar­lan­des habe ihn ange­ru­fen und gefragt, ob er bereit sei, die Ehren­pro­fes­sur des Saar­lan­des anzu­neh­men. Arn­frid war sicht­lich erfreut und sagte mit der ihm eige­nen Iro­nie, er werde sogar per­sön­lich an der Ver­lei­hung teil­neh­men, aller­dings nur „im Erle­bens­fall“. Die­ser Fall trat nicht ein. Am 24. März 2018 erschien die Anzeige mit der Todes­nach­richt in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung mit den Namen sei­ner Lie­ben. Dar­über sein klei­nes Gedicht:

 

Die Amsel fliegt auf.
Der Zweig winkt ihr nach.

 

Die Ehren­pro­fes­sur des Saar­lan­des wurde Arn­frid Astel den­noch ver­lie­hen, post­hum am 13. April 2018 im Rah­men einer Gedenk­ver­an­stal­tung im Funk­haus Hal­berg des Saar­län­di­schen Rund­funks durch den Kul­tus­mi­nis­ter des Saar­lands, Ulrich Com­mer­con. Die Toten­rede hielt Sibylle Knauss: „Ecce poeta – Siehe, ein Dich­ter!“ Auf den Stüh­len lagen Kar­ten mit einem Gedicht von Arn­frid Astel.

 

EWIG & DREI TAGE

Ich war am Leben, ach, ich bin es noch.
Wenn du mich liest, dann lebe ich in dir.
Sei du der Him­mel, der ich ande­ren war,
daß auch im Him­mel du nicht unter­gehst,
solang die Mensch­heit noch am Ewi­gen Leben.

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