Erfurt
7 : Die Stadt bis zum Verlust der Unabhängigkeit (1571–1664)

Person

Johann Matthäus Meyfart

Thema

Ortsporträts

Autor

Patrick Siebert

Detlef Ignasiak, Das literarische Thüringen, Bucha 2015.

In der frü­hen Neu­zeit war Erfurt nicht nur Tum­mel­platz für huma­nis­ti­sche Dich­ter und Anhän­ger der Refor­ma­tion. Johan­nes Coch­laeus (1479–1552), Autor von geo­gra­phi­schen Beschrei­bun­gen Deutsch­lands, nimmt in sei­ner »Brei­vus Ger­ma­niae descrip­tion« von 1512 direkt Bezug auf die aktu­elle, durch die Ereig­nisse des »Tol­len Jah­res« erschüt­terte, Lage Erfurts:

Die Haupt­stadt ist Erfurt, eine große Stadt, die jetzt durch ein Unglück schwer zu lei­den hat, einst eine herr­li­che und rei­che Stadt, eine Zierde des gan­zen Lan­des und noch jetzt Pfle­ge­stätte der Freien Künste. Wem sie gehor­chen soll, ist ihr unklar, da der Bischof von Mainz und der Her­zog von Sach­sen dar­über unei­nig sind.

Erst Leh­rer, spä­ter Geg­ner Luthers war der Phi­lo­soph und Theo­loge Bar­tho­lo­mäus Arnoldi (1465–1532). Mit sei­nem »Com­pen­dium der Logik« hatte er gro­ßen Ein­fluss beim Refor­ma­tor. Die bis 1518 erhal­tene Freund­schaft zu sei­nem Schü­ler ver­kehrte sich in eine ver­bis­sene Geg­ner­schaft, die Arnoldi in hef­ti­gen Streit­schrif­ten gegen die Ein­füh­rung der Refor­ma­tion in Erfurt aus­trug.

Mit Valen­tin Ickel­sa­mer (um 1500–1541) stu­dierte in Erfurt von 1518–1520 der Ver­fas­ser der ers­ten deut­schen Gram­ma­tik. Das in Erfurt erschiene Werk »Die rechte Weis, auffs kür­zest lesen zu ler­nen« von 1520 ist als Vor­läu­fer sei­ner » Teutsche[n] Gram­ma­tica« zu ver­ste­hen, in der er die deut­sche Spra­che neben die all­ge­mein aner­kann­ten, klas­si­schen Spra­chen – Latein, Grie­chisch und Hebrä­isch – stellte. Natür­lich ist kein Por­trät Erfurts voll­stän­dig ohne den Rechen­meis­ter Adam Ries (1492–1559), der in der Stadt von 1518–1522 eine sehr pro­duk­tive Phase ver­lebte. Er lei­tete hier eine Rechen­schule, auch zwei sei­ner ers­ten Bücher wur­den bei Mathes Maler in der Michae­lis­straße 48 gedruckt. Hier befin­det sich seit 2002 ein in das Stra­ßen­pflas­ter ein­ge­las­se­nes Rechen­brett von Diet­mar Lenz.

Der bekannte Alche­mist und Magier Johan­nes Faust (1480–1540) soll im heu­ti­gen Faust­gäss­chen einen Kar­ren mit vier Och­sen und einem Fuder Heu bewegt haben. Vor der damals noch wesent­li­chen schma­le­ren Gasse ver­wan­delte er die Och­sen in Mäuse und den Wagen in einen Stroh­halm, so dass die Durch­que­rung ein Leich­tes war. In Erfurt fand er Her­berge im »Haus zum gol­de­nen Anker«, Schlös­ser­straße 21, auch hier zeigte er seine Künste. Nicht zu bestrei­ten ist die Rolle Fausts als Haupt­fi­gur im ers­ten und viel­leicht auch bekann­tes­ten deut­schen Volks­sa­gen­buch.

Weg­wei­sende Bücher gänz­lich ande­ren Natu­rells waren die Werke des Bota­ni­kers Johan­nes Thal (1542–1583). Nach Schul­be­su­chen in Erfurt und Ilfeld machte sich der Pfar­rersohn einen Namen als »Vater der Flo­ris­tik«. In sei­ner » Sylva Her­cy­nia: sive cata­lo­gus plan­t­arum« von 1577 ver­zeich­nete er alle vor­kom­men­den Pflan­zen in der Region des Har­zes. Seine Leis­tung waren so bemer­kens­wert, dass der große Taxo­nom Carl von Linné (1170–1778) eine Gat­tung der Pflan­zen­fa­mi­lie der Pfeil­wurz­ge­wächse nach ihm benannte – »Tha­lia«.

Mit der Grün­dung eines spät­hu­ma­nis­ti­schen »wun­der­li­chen« Poe­ten­krei­ses sorgte Lud­wig Helm­bold (1532–1598) für den letz­ten Höhe­punkt vor­ba­ro­cker Dich­tung in Erfurt. Helm­bold selbst, 1566 durch Kai­ser Maxi­mi­lian II zum »poeta lau­rea­tus« gekrönt, ist heute vor allem durch Texte zu Lie­dern im Evan­ge­li­schen Gesang­buch bekannt. Auf­grund sei­ner beson­de­ren Prin­zi­pi­en­treue für die evan­ge­li­sche Sache musste er Erfurt ver­las­sen. Sein Set­zen auf die latei­ni­sche Spra­che sichert ihm unter den Huma­nis­ten eine beson­dere Stel­lung. Zu sei­nem Kreis gehör­ten unter ande­rem der Hym­nen­dich­ter Johan­nes Gal­lus (1525–1587) und Bruno Sei­del (1530–1591).

Gal­lus, der als Pas­tor an der Reg­ler­kir­che wirkte, wurde 1569 zum Rek­tor der Uni­ver­si­tät Erfurt gewählt. Neben sei­nen Hym­nen erschie­nen vom ihn zwei Bände mit Epi­gram­men und eine Grab­schrift für Phil­lip Melan­ch­ton. Von gro­ßer Viel­falt sind die Werke des Phy­si­kers und Medi­zi­ners Sei­del. Als Samm­ler von Sprich­wör­tern bekannt, vor­ran­gig durch die »Sen­ten­tiae pro­ver­bia­les« von 1589, beschriebt er in sei­nen Dich­tun­gen vor allem seine Erleb­nisse. Aus sei­nen Wit­ten­ber­ger Erfah­run­gen for­mu­lierte er eine Car­mina auf Mar­tin Luther und Melan­ch­ton. Aber auch Werke aus dem medi­zi­ni­schen Fach, zu The­men wie Trun­ken­heit oder Harn­ab­füh­rung gehö­ren zu sei­nem Werk.

Einen für die Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che sehr wich­ti­gen, aber oft­mals über­se­he­nen Bei­trag leis­tete Wolf­gang Ratke (1571–1635). Von der Pre­digt­lehre Luthers aus­ge­hend und mit der »Meiß­ni­schen Art zu reden« for­mu­lierte er eine deut­sche Rhe­to­rik, die als Basis der mut­ter­sprach­li­chen Aus­bil­dung an höhe­ren Schu­len genutzt wurde. Mit sei­nem Leit­satz »Omnia pri­mum in Ger­ma­nico« (Alles zuerst in Deutsch) gibt das »Memo­rial« von 1612 dem Ele­men­tar­un­ter­richt in der eige­nen Spra­che die zen­trale Stel­lung in sei­ner Lehre. Die für die Ver­brei­tung der Werke Rat­kes ein­ge­rich­tete Dru­cke­rei kann als ers­ter deut­scher Schul­buch­ver­lag gese­hen wer­den.

Lehr­reich ist auch das Haupt­werk von Lau­ren­tius Niska (1590–1665). Obwohl die Waid­ver­ar­bei­tung schon lange ihren Hohe­punkt über­schrit­ten hatte, lie­ferte er mit der Denk­schrift »Weyd­Be­den­ken« im Jahre 1661 eine Apo­lo­ge­tik für den Anbau und Ver­kauf des eige­nen loka­len Fär­be­stof­fes Waid gegen­über den Impor­ten aus Ame­rika. So betont er in der mit zahl­rei­chen Holz­sti­chen ver­se­he­nen Anlei­tung für das Gewin­nen des blauen Farb­stof­fes die beson­dere Güte des eige­nen Erzeug­nis­ses. Eines der mutigs­ten Bücher aus der Zeit des 30 Jäh­ri­gen Krie­ges ver­dan­ken wir Johann Mat­thäus Meyf­art (1590–1642). 1633 als Pro­fes­sor an die Luthe­risch-Theo­lo­gi­sche Fakul­tät der Erfur­ter Uni­ver­si­tät beru­fen, wußte er 1635 die kon­fes­sio­nelle Spal­tung der Stadt zu nut­zen, um seine Schrift »Christ­li­che Erinnerung/ An gewal­tige Regen­ten und Gewis­sen­hafte Praedicanten/wie das abscheu­li­che Las­ter der Hexe­rey mit Ernst aus­zu­rot­ten […] sey« gegen den Hexen­wahn zu publi­zie­ren.

Mit der dring­li­chen Frage: »Ist denn der Leib des Men­schen so ein schlech­tes Geschöpff/etwan wie ein Sau-Stal­l/o­der ein Schaff-Hür­de/o­der Stroh­hüt­ten? Daß er ohne Bede­cken leicht­lich zu verstöhren/und ihr darzu rathen dürf­fet?« wen­det er sich gegen Fol­ter und Denun­zia­tion. Der Ver­such sich in das Opfer zu ver­set­zen, »das in ihrem Gewis­sen der Unschuld ver­si­chert ist«, lässt ihn »erzitter[n] fast in mei­nen Glie­dern«. Es ist also seine evan­ge­li­sche Pflicht, »als wenn Gott mir armen Die­ner saget: Errette die, so man töten will«. In sei­nen letz­ten Jah­ren war Meyf­art Pfar­rer an der Erfur­ter Pre­di­ger­kir­che, wo er sich für die Aus­bil­dung neuer Pfar­rer ein­setzte. Heute am bekann­tes­ten ist sein Lied »Jeru­sa­lem, du hoch­ge­baute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir«, wel­ches noch immer in evan­ge­li­schen Mes­sen gesun­gen wird.

 Erfurt:

  1. Erfurt im Mittelalter - Klöster als Zentren des literarischen Lebens
  2. Das Erfurter Mittelalter II
  3. Theater im Mittelalter
  4. Die Anfänge der Erfurter Universität
  5. Erfurt als ein Zentrum des Humanismus (1460-1570)
  6. Der Reformator
  7. Die Stadt bis zum Verlust der Unabhängigkeit (1571-1664)
  8. Unter Mainzer Statthalterschaft bis Dalberg (1665-1772)
  9. Karl Theodor von Dalberg – Der letzte Statthalter
  10. Erfurt unter Dalberg und der Kreis im Haus Dacheröden (1772-1802)
  11. Die Franzosen in der Stadt – Fürstenkongress, Napoleon und Goethe (1806-1814)
  12. Erfurt und die Preußen im 19. Jahrhundert
  13. Erfurt von 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
  14. Von der Landeshauptstadt zur Bezirksstadt zur Landeshauptstadt – Erfurt bis zur Gegenwart
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