Erfurt
11 : Die Franzosen in der Stadt – Fürstenkongress, Napoleon und Goethe (1806–1814)

Person

Johann Wolfgang von Goethe

Ort

Erfurt

Thema

Ortsporträts

Autor

Patrick Siebert

Detlef Ignasiak, Das literarische Thüringen, Bucha 2015 / Thüringer Literaturrat e.V.

Erfurt, gerade erst 1802 an die Preu­ßen gefal­len, wird 1806 in das Fürs­ten­tum Erfurt über­führt. Nach der Nie­der­lage der preu­ßi­schen Trup­pen in der Dop­pel­schlacht von Jena und Auer­stedt wurde die Stadt direkt Napo­leon unter­stellt und war jetzt kai­ser­li­che Staats­do­mäne. Die­ser Umstand und die zen­trale Lage Erfurts sorg­ten für einen der Höhe­punkte in der Stadt­ge­schichte. 1808 tra­fen sich Napo­leon und der rus­si­sche Zar Alex­an­der I. um die Mög­lich­kei­ten einer fried­li­chen Koexis­tenz der Kai­ser­rei­che Frank­reich und Russ­land abzu­wä­gen. Der »Erfur­ter Fürs­ten­kon­gress« rückte in den Wochen vom 27. Sep­tem­ber bis zum 14. Okto­ber Erfurt in den Blick­punkt der euro­päi­schen Groß­macht­po­li­tik. Mit dem Ein­zug Napo­le­ons, an einem »herr­li­chen Herbst­tag«, wie Meyer ver­zeich­net, beginnt einen zwei­wö­chige Insze­nie­rung, denn Napo­leon wollte »Deutsch­land durch Pracht und Glanz in Erstau­nen set­zen«. Unser Bild des Groß­ereig­nis­ses ist geprägt von den Berich­ten Theo­dor Fer­di­nand Kajetan Arnolds (1774–1812). Unter dem Titel »Erfurt in sei­nem höchs­ten Glanze« ver­öf­fent­lichte er 24 in Tage­buch­stil gehal­tene Briefe, die von der Pracht­ent­fal­tung der Insze­nie­rung berich­ten. Ein Blick auf Arnolds wei­tere Werke zeigt ein sehr ver­misch­tes Oeu­vre. Neben Schauer- und Räu­ber­ro­ma­nen, die eher der Tri­vi­al­li­te­ra­tur zu zäh­len sind, ver­fasste er mit der »Gale­rie der berühm­tes­ten Ton­künst­ler des 18. und 19. Jahr­hun­derts« eine nicht unin­ter­es­sante musik­his­to­ri­sche Schrift, die wich­tige Kom­po­nis­ten mit Leben und Werk vor­stellt. Vor allem über eine Epi­sode wird im Zusam­men­hang mit dem Kon­gress gerne Berich­tet: Das Auf­ein­an­der­tref­fen von Goe­the und Napo­leon am 2.10.1808 beflü­gelt die Phan­ta­sie der Bericht­erstat­ter. In den Räu­men der Statt­hal­te­rei traf der Dich­ter gegen 11 Uhr ein und traf auf einen Herr­scher im Schlaf­rock. Das etwa ein­stün­dige Gespräch drehte sich um fran­zö­si­sches Thea­ter und Lite­ra­tur, wobei Napo­leon vor allem über den Wert­her sprach, den er, wie Goe­the spä­ter bemerkt, »durch und durch mochte stu­diert haben.«. Ob Napo­leon dabei wirk­lich das geflü­gelte Bon­mot »Voila un homme!« (Sieh da, ein Mensch) aus­sprach muss offen blei­ben. Wenn er den Dich­ter aller­dings nach Paris ein­lädt, damit die­ser dort ein Cae­sar-Drama schrei­ben könne, »bes­ser als das von Vol­taire«, so trägt dies unver­kenn­bar Züge eines gro­tes­ken Selbst­sti­li­sie­rungs­be­dürf­nis­ses beim Fran­zo­sen, als des­sen Werk­zeug der stolze Wei­ma­rer hätte die­nen sol­len. Da ver­wun­dert es nicht, dass Goe­the einen schnel­len Aus­gang aus dem Gespräch suchte und danach erst spät dar­über berich­tete. Erst am 15.2.1824 wird Goe­the den Bericht über die »Unter­re­dung mit Napo­leon« zu Papier brin­gen. Auch mit Wie­land traf sich Napo­leon. Am 10.10. ließ er den Klas­si­ker zu abend­li­chen Thea­ter­vor­stel­lung ein­la­den. Der Kai­ser und Wie­land, der des­sen Auf­stieg vor­aus­sah, spra­chen rund 1,5 Stun­den mit­ein­an­der und trenn­ten sich freund­lich. Am 14.10.1808 über­reicht Napo­leon den bei­den Dich­tern das Groß­kreuz der Ehren­le­gion.

Ein zen­tra­ler Aspekt der Insze­nie­rung war neben der Fülle an Bäl­len und Para­den eine Reihe von Auf­füh­run­gen klas­si­scher fran­zö­si­scher Tra­gö­dien durch die Comé­die-Fran­çaise all­abend­lich im Kai­ser­saal. Gespielt wur­den Stü­cke von Cor­naille, Racine oder Vol­taire. Eigens von Napo­leon nach Erfurt beor­dert gaben die Akteure um Fran­cois Jose­phe Talma (1763–1828), dem bekann­tes­ten Mimen sei­ner Zeit, ihre Vor­stel­lun­gen vor­ran­gig von gekrön­ten Häup­tern. Con­stan­tin Beyer schrieb dazu:

Ein glän­zen­de­res Par­terre dürfte man übri­gens wohl sel­ten fin­den. Die Ver­samm­lung bestand fast ganz aus regie­ren­den Fürs­ten, Erb­prin­zen, Mar­schäl­len von Frank­reich, Staats­mi­nis­tern und Gene­ra­len. Wo man nur hin­sah, schim­mer­ten blit­zende Sterne, Ordens­bän­der und Schär­pen dem Auge ent­ge­gen.

Die Aus­wahl der Stü­cke über­nahm Napo­leon selbst, wobei auch hier die Größe des fran­zö­si­schen Herr­schers ein nicht zu unter­schät­zen­der Topos war. Im Rah­men einer Auf­füh­rung des »Ödi­pus« von Vol­taire am 03. Okto­ber kam es zur innigs­ten Treue­be­kun­dung der bei­den Kai­ser. Alex­an­der I. erhob sich und umarmte Napo­leon unter tosen­dem Applaus.

Poli­tisch gese­hen war der Fürs­ten­kon­gress ein Fehl­schlag. Zwar wurde am 12. Okto­ber ein Bünd­nis­ver­trag geschlos­sen, die­ser aber blieb eine fol­gen­lose Fuß­note der Geschichte. Schon 1812 brach Napo­leon nach Russ­land auf um die Land­karte Euro­pas neu­zu­ord­nen.

 Erfurt:

  1. Erfurt im Mittelalter - Klöster als Zentren des literarischen Lebens
  2. Das Erfurter Mittelalter II
  3. Theater im Mittelalter
  4. Die Anfänge der Erfurter Universität
  5. Erfurt als ein Zentrum des Humanismus (1460-1570)
  6. Der Reformator
  7. Die Stadt bis zum Verlust der Unabhängigkeit (1571-1664)
  8. Unter Mainzer Statthalterschaft bis Dalberg (1665-1772)
  9. Karl Theodor von Dalberg – Der letzte Statthalter
  10. Erfurt unter Dalberg und der Kreis im Haus Dacheröden (1772-1802)
  11. Die Franzosen in der Stadt – Fürstenkongress, Napoleon und Goethe (1806-1814)
  12. Erfurt und die Preußen im 19. Jahrhundert
  13. Erfurt von 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
  14. Von der Landeshauptstadt zur Bezirksstadt zur Landeshauptstadt – Erfurt bis zur Gegenwart
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