Durch den Thüringer Wald …
4 : Heinrich Seidel – »Thüringische Kartoffelklöße«

Person

Heinrich Seidel

Ort

Ilmenau

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Heinrich Seidel

Sonderbare Geschichten, Leipzig 1894.

Das Leben jedes echten Thüringers ist gleichsam mit einer Perlenschnur von Kartoffelklößen durchflochten, und seine Augen leuchten, wenn er nur den Namen dieses für ihn so köstlichen Gerichtes aussprechen hört.

Ganz besonders in der Fremde nimmt der Kartoffelkloß für ihn einen geradezu symbolischen Charakter an, er bedeu­tet ihm die Heimat mit all dem Lieblichen, Holden und Trauten, das für den trotzdem so wanderlustigen Deutschen mit diesem Worte verknüpft ist, und haben sich irgendwo in der weiten Welt Thüringer um dies köstliche Gericht zusam­mengefunden, so verzehren sie es mit lyrischen Empfindun­gen, und den weicheren unter ihnen werden die Augen feucht. Angehörige des kräftigen und ausdauernden Volks­stammes der Thüringer sind über die ganze Welt verbreitet, und überall, wohin sie gelangen, vermögen sie zu gedeihen, sofern das Land Kartoffeln hervorbringt. Denn die grünen Berge, die rauschenden Wälder, die lieblichen Täler, die rie­selnden Bäche seines Heimatlandes vermag der Thüringer zu entbehren, nicht aber das köstliche Gericht, an dem die hol­desten Erinnerungen seiner Jugend haften. Davon hat mein Freund, der Afrikareisende Doktor Elgersburg, selbst ein geborener Thüringer, ein höchst sonderbares Beispiel berich­tet. Als dieser vor einigen Jahren den Kongo hinauffuhr, gelangte er an eine Station, wo man ihn mit Freuden begrüßte, als man hörte, daß er ein Arzt sei, denn einer der dort angestellten Europäer, der, wie sich bald zeigte, eben­falls von Geburt ein Thüringer war, lag schwer krank darnieder, und keines der in der Stations-Apotheke vorhandenen Mittel wollte ihm helfen. Man führte den Doktor Elgersburg zu dem Kranken, und dieser erfahrene Arzt wußte auf den ersten Blick, was seinem Landsmann fehle. Als die wohlbe-kannten Laute des heimischen Dialektes an das Ohr des Patienten schlugen, ging ein schwaches Lächeln über seine schlaffen Züge, und in seinen Augen leuchtete etwas wie Hoffnung auf. Doch dies matte Licht erlosch bald wieder, und mit müder Stimme sprach er dann: »Sie können mir doch nicht helfen, Herr Doktor, es geht zu Ende. Oh, wär ich doch nie in dies infame Land gekommen!«

»Nur Mut, lieber Landsmann!« sagte der Arzt, »so schlimm steht die Sache denn doch nicht. Passen Sie nur auf, die Geschichte wollen wir bald haben,«

Dann ging er hinaus zum Chef der Station und sprach zu dem: »Ganz einfache Diagnose. Der Mann hat Heimweh. Der Mann ist Thüringer. Sind Kartoffeln am Ort?«

Es zeigte sich, daß von der letzten europäischen Proviantsendung noch deren 50 Liter vorhanden gewesen waren, allein diese hatte man zur Aussaat bestimmt, und am Tage vorher gerade waren sie in die Erde gekommen.

»Hier handelt es sich um ein Menschenleben!« rief der Arzt, »da müssen unbedingt ein paar Liter wieder ausgekratzt werden! Anders kann ich den Mann nicht retten.«

Kopfschüttelnd schickte der Stationschef auf das energi­sche Drängen des Doktors ein Negerweib hin, und binnen kurzem kam diese mit einem Korbe voll Kartoffeln zurück. Als nun diese geschält wurden und solch wohlbekanntes Geräusch sowie das taktmäßige Plumpsen der fertig geschäl­ten Knollenfrüchte in den Kücheneimer hörbar ward, da war es merkwürdig zu sehen, wie eine sanfte Röte über das Gesicht des Kranken im Nebenzimmer zog und wie sich seine Ohren spitzten gleich denen eines Schlachtrosses, das den Klang der Kriegstrompete vernimmt. Und als nun gar eine Reibe hergeschafft und die Kartoffeln gerieben wurden, da richtete er sich ein wenig auf einem Arm empor und strich sich wie träumend mit der Hand über die Stirn. »Nun, wie ist Ihnen?« fragte der Arzt, der soeben in die Tür getreten war.

»Sonderbar, höchst sonderbar!« sprach der Kranke. »Mir ist, als träumte ich. Als wär’s Sonntagvormittag und ich zu Hause bei meiner Mutter in Ilrnenau ›unter den Linden‹, wo der Brunnen vor der Türe steht.«

»Ja, ja«, rief der Arzt, »es kommt noch besser, warten Sie nur!«

Da sonst ein geeignetes Instrument am Orte nicht vorhan­den war, so hatte doch der Arzt eine Kartenpresse entdeckt und diese sogleich für seine Zwecke in Anspruch genommen. Er schlug die Masse der geriebenen Kartoffeln in eine Ser­viette, spannte sie ein und hieß das Negerweib die Schrauben anziehen. Als der Kranke das Knarren der Schrauben ver­nahm und das girrende Rieseln des ausgepreßten Saftes, da richtete er sich ganz auf von seinem Lager und sah mit glän­zenden Augen vor sich hin: »Ich weiß nicht, wie mir ist«, flüsterte er vor sich hin, »mir wird so wohl; ich glaube, ich kann noch wieder gesund werden.«

Ein wenig Weißbrot war vorhanden; es ward nach der Anweisung des Arztes in Würfel geschnitten und geröstet. Dann formte er selber kunstgerecht aus der vorbereiteten Masse die stattlichen Klöße und verteilte die Semmelbrocken sachgemäß. Während das Gericht nun kochte, kehrte der Doktor zu seinem Kranken zurück und saß in fröhlicher Erwartung zukünftiger Ereignisse an dessen Lager. Doch dieser war wieder ganz in sich zusammengesunken, der Glanz seiner Augen ausgelöscht und jeder Hoffnungsschim­mer von seinen Wangen verschwunden. »Nur Mut, nur Mut!« sagte der Arzt, »die Medizin ist bald fertig.«

Nach einer Weile entstand draußen ein Geräusch, der Doktor eilte hinaus und kam mit einer mächtigen Schüssel dampfender Kartoffelklöße wieder zurück. Der Kranke lag abgewendet und rührte sich nicht. Doch plötzlich stieg ihm der liebliche Duft in die Nase. Das riß ihn empor. Er saß aufrecht, starrte mit wirren Blicken, wie wenn er einen Geist schaue, auf die Schüssel hin und ward rot und bleich innerhalb einer Sekunde. Dann schien ein Gefühl unsäglichen Glückes ihn zu überkommen. »Oh, du mein Herrgott!« sagte er.

Die Schüssel ward vor ihn hingesetzt, man stopfte ein Kissen hinter seinen Rücken, und nun begann der Kranke, fast zaghaft und seinem Glücke noch nicht recht trauend, einen der Klöße kunstgerecht auseinanderzureißen. Nun sah er wohl, es war kein Traum. Dann probierte er den Kloß, und alsbald liefen ihm die Tränen über die eingefallenen Wangen. »Alles richtig«, murmelte er, »gerade so wie meine Mutter sie macht in Ilmenau, ›unter den Linden‹, wo der Brunnen vor der Türe steht.« Alsdann verzehrte er im Schweiße seines Angesichts elf Kartoffelklöße, wie eine Faust groß, sank dann mit paradiesischen Empfindungen zurück in die Kissen und schlief vierundzwanzig Stunden hintereinander weg. Er wachte auf mit einem Gefühle, als wenn seine Glieder von Stahl und seine Gelenke Sprungfedern wären, stand auf, klei­dete sich an und ging noch desselbigen Tages auf die Elefan­tenjagd.

 Durch den Thüringer Wald …:

  1. Friedrich Lienhard – »Jugendjahre«
  2. Karl Emil Franzos – »Paulinzelle«
  3. Ludwig Bechstein – Wo Stutzel, der Hund, begraben liegt
  4. Heinrich Seidel – »Thüringische Kartoffelklöße«

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