Jens‑F. Dwars – »Mit Senefelders Segen. Die Müllers vom Kunsthaus Wurzbach«

Person

Jens-Fietje Dwars

Ort

Wurzbach

Thema

Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft

Autor

Jens-Fietje Dwars

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Jens‑F. Dwars

Mit Sene­fel­ders Segen

Die Mül­lers vom Kunst­haus Wurzbach

 

Ich soll, ich darf für »Mit­ten­drin«, eine Repor­tage-Reihe des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes, über das Kunst­haus Wurz­bach schrei­ben. Wie nähert man sich einem Ort, der nicht inmit­ten des Lan­des liegt und erst recht nicht in den Zen­tren der Kunst­de­bat­ten. Doch gibt es die denn über­haupt noch: Kunstdebatten?

New York, Lon­don, das Ber­lin der neun­zi­ger Jahre, Basel, Köln – Glit­zer­ge­fechte im Schein­wer­fer­licht. Das ein­zig Gewisse: die Unge­wiss­heit, wer oder was sich in der Zukunft durch­set­zen werde. Denn es gibt längst keine Kri­te­rien mehr, keine Maß­ga­ben der Künste. Blü­ten des Mark­tes, attrak­tiv gewinn­träch­tig reiz­voll aus­sichts­reich ver­hei­ßungs­voll mar­gen­stark frisch und unver­braucht, so sind die Ent­de­ckun­gen der Sai­son. Das neue Prin­zip Hoff­nung: Jung­stars als spe­ku­la­ti­ves Kapi­tal, con­tai­ner­weise im Hafen von Hong­kong gelagert.

Oder ver­damme ich die Trau­ben nur, weil sie zu hoch hän­gen für mich, für uns in der Thü­rin­ger Pro­vinz? Gewiss mögen schmack­hafte dabei sein, aber am Ende ent­schei­det doch die sorg­fäl­tige Lage­rung über die Qua­li­tät eines Wei­nes, jah­re­lange Erfah­rung, Ver­trauen und Geduld. Erst in der Geschichte, nach Jah­ren, Jahr­zehn­ten, Jahr­hun­der­ten erweist sich der Rang eines Künst­lers und sei­ner Werke, ermög­licht die zeit­li­che Distanz eine andere Nähe, einen tie­fe­ren Blick, auch weil die Augen der Betrach­ter sich ver­än­dern, nicht mehr geblen­det von den Moden des Tages.

Vor 15 oder mehr Jah­ren hörte ich das ers­te­mal von einem Kunst­haus in Wurz­bach. Gün­ter Grass werde dort lesen, hieß es, das dürfe man sich nicht ent­ge­hen las­sen. Ich hatte seine Lesung in der Jenaer Stadt­kir­che noch vor Augen, Ende der acht­zi­ger Jahre. Da war er noch kein Nobel­preis­trä­ger, doch Hun­derte saßen ihm im über­füll­ten Got­tes­haus zu Füßen, andäch­tig lau­schend, wie er von der Kan­zel herab las. Der Autor als Pre­di­ger, Ver­kün­der ewi­ger Wahr­hei­ten. Ein ana­chro­nis­ti­sches Miss­ver­ständ­nis. Schrift­stel­ler haben zu schrei­ben, nicht zu reden. Ihr Beruf ist es, die Wahr­neh­mun­gen zu schär­fen, indem sie zur Spra­che brin­gen, was uns umtreibt, wofür im All­tag die Worte feh­len. In einer Spra­che nahe dem Ver­stum­men, die noch das Zum-Schwei­gen-Gebracht-Wer­den durch das »gewöhn­li­che« Spre­chen der Zeit hör­bar macht. Je lei­ser, desto eindringlicher.

Nein, zu die­ser Lesung zog mich nichts, und so kam ich erst im Spät­herbst 2019 ins Tal der Sormitz, eines mun­ter plät­schern­den Bachs, der einst Müh­len und sogar eine Ham­mer­schmiede ange­trie­ben hat. Über Loben­stein, bekannt für seine Moor­bä­der, fuhr ich ins Thü­rin­ger Schie­fer­ge­birge, eine wald­rei­che Hügel­land­schaft, ab 700 Metern schon mit den Kru­men des ers­ten Schnees bedeckt, und zuletzt steil bergab, mit Blick auf ein Hotel am Berg­hang gegen­über, thro­nend über dem Ort wie Kaf­kas Schloss. Unver­kenn­bar einst ein Feri­en­heim der DDR-Gewerk­schaft. Wiki­pe­dia ver­rät mir, dass es 1984 in Betrieb genom­men wurde. Wurz­bach – »Erho­lungs­ort der Werk­tä­ti­gen«. Täg­lich, weiß das Inter­net-Lexi­kon zu berich­ten, fan­den Ver­an­stal­tun­gen statt, »geführte Wan­de­run­gen, Farb­dia­vor­träge, Musik‑, Zau­be­rei- und Tanz­abende …« Fami­lo­tel Am Renn­steigt nennt es sich heute: Fami­li­en­ho­tel. »Wir haben groß­zü­gige Fami­li­en­zim­mer, ein lecke­res Kin­der­buf­fet und Spaß für Groß & Klein.« Das Per­so­nal sei freund­lich, berich­ten Gäste auf der haus­ei­ge­nen Web­site, das Hotel in die Jahre gekom­men, aber der Anblick des Ortes trau­rig. Wir bedau­ern den Leer­stand, ant­wor­tet das Manage­ment, doch kön­nen nichts dage­gen tun.

Wurz­bach, mel­det Wiki­pe­dia, ist eine Land­stadt. So defi­niere man seit der Inter­na­tio­na­len Sta­tis­tik­kon­fe­renz von 1887 kleine Städte mit weni­ger als 5.000 Ein­woh­nern. Goe­thes Jena um 1800 war also mit sei­nen 4.500 Bewoh­nern eine Land­stadt, trotz der boo­men­den Uni­ver­si­tät. 1250 wurde das Wald­hu­fen­dorf Wurz­bach erst­mals in einer Urkunde erwähnt: als Besitz der Her­ren von Lob­de­burg. 1930 erhielt der Fle­cken das Stadt­recht, 1999 wur­den sechs Gemein­den ein­ge­glie­dert. 2.864 See­len leb­ten hier am 31. Dezem­ber 2024.

Die Ruine der Lob­de­burg steht am Rand von Jena. Goe­the durch­streifte sie mit Syl­vie von Zie­ge­sar. Ich schrieb davon in einem Buch vor 25 Jah­ren. Ein zu belä­cheln­der Zufall oder zog mich eine tie­fere Ver­bin­dung heim­lich unheim­lich ins Schie­fer­ge­birge? Es gibt kei­nen Zufall, meint Stra­walde, als Doku­men­tar­fil­mer eine Legende, als Maler ein ver­lo­sche­ner Stern auf dem Kunst­markt, der noch immer, mit über 90, leben­dig pul­sie­rende Bil­der erschafft. Alles sei mit allem ver­wo­ben, sagt der alte Mann, des­sen Arbei­ten kraft­vol­ler sind als die der meis­ten Jun­gen. Man müsse nur genau hin­se­hen und zuhö­ren, dann könne man es greifen.

Das Allzu-Fäl­lige nannte es Nietz­sche. Und so war es wohl auch: Ich hatte von Die­ter Goltz­sche zwei Vor­la­gen für Gra­fi­ken erhal­ten, die den Mar­gi­na­lien, einer Zeit­schrift für Buch­kunst, bei­gelegt wer­den soll­ten. Meis­ter­li­che Zeich­nun­gen mit Litho­kreide auf kör­ni­gem Blech, das sam­tene Grau­töne in fei­nen Nuan­cen erzeugte. Auf der Suche nach einem geeig­ne­ten Dru­cker riet mir Jens Hen­kel, der Ver­le­ger der burg­art-Presse, ich sollte es bei Chris­tian Mül­ler in Wurz­bach ver­su­chen, der sei der letzte, der noch wahre Wun­der der Druck­kunst vollbringe.

Da stand ich nun am Markt, vor der brei­ten Fas­sade von Haus Num­mer 6 mit der Auf­schrift »Museum für Stein­druck«. In vier Schau­fens­tern luden Gra­fi­ken, Gemälde und Krüge den Besu­cher ein. Das fünfte war der Ein­gang. »Will­kom­men im Kunst­haus«, sagte Bär­bel Mül­ler, die Her­rin des Hau­ses. Ein rie­si­ger Raum emp­fing mich, links in ein Café aus­lau­fend, rechts in eine Kera­mik-Werk­statt, dazwi­schen Tische und Schränke mit Bil­dern, an der Stirn­wand ein Gedicht von Eugen Gom­rin­ger, der in die­sem Jahr hun­dert wurde, auch einer der Gro­ßen aus ver­gan­ge­ner Zeit: 14 mal das Wort »Schwei­gen«, drei­mal neben­ein­an­der in fünf Rei­hen unter­ein­an­der gesetzt, in der Mitte eine Leer­stelle – kein Wort, nichts als Schwei­gen. Kon­krete Poe­sie, ein Bild aus Wor­ten, aus einem ein­zi­gen Wort, gra­fisch poten­zierte Kraft der Spra­che, die das Andere ihrer selbst kennt­lich macht: das Schwei­gen, dem alles Spre­chen sich entringt.

Wir gin­gen nach rechts in ein Geviert mit hell­blauen Wän­den für wech­selnde Aus­stel­lun­gen, Litho­gra­fien zumeist, frü­her Stein­dru­cke genannt. Eine eiserne Wen­del­treppe führt ins »Museum«, einen Raum, der mit Text­ta­feln und Bild­bei­spie­len die Geschichte die­ser Druck­tech­nik erzählt: Alois Sene­fel­der (1771–1834) hat sie erfun­den. Der Sohn eines Münch­ner Hof­schau­spie­lers schrieb ein Lust­spiel. Um künf­tige Stü­cke preis­wert zu ver­viel­fäl­ti­gen, suchte er nach neuen Druck­mög­lich­kei­ten. Der Buch­druck mit beweg­li­chen Let­tern war zwar im 15. Jahr­hun­dert eine Revo­lu­tion, doch blieb das Set­zen gan­zer Bücher aus ein­zel­nen Buch­sta­ben noch immer eine müh­same, kost­spie­lige Arbeit. Sene­fel­der kam auf die Idee, Kalk­stein als Druck­platte zu ätzen. Er nahm eine Stein­platte – bis heute ist der fein­kör­nige Kalk aus Soln­ho­fen dafür am bes­ten geeig­net –, schliff ihn glatt und zeich­nete dar­auf mit fett­hal­ti­ger Tusche oder Kreide sei­ten­ver­kehrt die zu dru­cken­den Par­tien, wodurch diese Stel­len was­ser­ab­wei­send wur­den. Danach befeuch­tete er die Druck­form mit einer wäss­ri­gen Lösung aus Gum­mi­ara­bi­kum und ver­dünn­ter Sal­pe­ter­säure, was bewirkte, dass die nicht beschrif­te­ten Stel­len Was­ser hiel­ten und so fett­ab­wei­send wur­den. Im drit­ten Arbeits­gang brachte er mit einer Rolle fett­hal­tige Druck­farbe auf den Stein, die nur an den was­ser­ab­wei­sen­den Par­tien haf­ten blieb. Nun brauchte er nur noch einen Bogen Papier auf den Stein zu legen, um die Farbe mit dem kräf­ti­gen Druck einer Walze zu übertragen.

Begon­nen hatte Sene­fel­der 1797 mit Noten, da die zuvor beson­ders auf­wän­dig in Kup­fer gesto­chen wur­den. Seine Stein­dru­cke kos­te­ten nur noch ein Fünf­tel der Kup­fer­sti­che. Schon im Jahr dar­auf zeich­nete er Pflan­zen auf den Stein und bald war die Tech­nik so aus­ge­reift, dass man Meis­ter­zeich­nun­gen von Dürer und Cra­nach damit kopie­ren und ver­viel­fäl­ti­gen konnte. Sene­fel­der rich­tete 1799 in Offen­bach eine Werk­statt mit fünf Stein­druck­pres­sen ein, wei­tere folg­ten 1800 in Paris und Lon­don. Noten, Bil­der und Land­kar­ten lie­ßen sich nun in hohen Stück­zah­len preis­wert drucken.

Auch der Buch­druck pro­fi­tierte davon. Por­träts und Land­schaf­ten wur­den auf Stein gezeich­net und kon­kur­rier­ten mit dem Holz­stich als Illus­tra­ti­ons­tech­nik. Dien­ten diese Illus­tra­tio­nen ein Jahr­hun­dert lang der ein­fa­chen, quasi »rea­lis­ti­schen« Wie­der­gabe der im Text beschrie­be­nen Objekte, so änderte sich dies mit dem Über­gang zum 20. Jahr­hun­dert. Die Moderne zog auch in die Buch­kunst ein, das Bild eman­zi­pierte sich vom Text. Der Stein­druck erlebte eine neue Blüte. Honoré Dau­mier hatte die Krei­de­li­tho schon um 1840 zur Meis­ter­schaft gebracht. Doch Henri de Tou­louse-Lautrec ver­le­ben­digte die Tech­nik nun mit sei­nen Farb­pla­ka­ten. Zeich­ner wie Munch, Bar­lach oder die Koll­witz schu­fen Halb­töne von male­ri­scher Dichte. Chagall, Dali und Picasso nutz­ten die Tech­nik für Künst­ler­bü­cher. In der DDR setz­ten Rolf Münz­ner mit sei­nen Scha­bli­tho­gra­fien, Max Uhlig und Bern­hard Hei­sig neue Maßstäbe.

»Das hab ich gedruckt«, sagt Chris­tian Mül­ler, und weist auf ein Blatt von Hei­sig. Auch Ger­hard Alten­bourg habe sich bei ihm gemel­det, bevor er im Dezem­ber 1989 an den Fol­gen eines Unfalls starb. Ein kaum zu ermes­sen­der Ver­lust. Denn Alten­bourg hatte jen­seits der Vor­ga­ben des Mark­tes im Wes­ten und der Poli­tik im Osten ein ganz und gar eigen­stän­di­ges Werk geschaf­fen und brachte mit sei­nen Lithos das sam­tene Grau der Kreide zum Leuchten.

Der Weg ins Hin­ter­haus wird zum Gang in die Bio­gra­fie des Gast­ge­bers: In den 50er Jah­ren, erzählt Mül­ler, habe er sich zum Stein­dru­cker aus­bil­den las­sen, damals schon eine Sel­ten­heit. Nach einem Inge­nieur­stu­dium für Flach- und Tief­druck in den 60er Jah­ren wurde er tech­ni­scher Lei­ter bei Röder Druck in Leip­zig und schließ­lich Betriebs­di­rek­tor in der Kunst­an­stalt H. F. Jütte. Dort habe er die Tricks der Druck­kunst gelernt, wie man impro­vi­siert und trotz Man­gel an Mate­rial höchste Qua­li­tät erzielt. Aber es war eben nur Off­set-Druck und seine Lei­den­schaft galt dem Stein. 1985 ver­ließ er die Kunst­an­stalt, galt zunächst als Mit­ar­bei­ter in der Kera­mik­werk­statt sei­ner Frau, baute sich jedoch unter­des­sen eine eigene Stein­dru­cke­rei auf und wurde 1987 als frei­schaf­fen­der Künst­ler aner­kannt. In und um Leip­zig gab es fast 300 Gra­fi­ker, von denen viele bei ihm dru­cken lie­ßen. Sie­ben Lehr­linge habe er nach der Wende als Meis­ter aus­ge­bil­det, die seien nun die letz­ten ihrer Zunft. Hoff­nungs­trä­ger, dass es mit die­sem Hand­werk weitergehe.

Und wie kam er nach Wurz­bach? »Das soll Ihnen meine Frau erzäh­len«, sagt Chris­tian Mül­ler und stößt die Tür zu sei­nem Reich auf: Ein schma­ler Gang, links und rechts Holz­re­gale mit dicken Stein­plat­ten. 60, 70 Ton­nen lager­ten hier, eine schwere Kunst. Er lacht, aber ein Groll ist nicht zu über­hö­ren, oder eine Trau­rig­keit, dass die Schwere, die Müh­sal des Berufs so wenige wahr­neh­men. Der für ihn Beru­fung ist, und das befreit sein Lachen, als er mein Stau­nen über die Maschi­nen sieht: schwarz glän­zende Unge­tüme, Wun­der­werke der Mecha­nik, mit denen Mül­ler zarte Gebilde aufs Papier zaubert.

Die Qua­li­tät sei­ner Dru­cke hat die Fach­leute über­zeugt. Elmar Faber ließ bei ihm Lithos für seine Reihe Die gra­phi­schen Bücher dru­cken, auch der Steidl-Ver­lag aus Göt­tin­gen und das Kunst­haus Lübeck kamen auf ihn zu, gaben Gra­fi­ken von Armin Mül­ler-Stahl und Gün­ter Grass in Auf­trag. Daher die Lesung des Nobelpreisträgers …

Nur mit den Zeich­nun­gen von Goltz­sche konnte er mir nicht hel­fen, sol­che Maschi­nen habe auch er nicht mehr. Doch Mül­ler wusste Rat: er gab mir Umdruck­pa­pier, auf das der Maler mit Lit­ho­tu­sche zeich­nen konnte; auf einen Stein über­tra­gen, wur­den die Motive für Heft 3/21 der Mar­gi­na­lien gedruckt. In der Zwi­schen­zeit kam ich erneut nach Wurz­bach und brachte einen ande­ren Bil­der­ma­cher mit: Rüdi­ger Gieb­ler, der vor Ort zwei Steine bekrit­zelte. Im Heft 4/2020 beschrieb ich die Ent­ste­hung der zwei­far­bi­gen Lithografien.

So ent­stand eine Zusam­men­ar­beit, die bis heute anhält: 2021 ließ ich ein mehr­far­bi­ges Blatt von Gerd Macken­sen für die Vor­zugs­aus­gabe der Ero­tica Goe­thes dru­cken, 2022 zwei Blät­ter von Stra­walde. Der Ber­li­ner Maler und Gra­fi­ker hatte mir auch einen älte­ren Litho­stein anver­traut: ein wun­der­ba­res Gewirr aus Krin­geln, Krei­sen und Schraf­fu­ren, die einen bizar­ren Traum­gar­ten erga­ben, Wild­wuchs einer unge­zü­gel­ten Phan­ta­sie. Die Zeit hatte an dem Stein genagt, Hände hat­ten ihn abge­grif­fen, Staub ihn beleckt. Der Dru­cker brachte ihn trotz­dem noch ein­mal zum Blü­hen und zau­berte aus sei­nen stil­len Reser­ven eine Dose Alt­gold her­vor, die vom Anfang des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts stammte, aus dem Kai­ser­reich. Zwei Mes­ser­spit­zen davon genüg­ten, um eine Auf­lage von 25 Exem­pla­ren zu dru­cken, die als Kost­bar­kei­ten die Samm­ler seit­dem erfreuen.

Drei Jahre spä­ter bat ich Chris­tian Mül­ler, vier Blät­ter mit Tän­ze­rin­nen von Gerda Lepke, der Grande Dame der säch­si­schen Maler­schule, zu dru­cken. 650 Exem­plare, die den Mar­gi­na­lien im letz­ten Heft des Jah­res bei­lie­gen wer­den. So erfreu­lich das Wie­der­se­hen, so erschre­ckend die Hin­fahrt: Die Bun­des­straße nach Loben­stein wird neu ver­legt, ein Asphalt­band frisst sich durch den Wald, lässt den Ver­kehr sto­cken. Eine tem­po­räre Stö­rung, die ertrag­bar wäre. Aber der Wald macht den Vor­bei­fah­ren­den frie­ren, mit­ten im Som­mer, ros­tig kahle Fich­ten, vom Bor­ken­kä­fer zer­nagt. Auf den Höhen kahle Flä­chen so weit das Auge reicht. Bei der Orts­ein­fahrt von Wurz­bach, rechterhand, eine Flä­che so groß wie ein Fuß­ball­feld, gespens­tisch mit abge­säg­ten Stäm­men bewach­sen, ein jeder manns­hoch, wie die Bart­stop­peln eines schla­fen­den Rie­sen aus dem Boden ragend.

»Ein trau­ri­ger Anblick«, sagt Bär­bel Mül­ler, »aber zugleich ein Grund zur Hoff­nung.« Wenn man in den Brach­flä­chen genauer hin­schaue, so wachse dort neues Grün nach. Die abge­säg­ten Stämme seien Schat­ten­spen­der für die zar­ten Jung­pflan­zen. Wie in ihrem eige­nen Kunst­haus, da erwa­che auch lang­sam neues Leben im Schat­ten des Alten. 1980 habe sie in Groß­pösna bei Leip­zig ihre Töp­fer­werk­statt gegrün­det und sie 1988 um eine Gale­rie erwei­tert. »Am 18. August 1988 haben wir die eröff­net, mit einem Som­mer­fest um 18 Uhr. Und seit­dem laden wir in jedem Jahr um den 18.8. herum zu einem Fest für die Kunst ein.« Auch in Wurz­bach, wohin sie 2005 zogen. Das Haus am Markt geht auf ein Rit­ter­gut derer von Watz­dorf aus dem Jahr 1540 zurück. Ihr Groß­va­ter Max E. Mül­ler erwarb das Her­ren­haus 1922 und ließ es zu einem Mode­haus im Art déco Stil umbauen. Sein Vater wie­derum hatte 1878 bereits in Wurz­bach eine Blau­fär­be­rei gegrün­det. 1948 wurde das Mode­haus ent­eig­net, 2005 erwar­ben die Mül­lers das Gebäude und haben es seit­dem Schritt für Schritt saniert. Erst die Räume im Vor­der­haus, die Gale­rie mit bis­lang 200 Aus­stel­lun­gen, 2015 wur­den die Muse­ums­räume eröff­net, 2020 dann alle Dächer neu gedeckt und in die­sem Jahr ent­stan­den zwei Feri­en­woh­nun­gen, die man über ihre Web­site buchen kann.

Noch in Leip­zig hat Bär­bel Mül­ler einen Ver­lag gegrün­det, um Map­pen­werke, Sach- und Kunst­bü­cher zu edie­ren, neben Kata­lo­gen zu ihren Aus­stel­lun­gen und Vor­zugs­gra­fi­ken, meist im Stein­druck. Die erste Mappe war 1990 Ger­hard Alten­bourg gewid­met: wie Gras im Wind, mit sie­ben Tex­ten und 20 Gra­fi­ken, u.a. von Rolf Münz­ner, Alfred T. Mör­s­tedt, Her­mann Nau­mann, Tho­mas Ranft und Peter Schnür­pel. Mit Stein­dru­cken von Her­mann Nau­mann erschie­nen vier Map­pen, zwei mit Tex­ten von Oskar Panizza, je eine zu Bau­de­laire und Bukow­ski. Eugen Gom­rin­ger waren gleich drei Map­pen gewid­met. Im Dezem­ber 2025 liest des­sen Toch­ter, Nora, zur Feier des Ver­lags­ju­bi­lä­ums aus ihren Gedich­ten im Kunst­haus Mül­ler. Über­haupt ist das Jah­res­pro­gramm mit neun Ver­an­stal­tun­gen wie­der prall gefüllt. Das Som­mer­fest fin­det dies­mal am 16. August statt.

Zwei Wochen dar­auf fei­ert der ganze Ort sein 775-jäh­ri­ges Bestehen: mit DJ Wild Loops, der Feu­er­wehr­ka­pelle Wurz­bach, der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft Grün Gold und der Par­ty­band »Hütte Zwo13«, einem Got­tes­dienst, Kloß­es­sen im Fest­zelt und der Krö­nung der Wurz­ba­cher Honig­kö­ni­gin. Bevor am Frei­tag Abend Bür­ger­meis­ter Guido Kant-von der Recke das Fest­pro­gramm mit einem Bier­an­stich eröff­net tritt am Nach­mit­tag im Rah­men des Wei­ma­rer Kunst­fes­tes das »Rum­pel-Pum­pel-Thea­ter« auf, laut Deutsch­land­funk ein kun­ter­bun­tes »Kin­der­thea­ter für Erwach­sene« – »prä­sen­tiert vom Kunst­haus Mül­ler und der Kreis­spar­kasse Saale-Orla«, wie es auf der Web­site der Stadt heißt.

Das mar­kiert ziem­lich genau den Stel­len­wert des Hau­ses im Ort: man gehört irgend­wie dazu und ist doch ein Exot, ein Kana­ri­en­vo­gel unter Sper­lin­gen. So bunt wie der alte Tra­fo­turm am Markt, den der Leip­zi­ger Michael Fischer-Art 2008 bemalt hat. Wer wohl die Idee dazu hatte? Natür­lich Bär­bel Mül­ler, aber sie fand auch einen Ver­ein dafür, der das Pro­jekt mit Spen­den der Mit­bür­ger finan­zierte. Sie, die Mit­bür­ger, sind beim Som­mer­fest gleich dop­pelt zum Mit­ma­chen ein­ge­la­den. Nicht nur Kaf­fee und haus­ge­back­nen Kuchen kann man genie­ßen, unter dem Titel »Mein Bild – meine Kunst« wird auch eine Aus­stel­lung eröff­net, für die jeder sein Lieb­lings­bild aus den eige­nen vier Wän­den ein­rei­chen kann: Egal, ob ein Elfen­rei­gen überm Ehe­bett, oder das teure Ori­gi­nal eines nam­haf­ten Meis­ters – jedes Bild ist will­kom­men als Zeug­nis für ein viel­fäl­ti­ges, also leben­di­ges Kunst­ver­ständ­nis. Das könnte span­nend wer­den, wenn es denn auch zu einer Ver­stän­di­gung über das kom­men sollte, was ein jeder, eine jede für sich selbst als schön emp­fin­det. Eine echte Kunst­de­batte, ein Streit um Kri­te­rien, um Maß­ga­ben der Künste. Hier, am Rand der gro­ßen Welt …

Dem­nächst wol­len die Mül­lers ihr Haus mit den Werk­stät­ten und allem Drum und Dran in eine Stif­tung über­füh­ren, damit es eine Zukunft hat. Wir sind ja auch keine Jung­spunde mehr, sagt sie. Ihr Mann sei 82, sie nur vier Jahre jün­ger. Und lacht spitz­bü­bisch wie eine Zwanzigjährige.

So wächst und gedeiht Kunst manch­mal doch mit­ten im Leben –  mittendrin.

 

PS: Die »Tän­zer« von Gerda Lepke sind exzel­lent gedruckt. Und wie ich da vor den Stei­nen saß, die Chris­tian Mül­ler frisch abge­schlif­fen hatte, konnte ich der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen. Daheim hatte ich mit Kohle einen »Gar­ten der Träume« ent­wor­fen, ein Motiv des Mär­chen­bu­ches, an dem ich schrieb. Leicht und beschwingt ent­stand das Bild wie von allein. Nun aber lag mir der Krei­de­stift blei­schwer in der Hand, zögerte ich, den hel­len Stein zu berüh­ren, als würde ich ihn ver­let­zen. Es geschieht etwas, mit ihm und mit dem, der seine Spu­ren dar­auf hin­ter­lässt. Wache Betrach­ter kön­nen das spü­ren, wenn sie das Blatt spä­ter in den Hän­den hal­ten, das Echo eines ande­ren Lebens. Das Geheim­nis des Ori­gi­nals: der Lebens­kreis des Betrach­ters streift für einen Augen­blick den eines ande­ren, Kurz­schluss zweier Ener­gie­fel­der, Span­nung baut sich auf, und manch­mal springt ein Funke über, wir nen­nen ihn Glück.

»Nur Mut«, nickte mir Chris­tian Mül­ler auf­mun­ternd zu, »Sene­fel­ders Segen haben Sie.«

Natür­lich bräuchte man viel mehr Übung. Man müsste sich Zeit neh­men dafür, für das Eigent­li­che im Leben …

 

Der Text erscheint als Teil 9 der Reihe »Mit­ten­drin – lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ven auf unsere Gesell­schaft«, die der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. 2025 mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Kul­tur­stif­tung des Frei­staats Thü­rin­gen umsetzte. 

Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat dankt der Thü­rin­gi­schen Lan­des­zei­tung für den Abdruck der Reihe.

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